Am Anfang war das Wort

BLICK IN EINE UNERREICHBARE HEIMAT Paul-Heinz Dittrich 70

Am 4. Dezember wird der Komponist Paul-Heinz Dittrich 70 Jahre alt. Er war in räumlicher wie in geistiger Hinsicht ein Nachbar Paul Dessaus. Sein Haus steht am Zeuthener See neben dem des großen Brechtianers der Musik, und als Dessau noch lebte, besuchte man einander und zeigte sich gegenseitig die neuen Partituren. Wie Dessau ist auch Dittrich ein Mann des Wortes. Eine wortlose musikalische Suprematie ist beiden fremd. Aber wo Dessau von Bertolt Brecht ausging, und später von Karl Mickel, Volker Braun, dort lagen bei Dittrich die Verse von Charles Baudelaire, Rimbaud, Paul Celan, Texte von Arno Schmidt, Franz Kafka, James Joyce, Samuel Beckett auf dem Tisch. Diese Autoren fielen in der DDR unter das Dekadenz-Verdikt und damit lange ins Unveröffentlichte. So erhielt, was besser nicht gelesen werden sollte (was aber gleichwohl auf geheimnisvolle Weise in den Bücherschränken stand), früh einen öffentlichen Raum. Dittrichs skurrile avantgardistische Theaterstücke, die er Szenische Kammermusiken nennt, waren verkleidete Literatur: Die Verwandlung nach Franz Kafka (uraufgeführt 1983 in Metz), Die Blinden nach Maurice Maeterlinck und Spiel nach Samuel Beckett (uraufgeführt 1986 bzw. 1987 im Berliner Ensemble). Aber sie waren auch weit mehr: autonome und selbstbewusste Musik von unverwechselbarer Subjektivität, ein empfindsames Psychogramm des Zeitalters. Der französischen Tradition von Debussy bis Boulez steht sie näher als der deutschen.

Bei Dessau lernte Dittrich auch Heiner Müller kennen, Mitte der sechziger Jahre, als Dessau an der Oper Lanzelot nach einem Müller-Text arbeitete. Beide so unähnlichen Künstler verstanden sich sofort. Müllers Texte bildeten den - manchmal verschwiegenen - Hintergrund mehrerer Dittrich-Stücke. Bei meinem jüngsten Besuch in seinem Zeuthener Haus zeigte er mir ein neues Theaterspiel, sein viertes. Es entstand nach Heiner Müllers dramatischen Texten Verkommenes Ufer / Medeamaterial / Landschaft mit Argonauten und wird zu Pfingsten 2001 in der Musikakademie Rheinsberg uraufgeführt.

Als Komponist war Paul-Heinz Dittrich in der DDR lange Zeit ein nicht Wohlgelittener. Schon als er längst internationale Kompositionspreise nach Hause brachte, wusste ihm die Heimat nichts Besseres zu bieten als die mediokre Stellung eines Assistenten an der Berliner Musikhochschule, und selbst dort ekelte man ihn eines Tages hinaus. Erst, als 1977 eine Gastprofessur in Freiburg/Breisgau im Westen Deutschlands winkte, reichte man ihm den längst fälligen Professorentitel nach. Dabei komponierte Dittrich nichts Aufmüpfiges, er war kein sinfonischer Biermann. Aber seine Musik ließ eine andere Kultur erahnen als die offizielle. In ihr gab es ein Daheim, das im offiziellen Raum nicht existierte. In dem Raunen, Flüstern, Rauschen und Schreien der Instrumente, in dem steinchenhaften Geriesel der Tonfälle, im Schluchzen der Oboe oder dem kühn zuhackenden Violoncello schien eine andere Welt auf als die fest ummauerte. Sie war ein Blick in eine ferne, unerreichbare Heimat. So höre ich sie auch heute noch.

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