Rom, Concetta Meyerling

KEHRSEITE Schon lange hatte ich mir abgewöhnt, bei meinen Reisen in die Heimat der Latin lovers gegen die Platzierung an Katzentischen neben chemisch ...

Schon lange hatte ich mir abgewöhnt, bei meinen Reisen in die Heimat der Latin lovers gegen die Platzierung an Katzentischen neben chemisch gelüfteten Toiletten zu protestieren, weswegen ich meist über das Fastfood-Angebot in American Bars nahezu in Freudentränen ausbrach. In Rom hatte es mich jedoch an einen jener Tische verschlagen, als ein riesiger Pulk von Petersplatzbesucherinnen, voll der Segnungen aus greisen Papsthänden, die schlauchähnliche Trattoria bis hin an meinen Tisch überflutete, so dass mir gegenüber auf einem wackeligen Stühlchen Concetta Lampedusa zu hocken kam, Tochter eines Arbeitsmigranten der sechziger Jahre, geschiedene Meyerling, Mitglied einer Busreisetruppe, die aus 49 Personen bestand, so dass sie nie an Vierer-, Sechser- oder Zweiertischen zu sitzen kam. Das Überzählige war ihr geläufig, denn sie hatte einen Kosmetikerinnenkurs absolviert, bei dem jeweils die eine die andere verschönern musste, was eine gerade Teilnehmerzahl voraussetzte, die auch eingehalten wurde.

Leider war aus Gründen von Unlust, Krankheit oder Krankheit der Kinder immer eine Umschülerin verhindert gewesen, so dass sie, Concetta, stets übrig geblieben war, obwohl an ihr, wie sie augenzwinkernd bemerkte, wahrhaftig viel zu verschönern gewesen wäre. In diesem Moment fegte ein vom Urinieren zurückkehrender Römer mit dem Zipfel seines schwarzen Stoffmantels wegen der Enge der Räumlichkeiten die ölige Vorspeisenplatte von unserem Tischchen, um eine Sekunde später auf einer Artischocke auszurutschen und mit dem Latin-Lover-Kinn auf dem herabgestürzten Silberteller zu landen, was uns an das Haupt des Johannes erinnerte, das sich Salome seinerzeit hatte servieren lassen. Concettta lachte, und an ihr war in diesem Augenblick nichts zu verschönern.

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