Olga Benario Prestes - Widerstand ist nicht vergessen Rezension

Zum 115. Geburtstag von Olga Anita Leocádia Prestes, die Tochter der 1942 von den Nazis ermordeten Olga, entwirft in ihrer biografischen Annäherung an ihre Mutter, einen weiteren Blick auf eine junge Rebellin, Kommunistin und Widerstandskämpferin.

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Anita Leocádia Prestes, die Tochter der 1942 von den Nazis ermordeten Olga, entwirft in ihrer biografischen Annäherung an ihre Mutter, einen weiteren Blick auf eine junge Rebellin, Kommunistin und Widerstandskämpferin, die dem Naziregime zum Opfer viel.

Über Olga Bernarios kurze, aber intensive Lebensgeschichte gibt es schon einige Bücher und zwei Kinofilme. In dem 2022 im Verbrecher Verlag erschienen Buch kommt die Tochter zu Wort, mit neuem Archivmaterialien, die ihr erst in den letzten Jahren zugänglich wurden und einer persönlichen Perspektive. Der Fall Benario sorgte weltweit für aufsehen, denn sie wurde wegen Hochverrats angeklagt in Brasilien 1936 verhaftet und hochschwanger an Deutschland ausgeliefert. Es gab viel Öffentlichkeit in den internationalen Medien und internationale Ersuche, die schwangere Frau frei zu lassen. Hier zeigt sich das Engagement ihrer brasilianischen Familie, insbesondere das der Großmutter, die um Olga, ihren mitverhafteten Sohn Carlos Prestes und ihre Enkelin wie eine Löwin kämpfte.

Das Buch zeichnet ein intimes Bild, was niemals ins sentimentale rutscht, sondern Stück für Stück, Schrift oder Brief um Brief den Leser*innen eröffnet, wie die Gedanken- und Hoffnungswelt der Olga Bernario, ursprünglich in München geboren, sich in den Internierungslagern entwickelte, wie die Familie darum hoffte und kämpfte. Parallel dazu eröffnen die internen Dokumente, dass es niemals eine wirkliche Chance gab. Für das Naziregime war sie letztlich zu gefährlich und so arbeiteten die Verantwortlichen aufgrund des internationalen Drucks schlicht auf Zeit.

"Ich habe für das Gerechte und Gute gekämpft, für die Verbesserung der Welt. Ich verspreche Dir, wenn ich jetzt Abschied nehmen muß, daß ich Dir bis zum letzten Moment keinen Grund geben werde, Dich meiner zu schämen. […] Ich werde stark bleiben und bin entschlossen, bis zum letzten Moment zu leben. Jetzt muß ich schlafen, damit ich morgen kräftig bin. Ich küsse Euch beide zum letzten Mal.”

(Olga Benario Prestes' letzter Brief an Luís Carlos Prestes und ihre Tochter Anita)

115 Jahre: Olga Benario Prestes hat heute am 12. Februar Geburtstag. Der Wunsch Ihrer Tochter ist, dass die jungen Menschen insbesondere aus dem Land ihrer Mutter ihre Geschichte kennen. Ich denke, es ist ein sehr aktuelles Buch, denn hier zeigt es sich, wie früh schon das Naziregime ganz klar agierte, wo Deutschland noch glaubte Hitler sei ein Fliegenschiss und die Blaupausen der Nazis wieder erkennbar sind, ich nenne nur: Todeslisten, die seit mehreren Jahren im rechten Lager erstellt werden.

Das Buch ist zudem bebildert mit Fotos aus dem Familienschatz. So auch das Foto der kommunistischen Jugend Neukölln (Berlin) von 1925. Gemeinsam mit anderen hatte sie 1928 als damals zwanzigjährige bewaffnet Otto Braun aus dem Gerichtssaal in Berlin Moabit befreit. Wegen Hochverrats floh sie mit ihm nach Moskau. Den weiteren Gang empfehle ich zu lesen. In Neukölln liegt ein Stolperstein für sie. Ein guter Sonntag, ihr zu Ehren Blumen abzulegen.

Olga Benario Prestes

Eine Biografische Annäherung

Anita Leocádia Prestes

Verbrecher Verlag 2022

Broschur, 114 Seiten
Preis: 16,00 €

ISBN 978-3-95732-539-6

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Textfontana

Freie Journalistin, Bloggerin und Heilpraktikerin mit Schwerpunkt TCM. Themen Frauen-/Gesundheit, Kultur, Theater/Performances und Tanz.

*Würzburg 1966, seit 1987 in Berlin lebend. Selbstständig tätig im Gesundheitsbereich seit 1994. Journalistik Studienabschluss an der FJS Berlin 2019. Mitredakteurin bei bzw-weiterdenken.de seit 2019.

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