Zickwolf - Sind wir verloren im Transitraum?

Büchner Femizide in (Theater-) Klassikern beim Namen genannt. Der weibliche Blick auf den Klassiker Woyzeck ist längst überfällig und in der "Anderen Welt Bühne", einem Off-Theater in Strausberg zu sehen.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.
Ihre Freitag-Redaktion

Der weibliche Blick auf den Klassiker Woyzeck ist längst überfällig. Der Dramaturg Jchj V. Dussel hat das Stück mit Fragmenten des Originals neugeschrieben und nach dem Konzept von Jessica Weisskirchen ist es in der "anderen Welt Bühne", einem Off-Theater in Strausberg, zu sehen. Femizid zu thematisieren und dabei die Gratwanderung zwischen plakativ, verbalem Totschlag und die Lachmuskeln reizender surealistischer Realitätsabbildungen auszuloten, ist wahrlich gelungen. Büchner dafür abstrafen? Nein, aber den Blick erheben und neu Hinschauen lernen, dass funktioniert in dem mit den hervorragenden Schauspielerinnen Cynthia Buchheim, Ines Burdow und Melanie Seeland besetzten Stück.

Marie Zickwolf kommt zu Wort in einem Transitraum

Erwachend im heran gezerrten Sarg, befindet Marie Zickwolf sich zwischen den Lebenden und den Toten. Verwirrt wird sie dort von zwei anderen Maries begrüßt. Maries, die von anderen Woyzecks, im Laufe der Jahrhunderte, aus Liebe, aus Ehre, aus gebrochenen Herzen umgebracht worden sind. Nun muss sie, um dem sprachlosen Zwischenraum zu entkommen, den Taten den richtigen Namen geben und sich all das, was geschehen war, noch einmal betrachten. Es geht um Befreiung, damit sie sich neu in die Welt bewegen, neu geboren werden kann. In verschiedenen mehr oder weniger verzweifelt bis komisch magischen Versuchen, probieren die Schauspielerinnen diesem Transitraum zu entfliehen. Begriffe, wie transgenerationales Trauma, Vergeben können, Hexen die verbannt wurden, Schwesternschaft, Isolation, das normale Mädchen, werden mit Fragezeichen diskutiert und debattiert ohne gar ins Oberflächliche pauschale oder plakative abzurutschen. Dazwischen immer wieder Zitate aus dem Original, welches nun in anderem, neuen Licht erscheinen kann. Wir werden mitgenommen auf die Reise der Zickwölfinnen und es ist eine wirklich gelungenes Theaterstück, das den Spagat zwischen Unterhaltung, Entsetzen und Verantwortung dem Thema gegenüber gekonnt meistert.

Die Bildästhetik in viel Rot, Schwarz und Violett, zwischen silbrig und aluminuimfarben, gibt dem ganzen Tiefe und Fleischlichkeit. Der ganze Blick auf das Stück wird neu erzählt, so auch der Freund Woyzecks, der Soldat Andres, erhält seinen neu gelesenen Raum. Gleitend und illuminiert bewegen wir uns mit, zwischen den Wortfetzen des Originals und der heutigen Situation. Femizid ist eines der akutellsten Themen. Täglich wird in Deutschland versucht, eine Frau umzubringen und alle drei Tage gelingt dies. Die Telefone der Beratungsstellen laufen tatsächlich über, um an dieser Stelle nicht zu spoilern. Bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Menschen dieses Stück im Herzen mitnehmen und den neuen Blick zulassen, die Berührtheit im Publikum und der Beifall sprechen für sich.

Meine Besuchergefährt*innen waren zum einen, die Berliner Frauenpreisträgerin von 2019. Eine, die sich mit Gewalt an Frauen, Frauenhäusern und der Frage: Warum bin ich geblieben?, ihr Leben lang beschäftigt und eine, die das Stück als unglaublich wichtig und wertvoll empfand. Mein zweiter Besuchergefährte, fühlte hinterher viel Wut und Unverständnis den Tätern gegenüber, zumal getriggert, da seine letzte Liebe, aus seiner Sicht, an den Gewalterfahrungen, die diese mit in die Beziehung brachte, zerbrach. Gewalt in der Beziehung wirkt nach, ein Leben lang und weiter, transgenerational und die Spitze des Eisbergs der Gewalt gegen Frauen ist der Femizid. Beim anschließenden Getränk in der Schmorpost, der zum Theater gehörenden Gastro, kann das gewaltige und großartige des Stückes hier noch gut verdaut werden und die Gespräche sich zu diesem "Stoff" entspinnen: Let`s talk about Femizid.

In der Sommersaison ist dieses Stück noch

am 24.6. und am 22.7.23 zu sehen.

Zickwolf

Neuschreibung von Georg Büchners „Woyzeck“, von Jchj V. Dussel
mit Fragmenten des Originals, nach dem Konzept von Jessica Weisskirchen

Karten reservieren und weitre Infos hier:

https://dieandereweltbuehne.de/kontakt/

Zeichnungen zum Stück anschauen hier:

https://www.instagram.com/textfontana_hai/

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Textfontana

Freie Journalistin, Bloggerin und Heilpraktikerin mit Schwerpunkt TCM. Themen Frauen-/Gesundheit, Kultur, Theater/Performances und Tanz.

*Würzburg 1966, seit 1987 in Berlin lebend. Selbstständig tätig im Gesundheitsbereich seit 1994. Journalistik Studienabschluss an der FJS Berlin 2019. Mitredakteurin bei bzw-weiterdenken.de seit 2019.

Textfontana