Wo Anderssein gefährlich ist

Queer Manuela Tillmanns berät Menschen zu ihrer Sexualität im sächsischen Hinterland. Die baldigen Wahlen bereiten ihr Sorge
Helke Ellersiek | Ausgabe 30/2019 4

Wenn Manuela Tillmanns mit der Regionalbahn durch Sachsen fährt, zieht sie ihre Daumenschiene an. Für die studierte Sexualwissenschaftlerin und Sonderpädagogin sind die täglichen Bahn- und Busfahrten Teil ihrer Arbeitszeit. Weil sie die oft vertraulichen Gespräche nicht in der Bahn führen kann, wo andere Fahrgäste zuhören, nutzt sie ihre Anfahrt, um schon mal auf einige Mails zu antworten und Termine und Räume zu organisieren. Etliche schreibt sie pro Tag – und so viele davon am Handy, dass sich davon ihre Daumensehnen entzündet haben.

Mit Daumenschiene, Powerbank und Butterbrot fährt Tillmanns mehrmals die Woche „Que(e)r durch Sachsen“, wie ihr Projekt heißt. Eine mobile Beratung im ländlichen Raum für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*(idente), intergeschlechtliche, queere und asexuelle Menschen, kurz LSBTIQA*. Die Beratung ist kostenlos, jede*r kann telefonisch oder per Mail einen Termin mit Tillmanns ausmachen. Organisiert wird das Projekt gemeinsam mit dem Leipziger Verein RosaLinde. Fast immer sind es Orte wie Grimma, Torgau, Döbeln, Freiberg oder Eilenburg, in denen sich Tillmanns verabredet: mittelgroße sächsische Städte, die vom Dorf aus besser erreichbar sind als Leipzig und für deren Besuch sich die teils noch nicht geouteten Klient*innen keine Ausrede für ihre Familie zurechtlegen müssen. Die Räume stellen mal befreundete Vereine und Jugendzentren, mal ein Amt zur Verfügung.

Es ist ein kühler Dienstag im Juli, der erste Termin an diesem Tag findet in Borna statt. Von Leipzig aus fährt man etwa 40 Minuten mit der Bahn in die sächsische Kreisstadt, vorbei an Fabrikruinen und Bedarfshalten, wo die Bahn nur stoppt, wenn jemand auf den Knopf drückt. Am Bahnhof in Borna überquert Tillmanns schnellen Schrittes den Busbahnhof Richtung Innenstadt mit ihrer ersten Klientin für diesen Tag. „Ich gucke gar nicht mehr nach dem Bus, die fahren nicht so oft.“ Die Beratung selbst ist vertraulich, aber die Klientin lässt ein paar Fragen zu.

In einem kleinen Raum sitzt Sarah Victoria R. neben Tillmanns am Tisch. Ihren vollständigen Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Alle im Raum tragen schwarze Kleidung, nur R. trägt ein gelbes Shirt unter ihrer Jacke, ihre Fingernägel sind rosa. „Auch wenn wir Schwarz tragen, trotzdem ist mein Herz bunt“, sagt sie. Die 41-jährige Transgender-Frau befindet sich gerade im Transitionsprozess. Vor vier Jahren hat sie sich in ihrem Umfeld als transgender und lesbisch geoutet, per SMS. „Danach haben sich viele von mir abgewandt, bis auf meine Mutter, die vor Kurzem verstorben ist“, erzählt sie. Noch immer wird sie oft als Mann angesprochen, beim Bäcker oder im Supermarkt. Wegen ihrer tiefen Stimme und ihrer Gesichtszüge, wie sie sagt. Oder auch, weil hier manche immer noch davon ausgehen, dass es „so was hier einfach nicht gibt“ – ein Spruch, den Tillmanns öfter über Menschen jenseits der binären, heterosexuellen Geschlechterbilder hört. Als R. einmal mit einer Freundin beim Hausarzt war und als Frau aufgerufen wurde, protestierte ihre Begleitung. Befreundet sind die beiden heute nicht mehr.

Am liebsten wegziehen

Wie in fast jeder kleineren Stadt fällt hier jedes Leben jenseits der Heteronormativität sofort auf, und wer damit ein Problem hat, weiß, dass er – oder sie – damit im Freistaat nicht allein ist. Die AfD hetzt hier seit Jahren gegen LSBTIQA* und gegen Regenbogenfamilien, bedrängt Schulen und queere Vereine, stellt Kleine und Große Anfragen zur „Frühsexualisierung“, wie die Partei Unterricht und Workshops nennt, die queere Geschlechter- und Orientierungsformen einbeziehen.

Wegen jemandem, der es auf Queere abgesehen hat, ist auch Sarah Victoria R. nun bei Tillmanns in Beratung. „Ich war immer eine Weltoffene, Soziale und Freudige, habe immer viel gelacht“, erzählt sie. Doch vergangenes Silvester wurde sie transfeindlich angegriffen – von ihrem Nachbarn, in ihrer eigenen Wohnung. Er habe einfach bei ihr geklingelt, als ihre Mutter zu Besuch war. Als R. die Tür öffnete, sei er auf sie losgegangen: „Er hat gesagt, er will nicht mit einer Tunte im Haus wohnen.“ R. hat Strafanzeige erstattet, vergangene Woche war die Gerichtsverhandlung. Acht Monate auf Bewährung erhielt der Täter, doch er wohnt weiterhin bei ihr im Haus. „Ich brauche hier jemanden, bei dem ich mich psychisch ausschütten kann, und das Gefühl habe ich bei Manu“, sagt sie über Tillmanns. Im Juni veröffentlichte die Hochschule Mittweida in Zusammenarbeit mit dem LAG Queeres Netzwerk Sachsen e. V. eine Dunkelfeldstudie, nach der die gewalttätigen Angriffe in Sachsen gegen Schwule, Lesben, Trans und Queers mit mindestens 1672 Fällen innerhalb von fünf Jahren weitaus höher sind, als die Polizei in ihrer Statistik erfasst – im gleichen Zeitraum waren dort nur 55 Fälle als Hasskriminalität gegen eine sexuelle Orientierung gelistet.

Am liebsten würde Sarah Victoria R. aus Borna wegziehen. Wenige Tage zuvor war sie beim Christopher Street Day in Leipzig, der in diesem Jahr so gut besucht war wie nie. Das hat ihr gefallen. Überhaupt mag sie Leipzig, das als weltoffener Leuchtturm in Sachsen gilt. Obwohl sie dort ein Kellner, den sie nicht kannte, im Vorfeld des CSD mit den Worten: „Ach, isses wieder so weit?“ begrüßte – ganz so, als wäre Karneval. Auch die Mieten im immer weiter gentrifizierten Leipzig sind zu teuer. R. plant, einen queeren Stammtisch in Borna aufzubauen. Bisher gibt es so was dort nicht. Tillmanns will ihre Klientin dabei unterstützen. Erklärtes Ziel ihrer mobilen Beratung ist es, Menschen bei der freien Wahl ihrer Lebensentwürfe zu bestärken und an bestehende Strukturen anzugliedern oder, wie in Borna, solche mit aufzubauen. Doch selbst in der Stadt geht die Infrastruktur zurück, erzählt Tillmanns: Nur wenige Ärzt*innen in Leipzig haben Trans-Expertise. Einer, an den sie ihre Klient*innen für Hormontherapien empfiehlt, geht bald in Rente. Eine Nachfolge ist nicht in Sicht.

Auch dort, in der Großstadt, werden Lesben, Schwulen und Trans*Menschen nicht nur in Frieden gelassen. Vor etwa einem Jahr erregte besonders ein Fall überregionale Aufmerksamkeit: Eine Studentin der Uni Leipzig war direkt vor der zentralen Mensa von einem Mann angegriffen worden. Er forderte sie auf, ihr Geschlecht zu zeigen, dann schlug er ihr brutal ins Gesicht. Als sie ihre gebrochene Nase im Krankenhaus behandeln ließ, tauchte der Täter dort auf und vergewisserte sich lächelnd der Wirkung seines Angriffs. Er ist bis heute nicht verurteilt. Auch die Tötung eines Homosexuellen im sächsischen Aue, die das Gericht nicht als Mord einordnete, hat kein gutes Licht auf die Justiz geworfen.

Furcht vor der AfD

„Es macht sich schon ein Backlash bemerkbar“, sagt Tillmanns. Ihr Kollege Tammo Wende, der die gleiche Beratungsarbeit wie sie in Leipzig vor Ort macht, ist vorsichtiger geworden, genau wie sein Freundeskreis. Er hat selbst einen Trans-Hintergrund. Seine letzten persönlichen Angriffe hat er erlebt, als er noch als lesbische Frau gelesen wurde. Er beobachtet, dass Täter sich oft sicher fühlen und sich der Hass neben dem Internet auch auf der Straße wiederfindet: „Ich fange an, mir sehr gut zu überlegen, ob ich heute Nagellack trage oder meine Regenbogenfahne raushänge. Ich habe keinen Bock, dass mir die Scheibe eingeschmissen wird“, sagt er. Der Verein wappnet sich für die Landtagswahlen in Sachsen im September. Die RosaLinde fürchtet um ihre Finanzierung: Noch kommen viele Gelder über den Freistaat. Wenn die AfD in Sachsen hohe Ergebnisse einfahren oder sogar an der Regierung beteiligt werden sollte, wird dieser Geldhahn wohl zugedreht. Wie viele sächsische Vereine, die sich für eine offene Gesellschaft einsetzen, will nun auch die RosaLinde ihre Mitgliederzahlen erhöhen. Um die 150 sind es derzeit. Bis zum Ende des Jahres müssen es 500 werden, damit der Verein unabhängig vom politischen Wohlwollen werde, heißt es in einem Aufruf.

Erst mal aber steht ein Umzug in den Leipziger Westen an, in größere Vereinsräume, in denen alle sieben Mitarbeitenden einen Platz finden, vielleicht auch mehr. „Wir freuen uns auf den Umzug“, sagt Tillmanns, „alles Weitere sehen wir dann. Wir machen unsere Arbeit nicht von etwas abhängig, von dem wir nicht wissen, ob es passieren wird.“

Helke Ellersiek ist freie Journalistin und studiert Politikwissenschaften in Leipzig

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06:00 26.08.2019
Geschrieben von

Helke Ellersiek

Freie Journalistin. Leipzig, Köln, Berlin.Twitter: @helkonie
Helke Ellersiek

Ausgabe 32/2020

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