Unter der Briefmarke grüßt der Sand

Weltpostkartentag Sie war die Königin der Statusmeldung, die Postkarte vom Strand. Hat sie eine Chance auf eine Renaissance?
Unter der Briefmarke grüßt der Sand
Ohne Postkarten stellt sich im Urlaub nur halb so viel Freude ein

Foto: Boris Horvat/AFP/Getty Images

Das must-have in einem Urlaub im Süden waren in meiner Kindheit neben den mit Handtüchern reservierten Liegen, immer auch die Postkarten. Der Anruf bei Oma von glühenden spanischen Münztelefonen war umständlich, kurz und fühlte sich auf gewisse Weise grotesk an. Und die Peseten waren meist knapp. Eine baumelte immer um den Hals und konnte nicht geopfert werden. Das Dasein der drehenden Postkartenständer mit Motiven von verwegenen, zwanghaft lustigen Motiven bis peinlichem Kitsch fristen oft ein dem Straßenstaub ausgeliefertes Dasein. Letztens bekam ich am Wiener Schottenring auf besonders verrottete Exemplare einen Rabatt – es waren Vintage-Karten.

Es ist vorbei, die Zeit, als die Postkarte als Interaktion galt, ist um. In manchen Altersschichten ruft dieses Ritual faltenloses Stirnrunzeln hervor: aber warum, wir schicken doch Bilder?! Ja genau, in Broadcast-Gruppen wird also die Urlaubserfahrung als kollektiver Rundumschlag in Echtzeit geteilt. Alle Leute, die es nur entfernt zu interessieren hat (divergente Perspektiven möglich!) werden reingepackt wie in einen guten Topf Borschtsch. Viele Fotos, wenig Selektion und gerne die immer gleichen Perspektiven. Fast wie früher, bloß ohne Zeitverzögerung (Entwicklung, Fotolabor!) und ohne Ausrede (heute kein Diaabend!).

Der Inhalt leidet unter Wertverlust

Was nichts kostet, ist nichts wert, ist eine alte Weisheit und sie stimmt immer wieder frappierend. Seien es die Freigetränke an der Bar, die man durch ein schweißaffines Armband in unbegrenzter Menge erhält oder seien es Informationen, die seit LTE in Europa kostenneutral in die Heimat gesendet werden können. Es verleitet zu Masse statt Klasse, zu Verramschen der Erinnerung statt Genuss und Auswahl derer, denen man diese Eindrücke zuteil werden lassen möchte. Das Aushalten des Erlebens, so würde der Psychologe reflexhaft und pflichtschuldig sagen, ist abgedriftet in ein sofortiges Konservieren und Verteilen. Schrecklich! Adele frotzelte mal Zuschauer in ihrem Konzert mit der Aufforderung, das Handy runterzunehmen und zu genießen. Das wird schwer, denn: Generell ist das Posen eine erschreckend grundlegende Komponente der sozialen Medien geworden.

Auf Teufel komm raus war alles toll. Eine Freundin versorgte mich letztens mit besten Urlaubsbildern – dass ihre Mutter samt Säugling die Treppe runtergefallen war, wurde dann erst auf Nachfrage berichtet. Nicht, dass ich Bilder erwartet hätte, aber der optische Kitt der das Scheitern kaschieren soll, ist dichter, als eine die gläserne Toilettentür abdichtende Silikonfuge. Hier erleben Paare, die sich nur ein Zimmer gönnen (warum, wir lieben uns doch?!), warum Erotik durch nicht-Wissen generiert wird.

Nicht dass ich mich hier als zukunftsverweigernder Kulturpessimist gerieren möchte, aber die Mühe macht oft den Charme. Und selbige spüre ich bei der Berichterstattung von der Handtuchdeutungshoheit nicht mehr. Es ist alles fad, hingerotzt, lieblos. Man muss ja nicht stilvolle Postkarten (inhaltliche Textkompositionen) kreieren wie beispielsweise Jurek Becker („Am Strand von Bochum ist allerhand los“, Suhrkamp 2018), denn die Grüße strotzten ja auch damals analog nicht vor Informationshülle, aber so ein wenig mehr Hingabe und spürbare Ferne wären mir lieb. Ein Hauch von Sand unter der Briefmarke, ein Stempel, der eine lange Reise erahnen lässt, Schrammen vom Laufband an der Karte, der Duft von Papier.

Sinn ist keine Frage

Aber wozu das?, werde ich immer wieder gefragt. Auch bei Briefen. Eine E-Mail ginge doch viel schneller und viel effektiver. Das ist richtig, dennoch ich bis heute den Brief oder die Postkarte – anlassbezogen! – vorziehe, weil es eben nicht Sinn im kapitalistischen Augenmerk haben muss, sondern eine emotionale Schiene, die die digitale Welt noch nicht liefern kann – aber sicher irgendwann wird. Oder eine E-Mail eines Tages als stilvoll gilt und eine zukünftige Nachrichtenform dann als trashig – wer weiß?

Natürlich, die Umstellung auf eine Zustellung von echter Post („snail mail“) von einmal am Tag auf einmal die Woche wird uns bald ereilen, weil notwendig. Schon heute bekomme ich nur noch ein bis zwei Briefe die Woche, bis vor vier Jahren waren es noch zwanzig bis vierzig Zuschriften in gleicher Zeit.

Schreibmaschine, elektrisch

Ein Glück derweil sind Menschen, die die Entwicklung schon bei der elektrischen Schreibmaschine aufgegeben haben. Einer von ihnen ist Peter Handke, mit dem man keine Verabredung bekommt, wenn man ihm nicht einen Brief schreibt. Und nur wenn man ihm adäquat schreibt, seine Telefonnummer bekommt. Und dann auch nur zu einer Stunde am Tag anrufen darf, zu der er ans Telefon geht. Sonst muss er schreiben, mit der Hand, stundenlang.

Faulheit darf kein Grund sein, nicht zu Stift und Papier zu greifen, beschreibt aber oft, dass wir verflacht für Dritte empfinden. Die Liebe entweicht, die Darstellung (siehe oben) bläht sich zu einem narzisstischen Kreuzfahrtschiff aus; diese Sparte zeigt uns übrigens was anlassloses Reise bei Auslastungen von jenseits der hundert Prozent bedeutet (Lesetipp: David Forster Wallace: Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich): ein Zerfließen des Genusses; ohne Zenit, dafür breiig.

Auch wenn man es aus wirklich triftigen Gründen mal nicht schaffen sollte, Karten oder auch einen Brief zu schreiben, sollte es keine Totalausrede sein, es nicht zu tun. Denn die Rückmeldung ist ob abnehmender Briefe und Karten umso exaltierter. Bedenken Sie dabei also auch die sich durch Verknappung generierende Hebelwirkung der Empfangsreaktion.

Ein Kollege von mir war letztens zwei Wochen auf Fuerteventura. Da wir uns sonst auch mehr digital als real sehen, hatte ich nach ein paar Tagen schlichtweg vergessen, dass er überhaupt weg, also nicht in Berlin, war. Ein Lob für die Möglichkeiten, die sich daraus für unser aller Lebensgestaltung ergeben! Und dennoch, als er nach Hause kam, hatte er sie bekommen. Eine Karte, mit Füller geschrieben: Willkommen zurück, lieber Freund.

PS: Heute ist Weltpostkartentag
PPS: Probieren Sie eine Postkarte mal ohne Urlaub aus, einfach so

17:25 30.07.2018

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