Symptom einer Krankheit

Deutschland Gegen die Terror-Angst helfen weder unhaltbare Sicherheitsversprechen noch Appelle an den Gleichmut
Jakob Augstein | Ausgabe 30/2016 10

Es hat sich etwas verändert. Terror, Attentate – bislang war Deutschland in Sorge. Jetzt hat sich die Sorge in Angst verwandelt und die Angst kann in Panik umschlagen. Paris und Brüssel waren uns nach den Anschlägen nah. Aber Würzburg, München, Ansbach sind uns näher: „Es ist das Ende der Welt, wie wir sie kannten.“ Diesen bemerkenswerten Satz, ein Zitat der Band R.E.M., hat kürzlich ein Kommentator in den Tagesthemen gesagt. Dramatisierung und Panikmache gehören nicht zum öffentlich-rechtlichen Programmauftrag. Man muss den Satz und die Stimmung, die er ausdrückt, ernst nehmen – und dann alles tun, ihn zu widerlegen.

Würzburg, München, Ansbach: allein die Reihung ist eine Manipulation. Würzburg und Ansbach waren, soweit man bislang weiß, Anschläge, deren ideologischer Hintergrund geklärt werden muss. München war ein Amoklauf, kein Terrorakt. Wer den Unterschied verwischt, verzichtet nicht nur auf wesentliche Prinzipien des Rechtsstaats – auf die Frage der Schuldfähigkeit zum Beispiel –, sondern auch auf die Chancen zur Gefahrenabwehr. Amok ist kein politischer Akt und muss nicht mit den Mitteln der Politik bekämpft werden. Terror schon.

Dennoch sind unsere rechtsstaatlichen Nerven von der vergangenen Zeit so wund gescheuert, dass selbst die Süddeutsche Zeitung den ungewöhnlichen Rat gibt: Man solle sich nicht die Mühe machen, nach den Motiven der Täter zu forschen. Die SZ rät davon ab, sich mit den Äußerungen des Täters von Ansbach zu befassen, das tue „zu viel der Ehre“. Hier obsiegt der Ekel über das aufklärerische Interesse.

Das Interesse an Aufklärung – über die Motive, über unsere Möglichkeiten der Gegenwehr, vielleicht auch über unsere Verstrickung in die Tat – steht derzeit nicht hoch im Kurs. Es geht nur noch um Sicherheit. Dafür würden wir jeden Preis zahlen: mehr Geld, mehr Ausrüstung mehr Rechte für die Polizei? Kein Problem. Es kümmert uns nicht mehr, dass die Polizei, wie jede Behörde, wachsen will, sich ausdehnen, mehr Befugnisse, mehr Männer, mehr Geld, mehr von allem. Und es kümmert uns immer weniger, dass die Interessen der Polizei nicht notwendigerweise die der Bevölkerung sind. Das Recht auf Privatheit und das Recht, nicht zum Gegenstand staatlicher Maßnahmen zu werden, stehen dem Bedürfnis der Polizei nach Kontrolle und Handlungsfreiheit gegenüber.

Es ist die Angst, die alle Maßstäbe verschiebt. Der gleiche Kommentator der Tagesthemen hat auch gesagt: „Im Bewusstsein der Menschen vermengt sich das Geschehen zu einem großen Ganzen – einem hierzulande neuen Lebensgefühl namens: Angst.“ Als wäre die Angst „hierzulande“ etwas Neues. Wenn es ein Lebensgefühl gibt, das wirklich typisch deutsch ist, dann die Angst. Sonst hätte sie es als Lehnwort nicht ins Englische geschafft.

German Angst

Ehrlich gesagt haben die Deutschen dauernd Angst. Früher Baumsterben, Atomkrieg und Rinderwahn – jetzt eben Terror. Angst stiftet Gemeinsamkeit. Nicht schlecht, in einer Welt der Vereinzelung. Wenn es so weitergeht, gibt es bald nur noch den Tatort und die Terrorangst, die alle Deutschen verbinden. Es spielt dabei keine Rolle, dass diese Angst beinahe vollkommen sinnlos ist. Wir sind eine Gesellschaft der Quantifizierung: die idealen Maße, die guten Zensuren, das angemessene Gehalt, der Platz auf der Bestsellerliste, die Beliebtheit bei Facebook – für alles gibt es einen Wert, eine Zahl. Aber Zahlengläubigkeit kennt Grenzen.

Statistisch gesehen ist es annähernd ausgeschlossen, in Europa durch einen Anschlag ums Leben zu kommen. Verglichen mit der Anzahl von Terrortoten kommen die Leute in Deutschland geradezu in Scharen ums Leben, wenn sie von Leitern (82 in 2014) oder Bäumen (17) fallen. Aber die Statistik und das Leid des Einzelnen stehen in keinem erträglichen Verhältnis zueinander. Wie wahrscheinlich war es für den Priester in der nordfranzösischen Kleinstadt Saint-Étienne-du-Rouvray, in seiner eigenen Kirche ermordet zu werden?

Für die Opfer und ihre Angehörigen klingt das statistische Argument zynisch. Aber ihre Betroffenheit ist wiederum kein gutes Argument in der Debatte. Das Problem ist nur: Die ganze Gesellschaft gibt sich inzwischen befangen. Die Echtzeit-Kommunikation hat einen Impuls zum Mitleiden erzeugt, der den Verstand lähmt und die Politik pervertiert. Das ist keine Kritik des Mitleids, nur die Feststellung unserer heillosen Überforderung.

Derzeit sind zwei gegensätzliche Strategien im Angebot, die Menschen von dieser Überforderung zu erlösen: Es werden Versprechen gemacht, die nicht zu halten sind. Und es werden Kompromisse gefordert, die wir nicht eingehen sollten. Bei den Versprechen geht es um Sicherheit. Bei den Kompromissen um Gleichmut. Rechts-Politiker tun so, als könnten andere Ausländergesetze und mehr Befugnisse für die Behörden für mehr Sicherheit sorgen. Das ist eine gefährliche Illusion. Unerfüllbare Versprechen vermehren nur die Verbitterung.

Beinahe schlimmer ist die andere Anti-Terror-Strategie: Findet euch damit ab. Nehmt es hin. Passt euer Verhalten der neuen Bedrohung an. Israel wird gerne als Vorbild empfohlen. Aber wer sich mit dem Terror einrichtet, akzeptiert ihn als unvermeidliches Übel und erkennt ihn nicht als Symptom einer zu behandelnden Krankheit. Das wäre dann wirklich das Ende der Welt, wie wir sie kennen.

06:00 24.08.2016
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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