Vom Pferd in die Kutsche

Porträt Arlene Foster führt die erzkonservative nordirische DUP, die in London Theresa Mays Macht sichern soll
Johanna Montanari | Ausgabe 24/2017 1

Fußball geht immer, dachten sich die Funktionäre der nordirischen DUP, der Democratic Unionist Party, im vergangenen Oktober: Sie hüpften um ihre Parteichefin Arlene Foster herum, um dabei die Hymne der letztjährigen Fußball-Europameisterschaft zu intonieren. Nicht Nordirlands Nationalspieler Will Grigg war dabei „on fire“, sondern „Arlene“. Grigg wurde wegen des Fangesangs zum Star der EM, ohne dort eine einzige Minute gespielt zu haben. Foster, 46, ist jetzt die mächtigste Frau Nordirlands, ohne eine Regierungsamt inne zu haben: neun Männer und eine Frau kann die erzkonservative DUP nach den britischen Unterhauswahlen vom 8. Juni ins Parlament nach London schicken; und auf diese gedenkt Theresa May eine konservative Minderheitsregierung zu stützen, um mit genau einer Stimme Mehrheit Premierministerin bleiben zu können. „Die DUP war in Schwierigkeiten. Jetzt wird sie glauben, Gott sei auf ihrer Seite“, kommentierte der nordirische Autor Malachi O‘Doherty im Guardian.

Bis Januar war Arlene Foster First Minister und damit Chefin der nordirischen Regionalregierung, dann jedoch zerbrach das vorgeschriebene Einheitsbündnis: Die linke Sinn Féin, deren Ziel die Einheit Irlands und die Unabhängigkeit von Großbritannien ist, verließ die Regierung wegen des Skandals um ein 2012 aufgelegtes Förderprogramm für erneuerbare Energien. Für Letzteres war Foster einst als Wirtschaftsministerin verantwortlich gewesen; die Opposition und Sinn Féin legen ihr Mehrkosten von bis zu 500 Millionen Pfund zur Last.

Dass die DUP kein besonderes Händchen für grüne Energie hat, liegt nahe – in ihren Reihen finden sich Leugner des Klimawandels ebenso wie Kreationisten, die an Gottes Schöpfung statt an die Evolution glauben. Die Partei kämpft gegen das Recht auf Abtreibung und die Gleichstellung Nicht-Heterosexueller. Foster ist verheiratet, hat drei Kinder und sieht sich nicht als Feministin. Die vielen Rücktrittsforderungen im Zuge des Fördermittelskandals aber führte sie mitunter darauf zurück, dass sie die allererste Frau an der Spitze Nordirlands ist. Das wiederum brachte ihr vehemente Kritik von Feministinnen ein, da sie den Sexismus-Vorwurf lediglich heranziehe, um von eigenen Fehlern abzulenken. Derweil gelten in Nordirland Gesetze von 1861 und 1945 fort, die 1.000 bis 2.000 Nordirinnen pro Jahr dazu zwingen, für eine Abtreibung ins Ausland zu reisen, weil ihnen zu Hause eine Haftstrafe droht, was sich die DUP als Verdienst anrechnet.

In der Partei finden sich außerdem Anhänger der Todesstrafe ebenso wie Befürworter nuklearer Abschreckungspolitik. Vor dem Brexit-Referendum empfahlen die Partei und Foster die Abspaltung von der EU – 56 Prozent der Nordiren votierten für den Verbleib.

Jetzt geht Foster ganz in einer staatstragenden Rolle auf: „Ich entschuldige mich nicht dafür, das Beste für Nordirland und ganz Großbritannien zu wollen“, erklärte sie zur Aufnahme von Gesprächen mit Theresa May und deren Tory-Partei. Dass Letztere hierfür nach Belfast reisten und nicht die DUP nach London, spricht Bände: Noch bei den letzten nordirischen Wahlen im März war der DUP-Vorsprung auf Sinn Féin von zehn Mandaten auf eines geschmolzen, die für Nordirland als Teil Großbritanniens eintretenden Parteien verloren erstmals ihre Mehrheit im Parlament. Jetzt ist Fosters Partei das Zünglein an der Waage im ganzen britischen Königreich und befindet sich in bester Position, um zu verhindern, was droht, falls die nordirische Regierungskrise anhält: direkt von London aus regiert zu werden.

Foster unterstützt einen harten Brexit, die Grenze zu Irland und damit zur EU soll aber bitte durchlässig bleiben, um den ökonomischen Schaden zu begrenzen. Unweit dieser Grenze ist die Protestantin aufgewachsen, in der mehrheitlich von Katholiken bewohnten Grafschaft Fermanagh. Sie ging in der Kleinstadt Enniskillen zur Schule, so wie vor ihr Oscar Wilde und Samuel Beckett, studierte dann in Belfast Jura und wurde Anwältin.

Ihr Hobby in jungen Jahren – sie war Jockey bei Pferderennen – lässt eine behütete Kindheit vermuten, doch das täuscht: Als Foster acht Jahre alt war, schoss die Irish Republican Army (IRA) ihren Vater, einen Polizisten, auf dem Hof der Familie an. Sie musste mit ansehen, wie er mit blutüberströmtem Gesicht und auf allen vieren ins Haus kroch. Mit 16 überlebte sie einen IRA-Anschlag auf ihren Schulbus, der dem Fahrer galt, weil dieser dem Ulster Defence Regiment der britischen Armee angehörte. „Kein Panik!“, soll Foster den anderen Jugendlichen im Bus zugerufen haben und dem schwer verletzten Mädchen neben sich nach draußen geholfen haben.

Als Studentin engagierte sie sich im Umfeld der im Vergleich zur DUP gemäßigteren UUP, der Ulster Unionist Party, kehrte ihr aber Ende 2003 den Rücken, mutmaßlich wegen einer von UUP-Führer David Trimble abgesegnete Amnestie für IRA-Mitglieder. Im vergangenen März dagegen besuchte sie die Beerdigung von Martin McGuinness, zwischen 1978 und 1982 höchster militärischer Repräsentant der IRA und später Sinn-Féin-Chefunterhändler des Karfreitagsabkommens zur Befriedung des Nordirlandkonflikts 1998. Fosters Besuch wurde von vielen Beobachtern als Geste der Versöhnung begrüßt. Für den Frieden in Nordirland aber wäre eine auf die DUP angewiesene Regierung in London gefährlich, warnt Jonathan Powell, unter Tony Blair britischer Chefunterhändler für Nordirland: Neutralität sei für alle Regierungen Großbritanniens seit 1990 die Grundlage gewesen, um in Belfast als Vermittler aufzutreten. So aber könne die DUP jederzeit „den Stecker ziehen und die Regierung als Geisel nehmen, und die anderen Parteien in Nordirland wissen das“.

06:00 20.06.2017

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