Jan Drees
Ausgabe 2214 | 11.06.2014 | 06:00 7

Hashtag und Revolution

Porträt Hat das Hipstertum auch in der Philosophie Einzug gehalten? Der Akzelerationist Armen Avanessian hält dagegen

Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit.“ Das stellte die Indiemusikgruppe Ja, Panik vor knapp drei Jahren fest. Damals wohnten die Österreicher bereits in Berlin. Ihr Album DMD KIU LIDT wurde in Neukölln aufgenommen. Es begeisterte 15 Songs lang mit deutsch-englischem Slang und Feststellungen der Art: „Weißt du, ich bin mir langsam sicher, und das ist gar nicht personal, die kommende Gemeinschaft liegt hinter unseren Depressionen. Denn was und wie man uns kaputt macht, ist auch etwas, das uns eint. Es sind die Ränder einer Zone, die wir im Stillen alle bewohnen.“

Mit dem Philosophen und Literaturwissenschaftler Armen Avanessian ist vor einiger Zeit noch so ein kapitalismuskritischer, links denkender, die Ränder bewohnender Wiener in die deutsche Bundeshauptstadt gezogen. Der Halb-Armenier, Halb-Österreicher sorgte vor kurzem mit der extrem klugen Sammelschrift #Akzeleration für Furore. Das Bändchen aus dem Merve-Verlag, alte Heimat von so unterschiedlichen Denkern wie Michel Serres, Jean Baudrillard und Gilles Deleuze, war binnen eines Monats ausverkauft. Ein kleines Wunder, blättert man durch die Aufsätze und liest sperrige Sätze wie von Globalisierungsskeptizist Franco „Bifo“ Berardi: „Die Hypothese des Akzelerationismus beruht im Wesentlichen auf zwei Argumenten: Erstens auf der Annahme, dass der Kapitalismus durch die immer schnellere Abfolge von Produktionszyklen instabil wird; zweitens auf der Annahme, die im Kapitalismus enthaltenen Potenziale müssten sich notwendigerweise entfalten.“

Alle fünf Wochen ein Buch

Wie weckt der Kapitalismus das Begehren? Warum und wie wird uns die Zukunft geraubt? Stecken wir tatsächlich in einer Krise – oder ist vielleicht schon so etwas wie die Apokalypse nah? Wie kann 2014 auf das Tempo des Kapitalismus reagiert werden, außer mit Drehschwindel? Fragen wie diesen nähern sich Autoren aus dem Umfeld des Spekulativen Realismus wie Nick Land, Alex Williams, Nick Srnicek und eben Armen Avanessian, 1973 geboren, studiert bei Jacques Rancière in Paris, promoviert in Bielefeld bei dem liberal-konservativen Theoretiker Karl Heinz Bohrer.

Zum Interview im beinahe hippen Berlin-Mitte-Café Keyser Soze erscheint Armen Avanessian mit audiophilen Bowers & Wilkins-Kopfhörern an den Ohren. Es ist bekannt: Zu wissenschaftlichen Vorträgen zieht er machmal bequeme Hoodies an. Im Herbst 2013 bloggte er im Netz auf den sehr trendy #60pages über Denis Diderot, Katastrophendenken und Schreibblockaden. Der Mann spricht an hektischen Tagen unfassbar schnell. Es wirkt, als hätte er selbst die Geschwindigkeit seiner Denkrichtung aufgenommen. Derzeit erscheint alle fünf Wochen ein Buch von ihm – auf Deutsch, Englisch, Russisch, Holländisch. Er spricht über die Poetik des Präsens, über Phantome des Realen, über das „dringende Bedürfnis nach einem neuen Realismus“.

Das alles ist Teil des umfassenderen Projekts einer Spekulativen Poetik, die sich zum heißesten Scheiß der Gegenwartsphilosophie gemausert hat. Es wird über Horror spekuliert, über neue Grenzen, über Leben, Tod und Wahnsinn. Diese neue Tabula-Rasa-Richtung will das sprachfundierte poststrukturale Denken der vergangenen Jahrzehnte mit dem zeitgenössischen Denken an Ontologie verknüpfen. Oder mit den Worten Armen Avanessians aus dem ebenso langen wie rasanten Interview in Berlin: „Viele interessante spekulative Denker wenden sich heute ab vom linguistic turn. Auch für mich gilt nicht mehr, dass die Grenzen unserer Sprache einfach die Grenze unseres Denkens sind. Vielmehr ist es so: Je komplexer unsere rekursiv strukturierte Sprache ist, desto mehr Realität kann sie fassen – und umgekehrt. Das ist die Grundidee einer Sprachontologie.“ Dazwischen wird geraucht. Draußen. In der Sonne.

Währenddessen spricht man weiter, selbstverständlich. Es gilt, keine Zeit zu verlieren, Termin jagt Termin jagt Termin. „Ich habe heute meinen manischen Tag“, sagt Armen Avanessian. Philosophische Debatten werden in seinen Kreisen auf Facebook oder Twitter geführt. Es gibt keine Berührungsangst gegenüber neuen Kommunikationstechniken. Daher begegnet einem in diesen akzelerationistischen Kreisen auch beständig das Hashtag – als Zeichen von Beschleunigung, dem Neuen und als Zeichen der digitalen Vernetzung. Es gibt Kollegen, die den Akzelerationismus gerade deshalb in die Hipsterecke abschieben.

„Nur weil die anderen unmodisch sind, bedeutet das im Umkehrschluss nicht, dass ausgerechnet ich ein Hipster bin“, sagt Armen Avanessian, nun wieder drinnen, am Tisch, die Kopfhörer liegen neben ihm. „Mein wissenschaftliches Selbstwertgefühl ist relativ robust. Ich muss mich mit so etwas nicht identifizieren. Schließlich schreibe ich auch literaturtheoretische Monografien oder sprachphilosophische Studien, die eben nicht hip sind.“

Technowissenschaft befreit

Hip, wenn überhaupt, ist die Tatsache, dass sich Schriftsteller Rainald Goetz für den Spekulativen Realismus begeistert, dass er Armen Avanessian besucht, dass sie gemeinsam diskutieren. Hip sind eben Bücher wie #Akzeleration, Realismus Jetzt oder das gerade auf Englisch in der Sternberg Press erschienene Speculative Drawing, entstanden mit Grafiker Andreas Töpfer, der des Öfteren während der Vorträge von Armen Avanessian zeichnet und der Theorie seine Bilder hinzustellt. Hip klingt auch, dass die Akzelerationisten alle technologischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten nutzen wollen, um eine gerechtere, ökologisch achtsame Welt zu schaffen – womit sie näher an Karl Marx als an Parteiprogramme von Bündnis 90/Die Grünen oder Die Linke heranrücken.

„Jeder, der seine Augen und Ohren nicht mutwillig verschließt, durchschaut die strategische Motivation hinter dem gegenwärtigen finanzpolitisch opportunen Krisengefasel. Es handelt sich um einen Vorwand für die ständige Ausweitung neoliberaler Maßnahmen (im Finanzbereich, im Gesundheitsbereich, im Sicherheitsbereich).“ Das schreibt Armen Avanessian in #Akzeleration und entwirft gemeinsam mit seinen Kollegen alternative, spekulierende Ideen über die Zukunft, die ihrer Meinung nach verengt oder gar unmöglich gemacht wurde vom kapitalistischen System. Sie denken anders als althergebrachte, von 68 beeinflusste Linke. „Nicht in dieser Richtung: weniger Strom verbrauchen, Häuschen im Grünen“, sagt Avanessian über folkloristische Politik. „Angesichts der Versklavung der Technowissenschaften durch kapitalistische Ziele (besonders seit den späten 70ern) wissen wir sicherlich noch nicht, wozu ein moderner technosozialer Organismus im Stande ist.“ Das steht in dem Aufsatz „#Accelerate – Manifest für eine akzelerationistische Politik“ von Nick Srnicek und Alex Williams, ebenfalls in dem kleinen Bändchen abgedruckt. Technowissenschaft als Befreiungsinstrument – das klingt anders als Horrorvisionen wie im Kinofilm Matrix oder die Befürchtungsparolen links-grüner Gegenwartspolitik. Das klingt aber auch skeptischer und nicht so technikabhängig wie vieles, was die Piratenpartei zur Technosoziologie zurechtdenkt.

„Zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts sieht sich die globale Zivilisation mit einer ganz neuen Art von Katastrophe konfrontiert. Die bevorstehenden Apokalypsen machen die Normen und Organisationsstrukturen unserer Politik, die durch die Geburt der Nationalstaaten, den Aufstieg des Kapitalismus und ein Jahrhundert der beispiellosen Kriege geprägt worden sind, zu einem Witz.“ Auf Basis dieser Feststellung plädiert das Manifest für eine beschleunigte, akzelerationistische Politik.

Die Auslöschung der Sonne

Klimawandel, Bevölkerungsexplosion, Ressourcenknappheit, Hungerkatastrophen, immer neue Kollapse des Wirtschafts- und Finanzsystems sehen die Akzelerationisten aufkommen, und sie haben sich verbündet, Philosophen, Literaturwissenschaftler, Programmierer, Schriftsteller, Aktivisten, um alternative Ideen dagegenzusetzen. Es sind Ideen, die bei einer neuen Art des Denkens anfangen wollen, das, was wir für wahr erachten, auf den Kopf stellen, mit Aussagen wie von Ray Brassier aus dem ebenfalls von Armen Avanessian herausgegebenen Band Abyssus intellectualis: „Die Auslöschung der Sonne ist eine Katastrophe, eine zum Niedergang führende oder überwältigende Wendung (kata-strophé), weil sie den terrestrischen Horizont jeder zukünftigen Möglichkeit ausradiert, in Bezug auf die sich die menschliche Existenz und mithin das philosophische Fragen orientiert haben.“

Man kann dahinter einen ebenso prometheischen wie romantischen Kern entdecken. Es ist links und dennoch nah verwandt mit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der in seinem Payback-Band schrieb: „Es gibt Äonen von Gedanken, die wir in dieser Sekunde mit einem einzigen Knopfdruck abrufen können. Aber kein Gedanke ist so wertvoll und so neu und schön wie der, dessen erstes Flügelschlagen wir gerade jetzt in unserem Bewusstsein hören.“ Schirrmacher wurde aus technikgläubigen Kreisen mal rechter Konservatismus, mal fehlende Widerstandskraft vorgeworfen. Bei Hashtag-Akzelerationisten wie Armen Avanessian wird das schwierig. Die Kollegen überholen links.

 

ausgabe

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 22/14.

Kommentare (7)

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Ehemaliger Nutzer 14.06.2014 | 07:30

Lesenswert.

Man kommt fast nicht umhin, an Philosophie als generell sublim angelegt wirkendes Hippstertum zu denken - und vermißt dabei fast so Preziosen, wie Virilios Dromologie, mit der skizziert stehen könnte wozu akzelerative Momente eben auch führen könnten.

Aber (!) eben auch: "der" Kapitalismus hält für tröstliche Nischenprodukte das Zaubermittel der Diversifikation vor.

mynona 15.06.2014 | 20:11

"Auch für mich gilt nicht mehr, dass die Grenzen unserer Sprache einfach die Grenze unseres Denkens sind. Vielmehr ist es so: Je komplexer unsere rekursiv strukturierte Sprache ist, desto mehr Realität kann sie fassen – und umgekehrt." - Umgekehrt, also: "Je komplexer unsere rekursiv strukturierte Realität ist, desto mehr Sprache kann sie fassen." ... ??