Buchmesse

A–Z Man kann sich leicht verlieren in den Hallen in Frankfurt – genauso unübersichtlich sind die klassischen Gepflogenheiten der Buchmesse. Eine Einführung
Jan Drees | Ausgabe 42/2015 1

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Apéro Wortverwandt, aber nicht zu verwechseln mit dem ähnlich klingenden Orangenbitter, ist es eine besondere Form des Empfangs, den vor allem die Schweizer Verlage nach Frankfurt exportiert haben. Der Apéro erinnert natürlich daran, dass Diogenes 2015 auf der Messe nicht vertreten ist. Die Zürcher sparen, seit Anfang des Jahres die Bindung des Franken an den Euro aufgegeben worden und alles unermesslich teuer geworden ist. Zwar wird noch immer, ähnlich wie beim ➝ Kritikerempfang oder bei den anderen Abendveranstaltungen (➝ Partyhopping), offiziell eingeladen zu diesen kleinen Empfängen mit Sekt, Wein und Snacks (➝ Verpflegung). Da diese aber nun direkt auf dem Messegelände stattfinden, kann sich jeder Gast einfach dazugesellen, etwa Freitag ab 16 Uhr am Wallstein-Stand oder – Augen auf beim Rundgang – überall dort, wo Menschen mit Gläsern in der Hand beisammenstehen und in aufgeräumter Stimmung miteinander plaudern. Zum Beispiel über die tagsüber erbeuteten Freiexemplare.

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B-Promis Sie sind das Salz in der Poetenbrühe einer jeden Buchmesse. Während mit zig Literaturauszeichnungen behängte Schriftsteller beim ➝ Apéro den süßen Sekt abgreifen und der Feuilletonweisheit letzten Schluss rezitieren, irrlichtert eine eher buchstabenferne Klientel in ➝ schlechter Luft zwischen den Gängen und preist auf Podien ihr neuestes (Ghostwriting-) Produkt, wie in diesem Jahr Ex-Viva-Sternchen Enie van de Meiklokjes mit Handmade mit Enie – Das große Kreativbuch, Comedy-Youtuber Jonas Ems mit Peinlich für die Welt, Sängerin Maite Kelly mit ihrem Hummel-Bommel-Bilderbuch und Supernase Mike Krüger mit Mein Gott Walther – das Leben ist oft Plan B. Daniela Katzenberger, zuletzt vor allem für ihren Babybauch bekannt, gibt sich am Sonntag die Ehre mit: Eine Tussi wird Mama.

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Flüchtlinge Am Sonntag haben Flüchtlinge freien Eintritt zu der Messe, und das ist eine besonders schöne Geste. Auch wenn Kritiker Henryk M. Broder motzt, es müsste von Veranstalterseite mehr passieren: „Wie wäre es damit? Zum Empfang der FAZ, dem feinsten Event am Rande der Buchmesse, werden außer Autoren und Kritikern auch Flüchtlinge eingeladen. Mit Rücksicht auf deren Gewohnheiten werden nur alkoholfreie Getränke serviert. Bei Suhrkamp steht Ulla Berkewicz an der Tür und begrüßt jeden Gast mit einem fröhlichen Ahlan-wa-Sahlan“ – Herzlich willkommen (➝ Kritikerempfang). Bei derartiger Kritik scheint vergessen worden zu sein, dass „die Messe“ die Summe aller Literaturmenschen ist. Und die tun gerade eine ganze Menge. Karla Paul von Edel-E-Books und Autor Stevan Paul (➝ Verpflegung) gehören zu den Gründern der Initiative #bloggerfuerfluechtlinge und haben bereits über 130.000 Euro gesammelt. Verlage wie Langenscheidt oder Hanser (➝ Nobelpreis) bieten Wörter- und Sachbücher kostenlos zum Download an. Es gibt Solidaritätslesungen und Buchhandelsaktionen.Literatur eint die Völker.

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Hoff Englisch ausgesprochen ist es nicht nur die Abkürzung für Baywatch-Mime David Hasselhoff, sondern auch die angelsächsische Aussprache eines der legendären Orte jeder Buchmesse: der Frankfurter Hof im noblen Bankenviertel. Das 1876 eröffnete Fünfsternehaus ist Absteige der Branchenstars – bei Zimmerpreisen ab 500 Euro und schlanken 1.224 Euro pro Nacht in der Executive Suite. Selbst der Concierge soll hier ein leidenschaftlicher Leser sein. Nach dem Feiern (➝ Partyhopping) geht es für Kritiker, Literaten und Verleger zum abschließenden Glas an die Bar. Wer als Letzter geht, der zahlt die Zeche; wenn er Pech hat, auch für all jene, die sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht haben.

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Kritikerempfang Er steigt mittwochs ab 17 Uhr; für geladene Gäste, ohne Begleitung. Auch so ist im Wohnzimmer des einstigen Suhrkamp-Patriarchen Siegfried Unseld kaum ein Durchkommen, wenn nach der obligatorischen Lesung (2015 trägt Peter Sloterdijk vor) Feuilletonisten und Feuilletonliteraten bei Fingerfood und erlesenem Wein zusammenstehen. Unfairerweise ist Richard Kämmerlings, Literaturchef der Tageszeitung „Die Welt“, auch 2015, wie in den beiden Jahren zuvor, nicht eingeladen worden. Kämmerlings hatte im Zuge des Rechtsstreits zwischen dem Verlag und dem früheren Miteigentümer Hans Barlach die Verlegerwitwe kritisiert.

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Langfinger Sie gibt es auch auf der Messe, denn hier werden keineswegs wertlose Blindbände, sondern echte Bücher in der Originalausstattung präsentiert. Den Bücherklau kann selbst die beste Standwacht (➝ Zwischenmiete) nicht verhindern. Es ist aber auch eine heikle Sache. Da ist man in ein Buch verliebt, kann es aber nicht am Stand selbst kaufen, sondern müsste zum legalen Erwerb die Messebuchhandlung aufsuchen, sich durch die Menschenmassen quälen, lange in der Schlange stehen. Zudem sind die Bücher nicht angekettet. Klingt aber etwas nach fauler Ausrede, wenn die Autoren hungern oder sich von Messekeksen ernähren (➝ Verpflegung). Am Ausgang gibt es übrigens regelmäßige Taschenkontrollen. Kleiner Trost für die Verlage: Titel, die am häufigsten geklaut werden, landen später auf der Bestsellerliste.

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Nobelpreis Wenn in Bayern gejubelt wird, ist Nobelpreis – oder mit den Worten der Feuilletonsammler vom Perlentaucher: „Nachdem die Schwedische Akademie den Hanser-Verlagskatalog durchgeblättert hatte, entschied sie sich diesmal für die weißrussische Journalistin und Autorin Swetlana Alexijewitsch.“ Seit 2006 haben sieben Autoren des in München beheimateten Hanser-Verlags die weltweit höchste Literaturauszeichnung verliehen bekommen. Diesmal wurde der Gewinner schon vor der Buchmesse bekannt gegeben. Viele Verlage konnten ohne den obligatorischen Champagner anreisen, der an manchen Ständen bereits kaltgestellt ist, sollte es ad hoc Anlass zur Feier geben. Dumont, der Kölner Verlag, der den ewigen Nobelpreiskandidaten Haruki Murakami verlegt, hatte für dieses Jahr bereits eine Plakataktion im Falle des Nichtgewinns geplant. Die Bilder gingen bereits in der vergangenen Woche durch die sozialen Medien. Vor das groß ausgedruckte Cover von Murakamis Bestseller Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki hielten die Mitarbeiter den urkölschen Satz: „Mer muss och jönne künne.“

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Party Vor allem an den Fachbesucherabenden der Messe finden Partys statt, von Mittwoch bis Freitag, wenn S. Fischer ins Literaturhaus an der Schönen Aussicht 2 einlädt, Suhrkamp-Erbe (➝ Kritikerempfang) Joachim Unseld in seine Villa oder Dumont (➝ Nobelpreis) zum rauschenden Fest in Mantis Roofgarden. Die einzelnen Messepartys werden mit dem ➝ Taxi der Reihe nach abgefahren. Pegelstand, Promidichte und Tanzbarkeit werden via Smartphone an Kollegen durchgegeben. Am Mittwoch landet man bei Rowohlt im Schirn-Café, und es gilt dort das ungeschriebene Gesetz: Man geht nicht rein, sondern steht mit allen anderen die meiste Zeit über draußen. Und wer eingeladen ist, bringt genug Getränke für alle von der Bar mit.

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Schlechte Luft Oder man sagt es mit den Worten des Verlegers Stefan Weidle aus einer jüngst verschickten E-Mail: „17.000 Viren“ sind Markenzeichen der Frankfurter Messe – im Gegensatz zum Leipziger Pendant im Frühjahr, wo begrünte Dächer und bessere Klimaanlagen für eine weniger krankheitsfördernde Atmosphäre sorgen. Obwohl das Rauchen in den Messehallen längst untersagt ist, mieft es sehr. Und man kann den Eindruck bekommen, für das spezielle Odeur würden nicht nur B-Prominente und vom ➝ Partyhopping verkaterte Zwischenmieter sorgen, sondern mindestens eine Horde Pumas und ein Rudel rolliger Löwinnen. Dagegen mag Mundschutz helfen oder Eukalyptus, das reiben sich auch Gerichtsmediziner vor der Sezierung unter die Nase.

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Taxis werden bei der Buchmesse häufiger benutzt als bei der ebenfalls in Frankfurt stattfindenden Internationalen Automobilausstellung, wo Manager höchstens ins Restaurant und dann nach Hause gefahren werden. Die Buchmesse lebt nun mal vom Sich-kurz-blicken-Lassen bei Events. Es geht vom Kritikerempfang zu Rowohlt in the ➝ Hoff. Florian Kessler, Lektor bei Hanser (➝ Nobelpreis), sammelt aktuell die schönsten Taximomente für ein E-Book und sagt: „Fast jede dritte Geschichte ist eine Buchmessen-Taxi-Geschichte! Das sagt etwas über die Verruchtheit des Messe-Nachtleben-Transportwesens aus. Oder über die Erwerbslage von Autoren, die nur auf den Messen Taxi-Quittungen abrechnen können. Oder beides.“

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Verpflegung ist deshalb ein großes Thema, weil man sich zwischen dem teuren Angebot kommerzieller Anbieter vor den Hallen und den ungesunden, aber kostenlosen Keksen, Nüssen und Brezeln an den Ständen (➝ Apéro) entscheiden muss. Und weil ohnehin das letzte Glas vom ➝ Hoff in den Knochen steckt. Der Foodblogger und Kurzgeschichtenautor Stevan Paul stellt am Freitag sein Craft Beer Kochbuch mit einem Dreigängemenü und „korrespondierenden Bieren“ im Margarete an der Braubachstraße vor – und empfiehlt auch das Feinkostrestaurant Maxie Eisen im Bahnhofsviertel „wegen der sehr leckeren Pastrami“. Als Verfasser des Buchs „Auf die Hand: Sandwiches, Burger & Toasts, Fingerfood & Abendbrote“ ist er selbstverständlich Snackspezialist für alle, die sich was Anständiges zur Messe mitnehmen wollen. Dazu gehören Tramezzini mit Basilikumpesto, Büffelmozzarella und reifen Tomaten, die Katsu-Sando-Sandwiches mit Tonkatsu-Sauce, Schnitzel und japanischem Krautsalat oder gleich der zu Hessen passende Klassiker Handkäs mit Musik, eingelegt in Apfelsaft und Apfelessig, mit Zwiebeln, Kerbel und ausreichend Kümmel.

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Zwischenmiete Klingt nach einer guten Lösung, wenn man sich die Preise im ➝ Hoff ebenso wenig leisten mag wie das preiswerte Bett im Acht-Mann-Schlafsaal. Scharenweise ziehen Studentinnen jedes Jahr für die Messezeit zu ihren Eltern und bessern sich ihr BAföG mit dem Übernachtungserlös auf. Da die Stadt von Dienstag bis Sonntag ausgebucht ist, weichen etliche Besucher auf Mainz und Wiesbaden aus. Selbst Verleger müssen abends die Hallen verlassen und dürfen keinesfalls an ihrem Stand übernachten. Wer länger bleiben will, kann sich noch schnell als Standnachtwache bewerben. „Da gibt’s eine schicke Uniform inklusive. Und von acht bis neun Uhr vergünstigten Kaffee an ausgewählten Salespoints auf dem Messegelände“, sagt die Pressesprecherin.

11:25 14.10.2015
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Jan Drees

"When there's nothing left to burn – you have to set yourself on fire!" Literatur, Gesellschaft, Pop: Von Aebelard bis Stefan Zweig
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