Links schwenkt, marsch!

Kunstbiennale Die vier Frauen des kroatischen Kuratoren-Kollektivs "What, How&for Whom" fahren auf der 11. Internationalen Kunst-Biennale in Istanbul schweres politisches Geschütz auf

Mustafa Koc ist eigentlich kein Mann der Kunst. Der schwerreiche Industrielle wird in der Türkei als erfolgreicher Geschäftsmann gefeiert und segelt gern. Sein Familienunternehmen, die Koc-Gruppe, gehört zu den größten Unternehmen des Landes: ein weltweit agierender Elektrokonzern, zu dem schon seit ein paar Jahren die einstmals deutsche Marke Grundig gehört – ein global player par excellence.

Trotzdem hat es sich Koc nicht nehmen lassen, persönlich zur Pressekonferenz der 11. Istanbuler Kunst-Biennale vergangenen Donnerstag zu erscheinen. Der schwergewichtige Mann mit dem Wangenbart und dem geröteten Gesicht, 49 Jahre alt, ist braungebrannt vom Urlaub. Leger im blauen Anzug und offenen rosa Hemd sitzt er an einem langen Konferenztisch in einer staubigen Lagerhalle am Istanbuler Hafen. Für neun Jahre ist die Koc-Gruppe Hauptsponsor der kleinen, aber feinen Biennale an der Schnittstelle zwischen Asien und Europa. Und so sagt Mustafa V. Koc sein obligatorisches Sprüchlein auf.

Wie wichtig die Kunst für Istanbul ist. Wie er die provokative Kraft der Kunst schätzt. Dass sie eine Investition in die Kreativität künftiger Generationen ist. Dass die Stadt, 2010 Kulturhauptstadt Europas, eine Drehscheibe der internationalen Kunst werden kann. Und: Wie froh er ist, dass seine Firma diese ruhmreiche Biennale, die von der Istanbuler Stfitung für Kunst und Kultur organisiert wird, nun so lange unterstützen darf. Koc, in einer Mischung aus enthusiastisch und majestätisch: "Wir sind so begeistert über unsere Entscheidung wie am ersten Tag".

Ob er das nach der Pressekonferenz auch noch gesagt hätte? Denn was die vier Damen zu seiner Linken wenige Minuten später zu sagen haben, dürfte ihn wenig begeistert haben. Ivet Ćurlin, Ana Dević, Nataša Ilić und Sabina Sabolović haben schon zu Beginn der Pressekonferenz ihr grimmigstes Lächeln aufgesetzt. Die vier bildschönen jungen Kunsthistorikerinnen aus Zagreb, die dort die Galerija Nova leiten, treten als Kollektiv auf. Sie nennen sich: „WHW – What, How whom“. Was so viel heißt wie: "Was, Wie und für wen?" Und wie ein Kollektiv sprechen sie auch.

Biennale in Zahlen

Ohne ein Zeichen persönlicher Begeisterung legen sie im Wechselsprech eine Statistik der Biennale vor, die jeder Bilanz-Pressekonferenz Ehre gemacht hätte: 28 Prozent der Künstler der Istanbuler Schau kommen aus dem Westen, 72 Prozent aus dem Rest der Welt. 30 der 70 Künstler sind Frauen, 32 Männer, 5 sind Kollektive, 3 Projektgruppen. Selbst die Kosten werden offengelegt: 5 Prozent der Kosten gehen für die Kuratoren drauf, 5 Prozent für Publikationen; 14 Prozent des Budgets verschlingen die Künstlergagen, 49 Prozent die Ausstellungskosten und 27 Prozent die Werbemaßnahmen. Und eine wichtige Zahl geben sie auch bekannt: 25 Prozent des Etats stammen von Sponsoren, Sponsoren wie Koc.

Vier Kuratorinnen sind ein Novum in der weltweiten Biennale-Geschichte. Dass sie weg von der Übung wollen, dass ein Kurator mit großer Geste als ästhetischer Sinngeber und machtvoller Zampano auftritt, ist sympathisch. Am feierlichen Eröffnungsabend vor Hunderten geladenen Gästen, an ihrer Spitze der türkische Kulturminister Ertugrul Günay, lassen sie sich von weiblichen Doubles vertreten. Teamwork und Transparenz, Zahlen, Daten und Fakten sind ihnen wichtiger als die Einzelpersönlichkeit und blumige Erklärungen. Das zeigt schon das Logo der Biennale.

Die vier haben sich Bertolt Brecht zum Ahnherrn ihrer Biennale gewählt. Seinen Spruch aus der Dreigroschenoper "Denn wovon lebt der Mensch" haben sie als "Was hält die Menschheit am Leben?" übersetzt und in Buchstaben nach Art der Konstruktivisten gedruckt, die für die Russische Revolution fochten. Und auch die Begründung für ihr kuratorisches Motto klingt mehr nach einem politischen Manifest. Vor rund 500 Journalisten aus aller Welt liefern die WHW-Damen eine halbstündige Kritik des Kapitalismus neoliberaler Prägung, die in dem Satz gipfelt: „Sozialismus oder Barbarei“. Rosa Luxemburg wird beschworen. Die Politisierung der Kunst gefordert: "Dies ist unsere Aufgabe". Danach herrscht erst einmal fassungsloses Staunen.

"Every bourgeois is a criminal", schreiben die Kuratorinnen in Anlehnung an Brecht in ihre Biennale-Zeitung, die stilgerecht den Namen The Dreigroschen Times trägt. Und wenn man die drei Ausstellungsorte verlässt: ein Lagerhaus im Istanbuler Hafen, ein altes Tabakwarenlager in einer weniger touristischen Ecke der Altstadt um den Galata-Turm und eine aufgegebene Schule im Nobel-Stadtteil Sisli, gibt man ihnen sofort recht, soviel Elend hat man gesehen.

Vom Leid der Palästinenser, von einer Welt im Würgegriff des Finanzkapitals und der Geheimdienste, vom Krieg im Libanon und von Folteropfern auf der ganzen Welt, von der verratenen Perestroika Michail Gorbatschows und dem alten und neuen Idol Lenin erzählen die rund 140 Werke von 70 Künstlern. Überall in den Ausstellungsräumen hat die kroatische Künstlerin Tanja Iveković leuchtend rote, zusammengeknüllte DIN A4-Zettel verstreut, auf denen die türkische Regierung aufgefordert wird, Frauenrechte durchzusetzen.

Agitation: Turn left

Auf den Fußböden findet man alle paar Meter einen stempelartigen Abdruck mit der unmissverständlichen Aufforderung: "Turn left". Angesichts dieses Massenaufgebots politischer, ja agitatorischer Kunst wirkten die Störaktionen gegen die "Sponsorenkunst", mit denen Istanbuler Kunstaktivisten die Eröffungszeremonie aufzumischen versuchten, eingermaßen deplatziert.

Istanbul ist traditionell eine sehr politische Biennale. Zu ihren aufschlussreichen Seiten gehört aber auch, dass man hier die Schokoladenseiten der Bourgeoisie türkischer Prägung kennen lernen kann – neben ihrem grellen Selbstdarstellungsbedürfnis. Das Kunstmuseum Istanbul-Modern beispielsweise, gleich vis à vis der Biennale-Ausstellungshalle im Hafen, wird von der Industriellen-Familie Eczacibasi unterhalten. Nach der Familie Koc der zweite Clan im Triumvirat der generösen Familienimperien, ohne deren Hilfe es in der Türkei kaum zeitgenössische Kunst gäbe.

Der große graue Kasten mit der rechteckigen roten Statue davor war auch einmal ein Ausstellungsort der Biennale. 2003 hatte es der Amerikaner Dan Cameron zum ersten Mal aufgegeben, Touristenattraktionspunkte wie die Hagia Sophia oder die antike Yereban-Zisterne zu bespielen. Er wollte die Kunst in den Alltag der Megalopolis am Bosporus holen und fand das verrottete Hafengelände, in dem Frachtcontainer ankern und russische Migranten vom Schwarzen Meer ankommen. Fünf Jahre nach seiner Gründung ist das Istanbul Modern zu einem vielbesuchten Veranstaltungsort und zu einem veritablen Treffpunkt der Intellektuellen geworden – winziger Nukleus einer aufgeklärten Zivilgesellschaft, in einem Land, in dem der religiöse Diskurs an Zulauf gewinnt.

Vollends angetan von den kulturellen Modernisierungsanstrengungen der türkischen Bourgeoisie ist man nach einer Biennale-Bootstour am Bosporus. Auf der Terrasse einer eindrucksvollen historischen Villa im Istanbuler Stadtteil Emirgan, kurz vor dem Schwarzen Meer, empfängt Nazan Öker, Direktorin des privaten Sabanci-Museum eine Gruppe von Journalisten und Künstlern mit ausgesuchter Höflichkeit und einem opulenten Frühstücksbuffet.

Die Sabancis, noch ein türkischer Weltmischkonzern, dem fast die halbe Türkei gehört, sind die Dritten im Bunde der großen türkischen Sponsoren. Für die Besucher aus dem Westen lässt man sich nicht lumpen. Nach dem Brunch vor der malerischen Kulisse des Bosporus kann man die Ausstellung besuchen, die das Museum zusammen mit der Kunstabteilung der Deutschen Bank zeitgleich zur Biennale präsentiert: Joseph Beuys: Künstler, Aktivist und Lehrer! Kann man einer Bourgeoisie zürnen, die solche Vorbilder hat?

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17:00 13.09.2009
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Ausgabe 42/2021

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