Eine Messe ist eine Messe

Ausstellung Kunst ist, was in weiße Kojen passt – die weltgrößte Kunstmesse Art Basel will mehr sein, als eine Verkaufsveranstaltung und doch geht's vor allem um eines: das Geld

Wo geht’s denn hier zur Kunst? Ist doch wurscht. – Impressionen von der Art Basel, hier ein Statement von Simon Fujiwara

Scull ist ein Schwein“ – als das New Yorker Sammlerehepaar Robert und Ethel Scull 1973 beschloss, 50 Werke aus seiner Sammlung amerikanischer Pop-Art bei Sotheby’s zu verkaufen, gingen die Künstler auf die Straße. Robert Rauschenberg soll ein Schild mit sich geführt haben, auf dem der böse Spruch zu lesen stand. „Ich habe mir den Arsch abgearbeitet. Und ihr macht den Profit“, empörte sich der Maler über die Tatsache, dass Scull für ein Werk, das er den beiden in den fünfziger Jahren für 900 Dollar verkauft hatte, 85.000 Dollar einstrich. Der Fall Scull gilt als Startschuss für den spekulativen, preistreiberischen Kunstmarkt ebenso wie für den geharnischten Protest dagegen.

Diese Zeiten sind vorbei. Heute würde niemand mehr auf die Idee kommen, gegen den Handel und die Spekulation mit Kunst zu protestieren. Die Frühjahrsauktionen bei Christie’s in New York oder die Art Basel entwickeln eine Magnetwirkung wie die Documenta oder die Biennale von Venedig. Mehr als 60.000 Besucher pilgern jedes Jahr in die Stadt am Rhein wie zu einem Wallfahrtsort. Was einigermaßen merkwürdig ist. Denn in der Schweiz gilt das in der EU inzwischen zum Standard erhobene „Folgerecht“ nicht, bei dem Künstler an der Wertsteigerung ihrer Werke beteiligt werden müssen. Trotzdem hält sich hartnäckig der Mythos: Wenn in Basel der Umsatz stimmt, geht es „der Kunst“ gut.

Natürlich leben auch Künstler in erster Linie vom Einkommen und nicht allein von der Wertschätzung der Kunstkritik. Und als Klaus Staeck, Joseph Beuys und Wolf Vostell 1967 mit einer legendären Aktion gegen den Kölner Kunstmarkt protestierten, den die Galeristen Rudolf Zwirner und Hein Stünke ins Leben gerufen hatten, wollten sie in erster Linie mit von der Partie sein. Doch aus der Tatsache, dass die New Yorker Galerie Krugier in diesem Jahr in Basel Picassos Gipsfigur Personnage für 15 Millionen Dollar verkauft hat, lässt sich nur schwer ableiten, die Künstler wären keine armen Poeten mehr. Und wer profitiert eigentlich davon, wenn die Kölner Galerie Jablonka eine der Skulpturen des amerikanischen Minimal-Artisten Carl Andre für 700.000 Dollar verkauft?

Vermögende Inder

Die Geschichte der wichtigsten Kunstmesse der Welt lässt sich wie ein Paradigma des Marktes lesen: Vom offenen über den entfesselten bis zum selbstreflexiven Markt. Vom Basler Galeristen Ernst Beyeler und zwei Mitstreiterinnen quasi als demokratisches Gegenmodell zu dem exklusiven Kölner Club gegründet, ließen die Schweizer statt anders als in Köln nicht nur deutsche, sondern viele internationale Galerien zu. Heute ist die Art Basel eine hochselektive Schau. Ein kleiner Kreis internationaler Galeristen siebt die über 1.000 Bewerber, die sich jedes Jahr um Aufnahme bemühen. Übrig bleiben meist um die 300 Galerien der absoluten Spitzenklasse.

Und sie ist ein Paradebeispiel für die stete Ausweitung der Marktzone. Strategisch erschließt die Messe neue Käuferschichten. Nach den neuen Millionären aus Russland und Südostasien sollen nun die Inder für dauerhaften Umsatz sorgen. Bei der Eröffnung der Art Unlimited, einer Sonderschau der Messe, hatte das Basler VIP-Management in diesem Jahr eine Kohorte vermögender Inder eingeladen. Tagelang sah man die Sammler über die Messe, durch Galerien und Museen streifen. Schon vor ein paar Jahren hatte Ex-Messe-Chef Sam Keller mit der Art Basel Miami Beach einen sensationell erfolgreichen Coup gelandet. Die hippe Lifestyle-Tochter der „Mutter aller Messen“ (Freitag vom 15. Dezember 2006) setzte auf das Motto: Schröpft die Reichen, wo ihr sie trefft – in ihren hidden paradises.

Dass der ubiquitäre Schweizer Kurator Hans-Ulrich Obrist in Basel 29 Künstler des 21. Jahrhunderts in einem Sonderheft der Kulturzeitschrift Du vorstellte, ist kein Beleg dafür, dass die Art das „Barometer der Gegenwartskunst“ ist, als die sie landauf, landab gepriesen wird. Dann müsste man aus ihrer 41. Ausgabe schließen, sie sei bei Picasso und Warhol stehen geblieben. Die gut abgehangenen Oldtimer waren mit 23 beziehungsweise 28 Werken die meistgezeigten Künstler der Messe. Deren Erfolg gründet auf der Kunstleidenschaft reicher Menschen wie Christian Boros aus Berlin, Nicolas Berggruen oder dem Ehepaar Rubel aus Miami. Die setzen gern auf klassische Werte.

Auf der Messe fallen Markt- und Symbolwert auf fast schon perverse Weise in eins. Wofür Damien Hirst mal wieder das passende Bild gefunden hat. Die Londoner White Cube Gallery bot sein Werk Memories of Love, eine verspiegelte Vitrine, in der Hunderte Swarovski-Steine in den kitschigsten Pastellfarben aufgebahrt liegen, für 2,3 Millionen Dollar an. Trotzdem profitieren von dieser Lotterie auch ein paar Unbekannte. „Wir verdienen auf der Messe das Geld für das ganze Jahr“, sagt Wiesław Borowski von der kleinen Galerie Foksal aus Warschau. In Polen fehlt das kaufkräftige Publikum.

Die Messe will keine sein

Dem Laufpublikum sind die big deals in den Hinterzimmern der Kojen sowieso egal. Wer keine zwei Millionen Dollar für Max Ernsts Bild Muschelblumen aus dem Jahr 1928 übrig hatte, konnte die Schau wie ein Lesebuch der Kunstgeschichte benutzen: Von Matisse bis zur amerikanischen Pop-Artistin Barbara Kruger, von Marc Chagall bis Gerhard Richter fehlte nichts, was Rang und Namen hat. Die Größen der Kunstgeschichte wie auf einem Jahrmarkt hierarchielos nebeneinander aufgereiht: Das ist dann ein anderer als der übliche Kunstgenuss. Und wer am nächsten Tag in der Zeitung liest, dass Louise Bourgeois‘ atemberaubende Gouachenserie Les Fleurs, vor der er am Abend zuvor mit Freunden stand, für 1, 5 Millionen Dollar „wegging“, dem dürfte es ein klein wenig kalt den Rücken herunterlaufen.

Trotzdem will die Messe mehr sein als ein Markt. Mit kuratierten Zusatzveranstaltungen sucht sie den Verdacht zu zerstreuen, dass hier nur das Geld regiert und Kunst etwas ist, was in kleine, weiße Kojen passt. Da kann sich die junge, niederländisch-spanische Künstlerin Lara Almarcegui in den Art Statements in gemäßigter Institutionskritik üben. Sie hat an eine große weiße Wand die Liste der Werkstoffe notiert, aus denen die Halle gemacht ist, in der die Art Basel stattfindet. Und der Schnellsprecher Hans-Ulrich Obrist kann im Art Salon erklären, warum junge Künstler heute keine Manifeste mehr schreiben, sondern ihre ästhetischen Revolutionen lieber in „Konversationen“ ankündigen.

So ist die Art Basel zu einem schillernden Hybrid zwischen Event, Ausstellung und Markt mutiert, dem mit der klassischen Marktkritik nur noch schwer beizukommen ist. Trotzdem würde sie all diese reflexive Verkleidung kaum auf sich nehmen, wenn es eine Triebkraft nicht gäbe, die das Mega-Event im wahrsten Sinne des Wortes erst lohnend macht. Jean-Michel Basquiat, der 1988 verstorbene Künstler, dem die Fondation Beyeler derzeit eine opulente Retrospektive ausrichtet, ist einer der Topseller der Messe. Der legendäre Maler der in kürzester Frist als erster Afroamerikaner aus der New Yorker Gosse zum König der Kunstwelt wie des Kunstmarktes aufstieg, hatte für das, um was es in Basel im Kern geht, einen glasklaren Blick. Auf einem Acrylbild aus dem Jahr 1982 hebt ein schwarzer Totenkopf beschwörend die Hände. Genannt hat Basquiat das düstere Werk: Profit.

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13:00 27.06.2010
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Ausgabe 39/2020

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