Wolfsburg, Kalli W.

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Dass Kalli W. Beschäftigter des Volkswagenwerkes hätte sein können, liegt zwar wegen Wolfsburg nahe, doch war Kalli W. Jungbäcker, genauer, Junggeselle des Bäcker- und Konditorhandwerkes, noch frei von Mehlstauballergien, als ich ihn eines Tages auf einer Gastromesse als Windbeutelpreisträger kennen- und mütterlich lieben lernte.

Kalli war, wie er mir mit entzückend scheuem Lächeln gestand, Sohn eines frühpensionierten Staatsanwaltes, und es hätte eigentlich mehr aus ihm werden sollen als ein Windbeutelpreisträger, zum Beispiel Strafverteidiger einer in tiefe Widrigkeiten verstrickten Gattenmörderin, auf deren Seite sich zwar die Sympathie des Volkes, nicht aber das Wohlwollen des Strafgesetzbuches geschlagen hatte.

Kalli W. zeigte mir den im Laufe der Jahre vergilbten Zeitungsausschnitt, der sich mit der Ursache der Frühpensionierung seines Vaters befasste, die darin zu suchen war, dass dieser eines Tages am Kassenband eines Supermarktes bewusstlos zusammengebrochen war, als er zwischen Glatze und schwarzem Hut versucht hatte, ein tiefgekühltes Fünfhundertfünfundsiebenziggrammhähnchen ohne den Gegenwert von drei Mark fünfundneunzig aus dem Discounter zu entführen, dies obendrein, obwohl Kallis Vater aus Prinzip in seinem ganzen Leben wegen unwiderstehlicher Abneigung gegen weißes Fleisch noch niemals Geflügel gegessen hatte, weshalb ihm die Ausrede, er habe einmal die Rolle des von ihm beklagten Kleptomanen spielen wollen, um das Strafmaß besser beurteilen zu können, fast abgenommen worden wäre. Jedoch, so hieß es, gebe es für solche Rollenspiele Seminare, die er habe wahrnehmen können, sein Fortbildungswille sei jedoch nicht nachweisbar. Stattdessen, verriet mir Kalli, habe er daran gearbeitet, ein optimales Rezept für Hähnchenbrust in Blätterteig zu entwickeln.

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