Jakob Augstein
08.04.2009 | 11:00

Liebhaber des Lebens

New Journalism Ein Rufer in der Wüste: Gay Talese verabscheut die Nähe zur Macht, er liebt seine Frau und er hat die beste Reportage Amerikas geschrieben. Eine Begegnung

Gay Talese ist ein schma­ler Mann von mittlerer Größe mit einem feinen Gesicht und spöttischen Augen und gehört ohne Zweifel zu den beeindruckensten und sympathischsten Menschen, die ich je getroffen habe. Es ist notwendig, diese Bemerkung am Anfang zu machen. Man sollte sich und dem Leser reinen Wein einschenken. Und eine unabhängige Geschichte ist hier nicht mehr möglich. Es gibt solche Fälle, selten glücklicherweise, in denen ein Gefühl von Verbundenheit den kritischen, auf Distanz bedachten, fachmännischen Verstand überwältigt. Das ist natürlich furcht­bar unprofessionell. Weil die Unabhängigkeit, das Losgelöstsein eine Bedingung des guten Journalismus ist. Oder sein sollte.

Talese ist übrigens auch dieser Ansicht. Er ist einer der berühmtesten Reporter seiner Generation, einer der bedeutendsten Amerikas. Er hat das miterfunden, was man später New Journalism nannte: perfekt recherchiert, literarisch, subjektiv. Das Schreiben wurde durch Leute wie Talese revolutioniert. Aber er ist alt, gerade 77 geworden, und wenn man mit ihm redet, gewinnt man den Eindruck, als deckten sich seine Ansichten zum Journalismus und seine Ansprüche daran nur noch selten mit der Wirklichkeit. Unabhängige Journalisten im eigentlichen Sinne gibt es immer weniger. Losgelöster Journalismus wird unüblich. Und die Gründe sind weiß Gott andere als Zuneigung.

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Talese:

Ich bin ein Rufer in der Wüste geworden. Ich spreche für einen Journalismus, den es nicht mehr gibt. Für die Vergangenheit.

So schlimm? Oder redet da nur ein alter Mann, der die Zeit

Es war früher besser. Vor dem Sündenfall des 11. September und seinen Nachwirkungen. Die amerikanische Presse hat darin versagt die Lügen der Bush-Administration aufzudecken. Und sie hat danach versagt, als sie sich im Irak von der Armee „embedden“ ließ.

Ihre Worte klingen bitterer, als sie selbst wirken.

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Ich treffe Talese in Köln. Er war da neulich Gast der LitCologne, dieses großen Kölner Lesefestes, das in den vergangenen Jahren allem Vergleichbaren in der deutschen Literaturszene ganz beiläufig den Rang abgelaufen hat, Frankfurt, Leipzig sowieso. Wenn schon nicht, was die wirtschaftliche Bedeutung angeht, auf jeden Fall, was den Spaß betrifft. Köln im Frühling ist wunderbar. Es steckt noch die Kälte des nicht lange zurückliegenden Winters in den Mauern wie die Erinnerung an eine traurige Vergangenheit. Aber die Wärme leistet Wiedergutmachung und in den Straßen sieht man Paare passieren, die aus einem langen Winter kommen, sich in den Straßen und Geschäften noch ungeübt bewegen, Hand in Hand, denen man eine glückliche Zukunft wünscht.

Wenn dies ein amerikanisches Interview wäre, hätte es ohnehin so angefangen: Das Hotel Wasserturm ist eines der ungewöhnlichsten in Köln. Schwerfällig ragt das 130 Jahre alt gedrungene Rund in die Höhe und von der Suite, in der ich mit Gay Talese verabredet bin, sehen wir über die südliche Altstadt bis zum Kölner Dom hinweg. Amerikanische Interviews fangen nämlich oft damit an, dass der Ort und die Umstände des Treffens der Gesprächspartner beschrieben werden. Das sorgt für Authentizität. Dem deutschen Leser kann das ein bisschen hölzern vorkommen. Es ist nur ein Zeichen dafür, dass der angelsächsische und der deutsche Journalismus unterschiedliche Traditionen haben.

Sohn eines Schneiders

Sehr unterschiedliche. Das war am Abend zuvor zu beobachten. Da war Talese zu Gast in einer kleinen Kultur-Fernsehsendung. Und mit ihm war da der Reporter Wolfgang ­Büscher. Der hat sehr bedeutende Preise bekommen, und der Bundespräsident hat ihn für seine Arbeit belobigt. Da saßen Talese, der Italo-Amerikaner, schmal und fein und ruhig, der eine eigentümliche, spöt­tische Kraft ausstrahlte. Übrigens wie immer überaus elegant gekleidet, in einer sonderbaren Eleganz, zeitlos unmodisch, im Dreiteiler mit auffallend roten Schuhen, die er selbst entwirft und anfertigen lässt. Das hat zweifellos damit zu tun, dass sein Vater, der als junger Mann aus Kalabrien nach Amerika auswanderte, ein Schneider war. Talese also. Und der in Deutschland überaus erfolgreiche Journalist Wolfgang Büscher, geboren in Volkmarsen bei Kassel, ein Mann mit düster umwölktem Gesicht, ernst, in sich gekehrt, dessen journalistisches Hauptwerk darin bestand, vor allem sehr viel zu Fuß zu gehen und dabei in sich hineinzuhorchen. Er hat den ganzen Weg von Berlin nach Moskau gemacht und ist auch in Deutschland sehr viel gewandert. Für sein neues Werk, das Asiatische Absencen heißt, hat er weiter entfernte Gegenden zum Zufußgehen aufgesucht.

Von Talese wird ein Auszug aus der klassischen Story „Frank Sinatra ist erkältet“ vorgelesen. Die ist uralt. Aber immer noch sehr gut. Talese beschreibt, wie Sinatra an der Bar sitzt, zwischen zwei Blondinen, die das tun, was Blondinen tun, wenn sie neben Sinatra sitzen: trinken, rauchen, warten, was er macht. Aber er macht gar nichts. Und Taleses Blick entfernt sich dann langsam von Sinatra, erfasst die Bar, die Blondinen, die Entourage Sinatras und am Ende das ganze Land, in dem Sinatra die Rolle spielt, die Sinatra eben gespielt hat damals in Amerika: Einer, der sich alles leisten kann, der jede Regel brechen darf und der dafür bewundert wird – der aber leider heute Abend eine Erkältung hat, die für die wenigsten Menschen ein Problem, für Sinatra jedoch eine Katstrophe ist. Die Geschichte ist sehr schlicht erzählt, aber sie baut auf einer unendlich genauen Recherche, das merkt man beim Zuhören. Es ist eine sehr nüchterne, bewundernswerte Kunst, mit der Talese in knappen Worten sehr viel Strecke in sehr kurzer Zeit durchmisst. Er bringt dabei nur wenige und kurze wörtliche Zitate. Talese macht sich kaum Notizen, ein Aufnahmegerät hat er nie genutzt, auch später nicht, als sie klein und handlich wurden. „Frank Sinatra ist erkältet“ gilt als eine der besten englischsprachigen Stories überhaupt.

Und dann wird ein Auszug aus einer Indochina-Reportage von Wolfgang Büscher gelesen. Es geht dabei sehr viel um Büscher selbst und was er empfindet und denkt, wenn er beim Gehen auf seine Füße guckt. Und dann wird beschrieben, wie er sich mit einem Mann unterhält, auf dem Dach eines kleinen Bootes, das im strömenden Regen einen Fluss hinunterfährt, und die Passagiere müssen sich gut festhalten, um nicht über Bord zu rutschen und alles ist nass und es folgen wörtliche Zitate um wörtliche Zitate, sehr schön geschrieben, aber man fragt sich beim Zuhören die ganze Zeit: Wie hat er das nur aufgeschrieben, auf diesem schwankenden Boot, im Regen? Oder hatte er ein wasserdichtes Tonbandgerät dabei?

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Talese:

Lieferanten der Wahrheit müssen wir sein. Verstehen Sie? Nichts als die Wahrheit. Das ist unser Geschäft. Aber es gab keine Massenvernichtungswaffen im Irak. Und die Presse hat das nicht aufgedeckt. Es ist ihr größtes Versagen im 20. Jahrhundert!

Und wie konnte das geschehen?

Die Medien sind der Macht zu nahe gekommen. Der perfekte Journalist ist immer ein Fremder. Wir waren damals Fremde.

Fremde?


Unsere Generation, die Journalisten der Nachkriegszeit, wir waren die ersten in unseren Familien, die aufs College gegangen waren. Unsere Eltern waren Einwanderer. Juden. Italiener. Wir waren neu in diesem Land und in der Sprache. Wir berichteten über eine andere Klasse. Über eine höhere Klasse. Wir gehörten nicht dazu. Sie schon. Wir warteten draußen, bis sie herauskamen und uns Krümel hinwarfen. Brocken. Wir haben sie nicht gehasst. Wir haben sie beobachtet. Es fiel uns leicht, dagegen zu sein.

Und heute?

Heute sind die Journalisten auf dieselben Schulen gegangen wie die Politiker. Sie kennen sich. Sie kommen aus den gleichen Häusern. Sie gehören zu der gleichen Klasse. Sie sind befreundet. Es gibt zwischen den Medien und der Macht heute eine Verwandschaft, die es früher nicht gab. Einen Mangel an Skeptizismus. Es geht nur darum, wer in die Air Force One darf. Wer bekommt einen Platz. Wir können unsere Arbeit so nicht mehr machen.

Die größte Boulevardzeitung Deutschlands hat neulich einen Preis bekommen, weil sie in der Krise so „verantwortungsvoll“ berichtet hat. Was halten Sie davon?

Ja. Das ist eine neue Form des „Embedden“. Wir sind der Wahrheit verantwortlich. Sonst nichts. Sie lügen alle. Man darf ihnen nichts glauben. Niemals.

Sie?

Die Mächtigen. Die höhere Klasse. Die gibt es ja noch. Daran ändert sich ja nichts. Wir Journalisten sollten eine Religion der Ungläubigkeit predigen! Ein Heiliger Orden der Ungläubigen, das sollten wir sein. Wir sollten unseren Dienst in Klöstern der Wahrheit tun, über die Schriften gebeugt. Und diese Klöster sollten weit, weit weg sein von den Palästen.

The art of hanging around

Talese ist einen Weg gegangen, der sehr sonderbar ist, aber angesichts solcher Überzeugungen vermutlich zwangsläufig. Er hat aufgehört, journalistisch zu arbeiten. Schon seit langem. Sein Anspruch an den Text muss irgendwann den Rahmen selbst der weitherzigsten Chefredakteure und Magazin-Verleger gesprengt haben. Seine Recherchen wurde länger und länger. Und irgendwann endeten sie nicht mehr und die Geschichten erschienen nicht. Wie jene über die chinesische Fußballerin, die den entscheidenden Elfmeter gegen Amerika verschoss. Wie würde sie daheim empfangen werden? Welches Leben stand ihr bevor? Er reiste ihr hinterher, ohne Auftrag, ohne Kontakte, trieb sich in Peking herum, überwand die störrische chinesische Pressebürokratie, machte die junge Frau ausfindig ... Aber die Geschichte wurde nie fertig.

Talese schreibt stattdessen Bücher, sehr dicke Bücher. Aber mit den Mitteln des Journalismus. Auf der Suche nach der Wahrheit. Mit dem Willen, die Wirklichkeit zu bezwingen. Penibel. Im Detail. Er recherchiert buchstäblich jahrelang. Sein Buch über die Mafia-Familie Bonanno Ehre Deinen Vater. Sein Buch über die amerikanische Sexualkultur Du sollst begehren. Jahrelange Recherchen. Ein Aufgehen in der Materie. „The art of hangig around“, so nennt er seine Methode, in der Nähe seines Stoffes einfach herumzuhängen, dabeizusein, darin zu leben. Ein Wahnsinniger der Wirklichkeit. 500 Seiten ist das Mafia-Buch dick. Über 600 das Sex-Buch. Alles stimmt. Alle Namen sind echt. Alle Fakten geprüft. Alles ist prozessgefeit. Für Du sollst begehren begab er sich in die amerikanische Pornokultur, lebte in Nudistencamps, arbeitete in Sex-Shops und betrog ein ums andere Mal seine Frau.

Recherchen über die Ehe

Eines Tages kam er nach Hause und fand nur einen Brief vor. Nan Talese war gegangen. Nach nur zwei Tagen kehrte sie zurück. „Im nächsten halben Jahr herrschte in ihrer Ehe eine Atmosphäre ungewisser Versöhnung“, schreibt Talese in seinem Buch, seine Frau und sich von außen betrachtend: „Dass ihre Ehe den Belastungen standhielt, war nicht nur mit ihrer gegenseitigen Liebe zu erklären, sondern eher mit der Tatsache, dass sie im Lauf der Jahre mit den seelischen Abgründen des jeweils anderen vertraut waren und feststellten, dass sie sich gern hatten. Sie respektierten sich gegenseitig und hatten lange Jahre gemeinsamer Erfahrungen – guter wie schlechter – hinter sich. Es gibt Zeiten in einer Ehe, in denen es wichtiger ist, den anderen zu mögen als ihn zu lieben.“

Wir gehen am Abend essen. Er sitzt seiner Frau gegenüber. Seit einem halben Jahrhundert sind sie jetzt verheiratet. Morgen werden die beiden für ein paar Tage nach Paris reisen. Man sieht ihnen die Liebe an. So etwas gibt es. Sie arbeitet als Verlegerin in New York. Sie ist eine kluge und schöne Frau. Wenn sie erzählt, betrachtet er sie mit Stolz, und das Spöttische in seinen Augen macht einer liebevollen Wärme Platz. Die beiden haben sich Vieles zugemutet. Das bleibt nicht aus in so langer Zeit, wenn man ein Leben mit hoher Geschwindigkeit führt. Aber sie haben sich alles verziehen. Es gibt zwischen ihnen keinen Gewinner und keinen Verlierer. Nur ein Paar. Man muss vermuten, dass Gay Talese ein glücklicher Mann ist. Wenn man ihn und seine Frau betrachtet, erschließt sich der Sinn der Ehe, der Wert der Dauer, die Bedeutung der Vergebung.

Er ist dabei, ein Buch über die Ehe zu schreiben. Über ihre gemeinsame Ehe. Es ist das Thema, das er am längsten recherchiert hat.