Von der Freiheit

Interview Der Philosoph Peter Trawny über unsere Welt, in der die Sorge um die Lebensversicherung das Seelenheil ersetzt
Jan Drees | Ausgabe 40/2015 1
Von der Freiheit
"Genuss ist eine Form von Freiheit, die den Erfolg dieses Universals erklärt"
Illustration: derFreitag Material: Getty, Imago, iStock

Der Erfolg ist da, das Geld nicht. Keine zwei Jahre sind vergangen, seit Peter Trawny einen der größten Skandale der neueren Philosophiegeschichte lostrat. Als Herausgeber von Martin Heideggers Schwarzen Heften bewies der Wuppertaler Philosoph, dass der ohnehin unter Antisemitismusverdacht stehende Heidegger auch nach 1945 einem judenfeindlichen Weltbild anhing. Günter Figal, Vorsitzender der Heidegger-Gesellschaft, trat zurück. „Ich habe schon gewusst, dass es Sprengstoff ist“, sagt Trawny nun im Interview, „aber dass es dann tatsächlich bis hin nach Tokio, Israel, in die Vereinigten Staaten reichen würde, hätte ich in der Größenordnung nicht erwartet.“ In seinem aktuellen Buch geht es, Heidegger’sche Technikkritik hin oder her, weniger um den Autor von Sein und Zeit als vielmehr um die Frage nach der Freiheit in unserer Gegenwart, die Trawny unter dem Eindruck von Technik, Kapital und Medium beobachtet.

Zur Person

Peter Trawny wurde 1964 in Gelsenkirchen geboren. 2012 gründete er das Wuppertaler Martin-Heidegger-Institut. Sein neues Buch Technik.Kapital.Medium. Das Universale und die Freiheit ist im Verlag Matthes & Seitz erschienen, ist 191 Seiten lang und kostet 22,90 €

Foto: Klara Suanna Trawny

der Freitag: Herr Trawny, wie hat das Jobcenter reagiert, als Sie dort von den „Schwarzen Heften“ erzählten?

Peter Trawny: Tatsächlich hatte ich damals, als mir die Schwarzen Hefte angeboten wurden, einen Fallmanager. Der Mann war anfangs vollkommen überfordert, aber als ich ihm die Umstände näher erläutert hatte – der wichtigste deutsche Philosoph des 20. Jahrhunderts und ein so brisantes Manuskript –, sagte er: „Damit kann man arbeiten.“ Freilich konnte mir das Jobcenter in nichts konkret weiterhelfen. Aber das liegt nicht allein am Jobcenter, sondern auch daran, dass die Universitäten sich dem gewöhnlichen Arbeitsmarkt und seinen Regeln entziehen.

Sie sind seit vielen Jahren habilitiert, haben aber keinen eigenen Lehrstuhl. Wovon leben Sie?

Ich finanziere mich über Vortragshonorare, über Bücher, über alles, was ich kriegen kann. Die Art des Freilebens hat den Vorteil, dass ich anders als ordentliche Professoren frei von irgendwelchen Verwaltungsfragen bin.

Ihr Heidegger-Institut besitzt weltweite Anziehungskraft. Aber Sie haben keine Anstellung. Gibt es Unterstützung von der Uni Wuppertal?

Die freuen sich sehr über mein Engagement und helfen dem Institut sehr gern – allerdings nicht mit Geld. Es gibt einen Raum – ohne Computer.

Es fällt auf, dass viele deutsche Philosophen, die wie Sie über den Kapitalismus nachdenken, außerhalb der Akademienorm leben. Entsteht das Interesse für die Wirtschaft durch das eigene Nachdenken über Geldfragen?

Hannah Arendt hat in ihrem Rahel-Varnhagen-Buch geschrieben, dass sie als Jüdin eine Paria sei, was ihre Philosophie stark beeinflusst hat. Durch die Position des Parias, durch das Leben im Prekariat, habe ich andere Einsichten als der Vorstandsvorsitzende von Borussia Dortmund. Aber ich muss betonen, dass Technik.Kapital.Medium nicht aus einem Ressentiment heraus geschrieben wurde.

Es ist also nicht die Perspektive des schlecht Weggekommenen?

Es ist die Perspektive eines Mannes, der aus proletarischen Verhältnissen kommt …

… aus Gelsenkirchen.

Aus einer Bergarbeiterfamilie. Es gibt keine Philosophie in unserer Familie. Es gibt eher Alkoholismus. Und bei mir gibt es das Misstrauen gegen die akademische Turbo-Theorie.

In Ihrem Buch gibt es statt TurboTheorie etliche akademische Abkürzungen, um die Gegenwart zu beschreiben, zum Beispiel sprechen Sie von der mathematisch-technischen Topologie, abgekürzt m-tT …

… gleichzeitig auch eine Ironisierung bestimmter philosophischer Schriften wie Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus, bei dem weiterhin nicht sicher ist, wie ernst er das gemeint hat.

Ihrer Ansicht nach leben wir im Zeitalter der m-tT, abgegrenzt von der poetischen Topologie, der p-T, die lustigerweise auch ihre Initialen abbildet – worin liegt der Unterschied?

Topologie ist wörtlich übersetzt die Logik des Ortes, einer Redeweise, einer bestimmten Einrichtung von Orten in der Welt. Die poetische Topologie, die ich mit der Intimität verbinde, bedient sich der Mythen, Erzählungen, Narrative. So gab es im Christentum den Mythos des Gottes, der am Kreuz gestorben ist, und diese Erzählung überlagerte alle anderen Landschaften.

Dem gegenüber steht die Mathematik?

Sie war jederzeit relevant, und damit meine ich vor allen Dingen die angewandte Mathematik als Ingenieurwesen. Es wäre vollkommen absurd, wenn man glaubt, die Griechen hätten nie etwas anderes gemacht, als es mit Dionysos richtig krachen zu lassen. Selbstverständlich musste bereits der griechische Tempel statischen Gesetzen gehorchen. Die Architekten waren sich darüber auch im Klaren. Es gab früh ein Know-how, das sich allerdings der poetischen Topologie unterworfen hat. Die Pyramiden in Ägypten sind unter ingenieursmäßigen Gesichtspunkten viel interessanter, denn die Architekten haben sich hier einem Mythos unterworfen. Unter rein pragmatischen Gesichtspunkten ist eine Pyramide undenkbar.

Bis ins 19. Jahrhundert waren die Kirchen ganz selbstverständlich die höchsten Gebäude der Stadt. Dann wurden sie von den Banken- und Geschäftshäusern abgelöst, schreiben Sie und sehen darin einen Wandel. Was ist das für eine neue Welt?

Das ist die Welt der Quantitäten, in der sich der Anwendungsbereich der Mathematik erfolgreich durchgesetzt hat. In einer Welt, die sich dem Universal bestehend aus Technik, Kapital und Medium unterworfen hat, kümmert man sich nicht mehr um das Seelenheil, sondern um die Lebensversicherung. Wenn ich als Universitätslehrer mit Studenten zu tun habe, dann geht es mitnichten um metaphysische Probleme wie die Unsterblichkeit der Seele, sondern eher darum, dass sie ihr Leben unter den gegebenen Voraussetzungen einrichten müssen.

Was ist mit diesem Universal, diesem All-Zusammenhängenden, gemeint?

Die klassisch getrennten Bereiche von Technik, Ökonomie und Medientheorie hängen auf einer ontologischen Ebene miteinander zusammen. Es ist sinnlos, von den Medien zu sprechen, ohne die Bedeutung des Kapitals und der Technologie im Hintergrund zu berücksichtigen. In anderer Hinsicht müssen auch Technologien in Bezug auf das Kapital hin betrachtet und interpretiert werden. Technik, Kapital und Medium sind nicht lokal oder lokal begrenzbar. Es gibt kein englisches Kapital oder eine deutsche Technik – außer in der Werbung.

Es werden also nur jene Medikamente erfunden, die Geld einbringen, und das iPhone ist entstanden, weil es für Gewin-ne sorgt?

Der Apple-Gründer Steve Jobs hat sich das konkret so mitnichten vorgestellt. Aber für ihn war klar, dass diese Faktoren eine Rolle spielen, sie sind unthematisch vorausgesetzt. Wir identifizieren uns mit diesen Produkten, weil ein iPhone eine Überzeugungskraft hat, die allerdings nicht vergleichbar ist mit einem Streichquartett von Schubert oder einem Gedicht von Rilke.

Produkte sind für die Masse, und selbst das höchste Gebäude der Welt ist nur ein Unikat, kein Individuum, schreiben Sie. Die Schaffung eines Individuums sei keine Leistung. Kunst sei keine Leistung. Aber sie kann als Leistung angesehen werden?

Wenn es heutzutage in unserer Welt der mathematisch-technischen Topologie Kunst in die Welt schafft, dann nahezu ausschließlich durch ihre Quantität, also wenn der Künstler Jeff Koons einen Pudel für mehrere Millionen an ein Museum verkauft, oder ein Lyriker wie Jan Wagner den Leipziger Buchpreis und mit ihm sehr viel Geld bekommt. Bücher werden wichtig, wenn sie verkauft werden können.

Ist das nicht deprimierend?

In meinem Buch geht es um die Freiheit, um die Pluralität von Freiheiten. Ich misstraue dieser auch in der politischen Linken verbreiteten Perspektive, dieses Universal von Technik, Kapital, Medium würde vor allem Unfreiheit produzieren. Wenn jemand viel Geld hat und sich einen Jaguar kauft, dann genießt er das. Genuss ist ein Moment des technischen Geräts und für mich auch eine Form von Freiheit, die den Erfolg dieses ganzen Universals erklärt.

Aber es ist nicht die einzige Freiheit?

Dagegen setze ich natürlich die Freiheit der Intimität und die Freiheit der Philosophie. Damit schließt dieses Buch. Wir müssen uns in einer Pluralität von Freiheiten bewegen und verstehen, dass sich diese Freiheiten gegenseitig ausschließen.

Was ist dann mit dem Studierenden, der sich der brotlosen Philosophie verschrieben hat?

Unsereiner ist in gewisser Weise verantwortlich. Wenn ein Student hysterisch zu mir kommt und sagt, dass er an einem Karamasow-Problem leidet, dann habe ich die Verantwortung, ihn darauf hinzuweisen, dass dieses Problem nur in Bezug auf die Intimität wichtig ist. In einem intimen Selbstverständnis können all diese Dinge durchaus maßlos verhandelt werden. Aber ein Studierender muss lernen, dass das nichts mit der Welt zu tun hat.

Meinen Sie das ernsthaft?

Ich muss als Hochschullehrer von den Studierenden erwarten, dass sie mir zum Beispiel als Dissertation einen akademischen Text vorlegen, der den üblichen Voraussetzungen entspricht. Das ist heutzutage ein Problem. Ein Text, der daherkäme wie Sein und Zeit von Martin Heidegger, würde in unserem Betrieb nicht bestehen. In der Tat kann jemand ein Genie sein. Wenn der mir aber eine genialische Arbeit vorlegt, dann muss ich ihm sagen, dass ich in diesem Betrieb fast nichts mehr für ihn tun kann.

06:00 05.10.2015
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Jan Drees

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