Rauch und Rausch

Kunstgeschichte Ist Neo Rauch ein Surrealist? Gestern unterhielt sich der Leipziger Malerstar mit dem Kunsthistoriker Werner Spies in der Berliner Nationalgalerie

Wer dieser Tage nichtsahnend die Ausstellung Bilderträume in der Berliner Nationalgalerie durchstreift, macht eine interessante Erfahrung. Solide Werte, denkt sich der Besucher. Gut abgehangene Klassiker. Eine tolle Mischung von Max Ernst pber René Magritte bis Jackson Pollock und vielen anderen Künstlern, die das Sammlerpaar Ulla und Heiner Pietzsch jahrzehntelang in seinem Berliner Haus zusammengetragen hat.

Doch ganz am Ende, kurz vor dem Ausgang, trifft man unversehens auf das Bild eines höchst lebendigen Zeitgenossen. Am Wegrand einer ländlichen Szenerie liegt eine Kutsche nach einem Radbruch. Teile des verloren gegangenen Rades kreisen schwerelos im Raum. Drei altertümlich gekleidete Männer stehen um eine benommen wirkende Frau im orangefarbenen Kleid, die halb liegt, halb schwebt. Im Hintergrund sieht man die grauen Gebäude einer Farmanstalt. Ein typischer Neo Rauch. Mit seinem Werk Fluchtversuch von 2008 haben die Pietzschs ihre kostbare Sammlung gekrönt – überwiegend Surrealisten.

Wie kommt der Mann da herein? Lebt der Surrealismus immer noch? Ist er 1938 doch nicht untergegangen? Als die Surrealisten, ein Jahr vor dem Zweiten Weltkrieg, ihre letzte große Gemeinschaftsschau veranstalteten? Auch nicht Ende 2007? Als mit dem französischen Schriftsteller Julien Gracq der letzte lebende Zeuge der einflussreichsten Kunst-Revolution des 20. Jahrhunderts starb? Ist der 1960 geborene Neo Rauch aus Leipzig der legitime Nachfolger André Bretons?

Fortsetzung des Traum

Ganz neu ist der Gedanke nicht, dass Deutschlands, nach Gerhard Richter inzwischen bekanntester Maler, im Grunde irgendwie ein Surrealist ist. Schon vor zwei Jahren, im Vorfeld der großen Retrospektive Neue Rollen im Wolfsburger Kunstmuseum (Freitag 47/2007), hatte der Kunsthistoriker Werner Spies, 23 Jahre früher geboren als Rauch, einst Chef des Pariser Centre Pompidou, ein Freund Marcel Duchamps und Louis Aragons, mithin ein Augenzeuge des Surrealismus, auf die frappierende Formverwandtschaft hingewiesen hatte und nach einem ausgedehnten Atelierbesuch in der Leipziger Baumwollpinnerei befand: „Es ist Neo Rauch gelungen, bei der Tradition eines surrealistischen Verismus anzuknüpfen“.

Rauch selbst sieht das offenbar ähnlich. Zwar verweist er gern auf seine legendären Bilderstreifen, die leeren Comic-Sprechblasen, auf "Bastelanteile" und den Collagecharakter seiner Kunst. Die Formel von der Pop-Art mit ostdeutschem Akzent greift aber womöglich wirklich etwas zu kurz. Denn mit dem Zitat: "Für mich bedeutet Malen die Fortsetzung des Traums mit anderen Mitteln" hatte er sich selbst und die ratlosen Interpretationskohorten gleich wieder auf die entgegengesetzte, surrealistische Schiene gehievt. Und sehen die blauschwarzen Wülste auf dem Bild Teer aus dem Jahr 2000 nicht wie Salvador Dalis zerfließende Uhren aus?

Wie von der zitternden Hand der ecriture automatique, dem surrealistischen Kernverfahren, scheinen Rauchs requisitenreiche Bühnenbilder nun aber auch wieder nicht gesetzt. Nichts ist hier Zufall und Intuition überlassen, alles ist hier sorgsam kalkuliert und akribisch ausgeführt. Wenn er einem Surrealismus zugehört, dann sicher dem, der die „Allmacht des Traums“ entfesseln wollte, von der André Breton in seinem Surrealistischen Manifest von 1924 spricht. Insofern erinnert Rauch eher an die Phantasien René Magrittes als an die intutiven Linien eines André Masson oder die Collagen und Frottagen eines Max Ernst. Bei einem Gespräch mit Werner Spies gestern abend in Berlins berstend voller Nationalgalerie am Potsdamer Platz bekräftigte Rauch noch einmal die kunsthistorische Wahlverwandtschaft. Und trotzdem bleibt ein wichtiger Unterschied.

Der Surrealismus des 20. Jahrhunderts war dynamisch. Er wollte die Gesellschaft revolutionieren, mit der Mobilisierung des Unbewussten quasi das Innen nach außen kehren. Zwar konnte der Berliner Philosoph Walter Benjamin dem „Traumkitsch“, wie er den Surrealismus zunächst verspottete, nichts abgewinnen. Begeisterte sich aber unter dem Eindruck seiner Paris-Aufenthalte mehr und mehr für die energetische Kraft der neuen Bewegung und ihre avantgardistischen Techniken. 1929 warb er schließlich in einem neue Aufsatz für eine erregende Perspektive: „Die Kräfte des Rausches für die Revolution gewinnen, darum kreist der Sürrealismus in allen Büchern und Unternehmen“.

Bis auf den Grund

Damit scheint auch Rauch zu liebäugeln, wenn er beschreibt, wie er, als junger Mann in der DDR, das „Pochen des Wahnsinns genossen" habe, als er in Knaurs Lexikon der Kunst zum ersten Mal Bilder der Surrealisten entdeckte. Mit den Worten: „Es schlug durch bis auf den Grund“ beschrieb er gestern in der Nationalgalerie noch einmal diese prägende Erfahrung.
Kein Wunder. War sie doch das genaue Gegenteil zum dekretierten Materialismus des real existierenden Sozialismus. Damit liegt Rauch in der Logik Bretons, der der „Herrschaft der Logik“ den Kampf ansagen wollte und stattdessen auf die „seltsamen Kräfte“ in den „Tiefen unseres Geistes“ setzte.

Doch das, was Rauch dort schließlich zu Tage förderte und zur Leinwand brachte war das (nach der Wende herren- und funktionslos gewordene) Formenvokabular der DDR, das er in seiner Kindheit gespeichert hatte; nicht so sehr die unterdrückten Träume. Auf die surrealistischen Verfahren bezog er sich, wie er sagte, auch eher als „Rückzugsraum“ und „Fluchtort“. Ein Mann der Manifeste und Bewegungen, der öffentlichen Proklamationen und Aktionen wie sie die Surrealisten der zwanziger und dreißiger Jahre betrieben, ist der zurückgezogen lebende und arbeitende Neo Rauch bis heute nicht geworden: "Parteiungen sind mir ein Gräuel" sagte er in Berlin mit der charakteristisch leisen, suchenden Stimme.

Der Leipziger Maler ist inzwischen ein Mega-Seller auf allen Messen. Erst kürzlich erwarb der amerikanische Schauspieler Brad Pitt für knapp eine Million Euro in Basel ein Werk von ihm. Rauch versteht seine Malerei bewusst antikonzeptuell. In dem Gespräch mit Spies amüsierte er sich über die „elektronischen Kabinette“ und „Denkstuben“, die die Kunst der neunziger Jahre dominiert hätten. Malerei ist für ihn "Diaspora" und "Heimat". Darin liegt ebenso ein konservatives Element seiner Kunst wie in der Tatsache, dass sich seine Bilder von flächigen Bilderrätseln und offenen Konstellationen immer mehr zu manierierten Historienbildern im altmeisterlichen Stil verfestigen. Trotzdem geht von ihnen eine verstörende Kraft aus, denen sich keiner entziehen kann: „Kaum ein Werk hat mich je so beschäftigt wie Ihres“ gestand Udo Kittelmann, der neue Direktor der Berliner Nationalgalerie und ausgewiesener Verfechter der jüngsten Moderne, gestern abend seinem Gast.

Mag auch den neuen Medien des digitalen Zeitalters inzwischen jener „unmäßige und leidenschaftliche Gebrauch des Rauschgiftes Bild um seiner selbst willen“ viel besser gelingen, in dem der Schriftsteller Louis Aragon einst die Aufgabe des Surrealismus sah. Das Grundanliegen des Surrealismus – der Aufstand der Sinne, die Behauptung des Gefühls, das Beharren auf der Intuition – ist in einer radikal durchtechnisierten Welt der globalen Kalküle aktueller denn je. Mit Neo Rauchs Bildern ist der Ästhetik des Virtuellen ein veritabler Herausforderer erwachsen. Weil es starke Bilder sind. Sollte es am Ende dann doch die Kunst sein, die Aragons „unvorhersehbare Umwälzungen und Metamorphosen bewirkt“?

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15:00 24.06.2009
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Ausgabe 43/2021

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