Hans Springstein
20.02.2014 | 09:14 6

Fundstück 33: Schach, Ukraine und Russland

Geopolitik Ein Blick in das Buch von Zbigniew Brzezinski "Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft" (Taschenbuchausgabe 1999)

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Hans Springstein

In dem Buch (original "The Grand Chessboard. American Primary and Its Geostratetic Imperatives" 1997) beschrieb der einstige Sicherheitsberater von US-Präsident James E. Carter, was aus seiner Sicht gut für die Ukraine und Rußland wäre und auch warum:

S. 67f.: "Die Ukraine, Aserbaidschan, Südkorea, die Türkei und der Iran stellen geopolitische Dreh- und Angelpunkte von entscheidender Bedeutung dar, ..."

S. 74f.: "Die Ukraine, ein neuer und wichtiger Raum auf dem eurasischen Schachbrett, ist ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, weil ihre bloße Existenz als unabhängiger Staat zur Umwandlung Rußlands beiträgt. Ohne die Ukraine ist Rußland kein eurasisches Reich mehr. Es kann trotzdem nach einem imperialen Status streben, würde aber dann ein vorwiegend asiatisches Reich werden, das aller Wahrscheinlichkeit nach in lähmende Konflikte mit aufbegehrenden Zentralasiaten hineingezogen werden würde ...
Wenn Moskau allerdings die Herrschaft über die Ukraine mit ihren 52 Millionen Menschen, bedeutenden Bodenschätzen und dem Zugang zum Schwarzen Meer wiedergewinnen sollte, erlangte Rußland automatisch die Mittel, ein mächtiges Europa und Asien umspannendes Reich zu werden. ..."

S. 105: "Auf der Europa-Karte könnte die Zone, die für Deutschland von besonderem Interesse ist, in der Form eines Rechtecks eingezeichnet werden, das im Westen natürlich Frankreich einschließt und im Osten die erst vor kurzem in die Freiheit entlassenen postkommunistischen Staaten Mitteleuropas einschließlich der baltischen Republiken, Weißrußlands und der Ukraine umfaßt, und sogar bis nach Rußland reinreicht. ..."

S. 127: "...Irgendwann zwischen 2005 und 2010 sollte die Ukraine für ernsthafte Verhandlungen sowohl mit der EU als auch mit der NATO bereit sein, insbesondere wenn in der Zwischenzeit bedeutende Fortschritte bei seinen innenpolitischen Reformen vorzuweisen und sich deutlicher als ein mitteleuropäischer Stat ausgewiesen hat. ..."

Karte auf S. 128: "Jenseits des Jahres 2010: Die kritische Zone für die Sicherheit Europas [umfasst Frankreich, Deutschland, Polen und die Ukraine]"

S. 152f.: "In der seit spätestens 1994 zunehmenden Tendenz der USA, den amerikanisch-ukrainischen Beziehungen höchste Priorität beizumessen und der Ukraine ihre neue nationale Freiheit bewahren zu helfen, erblickten viele in Moskau ... eine gegen das vitale russische Interesse gerichtete Politik, die Ukraine wieder in den Schoß der Gemeinschaft zurückzuholen. ..."

S. 165f.: "Die Entschlossenheit der Ukraine, sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren, erhielt Unterstützung von außen. Obwohl der Westen, vor allem die Vereinigten Staaten, die geopolitische Bedeutung eines souveränen ukrainischen Staates erst reichlich spät erkannt hatte, waren um Mitte der neunziger jahre sowohl Amerika als auch Deutschland zu eifrigen Förderern einer eigenständigen Identität Kiews geworden. Im Juli 1996 erklärte der amerikanische Verteidigungsminister: Die Bedeutung der unabhängigen Ukraine ist für die Sicherheit und Stabilität von ganz Europa nicht zu überschätzen, ..."

S. 216: "Die Staaten, die Amerikas stärkste geopolitische Unterstützung verdienen, sind Aserbaidschan, Usbekistan und ... die Ukraine, da alle drei geopolitische Dreh- und Angelpunkte darstellen. Die Rolle Kiews bestätigt fraglos die These, daß die Ukraine der kritische Punkt ist, wenn es um Rußlands eigene künftige Entwicklung geht. ..."

Für Rußland hat Brzezinski auf S. 288f. die "richtigen Schlußfolgerungen" parat: "Angesichts der enormen Ausdehnung und Vielfalt des Landes würde wahrscheinlich ein dezentralisiertes politisches System auf marktwirtschaftlicher Basis das kreative Potential des russischen Volkes wie der riesigen Bodenschätze des Landes besser zur Entfaltung bringen. Umgekehrt wäre ein dezentralisiertes Rußland weniger anfällig für imperialistische Propaganda. Einem lockerer konföderierten Rußland – bestehend aus einem europäischen Rußland, einer sibirischen Republik und einer fernöstlichen Republik – fiele es auch leichter, enge Wirtschaftsbeziehungen mit Europa, den neuen Staaten Zentralasiens und dem osten zu pflegen ...
Eine klare Entscheidung Rußlands für die europäische Option und gegen die eines großrussischen Reiches wird dann wahrscheinlicher, wenn Amerika erfolgreich die zweite, unbedingt erforderliche Linie seiner Strategie gegenüber Rußland verfolgt: nämlich den derzeit herrschenden geopolitischen Pluralismus im postsowjetischen Raum zu stärken, um damit allen imperialen Versuchungen den Boden zu entziehen. ..."

Brzezinski am 10.12.2013 in der Financial Times: "Komme was wolle, die Ereignisse in der Ukraine sind historisch unumkehrbar und geopolitisch transformatorisch . Eher früher als später wird die Ukraine wirklich ein Teil des demokratischen Europa sein; eher später als früher wird Russland folgen, falls es sich nicht isoliert und ein halb stagnierendes imperialistisches Relikt wird. ..."

Und gar nicht überraschend meldete die KyivPost in ihrer Online-Ausgabe am 15. Januar: Schachspieler Brzezinski will bei den aktuellen Ereignissen in der Ukraine mitmischen. Zwei Tage später gab es das Video-Interview zum Nachlesen gedruckt.

aktualisiert: 20.2.14, 14:44 Uhr

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (6)

Aussie42 20.02.2014 | 12:08

Solche Buecher muessten eigentlich auf den Index, damit sie nicht Leuten wie Hans Springstein in die Haende fallen. :)

Im Ernst. In der Ukraine entwickelt sich derzeit die zweite Phase der amerikanischen Einmischung. Man kann davon ausgehen, dass amerikanische und deutsche "Spezialkraefte" bereits vor Ort sind, um jede friedliche Loesung verhindern und um einen Buergerkrieg anzuzetteln. Die Waffen sind bestimmt auch bereits im Land. Wofuer gibts denn die Konrad-Adenauer-Stiftung?

Wenn dann erstmal heftig geschossen wird in der Ukraine, muss der Westen was tun, schliesslich sind die angrenzenden Nato-Staaten Polen usw. auch bedroht. Also Nato-Truppen nach Osten. usw. Putin ist der Modernisierung seiner Armee noch nicht fertig. Das oeffnet ein militaerisches "Fenster" usw.

Obama hat schon wieder eine Linie gezogen....

"So fangt es immer an," sang der deutsche Schlager.

Es war abzusehen. Scheisse.

SchrittmacherM 20.02.2014 | 17:39

Das in den Zitaten so oft verwendete Wort "Unabhängigkeit" muß man mal in seinen politischen Kontext denken. Kann es di ein dieser Vision von Ideologie überhaupt geben? Hier steht doch eigendlich nur zur Debatte, ob Russland oder Europa. Eine derart gemeinte "Unabhängigkeit" steht gar nicht zur Verfügung in diesem Szenario.

Das Deutschland gerade was von Sanktionen blubbert, finde ich nicht gerade sinnvoll. Aber was will man wohl sonst noch machen?

Meint auch, dass es mit solchen Strategien eine neue Phase der Auseinandersetzung gibt, die alles andere als demokratisch und kommunikativ ist.

Ich habe das dringende Bedürfnis, Geopolitik ein ein paar Faktoren entkrampfter zu sehen, als es noch in den 90´gern geschehen ist. Das ist heute Nostalgie und so kann man sie geniessen. Aber das sie derzeit wieder zur politischen Ideologie aufersteht, finde ich eher kontraproduktiv.

Offenbar scheint man nicht drum herum zu kommen. Der kalte Krieg polarisiert und synchronosiert so schön (leicht).

Neulich machte ich den Vorschlag eines kollektiven Tourismus-flashmobs für den nächsten Sommer in Russland. Vielleicht sollte man das auf die Osterfeiertage vorverlegen und nach Kiev umverlegen...?

Das Ganze ist aber zuweilen arg beanspruchend und strapaziert aufgrund von gewöhnungsbedürftigen Unterkunfts- und sonstigen sightseeing-Verhältnissen arg die Muße beim demonstrativen Urlaub.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 20.02.2014 | 21:34

Hallo Hans,

hatte "meinen" Kommentar in deinem Syrien-Blog geparkt, pack den mal hier hin...

"...der Angriff des bewaffneten Mobs und der Bruch des “Waffenstillstands” hat deutlich gemacht, dass – genau wie in Syrien – die “legale” Opposition in keiner Weise die Lage beherrscht. Bewaffnete Banden und Terroristen sind jetzt die treibenden Kräfte und Subjekte der Ereignisse, während die unsägliche Dreiheit der “Oppositionsführer” nichts anderes ist als die mediale Kulisse für kriminelle Schlägertrupps; sie imitieren einen nichtvorhandenen Einfluss auf die Ereignisse, rufen zu dem einen auf und fordern das andere – nichts als eine Show. Die Verhandlungen und der gestern vereinbarte Waffenstillstand haben den Rädelsführern des bewaffneten Mobs garantiert, dass die Räumung des “Maidan” in der Nacht nicht stattfindet, und diese Garantie haben sie maximal zu nutzen gewusst – nach Mitteilungen des ukrainischen Innenministeriums war es gerade die vergangene Nacht, als Mengen an am Vortag in Armeelagern im Westen des Landes geraubte Schusswaffen auf den Maidan gekommen sind, und zwar unter Zuhilfenahme und Deckung von Rada-Abgeordneten, die dort zu Vermittlung und Gesprächen zugegen waren.
Zweitens. Dass der Angriff der Banden mit den Visiten des deutschen und des französischen Außenministers zusammenfällt, kann natürlich Zufall sein. Es wäre aber logischer, genau das Gegenteil anzunehmen. Der Franzose hat nach diesen Angriffen erklärt, dass Frankreich nunmehr auf vorgezogenen Präsidentenwahlen bestehe und dazu mitgeteilt, dass “die EU und Russland” schleunigst die Beilegung der Krise in der Ukraine untereinander ausmachen sollten.

Hier geht es folglich um eine gewisse Modifikation des “syrischen” Szenarios – man bietet Russland an, die Konfrontation mit dem Westen zu vermeiden, wie es sie in Syrien gegeben hat; vielmehr soll Russland in der Sache einer Aufteilung der Ukraine kooperieren. Somit würde Russland ganz offiziell zum Mittäter und hätte kein Recht mehr, den von der EU und den USA gegen die Ukraine geführten Krieg diplomatisch oder sonst auf einem anderen Weg abzublocken.

Das Szenario, das sich in Kiew entwickelt, wiederholt völlig unverhohlen sämtliche vorausgegangenen Szenarien der gewaltsamen “farbigen Revolutionen” – es gibt Scharfschützen auf den Dächern, die sowohl Sicherheitskräfte als auch Demonstranten ins Visier nehmen, womit für gegenseitige Anschuldigungen und ein Anheizen der Lage gesorgt werden soll. Das alte Muster; genau solche Scharfschützen gab es in Kairo, sie waren regelmäßig im Kontext der Freitagsgebete in Syrien im Frühjahr / Sommer 2011 aktiv, lange Zeit vorher gab es dieses Phänomen 1993 in Moskau – mit anderen Worten, ein ganz und gar traditionelles, weil wunderbar funktionierendes Verfahren. Leichen sehen immer schrecklich aus und sorgen dafür, dass die Reste des Verstandes abgeschaltet werden. Die sozialen Medien sind voll von hysterischem Gebrüll über das “Blutigeregime” – der Effekt ist eingetreten, die Hirne sind ausgeschaltet. Ein Mantra haben die bewaffneten Banden auch – fast wie “Allahu akhbar” heißt es, genauso eingängig und oft wiederholt, “Slawa Ukraine!...”

Der ganze sehr lesenswerte Beitrag :

http://www.chartophylakeion.de/blog/2014/02/20/operation-winterzauber/