Jörg Augsburg
03.04.2012 | 16:00 5

Aus die Maus!

Kulturkommentar Ein Rezept für die Urheberrechtsdebatte? Glaubwürdigkeit, Sachverstand und Respekt. Der Chaos Computer Club macht's vor

Es ist eine bemerkenswerte Distanzierung, die der Chaos Computer Club in einem Nebensatz vornimmt, weil er nicht verwechselt werden möchte mit „Zwölfjährigen, die gegen Staat, GEMA und zu wenig Taschengeld rebellierend ihre Lieblingsmusik für lau aus dem Netz ziehen und denen dafür jede Rechtfertigung recht ist“. Das steht in der – trotz zugespitzter Wortwahl in der Sache sehr überlegten – Entgegnung der renommierten Hacker-Vereinigung auf einen offenen Brief von 51 Tatort-Drehbuchautoren, die damit ihrem Anliegen des „ultimativ durch Verfassung und Verträge verbrieften Urheberrechts“ weder stilistisch noch inhaltlich einen Gefallen getan haben. Es ist eine Anmerkung des CCC, die endlich auch auf der Seite der „Netzgemeinde“ ein real existierendes Unbehagen thematisiert, das „Urheber“ und deren „Verwerter“ – also zum Beispiel Musiker und Songschreiber, Labelbetreiber oder Musikverleger – enorm umtreibt, und zieht erstmals öffentlich wahrnehmbar eine Linie zwischen „Netzaktivisten“ und „Kostenloskultur“. Die Erklärung des CCC ist schon deshalb lesens- und bedenkenswert, weil sie die sonst gern gehegten Feindbilder nicht ohne weiteres gelten lässt, eine deutlich differenziertere Haltung einnimmt, als man das bis dato gewohnt ist und das Zeug hat, eine Diskussion tatsächlich weiterzutreiben, die kurz vorher durch die „Wutrede“ des Musikers und Autors Sven Regener drastisch angefacht wurde.

Dem außerordentlichen Maß an „Endlich-sagt-es-mal-jemand!“-Sympathiebekundungen für Regeners spontanes Telefoninterview stand schnell eine Flut von Blogbeiträgen gegenüber, deren Tenor sich nicht zum ersten Mal wie „Die Sendung mit der Maus“ anhört. Er ist Ausdruck einer gern gepflegten Arroganz der selbsternannten Netzversteher, die lieber sieht, wie sich ein Christopher Lauer als Kopf einer süffisant über den gemeinen Dingen stehenden Berliner Piratenfraktion geriert und ausgerechnet einen Sven Regener als irgendwie zurückgebliebenen Volltrottel darstellt, anstatt mal ernsthaft zuzuhören. Denn die diskursiven Schützengräben haben mit dem eigentlichen Frontverlauf der Sache wenig zu tun, den es so eindeutig auch gar nicht gibt.

Dabei ist es doch gar nicht so schwer: Nicht jeder, der Freunden eine Festplatte voller MP3s weitergibt, ist ein Raubkopierer. Nicht jeder, der sich bei den Piraten engagiert, möchte das Urheberrecht abschaffen. Aber auch nicht jeder, der eine GEMA prinzipiell gut findet, möchte diese GEMA. Man ist nicht automatisch ein Lobbybüttel der „Contentmafia“, weil man für seine schöpferische Arbeit Geld sehen will. Und man ist ganz sicher kein Feind der Freiheit, wenn man darauf aufmerksam macht, dass weniger Konzerne als jemals zuvor bestimmen wollen, wie wir miteinander kommunizieren und wie Inhalte entlohnt werden. Man kann auch so altmodisch sein, es ein wenig ehrenrührig zu finden, für nur fünf Euro im Monat legalen Zugriff auf fast alle Musik der Welt zu haben, während bei den Musikern praktisch nichts davon ankommt – und trotzdem das Prinzip Spotify gut finden. Ein bisschen ehrlich bekannte Schizophrenie tut der Urheberrechtsdebatte vielleicht sogar gut, die man auch anregend, spannend und perspektivisch offen führen kann. Es braucht dazu die emotionale Glaubwürdigkeit eines Regeners ebenso wie den thematischen Sachverstand eines CCC. Und Respekt. Bei allen Beteiligten.

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