Die neue Boheme

BERLIN: SZENE Etwas anderes aber, wenn sich plötzlich eine Künstlerkneipe auftut und ein jedenfalls nützlicher Zigarrenladen geschlossen wird. Der sanfte ...

Etwas anderes aber, wenn sich plötzlich eine Künstlerkneipe auftut und ein jedenfalls nützlicher Zigarrenladen geschlossen wird. Der sanfte Modergeruch, der schon jenen Pariser Leichenkammern der Boheme entströmt, vermischt sich in Berlin mit dem Geruch des Asphalts, und die Lustigkeit eines Berliner Künstler-Völkchens vollzieht sich mit der Schnelligkeit des »Tempos«, das schon den bürgerlichen Verkehr in dieser Stadt so arg behindert. Natürlich heißt das Lokal »Die Lunte« - eine vage Beziehung zu einem aktiven Anarchismus, der auch nicht mehr vorhanden ist, der auch schon seine Bomben dem rechten Radikalismus vererbt zu haben scheint. Das traurigste aber ist - wie in jedem Lokal - das Publikum. Junge Leute, die in fünf Jahren die Buch-, Theater- und Filmkritik an den führenden Tageszeitungen innehaben werden und die heute mit der Wollust, sich arm zu fühlen, ihr Essen selbst vom Küchentisch holen. Dabei schreien sie. So werden sie in fünf Jahren schreiben. Ihr Stil kündigt sich bereits akustisch an. Manche in ledernen Gamaschen, wildledernen Hosen, in einer Art Tscheka-Uniform, die eine, wenn auch entfernte, Beziehung zum Osten anzudeuten scheint, zu einem mißverstandenen, theatralisch gedeuteten. Hier und dort verstreute Bürgerliche, die gekommen sind, eine »Sehenswürdigkeit« kennenzulernen, und zu der Freude an dieser noch die über die ersparte Reise nach Paris addieren dürfen. Eine Wirtin, die von Natur Zigarren raucht, junge Männer, die dem Sinn der Zeit gemäß, aus Mangel an Begabung nicht etwa Maler geworden sind, sondern zum Beispiel Taxichauffeure, und die eine Atmo sphäre demonstrativer Sachlichkeit zu verbreiten entschlossen sind. All das ergibt zusammen eine laute anspruchsvolle Mischung aus toten Imitationen, ausgeführt von übertriebenen Lebewesen, einer tollen Lustigkeit, die nur als Epitheton ornans vorhanden ist, einer rebellierenden Phrase, die an den Rändern der Weltrevolution herumgestikuliert, einem künstlichen Chaos aus Pappendeckel und entlehnten Kulissen. Es ist selbstverständlich harmlos, und man hätte es nicht nötig, sich darüber aufzuregen - wäre es nicht symptomatisch für die hitzigen Bestrebungen dieser großen Stadt, überall Anleihen zu machen, wo es nicht geht: In New York und in Madrid, beim Vatikan und im Prater, in Schwabing und in Buenos Aires, beim 19. Jahrhundert und bei der Zukunft, in Paris und in Moskau, beim Kreml und beim Pantheon - und all das mit Tempo. Natürlich mit Tempo...

Münchener Neueste Nachrichten, 27.10.1929, in: Berliner Saisonbericht, Kiepenheuer, Köln 1994, S. 334/335

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