Außer Betrieb

Kulturkommentar Die Verzögerung bei der Eröffnung des internationalen Berliner Flughafens zeigt, dass es für solche Vorkomnisse keine Rituale gibt

Die Inbetriebnahme des Großflughafens Berlin Brandenburg International (BBI), für den 3. Juni vorgesehen, verzögert sich. Wegen ­Problemen beim Brandschutz. Man könnte auch sagen, die Inbetriebnahme des Flughafens beginnt mit einer ­Außerbetriebnahme. Denn der Aufschub der Eröffnung macht eine ­Asymmetrie sichtbar, die kaum wahrgenommen wird: Inbetriebnahmen sind stark ritualisiert, während Außerbetriebnahmen ohne Rituale aus­kommen müssen.

Inbetriebnahmen von Flughäfen wie dem Berliner sind mit offiziellen Feierlichkeiten verbunden. Die Bundeskanzlerin, zuständige Politiker und hochrangige Gäste finden sich dann dort ein, wo vorher eine Großbaustelle war. Mag der Ort entlegen und unwirtlich sein – das Ritual ist stabil. Das Protokoll folgt einem festen Schema, die Presse wird versorgt. Bei staatstragenden Bauwerken wird darüber hinaus für das kollektive Gedächtnis vorgesorgt: Die Portale der alpenquerenden Tunnel etwa tragen Reliefs, auf denen der Arbeiter gedacht wird, die auf der Baustelle ums Leben gekommen sind.

Für Außerbetriebnahmen gilt das ­Gegenteil: Hohe Gäste lassen sich nur ungern sehen. Statt eines Protokolls gibt es nur verwirrende Abwesenheitsnotizen, die in vielen Variationen ­dasselbe sagen oder bildlich zur Darstellung bringen: „Vorübergehend ­außer Betrieb“. Die Versicherung, dass es sich um einen „vorübergehenden“ Zustand handelt, wird von den ver­hinderten Nutzern oft und zu Recht infrage gestellt. Siehe Berlin-Schönefeld.

Improvisation

Was heißt aber „außer Betrieb“? Wer dieser Frage nachgeht, auf den kommt trockener Stoff zu. Der Betrieb ist definiert durch technische Normen aller Art, die auch Situationen „außer Betrieb“ umfassen. An einem Flug­hafen kommen Gerätenormen, Lärmvorschriften, Verhaltensregeln oder, wie im aktuellen Fall entscheidend, Brandschutzauflagen zusammen. Die Rückübersetzung dieser Normen in den Alltag ist jedoch unvollständig normiert. Außerbetriebmeldungen wirken darum nicht nur in diesem Fall improvisiert, handgestrickt und unbeholfen.

Die Kritik an den ungezählten alltäglichen Außerbetriebnahmen findet ­selten Öffentlichkeit. Sie bleibt subversiv und bietet keine Anschlüsse für ­kollektive Rituale. Bei der verzögerten Eröffnung des Berliner Flughafens liegt der Fall etwas anders, insofern sich ­verschiedene Akteure in Schuldzu­weisungen ergehen. Auch hier gelingt nicht, was das Leben strukturieren würde: Außerbetriebserklärungen zu ­kultivieren.

Jörg Potthast ist Raumbeauftragter am Institut für Soziologie der TU Berlin (dem im Oktober ein Umzug bevorsteht). Seine Dissertation handelt vom Umgang mit Pannen an Flughäfen: Die Bodenhaftung der Netzwerkgesellschaft (Transcript, 2006)

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