Eine kafkaeske Geschichte

Konferenz Die Angst vor Kafka im Ostblock war der Anfang vom Ende des real existierenden Sozialismus

Das Verhältnis zu Kafka ist heute in Prag sehr entspannt. Kein Tourist wird die Plastik vor dem Kafka-Museum mit den zwei Männern, die sich einander ihr "bestes Stück" zeigen und durch einen kleinen Drehmechanismus keck und Wasser abschlagend präsentieren, als Ablenkungsmanöver von Kafka betrachten. Dennoch hat die Plastik genau diese ablenkende Wirkung. Sitzt man bei einem Kaffee im Museumshof und kann zugleich den Eingang zum Museum und die Brunnen-Plastik beobachten, dann kann es sein, dass man schon ein halbes Stündchen braucht, bis man einen Museumsgänger zählen kann. In der gleichen Zeit sind aber hundert Fotos von der Plastik entstanden. Kafka zu besuchen, darauf kommen die wenigsten.

Dass Kafka in Prag und im ganzen Osten einmal die Nagelprobe auf die Intelligenz des sozialistischen Kulturbetriebs war. Wer kann es sich noch vorstellen? Dass kritische Köpfe wie der Germanist und wichtigste Kafka-Forscher an der Prager Karlsuniversität Eduard Goldstücker nach dem Prager Frühling 1968 zum zweiten Mal das Land verlassen musste, weil er es wagte, Kafka zu verteidigen und das enge Realismusbild sozialistischer Kunst aufzusprengen, um Kafkas Werke vom Index zu retten. Wer kann es sich vorstellen?

Tomas Kafka, nicht mit Franz Kafka verwandt oder verschwägert, aber Sohn des berühmten tschechischen Kafka-Übersetzers und selbst Schriftsteller, sagt über die berühmte Kafka-Konferenz von 1963 im tschechischen Liblice, dass sie vor allem ein Versuch war, Kafkas Romane und Erzählungen aus den Händen der Parteidogmatiker zu bekommen. Es war ein Kampf um das Ende der Bevormundung. In diesem Geist ging es von der Kafka-Konferenz direkt auf den Prager Frühling zu. Es sollte nicht vergessen werden, dass der Streit um Kafka am Konzept eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz einen wichtigen Anteil hat.

Tomas Kafka, lange Jahre Leiter des deutsch-tschechischen Zukunftsfonds und erst zwei Jahre nach der Kafka-Konferenz von 1963 geboren, beschreibt den Wandel der Kafka-Deutung als einen hochpolitischen Vorgang. Die Angst der Gralshüter des sozialistischen Realismus bestand darin, dass die Leser Kafkas Roman Der Prozeß als vorausschauende Kritik am totalitären Sozialismus deuteten. Und sie taten es. In der Sowjetunion, wo mit Schreibmaschine vervielfältigte Exemplare vom Prozeß kursierten, hielt nicht selten ein Leser den Roman für das Werk eines kritischen Autors aus dem eigenen Land. Es lag auf der Hand. Kafkas Roman-Protagonist Josef K., der eines Morgens, ohne dass er etwas Böses getan hätte, verhaftet wird und ohne Nachweis von Gründen vor ein geheimes Tribunal gestellt wird - das war das Szenarium der Geheimpolizei. Diese Deutung fürchteten die Parteihüter wie der Teufel das Weihwasser, weshalb sie Kafka wegzusperren versuchten.

Dass für Germanisten wie Eduard Goldstücker, die Kafkas Werke liebten und ihr Handwerk verstanden, es um eine andere Deutung ging, liegt auf der Hand. Sie verteidigten Kafka vor den Ängstlichen und sahen in seinen Werken ein gleichnishaftes Abbild der Situation des modernen Menschen schlechthin. Aber dahin kam die Kafka-Rezeption in den Ostländern meist erst in den achtziger Jahren und auch nur vorsichtig. Vor- oder Nachworte sollten sichern helfen, wie Kafka zu lesen ist - aber diese pseudo-germanistischen Verrenkungen überblätterten die besser aufgeklärten Leser meist.

Als nun die letzten Ängstlichen von ihrem Verteidigungsamt der Unwahrheit über Kafka von der Friedlichen wie der Samtenen Revolution im Jahre 1989 erlöst wurden, fiel auch der Druck von den Lesern ab. Jetzt endeten in Prag Hinterhaus-Partys nach Mitternacht nicht mehr mit glühenden Kafka-Bekenntnissen. Wurde es jetzt still um Kafka? Hatten er und seine Romane ausgedient? Nein, sagt Jaroslav Rudis, Jahrgang 1972, der in Tschechien gerade seinen dritten Roman veröffentlicht hat und von dem sein zweiter Roman Grandhotel im Herbst in Deutschland erscheint, nein, jetzt entdecken wir Kafka neu. Jetzt kann ich lachen, wenn ich Kafka lese, sagt er.

Plötzlich weiß man, dass auch Kafka, wenn er im Freundeskreis aus einem Manuskript gelesen hat, ganz herzlich hat lachen müssen. Die Kunst der Groteske, der Attacken gegen die k.u.k.-Bürokratie, unter der Kafka in seiner Versicherungsanstalt litt oder wenn er ein Visum für eine Reise nach München in sechs Briefen und wachsender Verzweiflung zu beantragen versuchte, die wird heute von seinen Lesern entdeckt und als nicht unähnlich mancher Lebenserfahrung empfunden. In der Entdeckung dieses Kafkas sind sich Jaroslav Rudis und Tomas Kafka sehr einig. Vermutlich mit vielen Kafka-Lesern in Tschechien und anderswo. Das kann man heute so sagen und sehen, aber dass der Kampf um Kafka gut ein halbes Jahrhundert gedauert hat und selbst eine Geschichte geworden ist, die Geschichte erzählt, stimmt auch. Eine kafkaeske Geschichte. Sicher ist sie noch nicht einmal zu Ende.

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