Alles offen

Porträt Olga Grjasnowa ist die Stimme einer Kultur, die keine starren Lebensmodelle kennt. Und sie schreibt aufregende Literatur – über die Liebe zwischen Baku, Moskau und Berlin
Juliane Löffler | Ausgabe 41/2014 32
Alles offen
„Ich bin Teil der deutschen Mittelstandsblase“
Foto: Jennifer Osborne für der Freitag

Sie sitzt unruhig auf ihrem Stuhl, lehnt sich nach vorn, dann zurück, dann wieder nach vorn. Vor ihr zucken rhythmisch drei Körper auf dem Boden einer dunklen Bühne, eine Glühbirne schwingt heftig hin und her. Neben leiser elektronischer Musik hört man nur keuchende Atemgeräusche. Die Tänzer ziehen Grimassen. Es ist die Probe eines modernen Tanzstücks in den Berliner Uferstudios. Olga Grjasnowa schielt auf ihr Handy. „Eigentlich mag ich zeitgenössischen Tanz nicht besonders. Ich verstehe einfach nix davon“, sagt sie.

Ihre Liebe gilt dem klassischen Ballett mit seinen strengen Formen. Gerade hat sie ihren zweiten Roman mit dem Titel Die juristische Unschärfe einer Ehe veröffentlicht, in dem es um eine Ballerina geht, die in eine komplizierte Dreiecksbeziehung verwickelt ist. Und es geht um die Uferlosigkeit einer bestimmten Szene. Junge Menschen, die zwischen Baku, Berlin und Moskau pendeln, die sich nicht festlegen lassen auf ein bestimmtes Lebensmodell, eine sexuelle Orientierung oder eine Nationalität. Grjasnowa ist Teil dieser Szene. „Ich bin wahrscheinlich so eine Mischung aus West- und Osthipster“, sagt sie.

Bestseller mit 28

Vor zwei Jahren gelang ihr mit ihrem ersten Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt ein Überraschungserfolg. Sie treffe den Nerv ihrer Generation, jubelten Literaturkritiker. Das Buch wurde ein Bestseller. Damals war sie 28. Geboren wurde sie in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku, mit elf Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Deutschland.

Der Russe ist einer, der Birken liebt läuft nun, dramaturgisch bearbeitet, bereits in der zweiten Spielzeit am Berliner Maxim-Gorki-Theater – der Bühne, die gerade zum Theater des Jahres gewählt wurde, weil Intendantin Shermin Langhoff sich dort mit den Themen Herkunft und Migration vehement in den gesellschaftlichen Diskurs einmischt. Und Grjasnowa ist eine der Vorzeigefiguren einer jungen, neuen Hybridkultur, die Traditionen verschiedener Welten zu etwas Neuem vermischt, sich schnell und flexibel an Veränderungen anpasst und der deshalb auch immer wieder eine unpolitische Haltung unterstellt wird. Dabei hat sie nur die Regeln einer globalisierten Welt verinnerlicht.

Dass diese neue Kultur dabei ist, sich als Lebensmodell durchzusetzen, ist noch nicht überall angekommen. Anfang des Jahres beschwerte sich der Kulturjournalist Florian Kessler in der Zeit über die junge Schriftstellergeneration, die mit ihrer Herkunft aus bildungsbürgerlichen Elternhäusern zu homogen sei. „Die Erfolgsgeschichte der deutschen Schreibschulen ist die Dominanzgeschichte eines einzigen beharrenden Milieus.“ Zu viele Hipsterbrillen, zu brave Lebensläufe, zu angepasste Texte. Autorinnen wie Olga Grjasnowa, die das Literaturinstitut in Leipzig besuchte, hätten da qua Herkunft einen Exotikvorteil.

Spricht man sie darauf an, lacht sie amüsiert: „Wenn jemand Teil der deutschen Mittelstandsblase ist, dann ich.“ Ihre Mutter ist Lehrerin für klassische Musik, ihr Vater Rechtsanwalt. Grjasnowa bewegt sich ganz selbstverständlich in der Berliner Kulturszene, wohnt in Kreuzberg und liest die US-Philosophin Judith Butler. Die meisten ihrer Freunde seien homosexuell, erzählt sie. Im Café neben den Uferstudios trifft sie eine befreundete Schauspielerin und kehrt triumphierend mit ihrem Notizblock zurück – sie will umziehen und hat gerade einen heißen Wohnungstipp bekommen.

Und doch rutscht sie während der Tanzprobe auf ihrem Stuhl hin und her, als wäre ihr unwohl. „Eigentlich habe ich das Buch nur geschrieben, um mir endlich mal diese ganzen Ballettfilme anschauen zu können“, sagt sie. Als sie ein Auslandssemester in Moskau studierte, ging sie regelmäßig ins Bolschoi, eines der besten Ensembles der Welt. Klassisches Ballett, diese durch und durch verkrustete Kunstform, basierend auf körperfeindlichen Bewegungen, Trainingsmethoden, bei denen die Tänzer regelmäßig blutige Zehen davontragen, aufgeführt mit traditionellen Kostümen und klaren Geschlechterrollen, die Frau im Tutu, der Mann in Strumpfhosen. Ohne Drill und Diäten geht da gar nichts, mit Ende 20 ist die Karriere beendet und der Körper kaputt. Was findet sie daran bloß gut? „Das ist wahrscheinlich so ein Sowjet-Ding“, sagt sie. „Ich bin mit dem Konzept der Unterdrückung der freien Kunst groß geworden. Wenn jemand etwas nicht sauber tanzt, rege ich mich auf.“

Die künstlerische Ausbildung gehörte zum guten Ton bildungsnaher Schichten in der Sowjetunion, sie wurde staatlich gefördert und war so gut wie kostenlos – allerdings unter strengen Voraussetzungen. Wer Musik- oder Tanzunterricht nahm, startete mit drei Stunden täglich. „Das einfach nur als Hobby zu machen, das gab es eigentlich nicht“, sagt Grjasnowa. Die Ausbildung war immer mit beidem verbunden: dem Gedanken an Chancengleichheit und an unbedingten Erfolg. Der Kampf der Systeme machte auch vor dem klassischen Tanz nicht halt, mit eindeutigem Ausgang. Das russische Ballett ist auch heute noch das Maß der Dinge, Tänzer aus der ehemaligen Sowjetunion sind aus internationalen Ensembles nicht wegzudenken.

Klassisches Ballett steht aber auch für die totale Kontrolle des Körpers. In ihrem Roman beschreibt Grjasnowa, wie die Tänzerin Leyla morgens in ihrer Berliner Wohnung ihre Haferflocken abwiegt und jeden Bissen 40-mal kaut, damit sich ein Sättigungsgefühl einstellt. Dieses Gefühl, die Kontrolle über den Körper haben zu wollen, kennt Grjasnowa selbst. „Deshalb nehme ich auch nie Drogen“, sagt sie. Sie will sich diesen Kontrollverlust nicht leisten.

Als sie fünf war, begann sie mit Tanzunterricht. „Ich war aber völlig untalentiert, ich habe null rhythmisches Gefühl.“ Enttäuscht über die ausbleibende künstlerische Karriere der Tochter waren ihre Eltern aber nicht. Stattdessen ging ihre Mutter mit ihr ins Kindertheater. „Eigentlich“, erzählt sie, „hatte ich zu Hause eine langweilige und sehr konfliktfreie Kindheit.“ Es klingt nach einem privilegierten Leben. Die Leidenschaft für das Ballett nahm sie mit nach Deutschland.

Statt selbst zu tanzen, begann sie nach ihrem Abschluss am Literaturinstitut noch ein Studium der Tanzwissenschaft in Berlin. „Das war aber furchtbar, ganz furchtbar“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Zu unstrukturiert, zu experimentell, alles sei einfach als Kunst bezeichnet worden. Sie konnte damit nichts anfangen und flüchtete aus dem Institut.

Konservative Züge

Richtig und falsch, Kunst und Nichtkunst – das sind Kategorien, die im zeitgenössischen Kulturbetrieb und an post-postmodernen Universitäten verpönt sind. Zusammen mit einem extrem flexibilisierten Arbeitsmarkt wirft dieses Misstrauen gegenüber eindeutigen Kategorien die Jungen in ein extrem offenes System, das trotzdem verlangt, sich darin zu positionieren, um nicht unterzugehen. Verständlich also, dass das Ballett mit seiner starren Regelhaftigkeit faszinierend auf Grjasnowa wirkt. Klassische Tanzinszenierungen sind das Gegenteil zu dem Stück, das in den Uferstudios gerade geprobt wird. Sie wissen genau, welche Emotionen sie hervorrufen wollen. Eine falsche Bewegung ist ein klarer Fehler, die Regeln sind eindeutig. Es ist ein Anker zur Orientierung an der Vergangenheit und verschafft einem die Möglichkeit, Verantwortung an das kontrollierende System abzugeben. Auch deshalb schließen sich Grjasnowas Schreiben und konservative Züge innerhalb des Offenen nicht aus.

Das zeigt sich auch in ihrem Kunstverständnis. Sie interessiert sich für zeitgenössische Literatur und Theater, betont sie. Obwohl sie fließend Russisch spricht, kann sie sich aber nur vorstellen, auf Deutsch zu schreiben. „Die russische Prosa ist viel mehr an den Kanon gebunden. Das kenne ich alles gar nicht.“ Auch der Respekt vor der Literaturgeschichte lässt sie da zurückschrecken.

An diesem Morgen war sie beim Standesamt, um Papierkram zu regeln. „Eigentlich halte ich nichts von der Ehe“, sagt sie, „das ist doch Wahnsinn, was man sich da verspricht.“ Ihren Freund, einen syrischen Schauspieler, der meist im Ausland auf Arabisch spielt, plant sie trotzdem zu heiraten. Widersprüche sind Olga Grjasnowa nicht fremd.

In ihrem neuen Roman geht es um die Frage, ob eine Ehe abseits der geltenden Konventionen funktionieren kann. Im Buch ist die Tänzerin Leyla lesbisch, ihr Ehemann Altay schwul. Sie heiraten eigentlich nur, um die Erwartungen ihrer aserbaidschanischen Familien zu erfüllen. Und doch entwickelt sich aus ihrer Scheinehe eine enge Beziehung, mit Verantwortung füreinander und einer erotischen Bindung. Wie wäre das bei ihr, wenn sie mit einer Frau nach Hause zu den Eltern kommen würde? Sie denkt einen Moment nach. „Schwierig.“

Kann sie nachvollziehen, warum ihrer Generation oft Konformität und Beliebigkeit vorgeworfen werden? „Ja, alles anzunehmen, was kommt – das macht für mich einen Hipster aus“, sagt sie. „So was ist doch traurig.“ Aber dieser Lebensentwurf werde überall angeboten. Dazu gehöre auch, dass Scheitern plötzlich akzeptiert sei. „Und je grandioser man scheitert, desto besser.“ Und wie sieht das in Baku aus? „Auch da laufen die Leute mit Hornbrillen rum“, sagt Grjasnowa. Der Kleidungsstil sei derselbe, aber eben nur importiert. Die grundlegenden Rechte, die man für ein freies Leben brauche, fehlten aber. In Baku offen als Homosexueller zu leben sei nicht möglich. Man müsse früh heiraten und vor allem: Geld haben. Dann könne man sich zumindest einen Teil der Freiheit erkaufen.

Freiheit als Illusion

In der Juristischen Unschärfe einer Ehe fährt die Tänzerin Leyla nach einer Verletzung zurück nach Baku zu ihrer Familie. Die Karriere scheint vorerst zu Ende. Leyla nimmt an illegalen Autorennen teil, eine Beschäftigung der reichen Jugend, um Langweile und Frust zu entkommen. „Der Westen hatte sie enttäuscht“, heißt es im Roman, „er war ihrer Kaufkraft nicht gewachsen.“ Leyla landet schließlich im Gefängnis. Die Freiheit innerhalb des repressiven Regimes ist eine Illusion.

Grjasnowa kennt beides, die Illusionen und die Enttäuschungen des Freiheitsversprechens. Was sie aber von ihrer Romanheldin unterscheidet, ist, dass sie clever genug ist, um das System für sich zu nutzen. Dass sie gut mit der Offenheit klarkommt. Wollen wir zu zweit, zu dritt oder zu viert leben? Homosexuell, heterosexuell oder mal so, mal so? In welchem Land? Und wann wechsle ich das nächste Mal den Job? Sich eindeutigen Zuordnungen zu entziehen, ist ein Lebensentwurf, der viel Freiheit bietet. Und viel Unsicherheit. Grjasnowa hat die „Wie wollen wir leben?“-Frage einfach für sich beantwortet, statt endlos darüber nachzusinnen.

„Ich gehe an einem Samstag schon mal um zwölf ins Bett“, sagt sie. „Aber klar hatte ich auch so eine unsichere Phase.“ Sie eilt jetzt am frühen Abend zu einer Lesung nach Kreuzberg, ihren großen Schal hat sie sich gegen den Regen um den Kopf gewickelt. „Nach dem Abi habe ich alle sechs Monate den Wohnort gewechselt. Aber das ist jetzt vorbei.“ In der Buchhandlung leuchten die Schaufenster, der Sekt ist schon geöffnet. Olga Grjasnowa weiß, wo sie hinmuss.

Eine Frau, eine Flucht, ein Roman 

Olga Grjasnowa wurde 1984 in der aserdbaidschanischen Hauptstadt Baku geboren. Wegen des wiederentfachten Konflikts zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach wurde nach dem Ende der Sowjetunion die politische Situation dort immer instabiler. 1990 beantragte ihre Familie als jüdische Kontigentflüchtlinge Asyl in Deutschland. Sie kamen nach zwei Jahren nach Friedberg in der Wetterau. Grjasnowa lernte schnell Deutsch.

Nach ihrem Abitur begann sie zunächst in Göttingen Kunstgeschichte zu studieren, wechselte dann an das Literaturinstitut in Leipzig, wo sie in linken Hausprojekten lebte. Mit ihrem Debüt Der Russe ist einer, der Birken liebt wurde sie 2012 bekannt.

Ihr nun erschienener zweiter Roman Die juristische Unschärfe einer Ehe (Hanser, 272 S., 19,90 €) erzählt eine Dreiecksbeziehung zwischen der Tänzerin Leyla, ihrem schwulen muslimischen Ehemann Altay und der jüdischen Künstlerin Jonoun, mit der Leyla eine Affäre beginnt. Trotz aller Offenheit ist das Lebensmodell zu dritt von Eifersucht geprägt und scheitert schließlich.

Mit ihren Figuren, die sich zwischen Baku, Moskau und Berlin bewegen, schildert Grjasnowa wie in ihrem ersten Roman eine postmigrantische und privilegierte Szene, die sich Kategorien wie Heimat und Religion entzieht. Es ist eine neue Boheme, die es aber nicht schafft, sich aus ihrer Selbstreferenzialität zu lösen.

Grjasnowa beschreibt die entwurzelten Lebensgeschichten der drei Figuren in einer rasanten Erzählweise, wobei auch immer wieder der Vorwurf der Verantwortungslosigkeit anklingt. Trotz seines Tempos gelingt es dem Roman aber auch, die post-sowjetische Lebensrealität und den politischen Alltag im Kaukasus zu beleuchten. Juliane Löffler

06:00 17.10.2014
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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