„Die Menschheit hatte ihre Chance“

Interview Die Feministin Laurie Penny liebt Science-Fiction und glaubt, dass Technik die Genderdebatte beflügeln kann

Mit ein paar Minuten Verspätung stapft Laurie Penny in Schnürstiefeln durch die Lobby des Hotels am Kurfürstendamm. Bei der Begrüßung wirkt sie zart, fast zerbrechlich. „Lassen Sie uns dieser Hotelwelt entkommen“, sagt sie energisch und schlägt vor, draußen irgendwo einen Kaffee zu trinken. Am Ende landen wir bei Starbucks. Da wisse man wenigstens, was man kriegt, sagt Penny und bestellt sich einen grünen Tee.

der Freitag: Frau Penny, ich würde gern mit Ihnen über Zukunftsvisionen des Feminismus sprechen. Wie stehen Sie zu Body Hacking, also technologischen Möglichkeiten, den biologischen Körper zu manipulieren?

Laurie Penny: Ich finde es gut, dass jetzt darüber gesprochen wird. Es gibt verschiedene Wege, sein Geschlecht zu hacken. In dem Buch Testo Junkie von Paul Preciado wird das fantastisch erklärt. Da unterzieht die Autorin sich einer Testosteronkur. Ich selbst würde sagen, dass ich schon genderhacke, wenn ich Verhütungsmittel nehme, oder die Pille danach. Oder mich wie ein Mann anziehe. Manch-mal hacke ich meine Sprache und ersetze das Pronomen sie durch es. All das gehört für mich zum feministischen Programm.

Zur Person

Laurie Penny, geboren 1986 in London, ist zurzeit wohl die prominenteste Stimme eines jungen Feminismus. Anfang des Jahres ist ihr aktuelles Buch Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution (Nautilus) erschienen. Penny lebt und arbeitet gerade in Boston

Wäre „Viagra für Frauen“ dann auch Body Hacking?

Das ist eine Droge mit ernsthaften Nebenwirkungen. Sie wurde mit der Argumentation, es handele sich um eine feministische Errungenschaft, und einer riesigen PR-Kampagne durchgedrückt. Dabei ist das ein Scheinmedikament, ich finde das abartig. Auch die Forschung war schon so angelegt. Es wurde eine Störung erfunden, um ein Bedürfnis auf dem Markt zu kreieren. In den USA spricht man nun von „Hypersexual Disorder“.

Die Frau hat also gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen?

Ja, es ist eine Form von Gender Hacking, das bestehende soziale Normen weiter verstärkt, nämlich dass die Frau in ihrer monogamen Zweierbeziehung funktioniert. Viele dieser Hacks finden auf technologischer Ebene statt, sind aber sozial. Dabei haben wir auch Technologien, die Frauen mehr Selbstermächtigung geben – wie etwa eine sichere Abtreibung. Obwohl es die schon lang gibt, ist sie nicht überall erlaubt.

Sie sehen vor allem die Chancen?

Wir stehen am Anfang eines Umbruchs, in dem Technologien verändern werden, was es bedeutet, weiblich zu sein – und menschlich. Wir ahnen noch gar nicht, was sich verändert, wenn Frauen davon befreit sind, Bürgerinnen zweiter Klasse zu sein, die vor allem für die Reproduktion zuständig sind. Deshalb interessiert mich, was etwa Donna Haraway in ihrem Cyborg Manifesto schreibt, oder die Radikalfeministin Shulamith Firestone. Sie hat sich für Wege der künstlichen Fortpflanzung eingesetzt, etwa dass man Föten außerhalb des weiblichen Körpers heranzieht.

Finden Sie das nicht eine gruselige Vorstellung?

Nicht weniger gruselig als eine Schwangerschaft. Ich habe Freundinnen, die jetzt Babys bekommen, und alles, was sie erzählen, klingt entsetzlich. Ich finde reproduktive Technologien aufregend.

Kürzlich wurde in Deutschland ein Plädoyer für Cyberfeminismus veröffentlicht, das xenofeministische Manifest. Darin heißt es: „Wenn die Natur ungerecht ist, müssen wir eben die Natur verändern.“

Da stimme ich absolut zu. Menschen haben immer versucht, ihre Biologie zu verändern. Wir haben die Pocken abgeschafft, oder Polio. Es ist natürlich, mit 45 Jahren zu sterben, aber die Lebensdauer hat in den vergangenen Jahrhunderten extrem zugenommen. Und es ist kein Ende absehbar. Ich sehe keinen Grund, warum wir diese utopistische Logik nicht auch auf Gender oder Sexualität anwenden sollten. Es würde das Leben vieler Menschen verbessern.

Damit meinen Sie Queer- und Trans-Communitys?

Der Großteil meiner Freundinnen und Freunde ist trans oder queer. Das ist für mich sehr wichtig, um zu verstehen, was Gender ist – und sein kann. Ich erinnere mich, dass ich mit 15 auf der Geburtstagsfete einer Freundin war und sagte: „Ich fühle mich wie ein schwuler Mann in einem Frauenkörper, ihr nicht?“ Und die Mädels sagten alle: „Nein!“ Oh, dachte ich, dann ist bei mir etwas anders.

Es gibt aber Formen des Feminismus, die Fortschritt als Form des Kapitalismus verstehen, sich wieder für Handarbeit interessieren, die Natur als Rückzugsort sehen.

Oh Gott, so was war nie mein Ding! Das Leben ist zu kurz zum Stricken. Schauen Sie mich an, ich bin ein Gothic. Mein erster Job nach der Uni war in einem Cybershop, wo ich Kindern Neon-Leuchtsticks verkauft habe.

Technik und Wissenschaft sind aber immer noch von Männern dominiert. Warum?

Da gibt es extreme Vorurteile. Man muss sich nur mal anschauen, wie die Chefs von Uber oder Top-Wissenschaftler über Frauen reden. Die Vorstellung von einem Genie ist die eines weißen Mannes zwischen 30 und 50. Das muss sich verändern.

Was wäre dann anders?

Wir alle würden profitieren, weil wir vielfältigere Technologien hätten. Dieses Ungleichgewicht beeinflusst, welche Technologien entstehen, welche Probleme damit gelöst werden. Ich arbeite manchmal am MIT Media Lab, einem der weltweit führenden Technologie-Institute an der Universität Massachusetts. Die haben neulich einen Hackthon gemacht, um eine bessere Brustpumpe für Mütter zu erfinden. Milchpumpen sind ein schreckliches Stück medizini-scher Technologie, das schmerzhaft ist und nicht gut funktioniert. Ingenieure des MIT arbeiten jetzt daran.

Gibt es Beispiele, wo die Science-Community schon weiter ist?

Meine Schwester studiert das Fach „Künstliche Intelligenz“. Da sind mehr Frauen vertreten, weil es darum geht, Robotern menschliche Merkmale oder die Fähigkeit zur Empathie zu geben. Wohl weil sich Frauen angeblich besser mit Gefühlen auskennen.

Roboter brauchen ja eigentlich gar kein Geschlecht mehr ...

Aber Roboter werden oft weiblich kodiert, auch in Erzählungen. Das Dilemma, das sich damit verbindet, ist nicht: Ist unser Roboter menschlich? Sondern: Sind Frauen menschlich? Es geht um sexuelle Fantasien und Kontrolle.

Sie meinen etwa wie in dem Film „Ex Machina“, in dem eine Roboterin einen Mann verführen soll, um ihre Intelligenz zu beweisen?

Dahinter steckt die Idee, dass es einfacher ist, herauszufinden, ob ein weiblicher Roboter menschlich ist, als ein männlicher.

Die Figur Ada flieht am Ende auf High Heels aus dem Labor ...

In dem Film geht es um Sexismus. Aber das Motiv des Robotermädchens, mit dem Mann Sex haben will, ist nicht neu. Das gibt es schon in Metropolis oder Blade Runner. Die erste richtige Robotergeschichte ist eigentlich Frankenstein. Das Buch ist von einer Frau geschrieben und eines der wenigen, in dem das anders ist.

Warum gibt es keine transgeschlechtlichen Roboter?

Ich bin mir nicht sicher, ob Roboter überhaupt so entwickelt werden, wie wir uns das vorstellen. Vielleicht hat Agent Smith aus dem Film Matrix recht: Die Menschheit hat ihre Chance gehabt, jetzt ist es Zeit für eine Bewusstseinserweiterung. Es gibt ein paar Erzählungen mit queeren oder geschlechtslosen Aliens, O Human Star von Blue Delliquanti zum Beispiel, mein liebster Webcomic. Ich bin ein richtiger Nerd. Und ich bin immer auf der Seite der Roboter.

Konsens sind diese Ideen aber noch lange nicht ...

Ich hoffe, dass sich mit unserer Generation einiges verändert. Es ist doch erstaunlich, wie sehr die Alltagskultur sich wandeln kann. Heute ist es normal, Patchwork-Familien zu haben oder zwei Eltern desselben Geschlechts. Das war früher undenkbar.

Diese Veränderungen kreieren aber auch einen Backlash.

Ja, und es wird Bündnisse geben müssen, um dagegen anzukämpfen. Aber man kann den Geist nicht zurück in die Flasche stecken. Ich bin gespannt, was passieren wird. Fiktion ist ein Ansatz, um darüber nachzudenken. Ich schreibe gerade an einer Science-Fiction-Erzählung über Anti-Aging-Technologien. Frauen und Queers sind darin die Helden.

Kann Technologie Geschlechtsunterschiede abschaffen?

Sie kann uns dabei helfen, das zu verändern, was Geschlechtsunterschiede bedeuten. Ich denke nicht, dass die Zukunft eine Welt ohne Geschlechter bringt. Ich will Geschlechter nicht abschaffen, ich möchte mehr Optionen. Und dass Leute frei sind, verschiedene Formen von Gender auszudrücken.

Gegner würden sagen, das schaffe zu viel Verwirrung.

Aber ist diese totale Offenheit nicht gerade das Aufregende? Wenn Leute etwas durcheinander sind, während sie ihren eigenen Ausdruck für Geschlecht finden, ist das doch in Ordnung. Der Zwang, eine eigene Identität zu wählen und dann daran festhalten zu müssen, hat sich überlebt.

06:00 07.10.2015
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler
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