Corona kennt kein Klippo

Maßnahmen Die Politik täte gut daran, das Virus nicht länger als eine Privatsache zu behandeln, die vor Büros und Fabriken halt macht
Abends, halb Zehn in Deutschland?
Abends, halb Zehn in Deutschland?

Foto: imago images / PEMAX

Die Pandemie ist jetzt schon älter als ein Jahr. Doch noch immer gibt es nicht genug wirksame Masken zum Schutz vor Corona im öffentlichen Raum. Noch immer sind die Gesundheitsämter nicht so mit Personal und Technik aufgerüstet, dass eine wirksame Verfolgung des Virus möglich ist – bald wird immerhin nicht mehr gefaxt. Auch Schulen und Kitas wurden nur unzureichend auf eine zu erwartende zweite Welle, wie sie dann auch im Herbst eintrat, vorbereitet. Zwar bemühte man sich erfolgreich, Anreize für die Entwicklung eines Impfstoffes zu schaffen, verschwitzte es aber, Vorkehrungen zu treffen, ihn hernach schnell zu produzieren oder produzieren zu lassen.

Die Liste der, so es denn opportun ist, gern herbei zitierten nicht-gemachten Hausaufgaben der Regierung ist lang. Trotz- oder gerade deswegen setzt sie bei der Eindämmung der Coronapandemie weiterhin auf das Narrativ der individuellen Verantwortung – und dementsprechend auch auf Maßnahmen, die den privaten Raum oder jene Wirtschaftszweige, die private Bedürfnisse bedienen, beschneiden. Es mag auf den ersten Blick so aussehen, als würde man so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Wirtschaft wird geschont, am Ende sind am Verlauf der Krise die anderen – das wären also Sie und ich – schuld. Ist Corona einmal vorbei, muss sich niemand groß grämen: Es hat ja alles super geklappt, schaut nur auf den DAX! Und es wäre sogar noch besser gelaufen, hätte es nur nicht die paar Unverbesserlichen gegeben.

Es gibt jedoch – neben den offensichtlichen – einige Schwachstellen, die die Aufrechterhaltung dieser Erzählung behindern. Zunächst einmal wird die zweite Welle zu lang sein, als dass sich die Bevölkerung effektiv und dauerhaft auf ihr Dasein als bloße Arbeitskraft reduzieren lassen wird. Menschen brauchen Kompensation, Pausen, Perspektiven. In der ersten Welle ging das, ein paar Wochen Ausnahmezustand waren für die meisten zu verkraften. Jetzt aber, da klar wird, dass die zweite Welle und die mit ihr einhergehenden Maßnahmen von November bis weit ins neue Jahr hinein reichen werden, werden auch jene Stimmen lauter, die ein drastischeres Vorgehen fordern: Die Pandemie soll nicht länger zum Wohle der Wirtschaft und auf Kosten von Menschenleben vor sich hinköcheln, sondern so schnell als möglich beendet werden. Ein wachsender Teil der Bevölkerung, der aus den verschiedensten Gründen nicht gewillt ist, sich das Lavieren der Länderkonferenzen länger mitanzusehen, fordert unterdessen also ein Ende mit Schrecken statt des Schreckens ohne Ende. Manifest wurde dies in der Initiative #ZeroCovid.

Magisches Denken

Dass die von dieser Initiative gestellten Maximalforderungen nicht umgesetzt werden, ist abzusehen. Denn „die Wirtschaft“ darf auf keinen Fall abgewürgt werden – weiter geht’s! Dass aber jetzt vor allem über Ausgangssperren diskutiert wird, anstatt darüber, dort, wo es problemlos möglich wäre, Home Office – das allein eine Menge bringen könnte – nicht nur anzuraten, sondern verpflichtend zu machen, ist ein weiterer Schlag ins Kontor derer, die eh schon auf dem Zahnfleisch gehen. Wie und wem will man noch erklären, dass die jetzt schon gravierenden Einschränkungen, die man privat oder in bestimmten Branchen auf sich nehmen muss, verlängert und verschärft werden, während sie anderswo ohne Not nicht gelten? Büro und Arbeitsweg sind für das Virus Klippo? Willkommen im magischen Denken! Ganz zu schweigen davon, dass es wenig zielführend sein dürfte, bei der Eindämmung auch jetzt noch bestimmten Bereichen einen Persilschein auszustellen.

Kann man also auf die Maßnahmen einer Regierung vertrauen, die so einseitig – und auch nur bedingt erfolgreich – handelt? Warum sollte man Regeln weiterhin befolgen, die nach Gutsherrenart verordnet werden und nicht einmal den Anschein erwecken, solidarisch zu sein? Das sind Fragen, die, umso länger die Pandemie andauert, auch auf wenig konspirativen Spaziergängen und Videochats gären werden. Der Erzählung von der individuellen Verantwortung, die in Berlin innig gepflegt wird, dürften sie nicht gut tun. Und auch der Motivation der Einzelnen, die ja für die Bekämpfung der Pandemie ach-so-wichtig zu sein scheint, wird es nicht gut tun, wenn die politische Maxime heißt: Solidarität ist eine Einbahnstraße. Es ist an den Regierenden, das Gegenteil zu beweisen.

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Geschrieben von

Jan Jasper Kosok

Online-Chef

Jan Jasper Kosok studierte Wirtschaftswissenschaften in Berlin, verdingte sich im Nachtleben und gründete 2007 mit Teresa Bücker das Blog Knicken // Plakative Platzierungen, welches sich mit Musik und Popkultur beschäftigte. 2009 kam er zum Freitag, um beim Aufbau des Webauftrittes zu helfen. Seit 2011 ist er verantwortlicher Redakteur für Online und Community und hat seitdem mehrere Relaunches begleitet. Er beschäftigt sich mit den sozialen Auswirkungen von zu hohem Internetkonsum und fürchtet sich davor, nicht verhindern zu können, ein alter weißer Mann zu werden.

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