Was nützt die Freiheit in Gedanken

Equal Pay Day Es wird wieder gegen die Lohnungerechtigkeit gekämpft. Das ist gut so, doch viele Frauen fallen trotzdem in klassische Rollen zurück – weil der Staat es so will
Juliane Löffler | Ausgabe 12/2015 50

Es gibt Momente, da wird eine allgemeine Ungerechtigkeit plötzlich konkret. Zum Beispiel, wenn eine junge Frau vor der größten Bibliothek des Landes steht und sich statt über eine Schreibblockade über Kinderschuhe aufregt. „Das ist nicht fair“, sagt sie. Die Frau heißt Greta Kaminski (Name geändert), und ihr Freund hatte ihr von sich aus kein Geld für die neuen Schuhe des gemeinsamen Kinds angeboten. Dabei verdient er einen vierstelligen Betrag im Monat, sie nur 400 Euro. Seit das Kind geboren ist, arbeitet er Vollzeit. Greta plagt sich wegen der Babypause noch mit ihrem Masterabschluss herum. Und hatte erwartet, dass er selbstverständlich die Schuhe bezahlt. Tat er aber nicht, sie musste danach fragen wie eine Bittstellerin.

Na klar ist das ungerecht, denn arbeiten tun sie beide. Beide stehen morgens früh auf, beide sind abends erschöpft. Aber nur einer hat am Monatsende noch Geld im Portemonnaie.

Ideal und Wirklichkeit

Gretas Probleme sind kein Einzelfall. Sie stehen für jene gesellschaftlichen Fragen, die immer noch allzu gern als „private Entscheidungen“ abqualifizert werden. Bildungstechnisch haben Frauen mit Männern längst gleichgezogen, sie oftmals sogar überflügelt – aber mit dem Eintritt ins Berufsleben, und spätestens wenn Kinder dazu kommen, greifen die alten Geschlechterungerechtigkeiten nach wie vor.

Mit einer Reihe von Maßnahmen will SPD-Familienministerin Manuela Schwesig diesen beikommen. Anfang 2014 schlug sie für Eltern eine verkürzte Wochenarbeitszeit von 32 Stunden vor. Ein Teil des Lohnausfalls sollte vom Staat ersetzt werden. Der Vorschlag wurde aber sofort von Union und Wirtschaftslobby kassiert. Anfang dieses Monats brachte Schwesig gegen viel Widerstand die Frauenquote für Aufsichtsräte und Vorstände durch den Bundestag. Und am 20. März wird sie für den Equal Pay Day werben und erklären, warum Frauen genauso viel verdienen müssen wie Männer – statt im Schnitt 22 Prozent weniger. Seit 2008 veranstaltet der Verband „Business and Professional Women Germany“, ein Netzwerk von berufstätigen Frauen, den Tag für Lohngleichheit. Dieses Jahr ist erstmals die Familienministerin dabei, um für ein Entgeltgleichheitsgesetz zu werben.

All diese einzelnen Maßnahmen allein helfen jedoch Frauen wie Greta nicht, gleichberechtigter zu leben. Denn die bestehende Familienpolitik zeigt in eine andere Richtung. Da gibt es weiterhin den Anachronismus des Ehegattensplittings, das steuerlich belohnt, wenn die Lohnungleichheit in einer Ehe möglichst groß ist. Da gibt es außerdem trotz einiger Forschritte weiter zu wenige Kinderbetreuungsplätze und zu eingeschränkte Betreuungszeiten. Ja, Frauen werden zukünftig dank Quote eher in Chefpositionen gelangen. Und ja, sie werden vielleicht in absehbarer Zukunft gleichen Lohn für ihre Arbeit bekommen. Die zentrale Frage ist aber, ob es dann Rahmenbedingungen gibt, die es ihnen überhaupt ermöglichen, sich für Lohnarbeit und gegen die Hauptverantwortung der Familienarbeit zu entscheiden.

Der Traum von Gleichberechtigung ist bei modernen Paaren groß. Immer mehr Frauen in Deutschland sind inzwischen auch erwerbstätig, deutlich mehr als im EU-Durchschnitt. Viele Männer wünschen sich heute umgekehrt, sich gleichberechtigt in die Familie einzubringen. Fakt ist aber: Nach der Familiengründung laufen Ideal und Realität schnell weit auseinander. Bei drei Prozent der Paare mit einem Kind unter drei Jahren ist die Mutter als Alleinverdienerin erwerbstätig. Bei den Männern sind es 53 Prozent Alleinverdiener. Dass in der Stillzeit die Mutter stärker an das Kind gebunden ist, lässt sich kaum umgehen. Dass sie auch danach mehr Zeit mit der Kinderbetreuung verbringt, ist hingegen gesellschaftlichen Strukturen geschuldet.

Einer der Hauptgründe für die Entgeltungleicheit ist, dass Frauen für ihre Familie ihre berufliche Karriere anpassen und in Teilzeit arbeiten – das häufigste Familienmodell. „Für Männer ist eine Familiengründung dagegen kaum mit einer beruflichen aktiven Veränderung verbunden“, heißt es in einer Studie des Statistischen Bundesamts. Ein kurzer Blick nach Frankreich zeigt, dass es anders geht: Dort arbeiten weit mehr Frauen mit Kleinkindern und nehmen die vielfältigen Kinderbetreuungsangebote in Anspruch.

Ein weiterer Grund für den Gender Gap beim Verdienst ist, dass Frauen öfter in schlechter bezahlten Branchen wie der Pflege oder sozialen Berufen arbeiten. Zieht man Faktoren wie Branche, Beruf, Qualifikation und Position ab, spricht man von einer bereinigten Lohnlücke, die je nach Rechnung sieben oder gar weniger als zwei Prozent beträgt. Nur: Diese hübscheren Zahlen helfen den schlechter bezahlten Frauen trotzdem nicht.

Der Equal Pay Day hat sich deshalb dieses Jahr ein Motto gewählt: „Spiel mit offenen Karten: Was verdienen Frauen und Männer?“ So sollen nicht nur Gehälter, sondern auch Tarifverträge und Arbeitsbewertungsverfahren verpflichtend offengelegt werden, Unternehmen sollen zu Gehaltsangleichungen angeregt und sogenannte Frauenberufe aufgewertet werden. In Schweden gibt es mit dem Taxeringskalender ein ähnliches Modell. Und tatsächlich betrug die Gehaltsspreizung dort 2013 nur 13,4 Prozent. Was es in Schweden aber auch gibt sind: eine gute Kinderbetreuung und kein Ehegattensplitting.

Das große Versprechen

Die Generation der Mittelstandsfrauen, die derzeit in den Startlöchern für den Arbeitsmarkt steht, hat von ihren Eltern ein großes Versprechen mitbekommen. Es lautete, dass sie keine Angst haben müsse vor Armut oder Arbeitslosigkeit, dass der Staat sie sicher auffangen werde, dass sie ein schönes Zuhause haben werde und feste Beziehungen. Dass die Welt aber nicht mehr so funktioniert wie damals, als die Elterngeneration jung war, dass das große Sicherheitsversprechen des Sozialstaats in der neoliberalen Gesellschaft zerbröselt ist, daran wird auch ein Entgeltgleichstellungsgesetz nichts ändern. Der Staat füttere die Mittelstandsgesellschaft mit Steuergeschenken, schrieb Stefan Willeke unlängst in der Zeit und nannte als Beispiele Ehegattensplitting und das einkommensgestaffelte Elterngeld. Diese Steuergeschenke greifen aber vor allem, wenn frau spezifische Lebensmodelle erfüllt: Kinder, Heiraten, Heterosexualität, Zuhausebleiben. Alleinerziehende, Singles oder Geringverdienende müssen dagegen hinten anstehen.

Dabei ist es schwer zu sagen, ob der Staat hier dem Zeitgeist entgegenkommt – oder umgekehrt. Es wird auf jeden Fall wieder gestrickt, was die Nadeln hergeben. Junge Frauen füllen das Netz mit Koch- und Modeblogs. Und die Ehe gilt wieder mehr Paaren nicht als spießig, sondern erstrebenswert. Ein bisschen Sicherheit in Zeiten permanenter Unsicherheit. Frauen fallen wieder – oder immer noch – in klassische Rollenmuster zurück. Auch das könnte man natürlich als emanzipierte Entscheidungsfreiheit anerkennen, wenn sich daraus nicht gravierende Nachteile ergäben.

Zum Beispiel, dass Frauen, die weniger oder gar nicht arbeiten, auch weniger bis nichts in die Rentenkasse einzahlen. Was passiert dann, wenn das Familienmodell scheitert? Es klafft eine Alterssicherungslücke von 59 Prozent zwischen Frauen und Männern, der Gender Pension Gap. Zudem werden jährlich Millionen ausgegeben, um Wiedereinstiegsprogramme für Frauen zu finanzieren, die Schwierigkeiten haben, zurück in den Job zu finden. Das Modell Zuhausebleiben als emanzipiert zu verkaufen, ist deshalb Scheinfeminismus.

„Eine der grausamsten Streiche, die man der Generation meiner Mutter spielte, war wohl die Mär, dass das Recht, jeden schlecht bezahlten Knochenjob zu übernehmen, den sonst Männer verrichten, die einzige und ultimative Errungenschaft der Frauenbewegung sei“, schreibt die Feministin Laurie Penny in ihrem neuen Buch Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution. Eine bedenkenswerte Anmerkung zum Equal Pay Day.

Natürlich müssen Frauen gleichen Lohn für ihre Arbeit verlangen. Weil es gerecht ist. Sozialer macht das die Arbeit jedoch nicht. Nicht für jene, die gern weniger arbeiten wollen – sowohl Männer als auch Frauen. Und vor allem nicht für jene, die vom gleichen Lohn nicht richtig profitieren. Weil ihre Gehälter so klein sind, dass auch ein paar Prozent mehr ihnen kein besseres Leben ermöglichen. Weil ihre Branche so schlecht bezahlt ist, dass auch Männer für einen Hungerlohn schuften. Oder weil sie gar nicht erst die Möglichkeit haben, sich für Lohnarbeit zu entscheiden, weil sie nicht im vierten Monat ihrer Schwangerschaft einen Kitaplatz gesucht haben – und der Partner plötzlich so viel mehr verdient, dass jede andere Arbeitsaufteilung ökonomisch unsinnig wäre. Die Frage ist nicht, ob Frauen es genießen, zu Hause zu bleiben. Die Frage ist, welche Alternativen ihnen geboten werden.

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06:00 20.03.2015
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

Ausgabe 44/2020

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