Warten auf den Kuss

Biennale Revolution geht durch die Augen. Die 11. Istanbul-Biennale birgt die mutmaßlich größte Ansammlung politischer Kunst seit Jahren. Die Kunst bleibt dabei auf der Strecke

Im Islam sind alle Menschen Brüder.“ Nachts kann man den riesigen Schriftzug am besten sehen. Zwischen den Minaretten der Eyüp-Moschee am Großen Basar Istanbuls leuchten Hunderte Glühbirnen die Botschaft aus der traditionellen Altstadt am Goldenen Horn hinüber in den europäischen, modernen Teil Istanbuls auf der anderen Seite der Landzunge. Sage keiner, der vormoderne Islam verstünde sich nicht auf modernes Marketing.

So selbstgewiss wie die Religion die Verwirklichung eines Menschheitsraumes für sich reklamieren kann, so schwer dürfte das „der Gesellschaft“ fallen. Mag sie es seit der Französischen Revolution auch unaufhörlich versucht haben: Von fraternité ist die Gemeinschaft auf Erden weit entfernt. „Wovon lebt der Mensch?“ – die zynische Frage, die Bertolt Brecht 1929 Mackie Messer in der Dreigroschenoper stellen lässt, ist 80 Jahre später schnell beantwortet. Immer noch unterdrücken sich die zu Brüdern Bestimmten, statt sich zu befreien.

Die Frage nach einem Ausweg aus dieser deprimierenden Logik ist nicht wirklich neu. Doch Ivet Ćurlin, Ana Dević, Nataša Ilić and Sabina Sabolović wollten mehr als nur darüber jammern. Als man die vier engagierten Kunsthistorikerinnen aus Zagreb vor knapp zwei Jahren überraschend zu Kuratorinnen der Istanbul-Biennale wählte, erinnerten sie sich an Brecht, übersetzen seine Frage mit „What keeps mankind alive?“ und machten sie zum Motto der 11. Biennale. Könnte man, so ihre Überlegung, die neoliberalen Verhältnisse, die diese ewige Unterdrückung mit der Formel von der „Vielfalt“ besonders hübsch bemänteln, womöglich mit der Kunst zum Tanzen bringen?

Die originelle Idee hat zur mutmaßlich größten Ansammlung politischer Kunst seit den Documentas von Catherine Davids und Okwui Enwezors 1997 und 2002 geführt. 70 Künstler aus 40 Ländern – überwiegend Frauen, die wenigsten kommen aus dem Westen, sattsam bekannte Stars fehlen – dürfen sich in den drei Istanbuler Ausstellungsorten ausbreiten. Unter 140 Werken findet sich nicht eine Arbeit, in der nicht wenigstens eine Art der Unterdrückung angeprangert wird – von der Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt über Krieg und Frieden in Nahost bis zum immer noch dräuenden Damoklesschwert des Atomtods.

Gorbatschow zu Ende denken

Die Bandbreite in den Ausstellungsorten kennt eindringliche Positionen wie der Fotoserie öffentlicher Hinrichtungsplätze des syrischen Künstlers Hrair Sarkissian. Man findet aufschlussreiche Arbeiten wie Zeina Maasris Archiv politischer Plakate aus dem Libanon – die Ikonographie einer Gesellschaft im permanenten Kriegszustand. Und man kann vergessene Künstler wieder entdecken. Yüksel Arslan hat seine Bilder einfach Kapital genannt. Schon in den siebziger Jahren sah der 1933 geborene Künstler, der heute in Paris lebt, das Medium, das auch die Welt von heute im Griff hält, als Hand über einer Stadt schweben.

Bei der Darstellung wollen es die Künstler von heute nicht belassen. 1982 hatte die kroatische Künstlerin Sanja Iveković noch in lustigen kleinen Zeichnungen die Revolution als roten, grünen und violetten Frosch dargestellt, vor dem eine junge Prinzessin steht und sich nicht entschließen kann, ihn durch einen Kuss zum Leben zu erwecken. Inzwischen bevorzugt sie die direkte Aktion. Überall in der Ausstellung hat sie zerknüllte rote Flugblätter auf den Fußboden verteilt, auf denen die türkische Regierung aufgefordert wird, mehr für die Rechte von Frauen zu tun.

Auffällig viele osteuropäische Künstler rufen ganz unvoreingenommen das pathetische Vokabular der Russischen Revolution neu auf wie Vyacheslav Akhunov in seinen Collagen aus Leninbüsten und Marx-Plakaten. Die Biennale selbst spielt mit diesem Referenzpunkt. Die Kuratorinnen traten als Kollektiv „What, How and for Whom“ auf. Und ihr Logo mit dem Brecht-Motto sieht aus, als wäre es von den Konstruktivisten erfunden worden, die in der Frühphase der Russischen Revolution den Ton angaben – bevor Stalin kam.

Trotzdem versteht man schon, dass die Relegitimierung des Sozialismus nicht alte Geister wiederauferstehen lassen, sondern in Richtung Basisdemokratie gehen soll. Die Petersburger Künstlergruppe „Whats left to be done“, hat sich zwar ausdrücklich nach dem berühmten Lenin-Aufsatz: Was tun? benannt. In ihrem Perestroika Songspiel, einer Mischung aus Theateraufführung, Zeitung und Wandmalerei listet sie die unvollendete Agenda des Michail Gorbatschow auf: Basisdemokratie, weltweite Entwaffnung, Kampf den globalen Problemen.

Man kann den vier Kuratorinnen eine der thematisch stringentesten Kunstaustellungen der letzten Jahre bescheinigen. Und es nötigte Respekt ab, wie sie zu ihrer feierlichen Eröffnung, Auge in Auge mit der millionenschweren Istanbuler Bourgeoisie, die das zweijährliche Kunstereignis immer wieder großzügig sponsert, ein radikales Manifest gegen den Kapitalismus neoliberaler Prägung vortrugen, das in der Beschwörung Rosa Luxemburgs und dem Bekenntnis gipfelte: „Sozialismus oder Barbarei“. Kein Zweifel: Hier wollten vier linke Aktivistinnen einmal austesten, wie weit man im System Kunstbiennale, diesem schillernden Hybrid aus ästhetischer Bedeutungsproduktion und Standortmarketing eigentlich gehen kann.

Schattenseite der Revolution

„Politisierung der Kultur“ gegen „Kulturalisierung der Politik“. Ob sie mit dieser Gegenüberstellung der Kunst einen Gefallen getan haben? Unter mehr als 100 Werken existiert so gut wie keines, bei dem etwas von der Ambivalenz zu spüren ist, die gute Kunst ausmacht. Noch die beiläufigste Arbeit geht in einer vordergründigen politischen Bedeutung auf. Die Jungen sollen dabei auch noch von den Alten lernen. Deshalb waren die Ölgemälde des 1934 geborenen deutschen Malers Marwan mit ihren missgestalteten Menschenfiguren ausgestellt. Oder die Versuche seines vier Jahre jüngeren Landmannes KP Brehmer, die Bewegungen des spekulativen Finanzkapitals in Öl zu fassen.

Spätestens wenn man über die stempelartigen Drucke Turn left überall auf den Fußböden lief, verwandelte sich der pädagogische Eros, der die Kuratorinnen bei dieser historischen Rückversicherung getrieben haben mag, in eine nervende Didaktik. Nur bei dem Video Good Night des iranischen Künstlers Jinoos Taghizadeh spürte man etwas von der Schattenseite der Revolutionshoffnungen. In einem in die iranischen Farben Rot, Weiß, Grün getauchten Raum schaukelt eine Hand einen schlummernden Säugling und wiegt ihn mit revolutionären Liedern in den Schlaf: Zusammen mit den fiktiven Passbildern von Kindern, über die Taghizadeh Schmetterlinge gemalt hat, entsteht ein Bild von den verratenen Märtyrern aller, auch der künftigen Revolutionen.

Vertane Chancen: Mit ihrer Intransigenz im Politischen verengt diese Biennale das Politische an der Kunst. Denn das bemisst sich nicht daran, wie plakativ die Kunst politische Konflikte bebildert oder politische Losungen unters Volk streut. Sondern daran, wie sie alltägliche Wahrnehmung aufbricht oder die Formen, die die Realität aufnötigt, mit anderen, neuen Formen konterkariert. Mit dieser Haltung fällt das WHW-Kollektiv letztlich hinter einen seiner eigenen Ahnherrn zurück: Joseph Beuys.

Dem Altmeister des ästhetischen Aktivismus und seinen Schülern ist in Istanbul eine Ausstellung in dem privaten Kunstmuseum der Industriellendynastie Sabanci gewidmet. Fraglich, ob die elegante historische Villa, die versteckt in einem Sommervorort Istanbuls liegt, wirklich der angemessene soziale Ort ist, um dem türkischen Publikum einen Mann wie Beuys nahe zu bringen. Auf einer Schautafel an dem Eingang zur Schau kann man aber den interessanten Satz lesen: „Kunst ist nicht dafür da, Wissen in direkter Form zur Verfügung zu stellen. Sie schafft vertiefte Wahrnehmung von Erfahrungen. Wenn das Thema zu schnell erkannt wird, gibt es keine Notwendigkeit für die Kunst“.

Liebe geht durch den Magen, Revolution muss auch durch die Augen. Zumindest darin sind alle Menschen gleich.

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11:15 17.09.2009
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Ausgabe 43/2021

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