Es gibt sie noch!

Serie Carrie Bradshaw und ihre Gefährtinnen aus „Sex and the City“ sind in „And Just Like That...“ älter, grauer und diverser. Alles andere bleibt – trotz etwas weniger Sex – genauso wie es war. Denn eins ist sicher, es ist immer noch kompliziert

Es heißt, das Leben würde einem passieren, während man gerade andere Pläne macht. Aber die Hauptsache ist, dass etwas passiert. Und weil sich aus Saturiertheit schlecht dringliche Geschichten entwickeln lassen, beginnt das Sequel zur Serie Sex and the City – die mit der relativen Zufriedenheit der Protagonistinnen endete (verheiratet mit Kindern beziehungsweise glücklicher Single, liebender Mann, erfolgreicher Job, umfassende Schuhkollektion) – nun mit einem Paukenschlag: „And just like that … Big died“. Der Ehemann von Carrie (Sarah Jessica Parker) sackt nach einer Runde auf dem Pelletonbike mit Herzinfarkt zusammen. Und hinterlässt Carrie am Ende der ersten Folge als Witwe Mitte 50 und am Boden (ihrer Riesenbude) zerstört.

Dass der alte, neue Showrunner Michael Patrick King und sein rein weibliches Team den „Point of Attack“, den Auslöser für die Handlung in And Just Like That … in dieser Drastik setzen, ist eine der Überraschungen der zehnteiligen Fortsetzung jener oft als oberflächlich verschrienen Serie. Dabei war auch Sex and the City zwar „so white“ und so (pointen)reich, aber die darin behandelten Fragen um Distanz und Nähe in Beziehungen, um sexuelle und menschliche Zufriedenheit, um Freundschaft und Vertrauen wurden mit Ernsthaftigkeit angegangen: Das Private ist politisch. Auch Körperpolitik muss schließlich verhandelt werden.

King hat zudem seine Lektion gelernt und den nur noch drei Hauptfiguren (Samantha alias Kim Cattrell konnte nicht mehr zur Beteiligung überredet werden) neue Freundinnen an die Seite gestellt, die – etwas überdeutlich, aber nicht doof – jene vermisste Diversität repräsentieren sollen und eigene Handlungsstränge bekommen: Mirandas (Cynthia Nixon) Juradozentin Nya (Karen Pittman) versucht durch künstliche Befruchtung schwanger zu werden und muss der übereifrigen Miranda den White-Saviour-Komplex erklären, die nichtbinäre, mexikanischstämmige Podcastmacherin Che (Sara Ramirez) stellt Carries Offenheit in Bezug auf Sex und damit die Vergangenheit der gesamten Erzählung in Frage, und Charlottes (Kristin Davis) schnieke schwarze Park-Avenue-Freundin Lisa (Nicole Ari Parker) kämpft mit der snobistischen Familie.

Trotz der wiederum hochglänzenden Kulisse aus den Lofts, begehbaren Kleiderschränken und Straßenzügen eines surreal-schönen New Yorks haben der Showrunner und seine Mit-Autorinnen die Filmsprache verändert. Die Geschichte ist kaum mehr von Carries auf Pointen ausgerichteten Off-Kommentaren strukturiert. Stattdessen erzählen die Macher:innen filmisch: In einer erstaunlichen Szene betritt Miranda, die ein Aufbaustudium beginnt, morgens vor der ersten Vorlesung eine Bar und bestellt ein Glas Weißwein. „Wir öffnen erst um 11 Uhr“, informiert sie der Barkeeper. Miranda schaut auf ihre Handyuhr, es ist viertel vor elf, auf dem Bildschirm lacht sie ein Foto ihres Sohnes an. „Dann warte ich“, sagt sie leichthin. Dieser in einem Bild festgehaltenen toxischen Kombination aus Karrierefrau, Mutter und heimlicher Alkoholikerin nimmt man die immanente, sich abzeichnende Tragödie sofort ab.

Botox Positivity

Dass das Thema Sex, das die Vorgänger-Serie auf der verbalen Ebene immerhin bis zu Details wie Anilingus oder Golden Showers ausdefinierte, zumindest in den bislang zugänglichen ersten beiden Folgen weniger vorkommt, ist folgerichtig: Im Leben vieler Mittfünfziger:innen verhält es sich (leider) kaum anders. Und Carries Kontroverse mit ihrer Podcastchefin, die ihr vorwirft, konkrete Fragen etwa nach Masturbation einfach wegzukichern, steht symptomatisch für eine moderne Auseinandersetzung mit dem Thema. Denn richtig explizit war die alte Serie nie – im Kern lauerte stets Carries, Mirandas und Charlottes Sehnsucht nach der perfekten Zweierbeziehung, mit der sich guter Sex quasi automatisch einstellen sollte. Das ist nun vorbei. Dass Carrie ihren Ehemann (natürlich vor dessen desaströsem Fitness-Fahrrad-Finale) bittet, vor ihr zu masturbieren, geht weiter, als sich die klemmige Protagonistin je gewagt hatte.

Trotz der galgenhumorigen Rahmung finden sich daneben typische, auch das Altern thematisierende Auf-den-Punkt-Witze: Mirandas Weigerung, sich die Haare zu färben („Ich muss keine heiße Rothaarige sein, um als Menschenrechtsjuristin Frauen zu verteidigen!“), wird von Charlotte mit der Replik: „Auch Ruth Bader Ginsburg hat sich die Haare gefärbt“ quittiert. Das sitzt. Darüber lässt sich fast vergessen, dass Charlottes Botox-Mine schwer anzuschauen ist. Andererseits: Was sie mit ihrem Gesicht anstellt, ist ihre Sache. Wenn man Body Positivity predigt, muss man eventuell Botox Positivity einbeziehen. Zumindest sollte man mal über das Thema nachdenken.

And Just Like That ... Michael Patrick King USA 2021; seit 9. Dezember auf Sky

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