Mehr Nettes statt Brutto

Sozialpsychologie Egalität ist schön. Aber macht sie auch glücklich? Kaptalismus­theoretiker zweifeln daran. Die Empirie versucht sie zu widerlegen

Ungleichheit ist nicht bedauerlich, sondern höchst erfreulich.“ Dieser denkwürdige Satz, der keinesfalls als Provokation gedacht war, stammt immerhin von einem Nobelpreisträger: In einem 1981 mit der Wirtschaftswoche geführten Interview konstatierte Friedrich August von Hayek, dass Ungleichheit schlicht nötig sei, damit Gesellschaften funktionierten. Ein theoretischer Ansatz, der längst unsere Realität bestimmt: Der Kerngedanke von Hayeks neoklassischer, oft auch als neoliberal bezeichneter Wirtschaftstheorie hat sich, nach seinem Siegeszug im England Margaret Thatchers und den USA Ronald Reagans, über weite Teile der Welt verbreitet.

„Ungleichheit zersetzt die soziale Struktur in Gesellschaften“, sagt dagegen Kate Pickett, Professorin für Gesundheitsforschung an der Universität York. Zusammen mit dem britischen Sozialforscher und Public-Health-Experten Richard Wilkinson hat sie ein Buch veröffentlicht, in dem sie die Zusammenhänge zwischen dem Ausmaß gesellschaftlicher Ungleichheit und einer Reihe von sozialen Problemen und Befindlichkeiten untersucht. Ihr Fazit fällt eindeutig aus: Ungleiche Gesellschaften haben grundsätzlich weit mehr soziale Probleme als Gesellschaften, in denen Arm und Reich weniger extrem auseinander klaffen.

Wer aber hat nun recht? Aus dem Bauch heraus möchte man Pickett zustimmen, denn es wäre ja niemand glücklich darüber, weniger gleich als andere zu sein. Nach von Hayeks Auffassung aber ist es auf lange Sicht unmöglich, den Wirtschaftsprozess staatlich oder in anderer Weise zentral zu lenken. Niemand verfügt über das Gesamtwissen, das nötig wäre, um die vielfältigen Vorgänge der modernen Volks- und Weltwirtschaft zu steuern. Die effiziente Koordination der Wirtschaft vollzieht sich nach von Hayeks Meinung ausschließlich über einen freien Wettbewerb. Die Ergebnisse der freien Preisbildung und des Wettbewerbs sind jedoch in jedem Falle ungleich verteilt. Sprich: Wer im Wettbewerb die Nase vorn hat, bekommt auch mehr Geld. Was wiederum einleuchtet, denn wer will schon auf den Lohn für die bessere Leistung verzichten? Zumal: Wer diese unvermeidliche Ungleichheit der Einkommen durch nachträgliche Umverteilungsmaßnahmen korrigiert, schwächt laut Hayek die Effizienz der Wirtschaft, im schlimmsten Falle vernichtet er die Quellen des Wohlstands überhaupt. Gesellschaftliche Ungleichheit wird daher mindestens in einflussreichen Kreisen der Wirtschaft und der ihnen nahestehenden Politiker als durchaus funktional angesehen und mithin nicht als unbedingt zu vermeidendes Übel.

Gravierende Konsequenzen

Von Hayek selbst erkannte allerdings, dass sich gerade die Deutschen nicht so recht mit seinen Ideen anfreunden wollten. Er forderte daher in dem zitierten Interview dazu auf, endlich von der „unglückseligen Idee“ der sozialen Gerechtigkeit Abschied zu nehmen. „Ich bin der festen Überzeugung, der größte Dienst, den ich meinen Mitmenschen erweisen kann, besteht darin, Schriftsteller, Journalisten und Redner dazu zu bringen, sich zu schämen, diesen Begriff jemals wieder zu verwenden.“

Was den einen als unvermeidbar und begrüßenswert gilt, hat für andere indes gravierende Konsequenzen. Die empirische Sozialforschung weist darauf hin, dass Ungleichheit mit erheblichen Folgeproblemen verbunden ist, die auch die gerühmte Effizienz ungleicher Systeme betreffen. Zu belegen versucht sie das, indem sie in verschiedenen Ländern die Unterschiede zwischen Arm und Reich mit der Anzahl der Morde, der Zahl der Gefängnisinsassen, der Kindersterblichkeit, der Schwangerschaften von Teenagern, der Ausbreitung seelischer Krankheiten und anderen ähnlichen Daten vergleicht.

Offenbar wirkt Ungleichheit destabilisierend oder gar zerstörerisch auf den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft. „Die Mordraten sind in ungleicheren Gesellschaften zehn mal so hoch wie in gleicheren. Die Zahl der psychisch Kranken ist dreimal so hoch,“ sagt Kate Pickett. Selbst die durchschnittliche Lebenserwartung liegt in ungleichen Gesellschaften weit niedriger als in denvon Gleichheit bestimmten. Zu den ungleichen Gesellschaften, in denen sich entsprechende Probleme häufen, zählen nach wie vor die USA oder Großbritannien, also genau jene Länder, die am frühesten und konsequentesten die Ratschläge von Hayeks und anderer neoliberaler Wirtschaftswissenschaftler befolgten. Zu den gleicheren Gesellschaften mit weniger sozialen Schwierigkeiten gehören etwa Finnland oder Schweden, die in stärkerem Maße durch Umverteilungsmaßnahmen in den Marktprozess eingegriffen und sich mehr an Leitvorstellungen von sozialer Gerechtigkeit orientiert haben.

Nun ist das nicht gerade eine zwingende Widerlegung des neoliberalen Ansatzes, welcher eine funktionierende Gesellschaft ja vor allem ökonomisch definiert. Und der Produktionsprozess kann sicher effektiv sein, selbst wenn er auf der sozialen Ebene zu Folgeproblemen führt. Sollten diese jedoch Geld kosten, so sind sie auch wirtschaftlich von Bedeutung und es fragt sich, wer für diese Kosten früher oder später aufkommen wird. Driften Gesellschaften aufgrund großer materieller Ungleichheit auseinander, ist das also nicht nur sozial oder moralisch bedenklich, sondern insgesamt offenbar auch teuer. Eine Anfang des Jahres vom DGB veröffentlichte Studie zeigt, dass die gesundheitlichen Folgen der Arbeitslosigkeit höher sind, als bisher angenommen wurde. Mehr als doppelt so häufig wie Beschäftigte bewerteten Arbeitslose ihren Gesundheitszustand als mittelmäßig bis sehr schlecht. Unter Arbeitslosen fielen weit häufiger Stoffwechselkrankheiten und mehr als doppelt so viele Krankheitstage durch Krebserkrankungen auf. Im Fall von psychischen Störungen liegt die Krankheitsdauer sogar um das Vierfache höher als bei pflichtversicherten Beschäftigten.

Natürlich könnte Arbeitslosigkeit darauf zurückzuführen sein, dass der Staat immer noch zu stark die Ergebnisse des Bruttoinlandeinkommens umverteilt, um die Unterschiede zwischen Arm und Reich auszugleichen. So jedenfalls sehen es die Neoliberalen. Der Versuch, auf diesem Wege soziale Gerechtigkeit herzustellen, führe eben paradoxerweise zum Gegenteil dessen, was er beabsichtigt, nämlich unter anderem zur Arbeitslosigkeit.

Fassbar biochemische Gründe

Wenn Ungleichheit aber auch auf anderen Feldern mit sozialer Desintegration, etwa mit Verunsicherung oder Vereinzelung verbunden ist, so macht dies nachdenklich. Aus der Gesundheitspsychologie ist bekannt, dass soziale Isolation Krankheiten fördert. „Die soziale Bindungen eines Individuums an seine Mitmenschen scheinen die wichtigste Determinante seiner Lebenserwartung, seiner psychischen und physischen Gesundheit zu sein,“ sagt der Bielefelder Sozialepidemiologe Bernhard Badura. Dazu liegt eine Vielzahl von empirischen Ergebnissen vor, die auf zum Teil recht drastischen Experimenten beruhen. Für eine Studie des amerikanischen Psychologen Sheldon Cohen etwa wurden Menschen mit einem Erkältungsvirus infiziert und dann fünf Tage lang in Quarantäne geschickt. Sozial integrierte Teilnehmer entwickelten seltener eine manifeste Erkältung als Teilnehmer, die über schlechtere soziale Beziehungen verfügten. Die schwedische Stressforscherin Kristina Orth-Gomer untersuchte 150 Überlebende eines schweren Herzinfarkts auf ihre Überlebenschance innerhalb von zehn Jahren. Die Chance der sozial gut Eingebundenen war dreimal so hoch. Dabei waren die Verheirateten eindeutig im Vorteil.

Dass Ehe und Familie in der Regel einen guten psychologischen Schutz gegen Krankheit bieten, ist schon lange bekannt und stimmt in einem Zeitalter der Single-Haushalte bedenklich. Männer profitieren am meisten von der Ehe. Das Sterberisiko Unverheirateter, besonders von Witwern, ist signifikant höher als das von Verheirateten. Für Frauen ist dieser Zusammenhang nicht so ausgeprägt. „Das größere und zugleich engere Netzwerk von Frauen“, erklärt der Psychologe an der Freiein Universität Berlin, Ralf Schwarzer, „leistet offenbar einen stärkeren Schutz.“ Die Gesundheitspsychologin Nina Knoll fasst insgesamt die Bedeutung sozialer Integration so zusammen: „Ein Mangel an sozialer Unterstützung kann ein ähnliches Risiko sein wie das Rauchen von Zigaretten.“

Auch die von Pickett und Wilkinson belegte Tatsache, dass gesellschaftliche Ungleichheit offenbar die durchschnittliche Lebensdauer verkürzt, wird im Hinblick auf die Frage der sozialen Einbindung durch Ergebnisse der Gesundheitspsychologie gestützt. Seit der in den siebziger Jahren entstandenen Almeda-County-Studie der Havard-Professorin Lisa Berkman kann als erwiesen gelten: Die Lebenserwartung von Menschen, die über ein gutes soziales Netzwerk und damit über viel Anerkennung auf Augenhöhe verfügen, ist im Schnitt höher als die von einsamen Menschen.

Dies hat fassbare biochemische Gründe. An der Columbia Universität wies Esther M. Friedman nach, dass gute soziale Beziehungen die Konzentration des Stressbotenstoffs Interleukin-6 senken und die Lebenserwartung erhöhen. Umgekehrt führen zwischenmenschliche Konflikte zu einem Anstieg der Interleukin-6-Werte. Zudem wird die Wundheilung verzögert und die Wahrscheinlichkeit von Herzattacken vergrößert.

Ganz allgemein geht die Forschung von einer Stabilisierung des Immunsystems durch soziale Unterstützung aus. Von Respekt und Gleichheit geprägte menschliche Beziehungen, das zeigen Ergebnisse der so genannten Psychoimmunologie, führen zu einer Ausschüttung so genannter Glücksboten: Dopamin, Oxytozin und endogenen Opioiden, die Stress und Angst mindern.

Neurobiologen sprechen hier vom „sozialen Gehirn“ des Menschen, das auf nichts so dankbar reagiert wie auf Anerkennung und das Erlebnis positiver Zuwendung. Der Freiburger Neurobiologe und Arzt Joachim Bauer bringt es auf den Punkt: „Das natürliche Ziel der Motivationssysteme sind soziale Gemeinschaft und gelingende Beziehungen mit anderen Individuen.“ Bauer glaubt daher, dass wir unsere Lebensweise auf diesen Tatbestand einstellen sollten.

Von Hayek allerdings sah, dass vieles, was den Menschen als sozialen Wesen gut tun würde und was sie in moralischer Hinsicht für wünschenswert halten, im Gegensatz zu den Anforderungen des modernen Wirtschaftens steht. Er war aber der Meinung, dass sie um der Produktivität willen auf solche Vorstellungen und Ansprüche verzichten sollten.

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Ihre Freitag-Redaktion

15:00 25.04.2010
Geschrieben von

Hans-Peter Waldrich

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