Wir trinken auf den Tod

Rückwärtsgang In seinem neuen Film "Auf der anderen Seite" entdeckt Fatih Akin den Blues der Erinnerung

Türken und Europäer - das ist schon eine seltsame Geschichte. Eigentlich leben sie ganz friedlich neben- manchmal sogar miteinander. Trotzdem wollen ihnen Stoiber, Sarkozy Co einreden, sie seien fundamental verschieden. Orient und Okzident trennt für die EU-Fundamentalisten eine feste Grenze. Sie wollen, dass auch in Zukunft jeder auf seiner Seite bleibt.

Die einen hier, die anderen da. Mit dieser virtuellen Trennlinie spielt der neue Film des deutsch-türkischen Filmemachers Fatih Akin. Schon der Titel Auf der anderen Seite ruft jene unterschwellige Dichotomie auf, die Idee des Geschiedenseins. Von der Handlung wird sie aber beständig unterlaufen. Denn in diesem Film wechseln alle die Seiten. Der türkischstämmige Germanistikprofessor Nejat, der sich in Bremen um seinen verwitweten Vater Ali kümmert, kehrt in die Türkei zurück, weil er die Tochter der Prostituierten Yeter finden will, die sein Vater im Suff erschlagen hat. Yeters Tochter Ayten, die als politische Widerstandskämpferin in Istanbul im Untergrund lebt, flieht nach Deutschland und verliebt sich dort in die deutsche Studentin Lotte. Die fährt nun wieder sofort in die Türkei, als Ayten abgeschoben wird und versucht, sie aus dem türkischen Frauengefängnis zu befreien. Als Lotte tragisch stirbt, springt ihre schuldbewusste Mutter Susanne über ihren Schatten und fährt nach Istanbul, um zu vollenden, was Lotte dort begonnen hat.

Ob der geborene Geschichtenerzähler es so politisch gewollt hat oder nicht: Akin gelingt es in seinem Film die abstrakte Frage, ob die Türkei zu Europa gehört und umgekehrt, in die konkreten Schicksale von Menschen aufzulösen. Und zwar solche, die die Perspektiven öffnen. Migration ist in seinem Film keine Einbahnstraße. Deutsche wechseln genauso in die Türkei wie Türken nach Deutschland. Die Lebenswege hängen zusammen, kreuzen und verknüpfen, Identitäten vermischen sich. Politisch mögen sie noch auf unterschiedlichen Seiten stehen. Doch längst verbindet die Menschen in beiden Ländern ein ebenso dichtes Netz aus Gefühlen, Abhängigkeiten und Projektionen wie, sagen wir, zwischen Deutschland und Frankreich.

Trotzdem darf man Auf der anderen Seite nicht nur aus der politischen Perspektive betrachten. Auch wenn Lottes Mutter und Ayten beim Frühstück in Bremen einmal heftig über den EU-Beitritt streiten. Schließlich ist Akins Film der zweite Teil einer Trilogie, die den etwas reißerischen, aber herzlich unpolitischen Titel Liebe, Tod und Teufel trägt. So buchstabiert man halt heute Existentialismus. Troff dem heftigen Auftakt der Reihe, Gegen die Wand (Freitag 9, 14/2004), der Schweiß des erotischen Amoklaufs noch aus jeder Pore, fragt sich nun, ob Akin der existentiellen Botschaft seines zweiten Films selbst genug getraut hat. Warum hat er sonst demonstrativ Zwischentitel wie "Yeters Tod" und "Lottes Tod" eingeblendet wie bei einer Stummfilm-Moritat? Warum lässt er am Schluss Lottes Mutter Susanne beim Abendessen mit Nejat in Istanbul auf die Frage nach einem Trinkspruch pathetisch antworten: "Auf den Tod!"?

Akin muss es, weil das Politische, das ihm wie nebenbei in den Film gekommen sein will, die Maserung des Existentiellen mitunter so zudeckt wie über ein altes Brett gestrichene Lackfarbe. Wenn es ihm nur um die "Fragen der Menschheit" gegangen wäre, wegen der er, wie er selbst sagt, Filme macht, hätte er Ayten nicht unbedingt als glutäugige Widerstandskämpferin auftreten lassen müssen, die im Kapuzenpulli vor Polizisten flieht. Der Tod kommt nicht nur im politischen Kampf und aus Pistolenläufen. Von dem ohnehin schon verengten Türkeibild, das zumindest mit Aytens Revolvergeschichte bedient wird, einmal abgesehen. Mit dieser Doppelcodierung kommt sich Akin dramaturgisch einigermaßen in die Quere.

Wenn der 34 Jahre junge Filmemacher wirklich den Oscar verdient hat, für den er jetzt nominiert wurde, dann für die Kunst des zeitgenössischen Holzschnitts. Das ist nicht zynisch gemeint. Akin versteht sich auf packende Geschichten, die keinen kalt lassen. Sie sind simpel strukturiert, aber hochexplosiv. In diesem Fall fächern sie noch ein ganzes Kompendium menschlicher Beziehungen auf. Vater und Sohn. Mutter und Tochter. Der Greis und die Hure. Die jungen Liebenden. Der Vorteil dieses Genres liegt auf der Hand: Die Farben leuchten kräftiger, die Story entfaltet größere Wucht. Bei Akin ist Istanbul nicht das Istanbul der Postkarten, sondern das der verwahrlosten Seitenstraßen, der muffigen Büros und der trostlosen Gefängnisse. Eine Liebesgeschichte ist eine Liebesgeschichte und kein klammheimliches Gefühl. Und gestorben wird in Auf der anderen Seite kurz und schmerzlos.

Selbst die Schauspieler fügen sich in dieses Schema: Nursel Köse als Yeter wechselt von der lasziven Vorstadthure in Lack zur besorgten Mutter. Nurgül Yesilcay spielt die Politaktivistin Ayten mit so eruptiver Leidenschaft wie Patrycia Ziolkoska die deutsche Studentin mit naiver. Auch für Zwischentöne ist Platz: Baki Davrak nimmt man die zerstreute Melancholie des assimilierten Migrantenkinds ab, das sich seiner kulturellen Wurzeln bewusst wird. Nur Hanna Schygulla, die jetzt überall gefeiert wird, kann nicht heraus aus ihrer Ikonenhaut. Sie spielt, als ob sie noch immer Fassbinders Effi Briest von 1974 geben müsste - eine somnambule Puppe, die die Dialoge mit Sentenzen wie Porzellan beschwert. Auch wenn manches etwas zu dick aufgetragen ist in diesem Film: Fatih Akin ist der erfrischende Kontrapunkt zu den Filmen der Berliner Schule, wo der Wind, der sich immer so bedeutungsvoll in den Bäumen fängt, Subtiles vortäuscht, aber dann doch bloß ins Seichte weht.

Der Ruhm, der Auf der anderen Seite seit den zwei Preisen beim Festival in Cannes im Frühjahr vorauseilt, rührt aber aus dem Formwillen, mit dem Akin seinen Hang zur plakativen Tour de Force diesmal zähmt. In Gegen die Wand erzählte er eine Geschichte. Diesmal verknüpft er unkompliziert kunstvoll derer sechs. In Gegen die Wand protzte er mit seinem Neorealismus wie mit einem Totschläger. Diesmal verführt er mit starken Bildern, dem größten Vorzug dieses Films. Und schließlich: Ließ er in Gegen die Wand seine Protagonisten wie in der Achterbahn auf eine Serie emotionaler Katastrophen zurasen, schaltet er diesmal zurück. In der ersten Einstellung sieht man Nejat auf einer staubigen Landstraße in der Türkei Halt an einer Tankstelle machen. Warum er sich auf den Weg zum Schwarzen Meer gemacht hat, wird dann im Rückblick aufgerollt. Rückwärtsgang statt Kavaliersstart. Der Punk entdeckt den Blues der Erinnerung.

Das Bewegungsmoment, das diesen Film zugleich schnell und langsam, einfach und raffiniert macht, darf man auch bei einem so diesseitigen Künstler wie Fatih Akin durchaus metaphorisch verstehen. Seine Figuren wollen nicht nur real auf die eine oder die andere Seite. Sie leben auch immer von der Hoffnung, zu einem besseren, zum echten Leben durchzustoßen. Das gelingt womöglich nur Nejat. Sein Vater Ali wurde in die Heimat abgeschoben. Wenn er zum Schluss in dessen Geburtsort an der aufgewühlten See auf den alten Mann wartet, der mit dem Boot hinaus gefahren ist, ist das ein erregend offenes Bild. Auf welche Seite er gehört, wird vor dieser Kulisse plötzlich völlig belanglos. Viel spannender ist, was den Menschen Nejat erwartet. Liebe? Oder auch der Tod?


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