Jan Pfaff
13.07.2009 | 16:35 12

Grenzenlose Gefühle

Fernsehen Das ZDF will die Einheit vorantreiben. Deshalb schickt man zehn West-Frauen nach Schwerin, um Ost-Männer zu daten. Und verkauft das Ganze als exotisches "Liebesabenteuer"

Hat das Fernsehen eine empfängnisverhütende Wirkung? Nadine, West-Frau aus Köln, hat dazu so ihre Theorie. In der DDR gab es früher nicht so viele Fernsehprogramme wie im Westen. Deswegen, folgert Nadine, seien die Ost-Männer besser im Bett als ihre westlichen Geschlechtsgenossen. Kam ja schließlich nix. Und darum, so Nadine weiter, habe es in der DDR auch mehr Kinder als im Westen gegeben. Wegen dieser unterschätzten Ost-Qualitäten freut sich Nadine auch wahnsinnig, dass sie 20 Jahre nach dem Mauerfall mit Unterstützung des mittlerweile gesamtdeutschen Fernsehsenders ZDF nach Schwerin fahren darf. Dort soll sie zusammen mit neun anderen West-Frauen zehn liebeserprobte Ost-Männer kennenlernen. 

Das Konzept des Doku-Dreiteilers Wo die Liebe hinfährt, dessen erste Folge am Sonntag lief, ist dabei ähnlich schlicht wie Nadines libidinös aufgeladene Medientheorie. In einem 70er-Jahre-Panorama-Bus, in dem sonst die Fischer-Chöre durch ländliche Gegenden fahren, machen sich die Frauen auf die Fahrt von Köln nach Schwerin. Schließlich gibt es in Mecklenburg-Vorpommern trotz schöner Landschaft ein ernstes Problem: Frauenmangel. In manchen Regionen herrscht 20 Prozent Männerüberschuss, viele Frauen sind wegen fehlender Arbeitsplätze in den Westen gegangen. Ein Thema, dem das ZDF, das schließlich auch mit seinen Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen die Gefühlshoheit im deutschen Fernsehen anstrebt, nur mit einer Dokusoap beikommt.

Der Osten soll möglichst exotisch erscheinen

Beim Casting der Kandidaten hat man darauf geachtet, dass für jeden etwas dabei ist, um eine möglichst große Zielgruppe anzusprechen. "Alle Haarfarben" sind vertreten, stellt ein Ost-Mann anerkennend fest – und von der sportlichen Mittzwanzigerin Nadine bis zur Endvierzigerin Astrid, die "nach langer Ehe immer noch die große Liebe sucht", sitzen die verschiedensten Typen im Bus. Damit das "Liebesabenteuer" groß genug wirkt, um eine Sendezeit von dreimal 45 Minuten zu füllen, müssen aber zunächst die kulturellen Unterschiede betont werden. Die Frauen trennen erstmal "über 500 Kilometer" von ihrem Ziel. Und im Bus wird munter über die unbekannten Männer spekuliert. Je näher man dem Reiseziel kommt, um so exotischer erscheint dabei der Osten.

Als Vorbild der Dokusoap dient unübersehbar der RTL-Quotenbringer Bauer sucht Frau. Das Prinzip ist das gleiche, ebenso der Ablauf. In Schwerin angekommen, werden West-Frauen und Ost-Männer in drei Gruppen aufgeteilt. Dann fährt man gemeinsam Trabbi, springt in den See und macht Speed-Dating. Während bei Bauer sucht Frau das Leben auf dem Land aber nicht nur als exotisch, sondern zugleich auch als besonders rein und unverbraucht dargestellt wird, bleibt bei der Ost-West-Variante nach dem ersten Kennenlernen nicht mehr viel Unterschiedliches übrig. In Schwerin wie in Köln wollen Singles in den Zwanzigern vor allem Spaß, haben Mittvierziger auf der Partnersuche zerstückelte Beziehungsbiografien. Man tauscht sich aus über Patchwork-Familien und dass man "nun noch einmal etwas ganz Neues anfangen will".

Von der Idee, dass sich hier Gegensätze anziehen sollten, bleibt außer der Erinnerung ans Trabbifahren nicht viel übrig. Vielleicht ist die Einheit aber auch einfach schon weiter, als sich manche Programmverantwortliche vorstellen können.

Teil 2 und 3 von Wo die Liebe hinfährt laufen nächsten und übernächsten Sonntag (19. und 26. Juli) im ZDF.

Kommentare (12)

Jolie 14.07.2009 | 21:41

Ach, schon wieder so ein selbstverliebter Redakteur, der meine Ironie über die typischen Vorurteile nicht zu schätzen weiß. Wahrscheinlich hätte er sonst keine Ahnung, was er überhaupt schreiben soll. Hier ein kleiner Anreiz: Zehn fröhliche Rheinländerinnen suchen eine neue Liebe und fahren dazu in den Ostteil Deutschlands nach Schwerin. Zehn Männer warten auf sie. Der Stoff der dreiteiligen ZDF-Doku "Wo die Liebe hinfährt" bietet Potenzial für Keller-Niveau. Doch der gestrige Auftakt ließ Aufatmen. Keine skandalträchtigen oder nervigen Dialoge über Ost und West. Da waren Menschen, die Liebe suchen. Menschen, die offen neuen Menschen gegenübertreten. Das war erfrischend, lustig und spritzig. Eine gut gemachte Kuppel-Show mit Niveau, die Lust auf die zweite Folge macht. Aber wahrscheinlich guckt der Herr lieber die 500. Wiederholung von Sissi. Na dann viel Spaß ;-)

Jan Pfaff 15.07.2009 | 13:01

@tetenal: Macht man so eine Sendung größer, als sie es verdient, wenn man darüber schreibt? Die Frage stellt sich bei solchen Themen natürlich immer. Ich finde aber, der Text hat seine Berechtigung, weil uns auch schlechte Dokusoaps etwas sagen: hier zum Beispiel, dass Unterschiede zwischen Ost und West eher medial konstruiert werden müssen als dass sie noch augenfällig zu Tage treten.

@Jolie: Sissi habe ich schon lang nicht mehr geschaut. Aber gute Idee - sollte ich endlich mal wieder machen.

h.yuren 16.07.2009 | 13:03

tetenal, du sagst es. wer noch immer glotzt, muss bestraft werden. ard und zdf geben sich redlich mühe. die privaten konntens schon immer.
den artikel fand ich nicht ganz so großartig wie bw, aber interessant, weil ich so knapp und gekonnt informiert werde über das treiben auf dem anderen planeten.
was den ironischen titel betrifft, bleibt die geschichte doch auffällig in engen grenzen, denen der größten der großen nationen und denen der höchsten der begrenzten gefühle ...

Bildungswirt 17.07.2009 | 21:11

Die Sissi will ich selbstverständlich auch nicht verpassen. Welche Fassung? Die Österreicher eingemeindet (oder haben sie inzwichen freiwillig einen Antrag gestellt) und eine Gesamtsissi fürs ganz große Deutschland, germanenstammverbindend. Das Fernsehen und wir und natürlich SISSI, alles als Dokusoap. Dann bei Anne Will der ultimative Sonntags-Talk - Sissi, wie fühlen Sie sich?

Bildungswirt 17.07.2009 | 21:15

Lieber h.yuren,
"grenzenlose Gefühle" - das ist doch immer großartig. Und Jan Paff fasst sich ein Herz, führt uns in neue Gefilde.

""Alle Haarfarben" sind vertreten, stellt ein Ost-Mann anerkennend fest – und von der sportlichen Mittzwanzigerin Nadine bis zur Endvierzigerin Astrid, die "nach langer Ehe immer noch die große Liebe sucht", sitzen die verschiedensten Typen im Bus."
Na, h.y. - Hand aufs Herz - ist das nicht großartig?

Gruß BW