Das Jahr des Eismanns

Bachmannpreis Vier starke Texte bezeugen, dass der Preis, wie fast immer am zweiten Tag des Bewerbs an Fahrt aufnimmt. Vier gute Texte und ein eher irritierender sind der Ertrag

„Wir sprechen ja net aus dem Arsch raus“, mit dem Satz endet Ferdinand Schmalz´ Video-Porträt. Er erzählt von Theoriebesessenheit vor jedem Text, den er schreibt, erzählt davon, wie wichtig es für Kleinkinder sei, mit vollem Mund zu sprechen, erst so entstehe ein viel versprechendes Verhältnis zur eigenen Sprache. Auch sie will gut gekaut sein. Paul Bowles musste als Kind, nach dem Rezept eines Doktor Fletcher, jeden Bissen hundertmal kauen, ehe er ihn runter schlucken durfte, noch nicht durchgehärtete Betonklötze im kindlichen Schlund.

„Schlicht“ heißt der Protagonist von Schmalz, ist der Eismann, ein Spezialist für geschlossene Kühlketten. Atmosphärisch dicht beginnt der Text mit einer Stadtlandschaft, die unter der Hundstagshitze Blasen wirft. Hass und Verdruss evoziert sie, eine korrodierte Heimat, die sich unter der Hitze verflüssigt.

Schlichts Hochsaison sind die Hundstage. Sein Kunde Schauer hat eine letzte Bitte. Sieben Jahre nun hat er alle zwei Wochen tiefgekühltes Rehragout erhalten. Im Keller türmt es sich im Gefrierschrank, wurde nie vertilgt, hat in den untersten Schichten schon Gefrierbrand erlitten. Dort sucht der krebszerfressene Schauer seine vorletzte Ruhe, die letzte, darum bittet er Schlicht, möge er dann tiefgekühlt mit seinem Kühlwagen auf die Lainzer Hubertuswarte bringen. Es gibt ein Zwischenstück des Textes, es wirkt wie eine Fermate vor dem Showdown, wenn es denn daran geht, den tiefgefrorenen Schauer abzuholen, aufzuladen und abzulegen.

Was für ein großartiger Text! Der letzte Absatz ist metrisch so erhaben, dass einem die Kälte in die Knochen fährt. Ein sicherer Preiskandidat, auch er, wie John Wray, von Sandra Kegel eingeladen.

Hildegard Keller sieht in ihm einen Hohepriester am Werk, hört gar das Echo eines Kirchenvaters. Tatsächlich handelt es sich bei dem Text um eine halbgefrorene Moritat, bei der sich in den Schauer kaltes Gelächter mischt. Dass der Text sich selbst hervorbringt (Winkels), liegt an dem Gespür des Autors für sprachlichen Drive. Kein Wunder, er ist Theatermann. Seine Figuren sind hinreißend (Kegel), der Text ein Kammerspiel (Gmünder), makellose unglaubliche Präsenz (Kastberger).

Die Mieter

Barbi Markovic´s Text lebt von einem magischen Realismus (ihr Porträt ist lustig). In Wohnung 11-12 ist fast eine ganze Familie ausgelöscht worden. Wie es dazu kam, wer der Täter ist, erschließt sich nicht so leicht. Das Haus gehört einem Gerhard, der sich infolge seiner Pulloverfarbe partiell unsichtbar machen kann, als ob er sich in die Mauern morphen könnte. Gerhards Misstrauen (oder ist es Voyeurismus?) erinnert aus der Ferne an Horvaths „Jugend ohne Gott“ („geil auf Katastrophen, von denen sie kein Kind bekommen konnten“), sein Haus wirkt wie eine Erfindung, bei der sich Alfred Hitchcock, Roman Polanski und Brian De Palma zusammengetan haben.

Das Gemäuer anthropomorphisiert, wie sonst könnte Markovic´ Protagonistin auf die Idee kommen, einer Wohnung zu verzeihen? Das Gemäuer muss sich durchs Dasein schuldig gemacht haben. Die Figuren des Textes wirken alle zwangsgestört. Ihr Gehäuse, dazu bestimmt, Zuflucht zu bieten, wendet sich gegen seine Bewohner, bringt sie zu Fall, fügt ihnen Verletzungen zu oder macht als Echo Verletzungen wieder sichtbar, die sie sich gegenseitig zugefügt haben, ein in die Dimensionen des Raums ausgelagertes Gedächtnis für erlittene Traumata.

Aus dem Text spricht eine negative Anthropologie, die die Idee, dass Rettung möglich sei, vor langem schon verworfen, aber die Gründe dafür vergessen hat. Der Text vollzieht eine parabolische Bahn (Winkels), ich würde sagen: paradiabolisch. Dass er keine Spannung aufbaut, trifft nicht zu, sie erschließt sich nur nicht so leicht. Die Frage, wer der Mörder sei, wird in dem schuldigen Gemäuer nebensächlich.

In den beiden überlebenden Schwestern Marta und Evi erkennt Sandra Kegel Wiedergängerinnen von Antigone und Ismene. Wenn mythische Figuren dieses Kalibers auftreten, steckt in dem Text mehr, als er voreilig preisgäbe. Die Diskussion der Jury wurde ihm nicht ganz gerecht. Die Erinnerungskraft, die in ihm steckt, wird sie heimsuchen. Vielleicht ist Markovic daher doch eine Preiskandidatin.

Memorabilia

Auch in dem Text von Verena Dürr steckt eine Tiefe, die er so schnell nicht preisgibt. Ein Stück Literatur, das sehr vorsichtig wie uralter Wein zu decantieren ist. Kein Wunder, dass er erst jetzt, als ich das schreibe, seine Stärken voll entfaltet. Die beiden Klaviere aus dem Film Casablanca mögen eine Wertanlage sein und Dürrs Text ist so geschrieben, dass die Jury des Michael-Althen-Preises für Kritik Hosiannah schrie, wenn sie ihn einreichte, weil er in seiner verhaltenen Kraft und Ironie eine wunderbare Reportage erzählt und es dabei zugleich versteht, die Erinnerung an eine amour fou in den Hintergrund zu rücken.

Sozusagen ein Text mit extrem langem Abgang, der die Kühle braucht, um die in seiner Tiefe versteckte Hitze auszuhalten, die Hitze des versehrten Gedächtnisses, das sich nur auf Umwegen der Urszene wieder nähern kann. Die Klagenfurter Jury täte gut daran, diesen Text noch einmal gründlich zu lesen.

Denn von Tonlosigkeit (Winkels) kann keine Rede sein. Den unterkühlten Vortrag kann man Dürr nicht zum Vorwurf machen, er ist Teil des dramaturgischen Arrangements. Natürlich erinnert Winkels an die berühmte Filmszene, die Nacht in Paris. Dass Klaus Kastberger sie eingeladen hat, spricht dafür, dass er die hermeneutischen Muskeln der Jury auf die Probe stellt (Keller).

Zeigt sie sich der Herausforderung gewachsen? Die Ökonomisierung der im Zollfreilager eingelagerten, auf Wertzuwachs wartenden Objekte sind in der zwiebelhaften Konstruktion die äußerste Haut, unter ihr beziehungsweise unter dem Fetischcharakter der Ware (Gmünder) aber lodert es lichterloh.

Cleanster

Auch Jackie Thomaes Text wirkt auf den ersten Blick wie eine Reportage. Erst hören wir, wie die Kundin dem Putzmann erklärt, was sie von ihm erwarte, dabei überschüttet sie ihn mit einem Monolog, der eine magische Operation vollzieht, an deren Ende sie die grundgesetzliche Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz auch de facto zwischen ihnen hergestellt zu haben glaubt, was natürlich Unsinn ist, aber dazu geeignet ist, ihr schlechtes Gewissen zu übertönen, dabei schenkt sie ihm die Klamotten von zwei Exfreunden, einem Riesen und einem Zwerg, und lädt ihn dazu ein, zu essen und zu trinken, als sei es nicht sein Job, ihre Dreizimmerwohnung in maximal drei Stunden ordentlich zu putzen.

Die zweite Parlando-Szene spielt sich zwischen zwei Freundinnen ab. Denn die Vorgängerin des Putzmanns war eine vermutlich polnische Putzfrau namens Renata, deren katholische Anteilnahme ihr auf die Nerven ging, während ihre Freundin, für die Renata weiterhin putzt, ihr Lobeslied singt und die wunden Punkte anspricht, die Acnes Auftraggeberin verdrängt hat. Was Acne selbst in der Wohnung widerfährt, wirkt wie das Narrativ einer cultural appropriation, die einen heilsamen Schock auf ihn hat. Den Job lässt er daher sausen.

Das ökonomische Prinzip aber, dass Dienstleistungen über große Plattformen kostengünstiger zu vermitteln sind und sich unter ihrem Dirigat ein Heer von Abhängigen bereitfindet zu arbeiten, das ist sozusagen die ökonomische Objektivierung von Thomaes Story. Sie hat dem Plattformkapitalismus Fleisch und Stimmen der Menschen verliehen, die von ihm Gebrauch machen oder in seiner Maschine verwertet werden.

Subtil, ironisch, interkulturell bis ins Detail genau. Ein perfekt durchgearbeiteter Text. Kastberger gefällt die Leichtigkeit. Kegel sieht darin ein schönes Kammerspiel, das aber auf der Strecke an Evidenz verliere. Was ist sein Trauma, das Acne Zuflucht unter dem Tisch suchen lässt, warum funktioniert er nicht so, wie die Dienstleistungsmaschine ihn durchkalkuliert hat?

Darin liegt die ökonomische Plausibilität des Textes, der der marxistischen Kategorie des Gebrauchswerts attestiert, selbst als Leiblichkeit des Dienstleisters nur noch Funktion zu sein.

Thomae hat ihrem Text durch den Vortrag die Qualität eines Hörspiels in Echtzeit verliehen. Kastberger findet das alles zu dick aufgetragen, kann damit nichts anfangen, erstaunlich, denn Thomae hat für ihren Plot eine Form der dichten Beschreibung (Clifford Geertz) gefunden und eine ökonomische Abstraktion so erzählbar gemacht, die wie für ihn bestimmt scheint. Noch mal lesen, bitte!

In der Steppe

Der letzte Text des Tages ist von Jörg-Uwe Albig. Die Prosa wirkt überfrachtet. Es gibt Hinweise darauf, dass auch Thomae aus der Perspektive einer Postapokalypse erzählt, wobei die Katastrophe, die dazu geführt hat, ausgeblendet bleibt. Der Protagonist begibt sich in eine Zone, das klingt nach Tschernobyl und Fukushima. Er durchstreift sie als einen Raum, der Erinnerungen weckt, ihn empfänglich macht für eine seltsame Übertragung, durch die er die unglückliche Liebe zu einem Mädchen auf das Objekt einer in der Zone entdeckten Kapelle überträgt. Dass sie der Maria Magdalena geweiht ist, führt nicht zwingend dazu, in ihrem Namen auch Prousts Madeleine als Botenstoff oder Serotoninersatz für freisetzbare Erinnerungen wiederzuerkennen.

Der Text löst die von ihm behauptete Obsession nicht ein (Kegel). Sein beschwörender Überschwall irritiert (Gmünder). Seine Probleme kann kein Text der Welt lösen (Winkels). Meike Feßmann, die Albig eingeladen hat, versucht sich an einer steilen Erklärung, die ihre Kollegen in die Leere starren lässt.

Der einzige Text dieses Tages, dessen Irritation nicht von Kunstfertigkeit, sondern von Überfrachtung Ausgang nimmt.

Die 41. Tage der Literatur finden vom 5. bis 9. Juli statt. Unser Autor Hans Hütt bloggt exklusiv auf freitag.de aus Klagenfurt

19:14 07.07.2017

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