Werkzeuge des Zorns

Rache Willkommen in Deutschland: Die Rechten und Konservativen sprechen wieder von Krieg und wollen Härte zeigen. Und was ist unsere Antwort?
Jakob Augstein | Ausgabe 47/2015 148
Werkzeuge des Zorns
Angela Merkel bot den Freunden outre-Rhin „jedwede Unterstützung“ an
Foto: Sean Gallup/Getty Images

Jetzt ist wieder die Zeit der Rache. Aber würden wir dem Impuls zur Vergeltung widerstehen? Die Frage drängt sich auf. Frankreich wurde verwundet und will jetzt Genugtuung, so wie seinerzeit die USA, als sie sich am 11. September 2001 angegriffen sahen. Die Bomber über den Stellungen des IS, der Flugzeugträger vor der Küste Syriens – das sind Werkzeuge des Zorns, nicht solche der Vernunft. Die Wirkung wird im wahrsten Wortsinne verheerend sein: mehr Gewalt zeugt nur mehr Gegengewalt. Mehr Leid zeugt nur mehr Hass. Die Vorstellung, der französische Militäreinsatz könne irgendeine Auswirkung auf Verlauf und Ergebnis des Kampfes gegen den Islamischen Staat haben – außer die Lage noch schwieriger zu machen – , ist abwegig. Aber auf Vernunft kam es François Hollande auch nicht an, nach den Toten von Paris. Sondern eben auf Rache. Darum noch einmal: Würden wir diesem Impuls widerstehen?

Die Frage ist bestenfalls offen. Angela Merkel zeigt bislang keine Lust, als Kriegskanzlerin in die Geschichte einzugehen. Das Wort „Krieg“ hat sie vermieden. Anders der Bundespräsident. Der redet da, wie man ihn kennt, frei von der Leber weg. Merkel spricht lieber von „Kampf“. Das klingt ebenso episch, hat aber keine juristische Dimension. Und dass Frankreich den Bündnisfall ausrufen wird, glaubt niemand. Erst mal müssten die Franzosen in Wahrheit ohnehin Brüssel erobern. Da saßen mutmaßliche Hintermänner, offenbar von der Polizei unbehelligt. Es war für Merkel darum ohne großes Risiko, den Freunden outre-Rhin „jedwede Unterstützung“ anzubieten. Aber würde Merkel standhalten, wenn der Ernstfall uns getroffen hätte?

Der Druck wächst ja. Die rhetorische Bewaffnung ist in vollem Gang. Deutsche Publizisten rüsten gerade das Pathos nach, das ihnen die Selbstmordattentäter bislang noch voraus hatten. Mathias Döpfner, Chef des mächtigen Springer-Konzerns, setzte am Wochenende in der Welt die Verbrechen von Paris in den Zusammenhang eines „Kulturkampfes, der seit langem schwelt“. Döpfner sieht den Westen vor der „schicksalhaften Frage: Wie wollen wir unsere vielbeschworene Freiheit verteidigen?“ Und mit wohligem Schauder eröffnet er – „noch archaischer“ – die Alternative: „Unterwerfung oder Kampf? Und wenn Kampf: wie?“

Mit unverhohlenem Neid blickt er auf die nichtdemokratischen Regime dieser Welt, die „häufig viril und entschieden geführt“ seien – im Gegensatz zu den demokratischen Gesellschaften, die „oft schwach, unentschlossen und zaudernd“ daherkämen. Die Leute im Irak und in Afghanistan sehen das wohl anders.

Dennoch vermisst Döpfner solche Virilität in der deutschen Politik. Er ist nicht allein: „Die Deutschen haben nichts gegen ein freundliches Gesicht an der Spitze ihrer Regierung“, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „In solchen Zeiten aber wollen und müssen sie ein anderes sehen: ein hartes.“

Ruf nach dem starken Mann

Kampf, Härte und Virilität. Zehn Jahre nach dem Abtreten der Basta-Boys um Gerhard Schröder wird in der deutschen Politik von konservativer Seite der Ruf nach dem starken Mann wieder laut. Noch will die Frau an der Spitze dem nicht nachgeben. Aber was die Flüchtlinge angeht, ist sie vor ihren Kritikern schon zurückgewichen. Keine Bundesregierung hat je in so kurzer Zeit so weitgehende Einschränkungen des Ausländer- und Asylrechts erlassen wie die der angeblich flüchtlingsfreundlichen Merkel. Neueste Wendung: Nach den Anschlägen von Paris will Deutschland nun mit der Türkei und der EU über „Kontingente“ verhandeln. Merkel will das Wort „Obergrenze“ nicht in den Mund nehmen. Aber welchen anderen Sinn haben Kontingente, wenn nicht den einer Begrenzung der Zuwanderung? Große Erleichterung folgte bei der SPD, Sigmar Gabriel sprach von einem „Neustart in der Flüchtlingspolitik“.

Schon ist sie also offiziell hergestellt, die Verbindung zwischen dem Terror und den Flüchtlingen – diese Verbindung ist falsch und sie ist zynisch. Ist es schon deshalb, weil die Flüchtlinge und wir in den Islamisten dieselben Feinde haben. Aber auf Rücksicht oder Behutsamkeit muss man bei diesem Thema nicht hoffen. Zu groß ist die Wut, die sich auf konservativer Seite angestaut hat: über die „ungeregelte Zuwanderung“, das „Flüchtlingschaos“, die „rechtlosen Zustände“, die „deutsche Selbstaufgabe“ – mit einem Wort: über die ganzen Ausländer.

Die schlimmsten Atavismen sind lebendig. Die FAZ schreibt: Statt Willkommensgedöns sollten die Flüchtlinge „sobald sie nach Deutschland kommen, eine ganz andere Kultur kennenlernen: ohne Fleiß kein Preis“. Offenbar hält die FAZ die Flüchtlinge für faul. Und CSU-Mann Markus Söder sagt, es sei zwar nicht jeder Flüchtling ein Terrorist: „Aber zu glauben, dass sich kein einziger Bürgerkrieger unter den Flüchtlingen befindet, ist naiv.“

Man will nicht selbst so zynisch sein wie jene, die den Terror von Paris für ihre Ziele missbrauchen. Sonst müsste man sagen: der Terror kommt ihnen gelegen. Denn es gibt diesen Kulturkampf ja, von dem Mathias Döpfner spricht, aber er wird nicht zwischen Islam und Christentum geführt. Er findet statt zwischen denen, die auf den Konflikt setzen und jenen, die an Versöhnung glauben. Und wenn die Lage noch schlimmer wird? Auf Angela Merkel sollten wir uns da nicht verlassen. Sie ist so flexibel, sie kann auch hart sein.

06:00 19.11.2015
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Jakob Augstein

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