„Essen spielte eine große Rolle“

Interview Der Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner über Bücher, Entspannungsübungen und die Einsamkeit im türkischen Gefängnis
Jakob Augstein | Ausgabe 07/2018 4

Peter Steudtner, Menschenrechtsaktivist und Trainer für Gewaltfreiheit, wurde am 5. Juli 2017 zusammen mit seinem schwedischen Kollegen Ali Gharavi sowie acht Vertreterinnen und Vertretern verschiedener türkischer Menschenrechtsorganisationen bei einem Workshop auf der türkischen Insel Büyükada bei Istanbul verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, eine bewaffnete Terrororganisation unterstützt zu haben. Ein Gespräch mit dem Berliner im Theater am Neumarkt in Zürich.

der Freitag: Herr Steudtner, wie lange waren Sie in Haft?

Peter Steudtner: 113 Tage in Gewahrsam und Haft. Nach den ersten zwei Wochen gab es einen richterlichen Termin, bei dem die Untersuchungshaft angeordnet wurde.

Unter welchen Umständen wurden Sie verhaftet?

Es war an einem Mittwoch, der dritte Tag eines Workshops mit acht Teilnehmenden türkischer Menschenrechtsorganiationen, darunter die türkische Sektion von Amnesty International. Bei dem Workshop ging es um sichere Kommunikation im Netz und den Umgang mit Stress und Trauma.

Zur Person

Peter Steudtner, 46, ist Politologe, Menschenrechtsaktivist, Dokumentarfimer und Trainer für gewaltfreie Konfliktbewältigung. Er hat in Palästina, Nepal, Mosambik und anderen Krisengebieten gearbeitet.

IT und Trauma – zwei komplett unterschiedliche Themen.

Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten müssen viel aushalten, sie hören schreckliche Geschichten und Biografien von Menschen, deren Menschenrechte verletzt wurden. An jenem Morgen saßen wir in einem Trainingsraum des Hotels, als 30 Männer und Frauen in den Saal stürmten. Alle bewaffnet, zum Glück zog niemand eine Waffe. Sie schrien uns auf Türkisch an. „Sitzen bleiben, Hände hoch, keine Handys, keine Laptops anfassen.“ Die Razzia zog sich über sechs, sieben Stunden hin, bis wir irgendwann auf der Polizeistation in Büyükada, einer Tourismusinsel, in einer Zelle saßen.

Was ist in diesen sechs, sieben Stunden passiert?

Wir wurden durchsucht, alle Geräte wurden eingesammelt. Es wurde geprüft, ob wir Waffen und versteckte Handys dabeihaben. Dann wurde inventarisiert, was wir in unseren Taschen hatten. Später wurden wir einzeln in unsere Hotelzimmer geführt, dort gab es noch einmal eine Inventarisierung. Es wurde überlegt, wo man uns hinbringt. Dann hieß es, in die Polizeistation. Wir mussten lange auf die Busse warten, die uns dorthin brachten. Es gab einen kurzen Halt im Krankenhaus zu einem medizinischen Check, wo geprüft werden sollte, ob wir misshandelt worden waren. Das wurden wir nur gefragt, jedoch nicht untersucht. Allerdings standen die Polizisten direkt hinter uns, was auch nach türkischem Recht illegal ist. Die Männer kamen in eine Zelle, die Frauen in eine andere. Es gab keinen Außenkontakt, keine Fenster, aber eine Lüftung, die so laut war wie ein Motor von einem VW-Käfer. Und dann: wieder warten. Wir wussten überhaupt nicht, was passiert, es war eine 24-stündige Kontaktsperre verhängt worden. Das ist mit der Notstandsgesetzgebung in der Türkei möglich.

Wissen Sie, warum man Sie hochgenommen hat?

Das Hotel muss Belegungslisten weitergeben, das kann den Polizeieinsatz ausgelöst haben. Möglich ist, dass die anderen Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten bereits überwacht wurden.

Wer war Ihr Auftraggeber?

Die türkische Menschenrechtsplattform IHOP. Es war ein Standardtraining, mit einer sehr langen Praxisphase zum Umgang mit Stress und Trauma.

Was passierte im Gefängnis?

Mein schwedischer Kollege und ich haben zunächst zwei Nächte in zwei Zellen der Polizeistation auf Büyükada verbracht. Die anderen Kursteilnehmenden wurden noch aufs Festland nach Istanbul gebracht und dort auf Gefängnisse über ganz Istanbul verteilt. Wir hatten das Glück, dass nach Ablauf der 24-Stunden-Sperre direkt Anwältinnen, Anwälte und die Konsulate kamen. Es war gut, zu wissen, dass die Information von unserer Verhaftung raus war: „Wir hier drin können nicht viel machen, jetzt müssen die draußen ran.“ Nach zwei Tagen kamen wir ins Polizeipräsidium nach Vatan. Das hat im Untergeschoss Gewahrsamszellen für Terrorverdächtige. Da waren vier Zellen auf einem Gang, vorgesehen für zwei Menschen pro Zelle. Wir waren die ganze Zeit über zu fünft in einer Zelle.

Wie sind die Wärter und die Polizisten mit Ihnen umgegangen?

Größtenteils respektvoll. Ich glaube, sie konnten mich nicht richtig einordnen. Ich habe keine Misshandlung erlebt, weder bei mir noch bei anderen. Ich weiß aber, dass in den Nachbartrakten misshandelt wurde. Mitinsassen haben übersetzt, was über uns geredet wurde. Da hieß es: Das ist der Berühmte.

Berühmt, weil Sie Deutscher sind und die deutsche Öffentlichkeit an Ihrem Schicksal Anteil genommen hat?

Berühmt eher, weil die türkischen Printmedien mich groß plakatiert hatten als Spion und Terroristen. Zwei Wochen lang war ich beinahe täglich mit einem Foto auf den Titelseiten. Alle wussten, warum ich dort war. Nur ich wusste es nicht.

Wie sieht der Alltag im Untersuchungsgefängnis aus?

In den ersten zwei Wochen in Gewahrsam waren wir zu fünft in einer Zelle. Alles richtet sich nach dem Takt: Wann geht das Gitter auf? Wann kann man auf die Toilette? Wann duschen? Es gibt in jedem dieser Zellengänge ein kleines Bad mit zwei Waschbecken, zwei Toiletten und einer Dusche, in katastrophalem Zustand. Toiletten und Duschen sind die einzigen Bereiche ohne Videokamera – im Gegensatz zu den Zellen, in denen neben dem Scheinwerfer, der ständig eingeschaltet ist, Videokameras angebracht sind. Essen spielte eine große Rolle. Das war etwas Gemeinsames, obwohl es kein gutes Essen war. Wir haben viel geredet. In der ersten Woche waren angeblich viele der Gefangenen in unserem Trakt IS-Angehörige oder IS-Verdächtige. Männer mit Rauschebärten, die häufig den Koran rezitierten. Ich hatte das Glück, in meiner Zelle jemanden zu haben, der auf eine Imamschule ging und den Koran so rezitierte, dass es für mich beruhigend war. In einer Schönheit, die ich danach nie wieder gehört habe. Wir haben uns viel über den Koran unterhalten.

Glauben Sie, dass die Männer beim IS waren?

Ich glaube es nicht, aber ich weiß es nicht. Alle waren vorsichtig, es kann ja Spitzel geben unter den Gefangenen. Mir war klar, dass die Leute in meiner Zelle von den Verhörenden gefragt wurden: Was hat Peter erzählt? Ich habe mich also bedeckt gehalten und nur Sachen gesagt, die niemandem gefährlich werden können. Einmal habe ich vorsichtig – mit Übersetzung, weil ich kein Türkisch spreche – gefragt, ob die anderen Lust haben, etwas zu Entspannungstechniken zu machen. Das stieß eine ganze Welle an. Einer meinte, seine Frau sei Psychotherapeutin, sie mache Entspannungstechniken immer als Tapping, also sich an bestimmte Stellen zu klopfen. Der Nächste meinte, man müsse auch weinen dürfen. Plötzlich gab es spannende Gespräche über diese Themen. So haben wir kleine Seminare im Gewahrsam gemacht. Außerdem haben wir angefangen, zu flechten oder mit den Wasserflaschen zu jonglieren.

Dafür haben Sie von den Männern kein Geld gekriegt, oder?

Nein. Die Solidarität miteinander in der schwierigen Situation stand klar im Vordergrund. Und immer wieder wurde gesagt: dass wir inhaftiert wurden, ist völliges Unrecht, weil wir nicht politisch sind. Aber dass dann noch jemand von außen inhaftiert wird, der Leuten hilft, hier ihre Menschenrechtsarbeit besser zu machen, das geht gar nicht.

Sie waren über drei Monate in Haft.

Bis zu zwei Wochen dürfen Gefangene in Gewahrsam gehalten werden. Dann muss eine Entscheidung gefällt werden. Pünktlich am 14. Tag wurde das auch getan. Es gab eine etwa 17-stündige Gerichtsverhandlung mit dem erschütternden Ergebnis: Ihr geht ins Gefängnis, in Untersuchungshaft.

Wie muss man sich 17 Stunden Gerichtsverhandlung vorstellen?

Man wird in einem Bus in den Justizpalast gebracht, dort kommt man in eine Tiefgarage in das siebte Untergeschoss – minus 7, das ist die Antiterroreinheit. Dort sind spezielle Zellen. Im Lift gibt es witzige Aufzugsknöpfe: 3, 2, 1, 0, -7. Dazwischen nichts. Wir wurden einzeln hochgeholt, um mit dem Staatsanwalt zu reden. Er hat uns verhört, unsere Anwältinnen und Anwälte waren dabei.

Was wurden Sie gefragt?

Es gab von der Staatsanwaltschaft den Vorwurf: Unterstützung von bewaffneten terroristischen Organisationen. Dementsprechend wurde ich gefragt, wie viel Kontakt ich zur PKK, der kurdischen Arbeiterpartei, habe.

Um die Logik der Leute zu verstehen, die das machen: Dachte der Mann, der Sie verhört hat, dass er da eine sinnvolle Arbeit tut?

Falls er das dachte, hat er es gut versteckt. Seit viele Staatsanwälte und Richter aus dem Staatsdienst entlassen worden sind, herrscht eine Knappheit an qualifizierten Leuten. Fast alle Staatsanwälte heute sind unter 35. Ich hatte einen Staatsanwalt, der nicht hauptsächlich für uns zuständig war, er hat nur zugearbeitet und dem Hauptstaatsanwalt Bericht erstattet. Der Übersetzer war so nervös, dass er nicht übersetzen konnte und meine Anwältinnen und Anwälte seine Übersetzungen ständig korrigieren mussten.

Nervös aus Angst oder aus Unerfahrenheit?

Ich glaube, es war Nervosität, bei einem so hochpolitischen Fall plötzlich übersetzen zu müssen. Der Staatsanwalt hingegen schien keineswegs nervös zu sein, er hat sich beim Verhör Zigaretten gedreht und geraucht.

Sie meinen, viele Staatsanwälte waren jung und nicht so erfahren und hatten wohl auch Angst, selbst verhaftet zu werden? Waren sie deshalb besonders eifrig?

Der Staatsanwalt in meinem Fall war nicht sonderlich eifrig. Er hat Standardfragen gestellt, die es schon im Polizeiverhör gab. Fragen wie: Arbeiten Sie für den BND? Haben Sie Kontakt zu Agenten? Können Sie mit Waffen umgehen? Es war absurd. Wir fragten uns schon, ob das ein politischer Prozess ist, nach juristischen Regeln? Oder eher eine Farce?

„Bis zu zwei Wochen dürfen Gefangene in Gewahrsam gehalten werden. Dann muss eine Entscheidung gefällt werden“

Foto: Ozan Kose/AFP/Getty Images

Was denken Sie heute?

Mein persönlicher Eindruck war, dass es ein sehr politischer Prozess war. In meiner Verteidigungsrede habe ich klar Stellung bezogen, erklärt, wer ich bin: ein gewaltfreier Friedensaktivist, der keine terroristischen Organisationen unterstützt. Ich habe erzählt, was während des Trainings passierte, dass wir gewaltfreie Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger trainieren, wie oft wir das machen. Wie kann es sein, dass wir dafür verhaftet werden?

Wie war die Haft in der anderen Anstalt, wo Sie die meiste Zeit verbracht haben?

Nach dem U-Haft-Richterentscheid waren wir zwei Wochen im Gefängnis in Maltepe, auf der asiatischen Seite von Istanbul. Das ist vorrangig ein Gefängnis für Ausländerinnen und Ausländer. Dort waren wir von den anderen Gefangenen abgeschottet. Wir haben es flapsig Suite genannt: Das waren drei Doppelzellen, die wir uns zu zweit geteilt haben, dazu einen Gemeinschaftsraum. Mein schwedischer Kollege im Workshop, Ali Gharavi, und ich waren zusammen dort, wir hatten viel Zeit für uns. Das war gut, so konnten wir uns gegenseitig unterstützen. Irgendwann kamen wir an Papier und Stifte ran, auch an Bücher. Das war sehr hilfreich.

Welche Bücher?

Die Gefängnisbibliothek war gar nicht so schlecht bestückt. Ich habe Chimamanda Adichies Half of a yellow sun über den Biafra-Krieg gelesen. Und von Orhan Pamuk Das weiße Schloss ausgeliehen. In Maltepe konnten wir fast täglich unsere Anwältinnen und Anwälte sehen. Wir hatten das große Glück eines genialen Anwaltsteams, mit dem wir abwechselnd jeweils eine Stunde lang sprechen durften. Wenn man rund um die Uhr aufeinanderhockt, 24 Stunden nur ein einziges Gesicht oder Wärter durch die Klappe in der Tür sieht, ist das eine Herausforderung. Und dazu das Spekulieren: Wie lange geht das noch? Was wird uns eigentlich vorgeworfen? Durch den Kontakt mit den Anwälten und Anwältinnen hatten wir so etwas wie einen Realitätscheck: Was passiert draußen?

Dann wurden Sie wieder verlegt.

Das kam plötzlich. Wir bekamen gerade das Mittagessen und haben hektisch etwas davon eingepackt. Wir wussten ja nicht, was mit uns passiert und wie lange das dauert. Dann das gleiche Sicherheitsprozedere wie bei der Einlieferung, all die körperlichen Durchsuchungen, Röntgenapparate, Metalldetektoren, bis wir wieder draußen waren. Dann wurden wir nach Silivri ins Gefängnis gefahren, etwa 90 Kilometer westlich von Istanbul. Windige Ecke, nah am Meer, man hört die Möwen, sieht die Störche ziehen. Durchaus schöne Seiten, wenn man nicht gerade Gitterstäbe dazwischen hat.

Silivri, das politische Gefängnis.

Neun Blöcke mit derzeit etwa 15.000 Gefangenen. Ein zehnter Block wird gerade gebaut. Zum Standardprogramm gehört, dass jeder zunächst in Isolationshaft kommt. Man weiß aber nie, wie lange. Ich hatte das Glück, nach drei Tagen wieder rauszukommen, ebenso Ali Gharavi. Andere von uns waren mehr als 30 Tage in Isolationshaft.

Was bedeutet Isolationshaft?

24 Stunden am Tag für sich allein zu sein, in einer Zelle von ungefähr 3 mal 4 Metern. Einziger Kontakt: wenn die Essensklappe aufgeht. Außerdem hat man Zugang zu einem Minihof, ungefähr 4 mal 4 Meter. Auch dort ist man allein.

Hat der Hof Betonwände?

Sieben Meter hohe Betonwände auf zwei Seiten. Auf der Eingangsseite das eigene Zellenfenster und die Tür und auf der anderen Seite sieht man zwei Lüftungsfenster zu den Gängen, obendrüber ist Maschendraht und NATO-Stacheldraht. Ein begrenzter Himmel.

Es gibt ein Buch des Autors Shaun Tan: Ein neues Land. Darin wird erzählt, wie ein Migrant in ein neues Land kommt, alles ist neu für ihn. So ähnlich habe ich mich gefühlt: andere Sprache, anderes System. Ich hatte keine Zahnbürste. Wie komme ich zu einer neuen Zahnbürste oder zu Toilettenpapier? Und viele andere Fragen: Was kommt als Nächstes? Ist mein Geld von einem Gefängnis schon ans andere überwiesen? Wann sehe ich meine Anwältinnen und Anwälte wieder?

Was für Geld?

Das Bargeld, das wir bei uns trugen, wurde uns abgenommen und auf ein Gefängniskonto eingezahlt. Davon konnten wir einkaufen. Später konnten die Anwältinnen, Anwälte oder Familienangehörige Geld mitbringen, das wurde ebenfalls eingezahlt. Davon kann man Schokolade kaufen, Kekse, Waschmittel, Zahnbürsten, alles, was man so braucht. Nach drei Tagen in der Isolationshaft wurde ich in eine leere Dreierzelle verlegt. 20 Minuten später kam ein junger Student dazu, wir haben zweieinhalb Monate Zwangs-WG zu zweit gemacht.

Im Gefängnis haben Sie Tagebuch geschrieben, auf Toilettenpapier, weil es kein anderes Papier gab. Sie durften es nachher mit rausnehmen. Was steht drin?

In den ersten drei Tagen habe ich auf Klopapier geschrieben, später bekam ich Schulhefte. Ich schreibe auch sonst auf Reisen Tagebuch: Tagesablauf, was mir durch den Kopf geht, welche Gespräche ich gerne geführt hätte. Irgendwann habe ich angefangen, grafischer zu schreiben, Buchstaben zu malen. Ich bin Fotograf und ein sehr visueller Mensch. Man kann sich fast nichts Uninspirierenderes vorstellen als sieben Meter hohe ockerfarbene Gefängniszellen. Die Türrahmen und die Türen sind dunkelbraun, das war’s. Ich habe mich gefreut, als wir Wäscheklammern in Neonfarben bekamen – mal was anderes fürs Auge. Solche Dinge habe ich im Tagebuch verarbeitet. Ich habe versucht zu zeichnen, aber nach einer Woche wieder aufgegeben, weil ich das Gefühl hatte, dass ein Gefängnis kein guter Ort ist, um sich selbst zu frustrieren. Einmal in der Woche konnten wir unsere Anwältinnen und Anwälte sehen, für jeweils eine Stunde. Alle zwei Wochen durften wir für zehn Minuten unsere Familien anrufen, aber nur Familienangehörige ersten Grades.

Familienangehörige ersten Grades ...

... Mutter, Vater, Frau, Kinder dürfen auch zu Besuch kommen. Für meine Kinder hätte es keinen Sinn gemacht, dass sie kommen. Meine Eltern sind zu alt für eine solche Reise und meine Lebensgefährtin hätte ich ungern in der Türkei gewusst. Es muss ja nicht die gesamte Familie inhaftiert werden. Es ist eine erhebliche Einschränkung, Menschen, die einem am nächsten sind, nur so kurz und konzentriert sprechen zu können. Was sagt man in zehn Minuten?

Was?

Ich hatte mir vorher überlegt, was ich sagen will, und dann hört man die andere Stimme – und alles ist weg. Solche kurzen Kontakte sind in einer solchen Situation so etwas wie das Zentrum. Ebenso die Anwaltsbesuche, jeden Donnerstag von drei bis vier. Den Rhythmus habe ich immer noch drin. Das tolle Anwaltsteam las Briefe von meiner Lebensgefährtin vor, fragte mich, ob ich frische Unterhosen brauche, erklärte mir alles Juristische. Manchmal zeigten sie mir Zeitungsartikel von zu Hause, erzählten, welche Solidaritätsaktionen es gibt. Und sie brachten Bücher mit. Ich bin allen Autorinnen und Autoren unendlich dankbar, deren Bücher mich aus der Gefängniszelle herausziehen konnten. Es tat gut, andere Lebensrealitäten, wenn auch literarische, spüren zu können.

Ihr Freund Gharavi hat mal gesagt: „Ich werde nicht wieder jener Mensch sein, der ich vor dem 5. Juli war.“ Gilt das für Sie auch?

Ich bin schon noch der Peter von früher. Gleichzeitig haben mich die neuen negativen wie positiven Erfahrungen verändert. Unabhängig davon verändert sich mein Leben schon allein dadurch, dass ich jetzt zu bekannt bin, um kleine Menschenrechtsorganisationen weiter unterstützen zu können. Jetzt geht es für mich und uns stark darum, das in der Zeit Gelernte zu verarbeiten und mit den Menschenrechtsorganisationen aufzuarbeiten und gemeinsam daraus zu lernen.

Sie waren „nur“ dreieinhalbMonate in Haft, Sie sind körperlich nicht misshandelt worden. Weltweit gibt es viele Tausende von politischen Gefangenen, die länger und unter schlimmeren Bedingungen leidvolle Erfahrungen machen. Das Spannendeaber mit Ihnen darüber zu reden ist, dass Sie einer „von uns“ sind, ein ganz normaler westeuropäischer Bürger. Kein Soldat oder Agent. Sind Sie ein Gefahrensucher?

Nein. Eher ein Intensitätssucher: Begegnungen mit anderen Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidigern, Trainings, Dokumentarfilme. Seit zehn Jahren trainiere ich Menschenrechtsaktivisten und lerne bei jedem Training viel, das ich bei mir selbst anwenden kann. Im Gefängnis war ich absolut privilegiert durch die internationale Aufmerksamkeit und Solidarität, eine neue Intensität für mich.

Was bringen Sie den Leuten bei?

Wir fokussieren mit unseren Workshops darauf, dass die Teilnehmenden die Risiken, denen sie durch ihr Engagement für Menschenrechte ausgesetzt sind, genauer einschätzen können. Wir üben, wie sie sich schützen und lange durchhalten können.

Wie geht das?

Schlüssel dazu sind die Überprüfung der eigenen Wahrnehmung und Risikoanalysen. Beides sind Teile unserer Trainings. Aber auch der Schutz der digitalen Daten und Kommunikation sind wichtig. Zusätzlich ist „Wellbeing“ für mich zentral: auf sich selbst und das Umfeld zu achten, um nicht auszubrennen.

Was soll man machen, um nicht durchzudrehen?

Alles, was einem guttut – jedenfalls im Gefängnis.

Wie spielte sich schließlich Ihre Entlassung ab?

Es gab eine mehr als zehnstündige Gerichtsverhandlung. Dann forderte der Staatsanwalt, neun der zehn von uns zu entlassen, unter Justizkontrolle. Das wäre furchtbar gewesen, weil ich zwar in Istanbul frei gewesen wäre. Aber ich hätte mich regelmäßig melden müssen. Meine Familie hätte ich also nicht sehen können. Schließlich verkündete der Richter die Entscheidung und wir stellten fest, dass unsere Übersetzerin nicht da ist. Wir sahen zum Anwaltsteam, und sie sagten in Englisch: „You are free!“ Wir fuhren in Handschellen zurück ins Gefängnis, konnten dort unsere Sachen zusammenpacken und wurden freigelassen.

Vor die Tür?

Vor die Tür. Da standen Freundinnen und Freunde, Bekannte, Anwältinnen und Anwälte, mit gecharterten Bussen. Das war eine große Feierei. Am nächsten Morgen habe ich versucht, ein Ticket nach Hause zu buchen, was mich völlig überforderte. Monatelang hatte ich kein Handy und keinen Laptop in der Hand gehabt.

Hat sich das Auswärtige Amt nicht gekümmert?

Das Konsulat unterstützte uns so gut es konnte. Die beiden Konsulatsbeamtinnen, die mich betreuten, haben das sehr einfühlsam und zugeich professionell gemacht.

Eine Frage zur Türkei: Wohin entwickelt sich der Staat?

Hier kann ich nur Vermutungen anstellen, weil meine Wahrnehmung nur aus dreieinhalb Monaten Blick durch Zellengitter besteht. Die zahlreichen Inhaftierungen können in der Gesellschaft viel Angst und Misstrauen hervorrufen. Kinder von Inhaftierten verloren ihre Studienplätze, Angehörige haben wohl oft Angst, ebenfalls verhaftet zu werden. Darüber hinaus kann man nur ahnen, welcher enorme ökonomische und kulturelle Schaden entsteht, wenn so viele hoch qualifizierte und engagierte Leute im Gefängnis sitzen.

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15:18 14.02.2018
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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