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LIEBE ÜBER GRENZEN In ihren neuen Liebes-Romanen »Im Juli« und »Liebesmale, scharlachrot« führen Selim Özodgan und Feridun Zaimoglu in Zwischenräume

Ihr habt Angst vor unserem Sperma« hat Feridun Zaimoglu vor kurzem über einen Aufsatz geschrieben. Eine Attacke auf das sogenannte Fräulein-Wunder in der deutschen Literatur hatte der 1964 im türkischen Bolu geborene Schriftsteller, der seit über dreißig Jahren in der Bundesrepublik lebt, nicht im Sinn. Sondern er hat mit dem Satz ziemlich genau die Angst seiner Gastnation vor dem zugespitzt, was der bayerische Ministerpräsident Stoiber mit dem Wort »Durchrassung« bezeichnen zu müssen glaubte. Kulturprobleme werden in Deutschland immer noch gerne in biologische Kategorien verwandelt. Die Reinrassigkeit, die sowieso nie existiert hat, wird besonders gerne in Umbruchzeiten beschworen. Im Strudel der Globalisierung, wo sich alle Identitäten aufzulösen drohen, soll die Re-Ethnisierung Halt bieten. Da ist man für jeden Versuch dankbar, das Bild der scheinbar homogenen Identitäten aufzubrechen.

Gegen das Etikett Migrantenliteratur, die in diesem Zusammenhang seit einiger Zeit gerne aufgeboten wird, würde sich Selim Özdogan zwar wehren. Schließlich ist der junge Autor von mittlerweile fünf Büchern 1971 in Köln geboren. Die türkische Herkunft seiner Protagonisten ist in seinen Geschichten meist nur noch Kulisse oder abgelegte Erinnerung, wie der Opa unter dem Maulbeerbaum. Mit den Türkboys spielte man früher. Und als »Abschaum«, Zaimoglus selbstgewählte Heldenplakette, fühlt sich der arbeitslose Jungschriftsteller in Özdogans letztem Roman »mehr« eigentlich nur dann wahrgenommen, wenn er auf Bildungsbürger trifft. Auch die beiden türkischen Helden seines neuen Buchs Im Juli, Isa und seine Freundin Melem, unterscheiden sich eigentlich kaum von gleichaltrigen deutschen Jugendlichen wie dem jungen Lehrer David und der Strassenverkäuferin Juli. Wenn man einmal davon absieht, dass Isa seinen toten Onkel Ahmet im Kofferraum eines Autos nach Istanbul schmuggeln will, damit der in Deutschland Illegale in der Heimaterde begraben werden kann. Im gleichnamigen Film von Fatih Akin, der in diesem Sommer im Kino zu sehen war, hat er einen gefährlichen Schneidezahn aus Gold. Ansonsten wollen sie, was alle jungen Leute wollen: bumsen, kiffen, abfeiern, jobben, nie erwachsen werden und dann und wann gegen den Trott des normalen Lebens rebellieren.

Bei Feridun Zaimoglu sieht diese Rebellion ganz anders aus. Ins ganz normale hier und deutsch möchte der sich beileibe nicht assimiliert sehen. Der befruchtende Mikroorganismus, mit dessen Verbreitung im deutschen Volkskörper er ironisch jongliert, ist weniger der osmanische als der kanakische. Der Schriftführer von »Kanack Attack« protokolliert seit Jahren den hybriden Slang von Migrantenkindern der zweiten und dritten Generation als Rebellionsvehikel gegen den elaborierten Code der deutschen Mehrheitsgesellschaft mit ihrer Neigung zur Ausgrenzung. Folglich produzieren sich in seinem ersten Roman zwei Kanaksters gegen die braven Mittelscheitelbubis aus Almanya. Wie es sich für die Ghettokollegas von der Strasse wahlweise in Lederjacke, offenem Hemd und hautenger Jeans oder in Plastikmontur gehört, bevorzugen sie die gesprochene Sprache. Deshalb entfaltet sich Zaimoglus Liebesgeschichte auch in einem Dialog, dem Briefwechsel zwischen dem Autor Serdan und seinem Freund Hakan, einem arbeitslosen Gelegenheitsstudi.

»Geschätzter Latrinenkumpel - Hochverehrter Sammler der heiligen Vorhäute Christi« - mit der Mischung aus herber Begrüßung und liebevoller Verwünschung, mit der man einen Ghetto-Rap einleitet, überschreiben die beiden ihre Briefe, in denen sie sich von ihrem alltäglichen Unglück berichten. Weitschweifig, prahlerisch schmücken sie jedes Detail aus. Hier wird keine Integrationsidylle beschworen, sondern drastisch Differenz markiert. Hakan gibt sich jede Mühe, als prolliger Kanake und nicht so »scheißzivilisiert wie'n Aleman-Bub« dazustehen, als Schlüpferstürmer und fleischgeiler Kaukasierhunne. Auch wenn er vor einem Strandausflug mit deutschen Freunden schon mal ne Ganzkörperrasur vornimmt, um die Mädels nicht mit dem Anblick eines behaarten Hormonzombies zu verschrecken. Das ewige Hungermaul träumt von einer Karriere als Pornostar oder versucht sich erfolglos als nächtlicher Schwanräuber im Park. Aber was ihn neben der Frage, wie man an Knete rankommt, am meisten beschäftigt, ist, wie er die deutsche Tussy Jacqueline in der Wohnung über ihm endlich flachlegen kann. Die ist zwar ne »Esobratsche«. Aber doch obergeil. Zaimoglu behängt seine Kanaken zwar schwer mit all den Merkmalen, die er bislang als Protokollant zusammengetragen hat. Und will die Rechtschreibreform mit dem eifrigen Gebrauch von Slangsprache a la Rondewu, Restoran und Taxischofför forcieren. Und ob sich seine Kümmeltürken wirklich so viel Mühe mit Briefen geben würden, die doch heute alle ins SMS verliebt sind?

So unterschiedlich Özdogan und Zaimoglu sein mögen, der Punkt, an dem sich die beiden treffen, ist das Dazwischen. Nicht nur, dass in beiden Romanen zur Abwechslung einmal die Blickrichtung nach Südosteuropa geht. Bei Özdogan ist es vor allem die Bereitschaft zur Grenzüberschreitung. Weil David die schöne Melem nicht vergessen kann, die Frau mit der Glückssonne auf dem Rock, die er abends auf einem Straßenfest kennengelernt hat und von der er nur noch weiß, dass sie eine Verabredung unter einer Brücke in Istanbul hat, fährt er ihr quer über den Balkan hinterher. Dicht gefolgt von der in ihn verknallten Juli, die er als Tramperin auf der Autobahn aufgabelt. So oft wie sie sich in diesem naiven road-movie auf tausend Umwegen von einem Land ins andere hangeln, wird hier humorig die Grenze entmystifiziert. Zwischen Rumänien und Ungarn schwindeln sie dem Zöllner eine Heirat über dem Schlagbaum samt Kuss vor, damit der sich erweichen lässt, sie ohne Pass über die Grenze zu lassen. Özdogans simple und eindimensionale Prosa bemüht das Klischee von der grenzüberschreitenden Kraft der Liebe allzu platt. Doch während die junge deutsche Literatur immer nur die deutsche Mitte bestaunt, hat man hier immerhin einen Schuss transnationalen Bewusstseins.

Komplizierter ist die Lage bei Zaimoglu. Denn der eine seiner Ghettogangster ist, was sein Freund Hakan »Assimili-Ali« nennt - ein von der westlichen Aufklärung bereits angekränkelter Deutschländer. »Du in der Heimat Gestrandeter« macht sich Hakan über Serdar lustig. Der steckt im doppelten Dazwischen fest. Er ist Deutschländer, der in Deutschland lebt, jedoch nicht ganz zu Hause ist, aber in der Türkei, in die er wegen einer Identitätskrise für eine Besinnungspause zurückkehrt, auch keine Heimat mehr findet, als »Deutschlandschmutz« beschimpft wird. Sinnbild der Krise die plötzliche Impotenz nach der vermasselten Liebesgeschichte mit seiner deutschen Freundin Anke. Für Hakan ist das Problem ganz einfach: »Ihr seid so scheißvornehm, dass ihr vergessen habt, wie man mit Karacho fickt oder, damit du's raffst, Liebe macht. Ihr seid Dudenschwätzer, also geht ihr nach Definitionen, nur Pint und Muschi sind einfach da und warten, dass die Säfte quirlen.« Er schickt ihm eine Erektionspumpe. Doch mag Serdar noch so sehr mit den Eltern wie früher abends Kürbiskerne knacken und Aschure aus Kichererbsen und Rosenwasser löffeln - er bleibt ein »Anatolier mit schiefem Herzen, weder Fisch noch Fleisch«, wie er Hakan mit einigem Selbstmitleid nach Deutschland schreibt. Erholt, aber ratlos fliegt er nach vier Monaten nach Deutschland zurück. Als eigenständiger Autor muss Zaimoglu aufpassen, dass er sein Kanak-Motiv nicht zu Tode reitet. Aber mit seinem ersten Roman gelang ihm ein respektloser, komischer und praller Gesang einer gemischten deutschen Identität. Maxim Biller, der Feind der »Schlappschwanzliteratur«, hatte, trotz Sedars »Vollgliedlähmung«, seine Freude daran.

Hilft es, der deutschen Heimatsucht noch einmal das Bild des heimatlosen Bastards entgegenzuhalten? Wenn das schon die heimatlosen Juden der zweiten Generation nicht geschafft haben? Zwei Liebesgeschichten mit Symbolcharakter: die Beziehungskisten bei Özodogan und Zaimoglu spielen zwar - einmal euphorisch, einmal ironisch-skeptisch - in den transnationalen Kontaktzonen und Übergangsräumen der Welt von heute. Tiefer vermischt sich da aber nichts. Melem und Isa bleiben zusammen. Am Ende finden sich die beiden Deutschen David und Juli. Und Zaimoglus Serdar verliebt sich zum Schluss in seiner alten Heimat in die schöne Türkin Rena. Eine Sperma-Attack wird es da erst mal nicht geben.

Selim Özdogan: Im Juli. Roman. Europa-Verlag. Hamburg/Wien 2000, 188 S., 24, 50 DM

Feridun Zaimoglu: Liebesmale, scharlachrot. Roman. Europäische Verlagsanstalt/Rotbuch-Verlag, Hamburg 2000, 298 S., 36.- DM

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