Öffentlichkeit 2.0

Medien Eine Frage der Freiheit. Blogger und Verlage streiten um die Zukunft der Meinungsfreiheit und der Medien. Aber sie können sie nur gemeinsam gestalten

In der vergangenen Woche trafen Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, und Arianna Huffington, Gründerin und Chefredakteurin der Huffington Post, auf einem Podium aufeinander und stritten über das Netz, die Nachrichten und die Frage, wo künftig das Geld herkommen soll. Also über alles. Es ist inzwischen üblich, wenn über die Medien geredet wird, über das Netz und die Zeitungen, dass es dann immer gleich um alles geht. In kleinerer Münze wird da kaum noch gehandelt. Schon gar nicht in Monaco, wo das Gespräch stattfand, im Rahmen des Monaco Media Forums, einer Konferenz, die man wohl hochrangig nennen sollte, weil da Leute wie der Medien-Tycoon Rupert Murdoch eingeladen werden oder der russische Milliardär Alexander Lebedev und natürlich die mächtigen Abgesandten des alles überragenden Google-Imperiums. In Monaco nimmt man automatisch die planetare Perspektive ein. Dieses Gespräch war also geradezu archetypisch für die zeitgenössische Diskussion über Wesen und Zukunft der Medien, ein hübsches Kaleidoskop aller denkbaren Urbilder, die derzeit unsere mediale Vorstellungswelten bevölkern. Wer macht Nachrichten? Wer konsumiert sie? Und wer zahlt dafür? Man kann aus den Antworten, die in Monaco auf diese Fragen gegeben wurden, und auch aus denen, die nicht gegeben wurden, alles über die Zukunft der Medien ablesen.

Auf der einen Seite der sanftgesichtige Schöngeist Döpfner, der Machtmann der alten Medienindustrie, hinter sich ein Konzern, der 10.000 Mitarbeiter beschäftigt, jährlich über 2,7 Milliarden Euro umsetzt und dabei einen Gewinn von annähernd 500 Millionen erzielt. Man muss diese Zahlen vor Augen haben, um zu verstehen, worum es hier geht: Die Medien als Maschine für Geld und Macht. Und ihm gegenüber die kühl-ironische, vor Selbstbewusstsein strotzende Frontfrau einer neuen Zeit, hart an der Grenze zur Arroganz, manchmal auch jenseits davon, die ihren Polit-Blog im Jahr 2005 gegründet hat und vom Time Magazine schon zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt gezählt wird. Fröhlich sagt Huffington, dass sie jetzt 80 Leute beschäftigt, über ihre Geld-Zahlen will sie aber lieber nicht reden. Auch das sollte man vor Augen haben: Die neuen Medien sind vor allem eine Bedeutungsindustrie, und Geld und Größe sind da nicht entscheidend.

Web-Kommunisten

Döpfner gab ein schönes Beispiel dafür ab, wie fassungslos das die Verleger immer noch macht: „Als Sie im Jahr 2005 gestartet sind, haben wir in Polen eine Zeitung gegründet, die hatte nach zwei Jahren break even erreicht und erzielt heute mehr Gewinn, als Sie Umsatz haben.“ Es ist, als habe er sich in diesem Moment gefragt: Was mache ich hier eigentlich? Eine einzige Springer-Zeitung im abgelegenen Polen lässt die vielgerühmte Huffington-Post locker links liegen – wenn es ums Geldverdienen geht. Und den Verlegern der alten Welt ging es immer auch ums Geldverdienen. Sie fühlen sich vom Netz geradezu enteignet: „Web-Kommunismus“ schimpfte Döpfner in der Hochburg der Reichen.

Aber das ist ja das Problem mit diesem Strukturwandel, den die Medien durchmachen: „Aus analogen Dollars werden digitale Pennies“, hat Chris Anderson geschrieben, Chefredakteur des US-Magazins ­Wired. Er ist der Prediger der „Freeconomics“, einer Wirtschaftstheorie, die besagt, dass man Geld mit Geschenken verdienen kann. Es gibt dafür auch Beispiele aus der Welt der anfassbaren Waren: Funktelefone gibt es für einen Euro. Und bezahlen muss man dann fürs Telefonieren. So richtig zur Geltung kommt das Prinzip aber im Digitalen, wo – wie Ökonomen es formulieren – der Grenzkosten für jede zusätzlich produzierte Einheit gegen Null geht. Es kostet fast nichts, ein Musikstück zu kopieren und übers Netz zu versenden. Aber, siehe da, man kann damit verdienen: Der US-Musiker Moby erlebte im Sommer, wie sich von seiner neuen Platte ausgerechnet das Stück beim Apple-Ladedienst iTunes am besten verkaufte, das auf seiner eigenen Netzseite seit Monaten kostenlos zu haben war. Es hatte sich im Netz so weit verbreitet, dass eine immer größere Nachfrage entstand, die auch zu höheren Verkäufen führte. Arianna Huffington hat den Mechanismus in Monaco so beschrieben: „Die neue Exklusivität liegt in der allgemeinen Verfügbarkeit. Wenn Sie Geld für Ihren Inhalt haben wollen, machen Sie ihn im Netz so weit verfügbar, wie es überhaupt nur geht. Dann werden Sie auch daran verdienen.“

Daran haben die großen Verlage schwer zu kauen. Zumal nicht alle von ihnen den Weg in die neue Zeit überleben können. Denn – und das ist die Kehrseite des hübschen Netzparadoxons von Erlösen und Gratiskultur – das Spiel funktioniert nur für die wenigen Großen und für die, die zuerst gekommen und bekannt geworden sind. Für den Rest ist es tödlich.

Die Säulen sind ins Wanken geraten, auf denen die Medien, der Journalismus, die Verlage für Bücher und Magazine und Zeitungen, auf denen all das ruhte, was man früher unter Öffentlichkeit verstand. Überall Versuche der Ortsbestimmung, der Abgrenzung, der Selbstfindung: Allein dieses Jahr hat es die Münchner Erklärung gegeben, (Verlage gegen Netzaktivitäten von ARD und ZDF), die Hamburger Erklärung (Verlage gegen Google), den Heidelberger Appell (Autoren gegen Google) und das Internet-Manifest (Blogger gegen alle).

Dabei ist natürlich der Vorwurf, den auch Döpfner in Monaco wiederholte, das Netz bediene sich kostenlos und gegen den Willen der Verleger, unsinnig. Von den Unterzeichnern der Hamburger Erklärung liefert niemand so viel Nachrichtenmaterial an den News-Dienst von Google wie Burda und Springer – und zwar vollkommen freiwillig. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier hat sich einmal den Spaß gemacht, von den Verlagen einen Beleg für ihre Behauptung zu erlangen, dass im Netz massenhaft teuer produzierte journalistische Inhalte geklaut werden. Es geht nicht. Es gibt keinen Beleg. Der Vorwurf ist ausgedacht. Die Verlage stören sich schon daran, wenn der Kulturdienst Perlentaucher ihre Feuilletons fleddert. Dem soll ein neues Leistungsschutzrecht vorbeugen, wie es bei Musik und Filmen lange üblich ist: Schon das Zitieren ist dort verboten. Wenn das auf Texte übertragen wird, könnte Alltag werden, was bislang peinliche Ausnahme ist: Dass einem Blogger ein Anwalt auf den Hals gehetzt wird nur weil er aus einem journalistischen Text zitiert hat. Ausgerechnet eine Autorin der taz, Eva Schweitzer, hat das neulich mal vorgemacht. Ihr Name wird dafür, das ist die Strafe des Netzes, noch lange Zeit in Googles Gedächtnis mit diesem Fauxpas assoziiert bleiben.

Welle von Prozessen

So wie die Verlage um ihre Einnahmen fürchten, fürchten die Blogger um ihre Freiheit. Auf freitag.de gab es zu diesem Thema eine breite Diskussion. Der Blogger Streifzug schrieb da: „Eine Welle von Prozessen wird durch die Bloggerszene schwappen. Blogger werden Gesetzen unterworfen, die es ihnen verbieten, so weiterzumachen wie bisher. Ihr Status wird massiv geändert, die Kosten drastisch erhöht. Gesetze, beschlossen hinter verschlossenen Türen, wie gehabt. Das öffentliche Feld wird sich lichten. Ziel ist es, Bloggerwildwuchs auszureißen, damit Zeitungspflanzen wieder in altbekannter Pracht erblühen.“

Es sind nicht wenige Blogger, die meinen, es gehe um mehr als den Streit um Erlöse. Blogger Streifzug fällt gar die Parallele zur neuen Öffentlichkeit der französischen Revolution ein: „Nach Schätzungen sind in der Zeit von 1789 bis 1800 mehr als 1350 Zeitungen erschienen. Alleine in Paris entstanden zwischen Februar und Mai 1848 rund 200 Journale und 450 Klubs.“ Ein breiter Debattenstrom, der aber bald zum Versiegen gebracht worden sei. Ab 1819 musste bei Eröffnung einer Zeitung eine Kaution hinterlegt werden, um den Wildwuchs der Meinungsfreiheit wieder zu beschneiden.

Ob man die Verlage heute eher als Handlager des herrschenden Meinungsmonopols auftreten sieht oder doch nur als Wahrer ihrer wirtschaftlichen Interessen, ist vermutlich eine Frage der persönlichen Prädisposition. Döpfner und Huffington waren sich jedenfalls einig, dass in Zukunft Blogger und Journalisten zusammenarbeiten werden. Nach selbstgewählten Spielregeln. Auch dieses Szenario mag nicht jedem behagen. Blogger Streifzugs bittere Befürchtung: „Verlage bieten Bloggern Unterschlupf, rechtliche Sicherheit. Kleine Bloggerküken finden Unterschluft bei Henne Zeitung. Sie dürfen von diesem flauschigen Plätzchen aus zwar nicht mehr nach Herzenslust schreiben, aber nette kleine Wunschlisten der Redaktion abarbeiten kann auch Freude bereiten.“ Was dagegen hilft? Glaubwürdige und transparente Medien in Netz und Print, die den Bloggern auf Augenhöhe begegnen.

07:00 19.11.2009
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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