Aufgeschnitten wie ein Diamant

Kunst In ihrem Band „Strangeland“ denkt die Künstlerin Tracey Emin mit dem Körper und verkündet banale Weisheiten. Literarisch wird sie dabei selten

"Ich liege in einem riesigen Doppelbett und die Uhr schlägt zwölf. Mein Gesicht ist fest in ein Kissen gedrückt und er besorgt es mir“. Wer liest, was Tracey Emin einmal an einem ihrer Geburtstage notiert hat, hat plötzlich das Gefühl, jene Installation zu verstehen, für die die britische Künstlerin berühmt geworden ist und die Besucher derzeit im Kunstmuseum Bern bestaunen können: My Bed – ein verflecktes Laken, malerisch dekoriert mit einem Slip, die Bettdecke ist zurückgeschlagen, überall liegen verstreut Zigarettenkippen und leere Flaschen.

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Das Werk von 1998 gilt manchen inzwischen schon als Inkunabel der zeitgenössischen Kunst, das gleich nach Gustave Courbets – damals skandalösem – Werk L’Origine du Monde von 1866 kommt. Doch war es wirklich notwendig, Traktate wie dieses zu veröffentlichen? Strangeland, eine Sammlung von Aufzeichnungen, Gedichten und kleinen Zeichnungen der 1963 geborenen Künstlerin, die Großbritannien vor zwei Jahren auf der Biennale von Venedig vertrat, bedient auf ungute Weise den verbreiteten Kurzschluss, dass der Ursprung der Kunst in der Biografie des Künstlers zu suchen ist. Das Œuvre von Emin sei, so steht es demonstrativ im Nachwort, „untrennbar mit ihren autobiografischen Texten verbunden, die bislang vor allem Sammlern vorbehalten waren“.


Mit diesem Wissen wird man doppelt zum Voyeur. Mit der Lektüre des autobiografischen Samplers glaubt man, ein großes Geheimnis des Kunstbetriebs zu lüften. Und man liest diese Aufzeichnungen wie einen Schlüsseltext, der Emins immer etwas unaufgeräumte Kunst erklärt. Doch mag es auch radikal subjektiv sein: So eindimensional wie das Leben dieser Künstlerin, das zwischen Schmutz, Sex und Alkohol laviert, ist ihr künstlerisches Werk keineswegs. My Bed ist weit mehr als ein privates Lustlager.

Wer sich von der annoncierten Blickverengung nicht schrecken lässt, kann in Strangeland das erstaunliche Leben einer Fast-Turner-Preis-Trägerin verfolgen: von der ersten Vergewaltigung im britischen Provinzkaff Margate, als die Tochter einer Britin und eines türkisch-zypriotischen Vaters 13 Jahre alt war, bis zu dem nämlichen Geburtstag Emins, zu dem David Bowie im Privatjet einschwebt.

Doch die distanzlose Perspektive, die einem dabei aufgenötigt wird, lässt die Lektüre über weite Strecken zu einem peinigenden Erlebnis werden. Mitunter meint man, direkt neben Tracey aufzuwachen, wenn die sich nur noch schemenhaft an einen Wodka-Pur-Abend erinnert oder verwundert auf die Orangina-Flasche starrt, die sie zwischen ihren Beinen findet.

Radikale Selbstentblößung ohne künstlerisches Programm

Natürlich gehörte radikale Selbstent­blößung in allen Zeiten zum programmatischen Repertoire von Künstlern. Ein Manifest des Exhibitionismus oder der Onanie ist Emins Buch aber nicht gerade. In gewisser Weise ist sie Pablo Picasso nah, von dem der Satz stammt: „Ich verwende in meinen Bildern alle Dinge, die ich gern habe“. Auch Emin verarbeitet Utensilien aus ihrer unmittelbaren Lebensumgebung in ihren Bildern. So anspruchsvolle Überlegungen wie die, die Picasso zum Kubismus angestellt hat, bringt diese Künstlerin aber nicht zu Papier.

Denkt man den vagen formphilosophischen Hinweis: „Oft habe ich in meinem Leben, das, was ich unbedingt wollte, einfach nachgebildet“ zu Ende, wäre Emins Kunst eine Art Mimesis der Wünsche. Hält man Erfahrungen wie die, als sie als junges Mädchen einmal am Strand von einer Welle ergriffen wird: „Mein ganzer Körper roch, aus jeder Öffnung sickerte Schleim, jede Pore öffnete und schloss sich, jeder Teil von mir blutete“ dagegen, offenbart sich ein ästhetisches Programm, das alles Erkennen über den Körper beglaubigt. Irgendwo zwischen diesen Polen muss man Emins Werk verorten.

Von ihrem Freund David Bowie stammt die Charakterisierung Emins als „William Blake als Frau, geschrieben von Mike Leigh“. Wer sich an die Druckfassung dieses gelebten Œuvres hält, wird auf bescheidenere Kategorien zurückgeworfen. Aus Strangeland spricht eher der Schock-and-Awe-Realismus, mit dem die Young British Artists Mitte der neunziger Jahre berühmt wurden, zu denen auch Emin zählte.

In die Reihe der berühmten Dokumente der Kunst des 21. Jahrhunderts wird dieses Werk nicht eingehen. Allzu oft versucht sich Emin darin als Kummertante für alle Fragen des Sex und seiner unerwünschten Folgen, inklusive Schwangerschaft. Oder verkündet banale Weisheiten wie: „Der Mensch lebt nicht vom Wodka allein“, und „Ein Mann sollte nie mit dem Schwanz denken“.

Ein einziges Mal überspringt sie die Hürde vom biografischen Spickzettel zum Literarischen als sie in einem ihrer alkoholgeschwängerten Tagträume eine Art surrealistische Phantasie gebiert: „Ich will aufgeschnitten werden wie ein Diamant, meine Gebärmutter soll wachsen wie eine Blume, bereit, sich dem Himmel zu öffnen.“

Wer keine Lust hat, dieses Buch zwanghaft gendertheoretisch oder kunsthistorisch einzuordnen, kann Emins Texte einfach als Beispiel weiblicher Selbstbehauptung lesen – eine aufschlussreiche Mischung aus existenziellem Freiheitswillen und sexueller Unterwerfungsbereitschaft. Mit dem albernen Label „modernes Märchen“ hat dieses Leben, wie die Verlagswerbung suggeriert, wenig zu tun. Doch die Chiffre von „wild und ungebunden“, die sie darin aufruft, gut durchsetzt mit einer großen Portion Grundeinsamkeit, bedient jedenfalls alle Künstler-Klischees des 19. Jahrhunderts.

Das zieht immer die magisch an, die eine entfremdete Existenz kompensieren müssen. Insofern wäre es gar nicht so verwunderlich, wenn Tracey Emin jetzt zu David Cameron und seinen Tories überliefe, wie der Guardian kürzlich kolportierte. Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Aber wenn tatsächlich Her Majesty’s Opposition mit der Hilfe einer Künstlerin wieder an die Macht käme, die davon träumt, „dass dein Sperma auf meinem Gesicht trocknet“ – dann wäre das zwar ein später, aber doch immer noch schöner Sieg der guten alten Bohème.

StrangelandTracyEmin. Aus dem Englischen von Sonja Junkers. Blumenbar, München 2009, 240 S., 17,90

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05:00 14.05.2009
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