Müntefering, der Rotfuchs

Kapitalismus-Kritik Wir erleben ein Kostümfest

Als Franz Müntefering mit seiner Kapitalismus-Kritik begann, erhob sich zunächst großes Gelächter: die SPD wolle vor der NRW-Wahl von ihrer schlechten Bilanz ablenken. Das Manöver wirkte hilf- und absehbar erfolglos.

Inzwischen hat sich der Wind gedreht. Auch in der Union findet man am Kapitalismus etwas auszusetzen. Der neue Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Jürgen Thumann, räumte ein, sein Berufsstand habe ein Glaubwürdigkeits-Problem. Umfragen belegen: Es gibt viele Leute, die für Steuersenkungen und Kürzung der Sozialhilfe und zugleich gegen den Kapitalismus sind. Er sei Ausbeutung, und so fühlen sie sich: betrogen von Florida-Rolf, vom Staat und irgendwelcher Spekulation. Letztere verabscheuen sie auch deshalb, weil damals die Sache mit ihren Telekom-Aktien schief ging.

Seit jeher war in Deutschland die Mehrheit der Antikapitalisten reaktionär und Schlimmeres. Kaiser Wilhelms Hofprediger Adolph Stoecker wohnte zwar im gutbürgerlichen Berlin-Friedenau, aber er gründete einen Verein für die Arbeiterinteressen und gegen die Juden. Hitler bezeichnete sich als Sozialist. Seine Fahne war rot.

Nach 1945 kritisierte nicht nur das Ahlener Programm der CDU den Kapitalismus, auch Ludwig Erhard schämte sich seiner. Deshalb - so sagte er - habe er ihn längst durch etwas Besseres ersetzt: die freie und soziale Marktwirtschaft. Hätte jemals in der deutschen Geschichte das Kapital sich eigenständig zur Wahl gestellt, wären ihm nicht mehr Stimmen zugefallen als heute der DKP oder der MLPD. Deshalb heißen seine Parteien anders.

Die bürgerliche und kleinbürgerliche antikapitalistische Agitation plädierte immer gegen eine bestimmte Form des Kapitalismus für eine jeweils andere. Das klingt zuweilen so, als solle er abgeschafft werden.

Marx und Engels haben es früh kommen sehen. Im Kommunistischen Manifest geißeln sie auf zehn Seiten folgende Formen des Antikapitalismus: den "feudalen", "kleinbürgerlichen", "deutschen oder wahren" sowie den "konservativen oder Bourgeoissozialismus". Danach gab es noch den sozialdemokratischen. Den kannte Marx auch schon - zum Beispiel bei Louis Blanc in Frankreich. Er wollte systemüberwindende Reformen. Sie wurden später in vielen Ländern versucht, unter anderem in Skandinavien. Von denen ist bei Müntefering nicht die Rede.

Rein ideologiepolitisch hat der SPD-Vorsitzende sogar seine Verdienste. Im Sommer 2004 marschierte die NPD gegen das (ausländische) Großkapital und gegen Hartz IV. Regierung und Opposition deuteten daraufhin an, wer den von ihnen betriebenen Sozialabbau ablehne, sei ein Nazi. Jetzt haben sie es sich wieder anders überlegt. Vielleicht muss man auch die "Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit" (WASG) loben. Gerade weil sie ziemlich altsozialdemokratisch ist, meinte die SPD ihr das bisschen Wasser abgraben zu müssen. Schließlich geht es in Nordrhein-Westfalen um Promille.

Doch das sind die letzten Zuckungen einer alten Strategie. Sie bestand in der Vergangenheit darin, einer starken radikalsozialistischen und kommunistischen Bewegung oder gar einer Revolution und deren Staat gewordenen Folgen entgegenzuwirken. Noskes Sozialdemokratie plakatierte 1918/19: "Der Sozialismus marschiert".

So martialisch muss es in der postmodernen Zivilgesellschaft (noch so ein Deckname für den Kapitalismus) nicht mehr zugehen. Pfiffige Public-Relations-Berater reichen aus. Sie bekämpfen überhaupt nicht den Kommunismus, nur ein bisschen die WASG, vor allem aber die CDU. Die antwortet durch Rüttgers mit dem Katholizismus. Es ist ein Kostümfest.


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02:00 29.04.2005
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Ausgabe 41/2021

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