"Ich habe einfach keine Angst"

Interview Swetlana Gannuschkina kämpft in Russland für Geflüchtete – dafür legt sie sich auch mit dem Kreml an. Jetzt bekommt die 74-Jährige den Alternativen Nobelpreis
Jan Pfaff | Ausgabe 42/2016 36
"Ich habe einfach keine Angst"
Gannuschkina legte sich schon zu Sowjetzeiten mit den Mächtigen an

Foto: Jen Osborne für der Freitag

In einem kleinen Café im Westen Berlins sitzt Swetlana Gannuschkina mit ihrem Übersetzer an einem dunklen Holztisch. Für einen Tag ist sie in der Stadt, ihr Terminplan ist eng getaktet. Und jedes ihrer Gespräche beginnt mit einer Gratulation. Ende September wurde bekannt, dass sie zu den Ausgezeichneten des Alternativen Nobelpreises gehört. Ende November soll die Verleihung in Stockholm sein.

der Freitag: Frau Gannuschkina, was bedeutet für Sie der Gewinn des Alternativen Nobelpreises?

Swetlana Gannuschkina: Sehr viel. Er ist ein Zeichen der Solidarität mit der russischen Zivilgesellschaft. Und das Preisgeld hilft, Menschen konkret zu helfen, denn ich muss keine Rechenschaft darüber ablegen, wie ich es verwende. Es ist sonst nämlich viel leichter, Geld für Seminare und Konferenzen aufzutreiben, als dafür, Flüchtlingen etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf zu besorgen.

Woran liegt das?

Viele Stiftungen sind überzeugt, dass es nicht sinnvoll ist, Geld konkret für Nahrung und Unterkunft auszugeben. Dahinter steht die Angst, dass diese Mittel verpuffen. Nur: Wenn etwa eine schwangere Afrikanerin von unseren Freiwilligen gefunden wird, wie sie halberfroren in einer Moskauer U-Bahnstation sitzt – da braucht man Geld, um schnell helfen zu können. Darum freue ich mich auch über die materielle Seite und die etwa 80.000 Euro Preisgeld.

Sie engagieren sich seit der Sowjetzeit für Flüchtlinge, kämpfen für die Menschenrechte. Gab es einen Punkt in Ihrem Leben, an dem Sie gesagt haben: „Jetzt muss ich aktiv werden“?

Ich war eigentlich schon immer engagiert. Ich habe mich in der Schule mit dem Direktor angelegt, weil der ziemlich korrupt war. Und es gibt immer Menschen, für deren Rechte man einstehen muss. Es wird heute ja oft behauptet, in der Sowjetunion sei es nicht möglich gewesen, sich zu engagieren. Ich bin sicher keine Anhängerin der Sowjetmacht, aber trotzdem: Man konnte auch innerhalb des Sowjetsystems einiges tun – und zugleich gegen das System sein.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich war kein Mitglied der kommunistischen Partei, aber ich habe der Parteikommission vor Parteitagen Briefe geschrieben. Damals gab es ja lange Warteschlangen für Autos, man konnte nicht einfach eins kaufen. Ich kannte einen Körperbehinderten, der auf eines angewiesen war. Ein hochgestellter Parteifunktionär hatte ihn aber auf der Warteliste nach hinten geschoben, weil ein Verwandter ein Auto wollte. Aufgrund des Briefs hat aber der Mann mit dem Handicap dann als Erster ein Auto gekriegt.

In der Endphase der Sowjetunion haben Sie dann zusammen mit anderen die Organisation „Zivile Unterstützung“ gegründet, um Flüchtlingen zu helfen ...

Während der Perestroika gab es zum ersten Mal die Möglichkeit, dass man sich in Nichtregierungsorganisationen zusammenschließen konnte. Zugleich verschärften sich die ethnischen Konflikte auf dem Gebiet der Sowjetunion. Und die Machthaber waren nicht in der Lage, diese zu lösen. Ende der 80er Jahre kamen die ersten Flüchtlinge aus Aserbaidschan nach Moskau. Michail Gorbatschow war fest überzeugt, dass die bald wieder zurückkehren würden. Ich habe aber gesehen, dass uns dieses Problem lange Zeit begleiten wird. Und so habe ich mich mit einigen Gleichgesinnten zusammengeschlossen.

„Menschen, für deren Rechte man einstehen muss“

Als Mathematik-Dozentin unterrichtete Swetlana Gannuschkina 30 Jahre lang an Moskauer Hochschulen. Ende der 80er Jahre begann die heute 74-Jährige, sich für Flüchtlinge und Migranten zu engagieren. Damals spitzte sich der Konflikt um Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbaidschan zu, zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs kam es in der Sowjetunion zu größeren Flüchtlingsströmen. Nach Ende der Sowjetunion folgten die Flüchtlinge aus Tschetschenien, die vor den zwei Kriegen (1994–1996 und 1999–2009) sowie den Menschenrechtsverletzungen von Moskaus Statthalter Ramsan Kadyrow flohen.

Im Zuge des Ukrainekonflikts flohen über eine Million Menschen aus der Ostukraine nach Russland – und laut Gannuschkina haben heute auch 10.000 Syrer in Russland Zuflucht gesucht. Unbeschränktes Asyl erhielten aber nur zwei Syrer. Etwa 3.000 verfügen aufgrund von Heirat oder vorübergehendem Asyl, das ein Jahr gilt, über einen Aufenthaltstitel. Insgesamt, schätzt Gannuschkina, gibt es in Russland 100.000 Menschen, die Anrecht auf dauerhaftes Asyl hätten. Offiziell anerkannt sind 770. Gannuschkina leitet die Hilfsorganisation „Zivile Unterstützung“ und hat das Netzwerk „Migration und Recht“ der NGO Memorial aufgebaut. Ihr Buch Auch wir sind Russland (Europa Verlag, 432 S., 24,99 €) ist eine Mischung aus Autobiografie und Analyse der aktuellen Situation im Land.

Der Alternative Nobelpreis heißt eigentlich Right Livelihood Award. Er wurde von dem Deutsch-Schweden Jakob von Uexküll gestiftet und hat keine institutionelle Verbindung zum Nobelpreis. In diesem Jahr erhalten den Right Livelihood Award auch die syrischen Weißhelme, die ägyptische Feministin Mozn Hassan und die türkische Zeitung Cumhuriyet.

Wie hat sich die Arbeit mit Ihrer NGO über die Jahre verändert?

Wir haben gute Zeiten kennengelernt – und schlechte. Wir hatten die Gründungsphase, in der wir damals keine einzige Kopeke hatten. Dann lief das langsam an, dass wir Spenden bekamen, unter anderem auch aus Deutschland. Wir kannten damals aber noch nicht die russischen Gesetze und völkerrechtlichen Verträge zu Flüchtlingen. Es dauerte etwa fünf Jahre, bis wir begriffen, dass wir ein Netzwerk von Leuten brauchen, die juristische Beratung geben können, weil die rechtlichen Fragen von entscheidender Bedeutung sind. Ich arbeite auch für die Nichtregierungsorganisation Memorial und habe dort das Netzwerk „Migration und Recht“ aufgebaut. Uns hat damals niemand von staatlicher Seite geholfen, aber es hat uns auch niemand behindert.

Das Engagement ist gefährlich. Anna Politkowskaja, mit der Sie befreundet waren und die viel über den Tschetschenien-Krieg recherchiert hatte, wurde vor zehn Jahren in Moskau ermordet. Mehrere Ihrer Mitarbeiter wurden in Tschetschenien getötet.

Wir haben all die Jahre viel mit Tschetschenien zu tun gehabt, weil die zwei Kriege dort viele Opfer gefordert und viele Flüchtlinge geschaffen haben. 2001 wurde unser Mitarbeiter Viktor Popkow erschossen, als er mit seinem Auto Hilfspakete in tschetschenischen Dörfern verteilte. Und 2009 wurde meine Mitarbeiterin Natalja Estemirowa entführt und ermordet.

Wie macht man danach weiter?

Das ist sehr schwer, Natascha stand mir nahe. Wir saßen oft zusammen und haben über alles Mögliche geredet, nicht nur über die Arbeit. Wir wussten, dass sie in Tschetschenien in Gefahr war. Wir hatten bereits mit ihr darüber gesprochen, dass sie die Region verlassen muss. Sie hatte aber gesagt: „Gebt mir noch eine Woche.“ Es war ein großer Fehler von mir, dass ich ihr nicht widersprochen habe. Ich hätte sagen sollen: „Natascha, ich vertrete den Vorstand von Memorial – und ich habe die Entscheidung getroffen, dass du gehst.“ Dass ich das nicht getan habe, kann ich nicht vergessen.

Sie selbst wurden von russischen Neofaschisten im Internet auf eine Todesliste gesetzt. Aber Sie sagen: „Ich habe keine Angst.“

Ich habe wirklich keine Angst. Die Todesdrohungen als eine realistische Möglichkeit wahrzunehmen, ist das eine. Das tue ich auch. Aber Angst zu spüren, ist das andere. Angst ist ja wie eine Eigenschaft, die bei einem stärker oder schwächer ausgeprägt sein kann. Das lässt sich nicht rational entscheiden. Ich bin gar nicht besonders mutig, aber ich spüre diese Angst einfach weniger als andere.

Wie hat sich das Verhältnis zu den staatlichen Stellen geändert?

In den guten Zeiten gab es einen Dialog mit den Vertretern des Staats. Ende der 90er Jahre kamen Vertreter der Migrationsbehörden zu unseren Seminaren und beantworteten unsere Fragen. Ab 2002, also in der ersten Präsidentschaft von Wladimir Putin, wurden dann aber immer mehr schlechte Gesetze verabschiedet, Anti-Migranten-Gesetze.

2002 sind Sie Mitglied des Menschenrechtsrats geworden, der den russischen Präsidenten beraten soll.

Um das immer schwierigere Verhältnis zu den staatlichen Kräften zu entspannen, habe ich damals dieses Angebot angenommen. Es gab auch immer mal wieder Erfolge, kleine Fortschritte, aber das änderte nichts an der grundlegenden Tendenz, dass das Verhältnis zum Staat immer schwieriger wurde.

Warum haben Sie den Rat dann 2012 wieder verlassen?

Es war für mich immer ein Kompromiss, da mitzuarbeiten. Aber es gibt Grenzen des Kompromisses. Im September 2011 waren wir Ratsmitglieder in die Region Karelien im Nordwesten Russlands gereist. Als wir gerade auf dem Flughafen ankamen, haben wir die Meldung gehört, dass Präsident Medwedew erklärt habe, der nächste Präsident werde wieder Wladimir Putin heißen. Der russischen Verfassung zufolge kann ein Mensch aber nur zwei Amtsperioden lang Präsident sein. Dass man es so auslegt, dass er danach eine Pause macht – und dann wieder Präsident wird –, ist nicht vorgesehen. Und dann sagt Medwedew: „Wir haben uns doch schon geeinigt.“ Da frage ich mich: Wenn schon alles klar ist, warum noch Geld für Wahlen ausgeben? Die sind dann ja nur Dekoration. Für mich hat Putin damit die Verfassung gebrochen. Deshalb habe ich noch am selben Tag dem Rat gesagt, dass ich nicht mehr weiter mitwirken werde.

Sie kritisieren auch, dass Gesetze verabschiedet werden, die gegen die Verfassung verstoßen.

Ein Vize-Premier hat mir einmal bei einer Sitzung der Kommission für Migrationsfragen gesagt: „Wir werden keine Kinder von Migranten in den Schulen unterrichten.“ Ich sagte: „Das geht nicht. In Artikel 43 der Verfassung steht, dass alle Kinder das Recht auf Schulbildung haben.“ Er sagte: „Diese Verfassung ist doch für die russischen Staatsbürger geschrieben.“ Ich erwiderte: „Wenn in der Verfassung nur die russischen Staatsbürger gemeint sind, steht das da genau so drin. Wenn da aber ‚jeder‘ steht, ist auch jeder gemeint. In Artikel 62 steht geschrieben, dass alle Menschen, die sich legal auf dem Territorium der russischen Förderation aufhalten, auch dieselben Rechte haben.“ Die kennen die Verfassung nicht. Sie ist für sie auch nicht wichtig. Stattdessen sagt mir dieser Mann: „Gestern war ich bei Putin, und der sagte, man müsse dieses Gesetz unterstützen.“ Das ist für die wichtig.

In den vergangenen Monaten wurden gehäuft zivilgesellschaftliche Organisationen als „ausländische Agenten“ registriert. Warum hat der Kreml so eine Angst vor der Zivilgesellschaft?

Ich verstehe das nicht, rational lässt sich das nicht erklären. Sie haben vor allen Angst, die ihnen widersprechen könnten. Sie reden immer von orangen Revolutionen. Irgendwas, was die Amerikaner angeblich planen. Wenn das so weitergeht, hat der Kreml bald auch Angst vor der Farbe Orange an sich. Und vor Apfelsinen.

Sie beschreiben den Zustand der russischen Gesellschaft als „aggressive Apathie“.

Ja, das klingt erst einmal widersprüchlich. Aggression ist etwas sehr Aktives, Apathie etwas Passives. Was ich damit meine: Die Bevölkerung schweigt. Die Menschen denken, sie könnten sowieso nichts ändern. Aber gleichzeitig stauen sich negative Emotionen auf. Eine weise Regierung wäre in der Lage, diese Aggressionen abzubauen. Aber bei uns meint man, nur mit Repressionen auf die Gesellschaft Einfluss nehmen zu können. Und so kommt ein repressives Gesetz nach dem anderen.

Ihr Buch, das vergangenen Dezember auf Deutsch erschien, heißt: „Auch wir sind Russland“. Wieso haben Sie es so genannt?

Weil ich von dem Buch der ehemaligen ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz gehört hatte. Das heißt Russland verstehen – gemeint ist da aber „Putin verstehen“. Dem möchte ich etwas entgegensetzen. Ich denke, in Deutschland schaut man zu oft nur auf Putin. Ich möchte dazu beitragen, dass man besser versteht, dass es in Russland auch Menschen gibt, die anders denken. Menschen, die trotzdem keine ausländischen Agenten sind. Menschen, die ihr Land auch lieben. Ich verstehe mich als Patriotin, darum wünsche ich mir eine andere Gegenwart und Zukunft für mein Land.

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06:00 02.11.2016

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