Jan Pfaff
16.03.2010 | 15:20 20

Mal Fünfe gerade sein lassen

Konsum Ist man ein besserer Mensch, wenn man Bio-Produkte kauft? Nein, sagt eine neue Studie. Wer grün shoppt, neigt anschließend in anderen Bereichen zu unmoralischem Verhalten

Irgendwie hat man es doch schon immer geahnt. All diese Hausmüll-Sortierer, Bionade-Trinker, Hardcore-Vegetarier und Bio-Fleisch-Käufer verändern mit ihrem Konsumverhalten vielleicht die Welt ein kleines Stückchen – bessere Menschen sind sie deswegen aber noch lange nicht. Wo Licht ist, muss auch Schatten sein, sagt der Volksmund. Und die Wissenschaftler Nina Mazar und Chen-Bo Zhong liefern nun, zumindest für den Bereich des Öko-Shoppens, den Beleg dafür mit einer Studie, die Anfang März in der Fachzeitschrift Psychological Science veröffentlicht wurde. 

An der Universität Toronto haben Mazar und Zhong eine Reihe von Experimenten durchgeführt, die ihre Ausgangsfrage beantworten sollten: "Machen uns Öko-Produkte zu besseren Menschen?" Ihre eindeutige Antwort: Nein, der Konsum ökologischer Produkte führt vielmehr zu unmoralischem Verhalten in anderen Bereichen. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Menschen, die moralisch hoch angesehene, grüne Produkte gekauft hatten, danach geringere Summen ihres Geldes mit einem anderen Probanden teilen wollten als jene, die zuvor gewöhnlich hergestellte Produkte erworben hatten. Außerdem zeigte sich in einem weiteren Experiment, dass Menschen nach dem Kauf von Bio-Produkten eher dazu neigen, Geld zu stehlen. 

Gute Taten, schlechte Taten

Erklären lässt sich dieses Verhalten mit einem Phänomen, das in der Psychologie schon länger bekannt ist. Damit Menschen ein positives Selbstbild haben, reicht es aus, wenn die guten und schlechten Taten sich die Waage halten, wenn es am Ende des Tages wieder ein Gleichgewicht gibt. Hat man also gerade etwas moralisch sehr Angesehenes gemacht, kann man sich danach ruhig mal einen Fehltritt erlauben. Dieses Verhalten wurde in mehreren Studien für unterschiedliche Gesellschaftsbereiche nachgewiesen.

Der Psychologe Benoît Monin von der Universität Stanford hat dafür den Begriff "Moral Credential" geprägt. Er zeigte, dass Menschen, die sich bei einer Gelegenheit als vorurteilsfreie, aufgeklärte Menschen präsentieren, danach eher rassistische oder sexistische Ansichten vertreten, als wenn sie diese Gelegenheit nicht gehabt hätten. Sie zehren bei ihren nachstehenden, unmoralischen Entscheidungen von dem moralischen Kapital, das sie zuvor aufgebaut haben.

Nur noch bei Lidl kaufen?

Das selbe Prinzip greift auch im Öko-Supermarkt. Wer dort einkauft, hat das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Er sammelt Pluspunkte auf seiner inneren Moralskala, die man bei anderer Gelegenheit wieder aufbrauchen kann. Und was folgt daraus nun für unser Konsumverhalten? Nur noch bei Aldi und Lidl möglichst billig und ökologisch unkorrekt einkaufen, um danach lauter gute Taten zu vollbringen? Bloß nicht. Lieber in der Mittagspause einen Bio-Apfel kaufen – und später den Kollegen noch die Gummibärchen aus der Schreibtischschublade klauen.

Kommentare (20)

Querdenker 16.03.2010 | 17:27

Wieder eine Sozialstudie für die Tonne. Die Studenten haben in der Studie gespielt, vielleicht waren die "Grünen" in dem Spiel einfach nur cleverer oder antiautoritärer eingestellt? Sozialwissenschaftler verarschen macht großen Spaß. Mit Rückschlüssen von Computerspielen auf das Verhalten im wirklichen Leben wäre ich verdammt vorsichtig (s. Ego-Shooter). Aber diese Studie dürfte trotzdem eine Steilvorlage für all diejenigen sein, die Bioprodukte und grüne Politik schon immer für eine große Volksverarsche und Abzocke gehalten haben.

c008 16.03.2010 | 17:28

Ich finde den Artikel doch stark vereinfachend.

Immerhin hat jeder Mensch eine andere Moralauffassung. Das heisst nicht gleichzeitig, dass, weil ich den Kauf von Bio-Produkten generell als sinnvoll betrachte, ich dadurch zu moralisch verwerflichen Taten in anderen Lebensbereichen neige.
Ich kaufe diese Produkte, weil es in meine Lebensanschauung passt, nicht weil ich meinen Tagesmoralwert erhoehen moechte.

mh 16.03.2010 | 19:29

weil der mensch sich nach seiner guten tat eher mal gehen lässt, fühlen leute sich darin bestätigt, dass bioprodukte volksverarsche und abzocke sind?

das ist ungefähr so logisch wie:

ich bin jetzt generell böse. denn wenn ich gutes tue, werde ich danach ohnehin wieder was schlechtes tun.

dabei könnte man soviel schöneres reindeuten, wie ein generell menschliches durchschnittsverhalten, fernab von gut oder böse, welches sich durch solche funktionsweisen immer wieder ausgleicht. z.b.

mfg
mh

c008 17.03.2010 | 00:34

Nun gut, mit dieser Logik laesst sich jede 'gute' Tat relativieren.

Die 'ich kaufe Bioprodukte und werde dann nachlaessiger in anderen Dingen'-Logik ist Bloedsinn, da verallgemeinernt.
Wenn ich regelmaessig Bioprodukte kaufe, es also in meine Lebensanschauung passt, mein Lebensstil ist, dann nehme ich es weniger bewusst als eine tolle moralische Tat wahr, als wenn ich durch meinen Rewe laufe, und ausnahmsweise mal die Bio-Maultaschen goenne, die 50 Cent mehr kosten.

Menschen haben unterschiedliche Moralvorstellungen, daher wird man nicht gleich zum schlechten Menschen, nur weil man Oeko einkauft.

christiansteifen 17.03.2010 | 21:47

Die Studie dient der Polarisation. Dass sie dies erreicht, wird aus der Diskussion hier, aber z.B. auch in der taz schnell deutlich. Dass sich Bionesen angepisst fühlen und Aldiisten bestätigt – wen schert es?

Wer »Bio« isst macht das ja nicht um ein guter Mensch zu sein, sondern weil er als intelligenter selektiver Allesfresser die beste verfügbare Nahrung sucht. Ob er sie findet sei dahingestellt, klar ist er handelt zutiefst eigennützig.

Viele der Leute die heute Bio kaufen, hätten vor vierzig Jahren genau gegenteilig die damals neuartigen Fertigprodukte den naturbelassenen Lebensmitteln vorgezogen. Einfach aus dem Glauben an das vom Mainstream als besser wahrgenommene.

Moral an sich ist doch gar keine Diskussionsgrundlage. Handeln die Macher der Studie aus moralischer Überzeugung oder wollen Sie sich im wissenschaftlichen Wettbewerb profilieren?

Wer weiß das?

mh 17.03.2010 | 22:18

das, was die studie als ergebnis liefert, wäre auch mit nem anderen testobjekt gegangen. der biofraß ist nur ein aufhänger um das ding besser zu verkaufen und die diskussion darum anzuheizen.

interessant hier ist bestenfalls, wie wenig denkend mancher das hier zur kenntnis nimmt und stattdessen gleichmal erklärt wie gut er/sie doch ist.

moral ist hier natürlich das thema. wobei die darstellung sich da mehr mit den grenzen der moral beschäftigt. wenn man das ernsthaft diskutieren wollte, könnte man soweit gehen, unseren generellen begriff von moral in frage zu stellen, denn er scheint nicht das zu sein, was tatsächlich dafür vorgesehen ist.

aber gut, es ist auch wichtig zu betonen, dass biofraßfresser nicht böse sind und das alles nur essen, weil es ihnen schmeckt.

"Wer »Bio« isst macht das ja nicht um ein guter Mensch zu sein, sondern weil er als intelligenter selektiver Allesfresser die beste verfügbare Nahrung sucht. Ob er sie findet sei dahingestellt, klar ist er handelt zutiefst eigennützig."

es ist durchaus eigennützig, sich ein gutes gefühl zu kaufen. das gefühl gehört zu jeder form von investmentcase. also auch zum kauf von essen.

deswegen passts ja auch, vom konstrukt her.

mfg
mh

christiansteifen 19.03.2010 | 00:38

Mh, klar. Sehr unverfälschte Beispiele für diesen grünen Ablasshandel (Moral in Ihrer betriebswirtschaftlich interessanten Form) finden wir z.B. bei klimaneutralem Wasweißich:

- GoGreen, die klimaneutrale Paketmarke von DHL... Schauen Sie was die mit Ihrem Geld machen.
- Ebay: Ein gebrauchter Akkuschrauber ist einer weniger der produziert wird...Aber den verkaufen wir gewinnbringend nach Übersee. (80% der Waren bei ebay sind Neuware von Profis)
- Klimaneutrales Hosting...Ist auch für den Betreiber einfach billiger.

Dagegen ist Bioessen schon sehr rational, denn die Herstellungskosten sind meist höher, die Qualität oft spürbar besser. Daher meine Abneigung gegen die moralische Diskussion.

Columbus 19.03.2010 | 12:08

Mal´Sechse krumm sein lassen.

Sie haben schon Recht Herr Pfaff. Die menschliche Psychologie kennt tatsächlich Selbsterhöhungs- und Selbstkreditsysteme für Moralen, aus dehnen dann, bei anderer Gelegenheit ziemlich freizügige "Why not"-Handlungen, von denen man weiß, sie sind nicht ganz koscher, "bezahlt" werden. Häufige Sprüche: "Man gönnt sich ja sonst nichts.", "Ein Laster muss man haben", "Aber, denn Müll trennen wir dafür ganz sauber."

Das geht es individuell, mit dem Fahrrad zum Arbeitsplatz, mit dem Düsenclipper dann jährlich auf die Malediven. Das geht fabrik- und serienmäßig, z.B. bei Autokonzernen, die zwar "Fuel-efficiency" und "Eco-power" versprechen, die Klassen-Fahrzeuge sind auch 10-25% sparsamer im Vergleich zum Vorgängermodell, 120g/km-, gar nur die weniger strengen 130 g/km CO-2, seit Jahren das Ziel, schaffen sie trotzdem nicht (siehe z.B. der so genannte "Modellfrühling" in Deutschlands größtem Vereinsblatt, in der ADAC-Motorwelt).

Das geht auch mit ganzen Ländern. Deutschland ein "Öko-Vorreiter", dahinter aber öffnet sich die Externalisierungsfalle für die unangenehmen Teile der Rohstoff (Afrika,Südamerika,Indonesien)- und der Warenproduktion (China,Indien) oder der Energiebeschaffung (Nigeria, Südamerika, Russland), und so manche ausgeräumte und artenarme Waldlandschaft darf, sogar mit Eichen und Buchen neu aufgeforstet, nach allen Stürmen wieder wachsen.

Aber die wirklich artenreichen Flächen werden abgeschafft, das Artensterben schreitet voran, weil diese Flächen häufig dem wohlordnenden Bürgerauge ein gewaltiger Splitter im Anblick sind.

Um beim Apfel zu bleiben. Was ist daran ökologisch, wenn es in Zukunft, wie in weiten Teilen, z.B. der Londoner City,
zwar bei Sainsbury´s,Co-op und Tesco nun alle vier ganzjährig angebotenen Apfelsorten auch in Bio-Qualität und mit EU-Siegel gibt, aber diese vier Sorten die einzig marktgängigen sind?

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Avatar
hexogen 20.03.2010 | 09:09

Also meine Kaufentscheidung ist ausschließlich von der Qualität abhängig. Da gewinnen Bioprodukte zuweilen, manchmal verlieren sie aber auch.

Zudem: Soweit ich weiß, stammen viele Bio-Produkte aus Übersee. Es mag natürlich sein, dass sie biologisch angebaut wurden - nur zu welchem Preis? Bringt es einen moralisch weiter, wenn man Bio-Produkte erwirbt, die genau so viel Schiffsdiesel oder Flugbenzin verbrauchen, wie andere Produkte auch?

Ich schätze, nein.

Avatar
rainer-kuehn 21.03.2010 | 14:51

Mal weg von der Moralskala: "der Konsum ökologischer Produkte" (Beitrag) ist wohl das Problem.
Man konsumiert im Kapitalismus, egal ob gut oder schlecht. Einer Konsumgesellschaft stehen dann Wertigkeiten an, obwohl alle Weise des Verbrauchs in die Tonne gekloppt werden müßte: weil nur konsumiert. Mit bedenklichen Vertriebswegen.
Also: Der Verbraucherschutz definiert, welche Scheiße Gold ist. Die Wissenschaft stützt solchen Schwachsinn. Ökologische Moral ohne Antikapitalismus ist ein Kaiserschmarren!