Der Chinese im Harz

Reportage Deutsches Mittelgebirge: Wenn alle Vorräte erschöpft sind, bleiben die Geschichten - "Freitag"-Redakteur Jakob Augstein auf Goethes Loipe im Harz

Dem Geier gleich
Der auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend
Nach Beute schaut
Schwebe mein Lied.

Das nur vorweg. Die Verabredung ist gemacht. Die Vorbereitungen sind getroffen, wir beladen den Wagen vor Morgengrauen. Die Straße ist leer und schnell, das Ziel 288 Kilometer und 232 Jahre entfernt. Durch den Wald und die Ebenen zunächst noch im Dunklen, dann in der Dämmerung, schließlich im grünen Licht des Wintermorgens. Flach und weit ist das Land und es wird, je näher wir kommen, weiß und weißer und liegt dann fast schmerzhaft strahlend da. Wir haben die A10 hinter uns gelassen und die A2, die A39 und auch die A395, also alle Autobahnen haben wir hinter uns gelassen und wechseln auf die Landstraße etwa zwischen Vienenburg und Abbenroden, nah bei Lochtum, noch ein Stück vor Bad Harzburg. Und dann gibt es den Moment, da plötzlich wie aus dem Nichts der Hügel vor uns liegt. Diese Kuppe. Die man nicht gerne Berg nennen möchte. Weil das Felsig-Kantige eines Berges fehlt. Aber etwas Stilles und Dunkel-Beunruhigendes hat diese massive, langgestreckte Wölbung, als warte sie, ohne Ankündigung oder Erklärung oder Grund.

Gut. Das ist also der Brocken. Wenn man den noch nie gesehen hat, ist das schon bemerkenswert.

Und dann geschieht etwas Ungewöhnliches. Auf einmal. Etwas, das vielleicht heute noch ungewöhnlicher ist, als es Goethe vorgekommen sein mag, der im Jahr 1777 das erste Mal in den Harz kam. Es liegt daran, dass man mit dem Auto so schnell voran kommt. Und schnell drin ist. Im „Winterwesen“, wie Goethe es nannte. Es geht jäh bergauf. Und um die Kurve. Ohne Warnung. Als führe man in ein waldiges Parkhaus. Und dann ist man im Berg, und die Ebene ist weg, und die Weite und der Himmel eigentlich auch, und alles ist Wald und Fels und Schnee und Düsternis, und das ist schon sehr sonderbar. Weil man sonst eigentlich nie so plötzlich im Gebirge ist.

Es ging damals um ein verlassenes Bergwerk im Thüringer Wald, in Ilmenau, wo Herzog Carl-August noch Silber vermutete für die leeren Staatskassen. Goethe sagt, es sei von ihm „Anteil“ verlangt worden. Der junge Beamte sollte sich ein Bild vom Bergbau machen, im Harz herausfinden, was man im heimischen Thüringer Wald unternehmen könne, damit das Silber dort wieder fließe. Er war Geheimer Legationsrat mit Sitz und Stimme im Geheimen Consilium am Hof von Weimar. Er hatte von Verwaltung keine Ahnung. Und von Bergbau auch nicht. Und man verlangte von ihm „Anteil“: „Aber diesen konnte ich an irgendeinem Gegenstand nur durch unmittelbares Anschauen gewinnen“, schreibt Goethe und fuhr deshalb in den Harzer Bergbau hinein . Und uns geht es in Wahrheit mit Goethe nicht anders. Anteil können wir nur durch Anschauung nehmen: Also fahren auch wir da hin. 288 Kilometer und 232 Jahre. Damit das Silber wieder freigelegt wird, von dem Staub und den Schatten der Klassik.

Es ist ja das Schicksal des Klassikers, dass dieses Wort – Klassik – ihm um den Hals hängt wie ein Mühlstein und ihn schwerer macht als es ihm bekommt. Stoff für die Schule ist bekanntlich: Goethe war 28 Jahre alt, als er hier war. Der Werther lag nur drei Jahre zurück, junge Männer aus ganz Europa bestürmten den Literatur-Star mit unaufgeforderten Briefen und unangemeldeten Besuchen, wenn sie sich nicht gleich aus lauter Begeisterung das Leben nahmen.

Später schrieb Goethe: „Als der Dichter den Werther geschrieben, um sich wenigstens persönlich von der damals herrschenden Empfindsamkeits-Krankheit zu befreien, musste er die große Unbequemlichkeit erleben, dass man ihn gerade dieser Gesinnungen günstig hielt." Davon wollte er sich ja befreien: Von der Gefährdung, die in dieser "Empfindsamkeits-Krankheit" lag. Also hinein ins "Winterwesen", zur Natur, der "Urmutter",die alles Leiden lindert. Weg vom Weimarer Hofe, mit seinen "Forderungen des Tages", auch weg von Charlotte, der geliebten älteren Freundin. An sie schrieb er am Morgen seiner Abreise noch: "Adieu, liebe Frau, ich streiche gleich ab. Ich bin in wunderbar dunkler Verwirrung meiner Gedanken. Hören Sie den Sturm, der wird schön um mich pfeifen."

Über Dutzende von Leitern in die Tiefe

Goethe reist also in den Harz. Wir reisen in den Harz. Hinein in den Schein des Winterwesens. Dieses wahre Mittelgebirge, niedrig geduckt, raunend und deutsch und waldig, wo Zwerge und Riesen in den Schächten und Höhlen hausen und die Männer drei mal das Kreuz schlagen bevor sie in die Tiefe hinabsteigen, um dem Berg seine Schätze zu rauben. Man muss sich klarmachen, dass die Bergwerke des Harz einmal bedeutend waren. Noch hundert Jahre nach Goethe war Leben in den Gängen am Pfaffen- und Meiseberg bei Harzgerode mit ihren prachtvollen Bleiglanzkristallen, mit Fahlerz, Kupferkies, Spateisenstein, Feder- und Zundererz und etwas Wolfram.

Über Dutzende von Fahrten genannten Leiter stieg man damals in den Berg hinein. Als Führer ein Geschworener des Bergwerks vorneweg. Es gibt eine Beschreibung eines solchen Ausflugs von einer späteren Harzreise Goethes, in einem Brief an Charlotte: "Dass ich jetzt um und in Bergwerken lebe, wer Sie vielleicht schon erraten haben. Gestern, Liebste, hat ir das Schicksal wieder ein großes Kompliment gemacht. Der Geschworene war einen Schritt vor mir von einem Stück Gebirge, das sich ablöste, zu Boden geschlagen; da er sein sehr robuster Mann war, so stemmte er sich, da es auch ihn dfiel, dass es cih in mehrere Stücke auseinanderbrach unf sn ihm binsbrutschte. Es überwältigte ihn aber doch, und ich glaubte, es würde ihm wenigstens die Füße sehr beschädigt haben, es ging ihm aber so hin. Einen Augenblick später, so stand ich an dem Fleck, ...., und meine schwanke Person hätte es gleich niedergedrückt und mit der völligen Last gequetscht. Es war immerhin ein Stück von fünf, sechs Zentnern."

Skilaufen wollen wir auch. Langlauf. Durch den Wald. Wir halten in Torfhaus, an der Straße von Braunschweig nach Braunlage. Kein Ort, nur ein paar Häuser, Restaurant und Skiverleih. Goethe fand hier seinerzeit einen Förster, der ihn auf den Brocken brachte. Obwohl das Wetter nicht danach war. Wir schnallen die Skier an und machen uns auf den Weg. Der Reisende aus Weimar drängelte. „Haben Sie keinen Knecht? Niemanden?“ fleht er den zögernden Förster an. Und der willigt ein. „Ich habe ein Zeichen ins Fenster geschnitten zum Zeugnis meiner Freudentränen“, schreibt Goethe in einem Brief an seine Charlotte. Sie gehen los, zwei, drei Stunden, durch den tiefen Schnee, bis sie oben sind: „Ich hab’s nicht geglaubt bis auf der obersten Klippe. Alle Nebel lagen unten, und oben war herrliche Klarheit.“ Heute heißt die Strecke Goetheweg, sie führt über die Abegruben in Richtung Quitschenberg direkt auf den Brocken. Aber wir gehen da nicht lang. Wir biegen bei der Luisenklippe rechts ab und lassen das Brockenfeld links liegen. „Mit mir verfährt Gott, wie mit seinen alten Heiligen“ hat Goethe im Harz gejubelt. Und wir können uns auch nicht beklagen. Der Wald ist wie eine Wohnung, alles ist hell und weich und still.

Mein Reisegefährte ist schnell unterwegs auf seinen Skiern. Er stößt sich nicht vom Boden ab. Er stößt den Boden weg, nach unten, als stoße er die ganze Erde von sich, und bald kommt alles ins Federn, der Boden, die Erde, der Gefährte, und es zieht ihn nach vorne weg, ein großes ruhiges Verschwinden, dem ich staunend hinterherblicke. Während ich atemlos stehenbleibe. Weil ich zu schlapp bin.

"Ich habe einen Chinesen gesehen"

Plötzlich steht ein Chinese vor mir. In einer grauen Winterjacke. In der einen Hand eine Karte, in der anderen ein Telefon, um sich blickend. Es ist ganz still um uns herum, hin und wieder rieselt glitzernder Staub von den Ästen. Er steht auf der entgegenkommenden Spur. Er guckt mich kurz schweigend an, putzt seine Brille mit einem weißen Taschentuch, verstaut Karte, Telefon und Tuch in der Tasche, streift die Handschuhe über und entfernt sich ohne Eile. Ein Chinese, denke ich. Im Harz. Langsam gehe ich weiter. Er sah ein wenig besorgt aus, denke ich. Mein Gefährte kommt mir entgegen, immer noch mit großer Geschwindigkeit, sozusagen die doppelte Strecke fahrend, vor lauter Überschuss an Kraft. „Ich habe einen Chinesen gesehen. Im Harz!!“, sage ich. „Einen?“, fragt er. Wir fahren schweigend weiter. Am Dreieckigen Pfahl biegen wir in Richtung Oderbrück ab um dort etwas zu essen. Wir überlegen, mit wem der Chinese telefoniert hat. Und wir fragen uns, was geschähe, wenn alle Chinesen in den Harz kämen. Das Essen ist furchtbar und wir gehen weiter in Richtung Oderteich.

In die Traum – und Zaubersphäre
Sind wir, scheint es, eingegangen.
Führ uns gut und mach dir Ehre
Daß wir vorwärts bald gelangen
In den weiten, öden Räumen!
Seh die Bäume hinter Bäumen,
Wie sie schnell vorüberrücken,
Und die Klippen, die sich bücken,
Und die langen Felsennasen,
Wie sie schnarchen, wie sie blasen!

Durch die Steine, durch den Rasen
Eilet Bach und Bächlein nieder.
Hör ich Rauschen? hör ich Lieder?
Hör ich holde Liebesklage,
Stimmen jener Himmelstage?
Was wir hoffen, was wir lieben!
Und das Echo, wie die Sage
Alter Zeiten, hallet wider.

Heisst es in der Walpurgisnachtszene im Faust. Das ist diese Gegend hier. Goethe ging den Weg von Schierke nach Elend. Durch das trübe, vn der Kalten Bode durchflossene Elendstal mit den Schnarcherklippen. Zwischen den Blockmeeren, den Felder voller Granitgeröll. Der Granit. Im Harz lernte Goethe seine liebe zur Geologie kennen. Über den Ursprung der Steine herrschte seinerzeit ein Streit. Die Neptunisten glaubten, alles Gestein stamme aus dem Wasser, einem biblischen Schöpfungsozean. Die Deutschen vertraten diese Lere. Auch Goethe. Die Plutonisten aber ahnten den Ursprung der Steine in den Vulkanen, im heissen Inneren der Erde. Der vernünftige Schotte Hutton hatte dieses Theorem entwickelt. Im geistegesgeschichtlichen Streit dieser Ära des Umbruchs wurden daraus Metaphern fürs konservative und fürs revolutionäre Denken. Goethe war natürlich bei den Konservativen. Am Granit entzündete sich der Streit besonders. Goethe hielt ihn für "die Mutter aller Erze" und schrieb im Harz eine Abhandlung "Über den Granit", die Teil eines geplanten Romans über das Weltall werden sollte. Es wurde eben damals allegemein - und von Goethe besonders - in großer Münze gehandelt.

1,67 Quadratmeter Harz für jeden Chinesen

Wir durchqueren wieder den Wald und plötzlich tut sich vor uns, gefroren und weiß und unberührt, der Oderteich auf, in dichten nachmittäglichen Nebel gehüllt, den die verschneite Eisfläche ausschwitzt. Die Maschinen der Bergwerke wurden mit Wasserkraft betrieben, und für Zeiten der Dürre legten die Ingenieure Bergbau-Teiche an. Dies hier war der größte. Anfang des 18. Jahrhunderts stapelten die Bergleute von St. Andreasberg riesige Felsquader zu einer Zyklopenmauer von fast zwanzig Metern Höhe. Es sieht alles noch aus wie früher. Aber es dient keinem Zweck mehr. Mit dem Bergbau im Harz ist es vorbei. Die Grube Wolkenhügel in Bad Lauterberg war das letzte Bergwerk des Harz. Sie hat im Jahr 2007 die Förderung eingestellt.

Wir tauchen in den Nebel und verschwinden, einer nach dem anderen, darin. Wir gleiten hindurch. Unter uns zuckt das Eis mit zischendem Knallen. Da Informationen heute allüberall verfügbar sind, können wir die notwendigen Berechnungen gleich hier anstellen, auf dem Eis, im Nebel: China hat etwa 1,33 Milliarden Einwohner. Der Harz hat eine Ausdehnung von 2.226 Quadratkilometern. Für den Fall, dass alle Chinesen in den Harz kämen, stünde jedem eine Fläche von 1,67 Quadratmetern zur Verfügung.

Was wir hier suchen? Geschichten

Es ist dunkel und kalt. Was hat der Chinese im Harz gesucht? In diesem ausgebeuteten Mittelgebirge, in der Mitte Deutschlands, das keine Erze mehr zu bieten hat und auch sonst keine Rohstoffe, die man in der globalisierten Wirtschaft braucht. Das selbe wie wir. Gedanken, Geschichten. Was sich nie erschöpft. Und was man immer braucht. Auch in China.

Es dauerte bis 1784 bis in Ilmenau der Neue Johannisschat eröffnet werden konnte. Aber das Wasser brache immer wieder ein. Man konnte ihm nicht Herr werden. Das Berwerk wurde aufgegeben. Wir fahren ab und hinter uns im Mondlicht, tatsächlich, sehen wir den Brocken verschwinden.

Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt
Und schaust aus Wolken
Auf ihre Reiche und Herrlichkeit
Die du aus den Adern deiner Brüder
Neben dir wässerst.
Das zum Schluss.

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09:00 21.02.2009
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

Ausgabe 24/2021

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