Blau , Rot , Gelb - nicht Bob der Baumeister sondern MARTHA - die letzte Wandertaube

Rezension Ist es ein Kinderbuch? Ist es nicht ein Buch für Erwachsene? Ist es nicht einfach beides?Wer kennt noch Martha, die letzte Wandertaube? Zum Thema Artensterben gibt es seit diesen Sommer auch ein Bilderbuch von ATAK. Eine Rezension.

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Wer kennt noch Martha, die letzte Wandertaube? Sogar Rio Reiser widmete ihr ein Lied und auch in Jim Jarmushs “Gohst Dog”, eine Art Taubenliebhaber Film für Samurais, wird ihr Aussterben beklagt. Martha war die letzte Wandertaube, die einsam 1914 im Zoo von Cincinnaty, Ohio, starb. Es gab Milliarden von ihr, noch sechzig Jahre zu vor wollte sie der Senat nicht schützen, bis eine ungezügelte Jagd sie endgültig ausrottete. Kurz darauf wurde erstmals der Artenschutz ins Leben gerufen, zu spät für Martha.

Zum Thema Klimaschutz und Artensterben, welches leider massiv voranschreitet, gibt es schon einiges an Bilderbüchern. Seit diesen Sommer auch das Werk von ATAK. ATAK, bürgerlich Georg Barber, freier Künstler, Comic Maler und Professor für Illustration, hat seine Version zum Artensterben im A. Kunstmann Verlag veröffentlicht. ATAK`s Kunst fluoresziert zwischen Naiver Malerei, Comic Art und Abstrakter-, Moderner Kunst. Farbintensiv und ja, auch farbenfroh, packt er dieses letztlich traurige Thema an.

Zugegeben, ich bin Fan von ATAK, wenngleich ich gar nicht so viele “Comics” von ihm besitze. Aber seine Hefte kenne ich noch aus der Comicbibliothek “Renate” in Berlin Mitte, die er 1989 mit aufgebaut hat.

ATAK`s Martha Buch ist kartoniert und hat mit seinem 30 x 28 cm ein schönes Bilderbuchformat. Schon der Einband bezaubert mit den kräftigen Farben, die Haptik ist im kartonage Stil angenehm, als hielte man einen Siebrdruck in der Hand und Innen wie Außen ist einfach umwerfend illustriert. Manchmal hat es was von einem Wimmelbuch, aber oft sind es eher große, doppelseitige Szenen im Wechsel zu Detailbetrachtungen. Das blaue und rote Gefieder der Wandertaube gegen einen mehr oder weniger gelben Himmel, durchtränkt das Buch im Verlauf seiner Geschichte. Im Tod der Wandertauben dominiert das Blau und die Tauben-Leichenberge erinnern an die riesigen Berge von Heringen auf einem Fischmarkt. Im munteren Dasein, als Martha mit ihrem Schwarm noch glücklich den Himmel tagelang schon fast verdunkelete, erleben wir viel das Gelb (und Grün). Im Kampf ums Überleben das Rot. Martha, die letzte Wandertaube, benannt nach der damaligen US-amerikanischen First Lady, spricht im Buch direkt zu uns. Sie erzählt die Geschichte ihres Schwarms und die einer menschengemachten Ausrottung. Martha wurde übrigens 29 Jahre alt und war am Ende ihres Daseins allein. Schwarmtiere vermehren sich oft nicht weiter, wenn die Schwärme zu klein sind. 2024 wird es 110 Jahre sein, dass Martha, die letzte Lebende ihrer Art, von diesem Planeten verschwunden ist.

Neben dem Detailreichtum, der typisch für die ATAK Feder ist, ist das Bilderbuch auch sehr genau recherchiert. Manche Dinge erschließen sich über den Text, manche durch die genau Betrachtung. So findet sich, ziemlich am Anfang, eine Darstellung einer Art Paradies-Garten, wo neben Martha gleich noch ein paar Spezies, die auf das Konto der ausgestorbenen Tierarten kommen, zu finden sind. Auch die etwas zweifelhafte Liebe eines berühmten Vogel Illustrateurs zu seinen Objekten lässt er, ohne verbale Mahnung, bildhaft im Raum stehen. Immerhin hat jener relativ früh die Gefahr der Ausrottung der Spezies erkannt und sich für den Tierschutz eingesetzt. Für Marthas Art leider zu spät. ATAK schafft es trotz der Traurigkeit des Themas, die Bildwelt auch kindgerecht verdaulich zu halten.

Lange habe ich darüber nachgedacht, ob das Bilderbuch sich, in all seiner Schönheit, wirklich für Kinder eignet. Schließlich ist hier, nicht wie im Märchen, eine fiktive Grausamkeit am Werke, sondern die Realität unserer menschengemachten Grausamkeit. Viele Menschen stecken schon in Depressionen wegen der Klimakrise, eröffnen Clima Resilienz Gesprächsgruppen, um nicht komplett verrückt zu werden. Eine Mitgründerin der Klima Partei, hatte mir mal erzählt, dass sie als Kind keine Tierdokus mehr sehen wollte, weil am Ende immer alle Tiere am Aussterben waren.

Und doch, ich sage: Ja. Ja, es ist kindergerecht. Gut ist es vielleicht, sich vorher mit dem Thema genauer zu befassen, um vermeintliche Fragen beantworten zu können. Und ganz wichtig, die Flieger-Taube, die es auf den letzten Seiten zum Ausschneiden und Zusammenbasteln gibt, fliegen lassen! Denn, nach ein bisschen Nachdenken, ob dies nun nicht etwas pietätlos sei - eben trauere ich noch über die Taube und dann renne ich mit ihr als Flugobjekt durch die Welt?! - kann festgestellt werden, genau das ist nach der Lektüre total wichtig für die Kinder. Die Kinder sollten nicht in der Trauer stecken bleiben, deshalb ist kreative Bewegung zum Abschluss ein gutes Angebot.

Im November ist ja nicht nur die neue Studie zum Artensterben erschienen, nein, der November ist auch der Monat zum Thema Depression. Hauptsymptom der Depression ist, sich nicht mehr zu bewegen, nicht mehr für etwas aufstehen zu können. Es gibt Therapieansätze, die genau auf das “in Bewegung kommen” setzen. Insofern ist dieses Buch mit einer abschließenden Einladung zur spielerischen Bewegungseinheit, Martha wieder fliegen zu lassen, therapeutisch absolut wertvoll und vielleicht eines der besten Kinderbücher, die ihr zu Weihnachten zu dem Thema verschenken könnt. Ich würde das Buch auch für Kreativen Kindertanz empfehlen. Es regt so sehr die Sinne an und es ist einfach immer wieder schön, es sich anzuschauen, um noch mehr von dem Detailreichtum zu entdecken.

ATAK

Martha, die letzte Wandertaube

Verlag Antje Kunstmann

2023

32 Seiten, farbig

22,00 €

ISBN: 978-3-95614-572-8

Weitere Fakten zu Tauben:

  • Tauben sind generell nicht vom Aussterben bedroht, der Bestand der Turteltaube ist jedoch sehr stark rückläufig. Eine Jagd Beschränkung, z. B. in Ägypten lässt jedoch hoffen, dass sich die Population stabilisiert. Wichtiger ist jedoch die Schaffung und Erhaltung des Lebensraumes und des Futterangebotes!
  • Tauben sind keine intensiv Krankheitsüberträger, also nicht mehr wie andere Tiere.
  • Stadttauben (Felsentaube) sind letztlich verlorengegangene Haustiere, um die wir uns kümmern müssen.
  • Ich liebe mein Ringeltauben-Pärchen im Hof.
  • Das künstliche “Nachbauen” durch Gentechnik von ausgestorbenen Tierarten, a ́ la Jurassic Park, funktioniert nicht sonderlich. Unsere Baumeister Haltung hat nun mal Grenzen. Vermutlich sollten wir lieber Geld und Energie zum Schutz und Erhalt der Lebensräume verwenden. Das “Nachbauen” ist insbesondere problematisch, da Wandertauben, und auch andere Schwarmtiere, sich erst ab einer gewissen Schwarmgröße weiter vermehren zu scheinen. Die ab 2012 gelobten eventuellen Möglichkeiten der Gentechniken bezüglich “Nachbau” von ausgestorbenen Tierarten, werden längst im Zusammenhang mit Lebensraumkomponenten wieder in Frage gestellt.
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Textfontana

Freie Journalistin, Bloggerin und Heilpraktikerin mit Schwerpunkt TCM. Themen Frauen-/Gesundheit, Kultur, Theater/Performances und Tanz.

*Würzburg 1966, seit 1987 in Berlin lebend. Selbstständig tätig im Gesundheitsbereich seit 1994. Journalistik Studienabschluss an der FJS Berlin 2019. Mitredakteurin bei bzw-weiterdenken.de seit 2019.

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