Juliane Löffler
16.06.2015 | 14:40 13

Im Namen der Toten

Aktionskunst Das Zentrum für Politische Schönheit bringt tote Flüchtlinge nach Berlin, um sie öffentlichkeitswirksam und würdig zu bestatten. Ein Ortstermin auf dem Friedhof

"Der Tod spricht für sich." Der Imam Abdullah Hajjir steht neben einem Sarg auf dem Friedhof Berlin-Gatow und ist sichtlich berührt. Er beginnt zu beten, begleitet vom Klicken etlicher Kameras. Um ihn herum stehen hunderte Menschen und eine Wand aus Journalisten und Fotografen. Hier, am westlichen Ende der Stadt, findet heute keine gewöhnliche Beerdigung statt, sondern eine hochpolitische. Das Zentrum für Politische Schönheit, eine Kunstaktivismusgruppe, hat am Montag ihre neueste Aktion bekannt gegeben: "Die Toten kommen."

Sie haben nach eigener Aussage Leichname in Südeuropa identifiziert, exhuminiert und nach Berlin transportiert – Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Europa gestorben sind. Sie sollen nun würdig bestattet werden, vor den Augen der Öffentlichkeit. Und so sollen die Toten an die politische Verantwortung erinnern, die zu übernehmen sich die Bundesregierung weigert. Ein weiterer Teil der Aktion sieht deshalb vor, einen Gedenkfriedhof für unbekannter Einwanderer vor dem Bundeskanzleramt auszuheben. Am Sonntag sollen in einem Demonstrationszug andere Tote dorthingebracht werden. Zudem sind weitere Beerdigungen geplant, die kurzfristig angekündigt werden sollen.

Die Frau, die hier beerdigt wurde, ist eine 34-jährige Syrerin, deren Name nicht bekannt gegeben wird. Ihre Geschichte steht exemplarisch für das Schicksal vieler. Gemeinsam mit ihrem Mann und drei Kindern flüchtete sie aus Damaskus über den Sudan, Ägypten und Libyen. Der Landweg über die Türkei nach Bulgarien war ihnen durch eine meterdicke Mauer aus Stacheldraht verschlossen, dem sichtbarsten Zeichen der europäischen Abschottungspolitik. Ihr Boot kenterte im Mittelmeer, sie und ihre zweijährige Tochter ertranken. Der Mann und die zwei überlebenden Söhne sind mittlerweile in einem nicht benannten Bundesland, dürfen jedoch auf Grund der Residenzpflichtbestimmungen nicht an der Beerdigung teilnehmen.

Was aber passiert mit den Toten, deren Schicksale in Deutschland sonst nur als Schreckensbilder von aufgedunsenen Leichnamen an den südeuropäischen Stränden ankommen? Und wie kann man die Grausamkeiten, die sich täglich an den europäischen Außengrenzen abspielen, mitten in Berlin öffentlichkeitswirksam sichtbar machen? Es ist eine moralische Frage – und es ist eine politische.

Das Zentrum für Politische Schönheit, welches vergangenen Herbst mit 200 Aktivisten an die europäische Außengrenze fuhr, um auf die verfehlte Asylpolitik Europas aufmerksam zu machen, hat zu drastischen Mitteln gegriffen, um eine Debatte auszulösen. Die Aktivisten stellten eigene Recherchen an und entdeckten nach eigener Aussage Massengräber im griechischen Hinterland, Leichen in einem kaputten Kühlhaus, in Plastiksäcken, weitere anonyme Gräber auf Sizilien.

„Flüchtling Nr. 2 von Tag x“ stehe dort auf kleinen Metallplatten an den Gräbern, erzählt Stefan Pelzer, der Eskalationsbeauftragte des ZPS, etwa in der ostsizilianischen Stadt Sortino. Jene Syrerin, die nun auf einem Berliner Friedhof beerdigt wurde, war eine von ihnen. Die Aktivisten versuchten, in Italien Leichen zu identifizieren, traten in Kontakt mit den Angehörigen und verhandelten mit den italienischen Behörden, bis ein neuer Totenschein für den Transport nach Deutschland ausgestellt wurde, erzählt Philipp Ruch, künstlerischer Leiter des ZPS.

Das Absurde: Theoretisch sei die Identifikation der Leichen gar nicht so schwierig, weil die Toten meist Ausweispapiere bei sich trügen. Trotzdem würden die meisten anonym bestattet. Eine menschenunwürdige Lösung, mit der unangenehme Fragen umgangen werden, etwa weil die Angehörigen in den meist afrikanischen Heimatländern nicht benachrichtigt werden müssen.

Und während Philipp Ruch der Presse von den Erfahrungen aus Italien erzählt, ertönt auf dem Friedhof der Gesang von Abdullah Hajjir, beugen sich die Köpfe der Zivilisten und Aktivisten, die gekommen sind, um zu trauern und ein Zeichen zu setzen, wird die ein oder andere Träne weggewischt. Populismus ist hier kaum zu spüren, vielmehr eine tiefe Betroffenheit. Es sei das Mindeste, dass ein Mensch – sei er Imam, Fotograf oder Aktivist – eine würdige Bestattung erhalte, sagt Hajjir.

Und trotzdem schwebt eine Frage unausgesprochen über der Beerdigung: Handelt es sich hier nur um eine Inszenierung, oder ist in dem Sarg tatsächlich eine Leiche? Das Wissen und die Fotos, die das ZPS aus Südeuropa mitgebracht hat, zeigen, dass vor Ort recherchiert wurde. Die deutsche Bürokratie (und wohl auch die Ehre des Imams) lassen zudem vermuten, dass eine Beerdigung ohne Leiche kaum vorstellbar erscheint. Zudem bestätigte die Bayerische Polizei offenbar die Überführung von zwei Flüchtlingen. Und weil das ZPS seine Aktion über Crowdfunding finanziert, wäre es auch eine Täuschung der Geldgeber, hier keinen Leichnam zu bestatten.

Aber eigentlich ist das auch die falsche Frage. Weil Inszenierung oder Populismus ohnehin erlaubt sind, wenn es darum geht, auf das anhaltende Flüchtlingsdrama im Mittelmeer aufmerksam zu machen. Weil es um Menschenleben geht, so oder so. Die Lage ist ernst genug. An diesem Vormittag auf dem Friedhof erscheint es deshalb geradezu zynisch, die Frage nach der Authentizität der Aktion zu stellen.

Kommentare (13)

Magda 16.06.2015 | 15:22

Ja, die Grenze zwischen Ländern und Kontinenten und zwischen Leben und Tod. Die muss man hier immer mitdenken. Die Aktion ist gut. Wenn der Imam dort auch war, dann haben die Muslime offensichtlich auch kein Problem mit der Umbettung und Bestattung. Eigentlich sind doch so strenge Bestattungsregeln im Islam.

Was gesagt werden soll damit, ist ausdrucksvoll, unendlich bedrückend gesagt.

poor on ruhr 17.06.2015 | 14:05

Hallo Frau Löffler,

mit grossem Interesse gelesen. Habe eigentich auch nichts hinzufügen. Sicher ist es banal auszudrücken, wie beklemmend und wie bedrückend das wirkt. Sicher wollen die Intiatoren und Aktionisten mehr erreichen als nur schlechteGefühle beim Publikum.

Man sagt ja , dass in den 1960rn und 1970ern so efolgreich Opposition gegen die amerikanische Beteiligung in Vietnam gemacht werden konnte, war das die Bilder des Elends und der toten Soldaten ins amerikanische Fernsehen gekommen sind.

Das waren dann aber die eigenen Söhne und die eingezogenen Soldaten kamen aus allen sozialen Schichten.

Hier in Europa und vor allem in Deutschland sind die Flüchtlinge aus Afrika und Arabien aber grossen Teilen der Bevölkerung leider nicht willkommen und gelten als Fremde meist leider eher unerwünschte Einwanderer .

Es ist sehr schwierig unter so einem Klima größere Reichweiten in der Bevölkerung durch die Medien für solche wirklich guten Ideen und nebenbei eigentlich selbsterständlichen Menschenrechten wie diese Begräbnisse in Würde zu erreichen.

Natürlich ist das trotzdem immer noch viel besser als nur rumzulabern.

Die Frage nach der Authenzität dieser Aktion zu stellen würde ich aus den geschilderten Gründen ebensfalls als zynisch erachten.

Danke für diese wirklich guten Infos.

Viele Grüße

poor on ruhr

Jon Doe 17.06.2015 | 19:16

Das Aufnehmen von Flüchtlingen ist wohl vorerst sinnvoll aber im Endeffekt bekämpft man damit nur die Symptome und nicht die Ursache. Immerhin schaffen es hauptsächlich nur die Starken (über 75% der Flüchtlinge sind junge Männer) nach Europa während die Alten, Frauen und Kinder in Ihrer Heimat und damit in Gefahr bleiben. Die EU sollte Ihren Einfluss nutzen um von vorne herein für Frieden und Stabilität zu sorgen. So wurde doch bspw. Libyen und Syrien auch durch die Europäer zu einen Krisenherd. Desweiteren scheint die derzeitige Entwicklungshilfe nicht zu funktionieren, auch da muss man ansetzen. Wir müssen die Flucht der Menschen dadurch verhindern, das wir sie an unseren Frieden und Wohlstand teilhaben lassen. Wir sollten die hier ankommenden Flüchtlinge, welche bekanntl. hauptsächlich junge Männer sind, ausbilden und in Ihre Heimat zurück schicken. Wir müssen uns da auf jeden Fall mehr einbringen.
Ausserdem sollte man der Skepsis vieler Mitbürger mehr Verständnis gegenüberbringen. Bspw. Altenpflege. Anstatt dort die Bedingungen und die Bezahlung zu verbessern, möchten unsere Politiker diesen "Fachkräftemangel" mit Flüchtlingen und Migranten lösen.
Ich finde es falschen Menschen in unser Land zuholen um eine neue Unterschicht aus Billigstarbeiter zu generieren.

Die ganze Diskussion über Flüchtlinge ist meineserachtens nach Schief...

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Ehemaliger Nutzer 17.06.2015 | 21:27

eine ausgezeichnete Idee. Das Flüchtlingsdrama ist die Spitze des Eisberges, die Ertrunkenen die Geister, die die westl. Welt- und Wirtschaftspolitik rief und die man wohl so schnell nicht mehr los werden wird. Das europäisch-afrikanische Freihandelsabkommen EPA entfalten ja gerade erst seine Wirkung. Meintwegen könnte man am Brandeburger Tor auf einer riesigen Leinwand noch Szenarien von Krieg, Flüchtlingslager, Kindesoldaten, angedeutete Selbstmord -Vergewaltigungs- und Hinrichtungsszenen, Leichenberge, halb verhungerte Obdachlose, z.B.Menschen, die wegen der Biospritproduktion von ihrem Land vertrieben wurden etcpp... einblenden und zum Schluss ein Gruppenfoto der G7 Leutchen auf Schloss Elmau.

Quasi als Quintessenz amerikanisch-europäischer Politk für Menschen... ehmmm Wirtschaft.

http://www.attac.de/startseite/detailansicht/news/freihandelsabkommen-mit-westafrikanischen-laendern-nicht-unterzeichnen/

Columbus 18.06.2015 | 10:21

Nach den Papieren, muss es sich wohl um eine Leiche, deren Reste, pp., gehandelt haben, denn auf Friedhöfe kommen offiziell nur sterbliche Überreste in Grabstellen. Sie schreiben sehr zu Recht, dass die deutsche Bürokratie und der Status eines Imams, in diesen Fragen wenig Spielraum für fiktionale Elemente lasssen.

Schön, dass die Aktion des Künstler- und Aufmerksamkeitsherstellungskollektivs so würdevoll und angemessen ablaufen konnte. Es ist eine große Kunst, die unangenehme Realität so näher rücken zu lassen und trotzdem die Würde zu bewahren.

Gut, dass Sie berichteten. Mögen andere sich aufregen.

Beste Grüße

Christoph Leusch