Hello Satan, I believe it’s time to go

Ton & Text Gil Scott-Heron hatte sich gerade machtvoll zurückgemeldet als altersweiser Soul-Poet eines kalten, anonymen Amerika. Am Freitag starb er mit 62 Jahren in New York

Es ist der Pakt mit dem Teufel, der den Bluesgitarristen Robert Johnson zum Begründer aller schwarzen Popmusik machte. Eine auf ewig verdammte Seele als Preis für den Ruhm zu Lebzeiten – bis heute der Standardvertrag eines jeden Popstars; nur selten lässt sich der Teufel übers Ohr hauen und muss den ewigen Ruhm mitliefern. Me and the Devil ist eines der Schlüsselstücke auf dem letzten Album von Gil Scott-Heron, es ist die Adaption eines Robert-Johnson-Klassikers, der beschreibt, wie der Teufel eines Tages unvermittelt auf der Schwelle steht und seinen Preis fordert: „Hello Satan, I believe it’s time to go.“

Am vergangenen Freitag ist Gil Scott-Heron in einem New Yorker Krankenhaus verstorben, mit 62 Jahren, unerwartet, natürlich zu früh. Besonders schockierend und schmerzhaft ist das, weil man bis zu diesem Freitag glaubte, dass hier jemand einem vorbestimmten Schicksal entkommen war: einem Dasein als abgehalfterte Legende – an die man sich erinnert, weil der Titel seines Hits The Revolution will not be televised unlängst als Vorlage für unendlich viele Tweets taugte, die, das „not“ weglassend, die Bilder vom Tahrir-Platz kommentierten. Einem Schicksal als Junkie, als Krimineller, als in die Jahre gekommener politischer Aktivist in einem Amerika nach Black Power Movement, nach 9/11, nach der Auflösung inneramerikanischer Gegensätze in diffuse und schwer angreifbare Mechanismen von Ausbeutung und Rassismus.

Gil Scott-Heron - "Me And The Devil" from Adam F. on Vimeo.

Im Gefängnis saß Gil Scott-Heron gleich ein paar Mal in den letzten zehn Jahren, wegen Kokainbesitzes – eine lächerliche Menge – oder Verstoß gegen die Bewährungsauflagen. Wie schwer es ist, der Mühle dieses Justizsystems zu entkommen, davon erzählen unzählige Romane und Filme, die heute zum Kanon der Popkultur zählen. So wie Gil Scott-Heron selbst, dessen Status als „Soul Poet“ ihm schon frühzeitig den Platz in der Musikgeschichte sicherte. Die Musik des 1949 in Chicago geborenen Künstler bereitete den Weg vom klassischen Soul zum Ende der siebziger Jahre aufkeimenden Hip-Hop. Home is where the Hatred is ist einer der eindrucksvollsten Songs vom 1971er Schlüsselalbum Pieces of Man. „A Junkie walking through the Twilight, I’m on my way home, I left three Days ago, but no one seems to know I’m gone“, heißt es darin, in einer großen, enorm kraftvollen Ballade des Scheiterns, der Einsamkeit und des Resignierens: „Home is where I live inside my white powder Dreams.“

Ein Dichter war er zuerst, ein Poet, gefeiert für seine entschiedene Präsentation. Sein später als Proto-Rap erkannter Sprechgesang im Gewand von Soul, Jazz und Funk war fern von jenem Hedonismus, den Disco später feiern und Hip Hop noch viel später performen sollte. Gil Scott-Herons Zeiten waren Zeiten des Aufbruchs und der Emanzipation, eines – auch kulturellen – Kampfes gegen das System der herrschenden Ungleichheit.
Die Hip-Hop-Szene hat den Musiker immer geschätzt, ihn wiederentdeckt und in Serie gesamplet. 2010 meldete sich Gil Scott-Heron dann furios selbst zurück mit dem nur eine halbe Stunde kurzen Album I‘m New Here – einer unheilvoll dräuenden, elektronisch pumpenden, altersweisen Vision eines kalten, anonymen Amerika.
I‘m New Here war das tauglichste Update von Soul für die Gegenwart. Und zugleich Vorahnung eines Nachruhms, der auf das Damals beschränkt sein wird: „You may bury my body, down by the Highway Side, so my old evil Spirit can catch a Greyhound bus and ride“, heißt es in Me and the Devil.

Farewell, Gil Scott-Heron.

Empfohlen seien auch den Gil Scott-Herons Publisher Jamie Byng für den Observer geschrieben hat sowie das zugehörige Video, das im Rahmen einer Session entstand.der sehr persönliche Nachruf

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15:30 30.05.2011
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Ausgabe 18/2021

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