Maler als Medium

Begleitstimme Zwei Ausstellungen in Leipzig und München als Geschenk: Pünktlich zu seinem 50. Geburtstag steigt der ­Leipziger Maler Neo Rauch zum Nationalrätsel auf

Ist Neo Rauch der Vorbote eines neuen Konservatismus? Diese Frage steht unübersehbar im Raum. Auch wenn dem Leipziger Maler derzeit alle zu Füßen liegen. Wann hat es das zuletzt gegeben, dass einem deutschen Künstler zu seinem 50. Geburtstag eine doppelte Retrospektive ausgerichtet wird wie jetzt im Leipziger Museum der bildenden Künste und in der Münchener Pinakothek der Moderne? Und der Kulturstaatsminister von einem „Ausnahmekünstler“ und „Weltstar“ jubelt? Trotzdem steht das Geburtstagskind unter so etwas wie Ideologieverdacht. Schon die Kategorie „konservativ“ klingt bei einem Maler unangemessen ideologisch. Die Futuristen liebäugelten mit dem italienischen Faschismus. Trotzdem käme keiner auf die Idee, Umberto Boccionis Platz in der Kunstgeschichte anzuzweifeln. Ganz unberechtigt ist die Frage nach den geistigen Triebkräften Rauchs hinter den Bildern aber nicht. Über Ernst Jünger sagte der Künstler einmal: „Ich verdanke ihm viel. Als ich mich darum bemühte, was mich charakterisiert, war er meine Begleitstimme“.

Sehnsucht nach Tafelbildern

Bei der Frage nach der „Rückschrittlichkeit“ von Rauchs Werk sollte man sich an den Aufstieg eines anderen „Malerfürsten“ erinnern: Markus Lüpertz. Als der spätere Düsseldorfer Akademiepräsident nach seiner „Dithyrambischen Malerei“ zu Beginn der siebziger Jahre plötzlich „deutsche Motive“ wie Stahlhelme, Schaufeln und Flaggen in suggestiven Farben auf die Leinwand warf, sahen viele eine reaktionäre Zeitenwende dämmern. Doch der Neoliberalismus dürfte Deutschland nachhaltiger verändert haben als ein positionierungswütiger Maler. Und wer sich gern vor seinen eigenen Bildern „wegduckt“, wie Rauch behauptet, den wird man kaum als schneidigen Konservativen bezeichnen können, eher schon als sanften.

Trotzdem: Ende der neunziger Jahre muss bei Rauch ein Umschwung eingesetzt haben. In Reaktionäre Situation aus dem Jahr 2002 kann man noch beide Welten sehen. Die flächige Malweise, die herren- und funktionslosen Gegenstände aus volkseigener Produktion, Häuser und Menschen, die Kulissen gleichen. In einer Sprechblase ist das Alphabet der Farben aufgelistet, aus dem sich der Maler bedient. Doch der Mann, der im grünen Wams auf dem gemähten Feld kniet und die Hände zum Beten faltet, gleicht schon den Gestalten im Biedermeierlook oder französischen Gehröcken und den ernsten Gesichtern, die von nun an seine apokalyptischen Tableaus bevölkern. Von der Plakatmalerei zum Historienschinken: Seit dem schleichenden Frontwechsel bedient Rauch eine Sehnsucht, die nie verschwindet– nach dem echten, großen Maler, nach dem ewigen Leben des Tafelbilds.

Ohne die Zeitenwende von 1989 hätte es das Phänomen Rauch vielleicht nie gegeben. Er amalgamierte die Traditionen der Leipziger Schule und des DDR-Comics Mosaik. Damit gelangen ihm faszinierende Bilder der Übergangszeit und des Systemwechsels, in denen auf einer Metaebene auch immer die Frage nach der Malerei zwischen Abstraktion und Figuration verhandelt wurde. Die Not dieser hybriden Außenseiterposition, die er nach der Wende im Westen zur Tugend machen musste, löste er in einer piktorialen Monokultur auf. Endgültig zur Speerspitze einer Gegenavantgarde avancierte er im vergangenen Jahr, als er gegen die Nachfolge des Kölner Medienkünstlers Ottersbach auf der Professur für Malerei polemisierte, die er selbst gerade niedergelegt hatte.

Ob Rauch es will oder nicht: Er befriedigt die Bilderbedürfnisse einer konservativen Elite, die Malerei als solche erkennen will. Und die Bilder aus amerikanischen Privatsammlungen, die in den Ausstellungen in Leipzig und München erstmals öffentlich zu sehen sind, zeigen, wie er Projektionen bedient: vom Kalten Krieg, dem Sozialismus und der ernsten deutschen Kunst. Ein Ausweg aus diesem selbstgezimmerten Gefängnis ist nicht in Sicht. Die „Neuen Rollen“, die er in seiner vielversprechend betitelten Ausstellung in Wolfsburg vor drei Jahren in Aussicht gestellt hatte (Freitag vom 24. November 2006), sind auch auf seinen jüngsten Bildern die alten geblieben. Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass Rauch die Moderne mit der Malerei ausschütten will.

Ausführendes Organ

Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen. Diesen Befehl will der Maler Sigmar Polke Ende der sechziger Jahre erhalten haben. Mit seinem, inzwischen geflügelten Spruch ironisierte er damals den Fetisch des kreativen Impulses, den der geniale Maler in der Einsamkeit seines Ateliers empfängt. Rauch nimmt jede Ironie aus diesem Satz. Wie er überhaupt auf „Arbeit und Konzentration“ setzt. Doch wer den scheinbaren Reaktionär über seine Ikonologie entlarven will, wird nicht weit kommen. Denn der naive Glaube an die Abbildbarkeit der Welt, die man aus einer Entscheidung für die Figuration lesen könnte, unterminiert er stets unmerklich. Man wird Rauchs Bilder als überdeterminiert, statisch und düster abtun können. Doch nie stimmen die Perspektiven, zu beziehungslos stehen erratisch wirkende Figuren in irrealen, fantastischen Situationen, als dass man sie umstandslos als Belege eines retrograden Dystopismus nehmen könnte. Mit ihrer „rätselhaften Vielschichtigkeit“ (Bernd Neumann) sind sie inzwischen in den Rang eines nationalen Kulturguts aufgerückt. Wenn vom Konservatismus des Neo Rauch zu reden ist, dann anhand der Art und Weise, wie er die Kunst zur übernatürlichen Schöpfung stilisiert und sich selbst zum ausführenden Organ dieser metaphysischen Alchemie. In seiner somnambulen Rhetorik spricht er dann gern von „Zureichungen“ und „Zuströmungen“. Die Ideen seiner Malerei kämen zu ihm wie die Romane zu Julien Green gekommen seien. „Ich freue mich und warte auf diese Metamorphosen der Erfahrungen und Inspirationen“, sagt Neo Rauch. Mit ihm wird der Maler wieder zum Medium.

Neo RauchBegleitung. Vom 18. April bis 15. August 2010, Museum der bildenden Künste Leipzig

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

14:00 23.04.2010
Geschrieben von

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare