Juliane Löffler
21.06.2015 | 21:46 14

Die Toten werden sichtbar

Protest Das Zentrum für Politische Schönheit veranstaltet einen „Marsch der Entschlossenen“ gegen die Flüchtlingspolitik und trifft einen Nerv. Die Aktion verselbstständigt sich

Plötzlich waren es zu viele Menschen zwischen Bundeskanzleramt und Reichstag. Sie rannten die Zäune um den Platz der Republik einfach nieder und strömten zu Tausenden auf die Rasenfläche, während die Polizei nur hilflos zusehen konnte. Die Polit-Künstler vom Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) veranstaltete die größte Aktion ihrer jüngsten Kampagne „Die Toten kommen“, mit der sie auf die toten Flüchtlinge aus dem Mittelmeer aufmerksam machen wollen. Nach eigener Aussage ließen sie Leichen nach Berlin transportierten und bestatten. Heute fand dazu der „Marsch der Entschlossenen“ statt, bei der nach vorläufigen Angaben der Polizeipressestelle mehr als 5.000 Menschen teilnahmen.

Ursprünglich sollte der Trauerzug vor das Bundeskanzleramt ziehen und dort mit Hilfe eines Baggers Gräber für drei Särge ausheben. „Eine Gedenkstätte für die Opfer der militärischen Abriegelung Europas unter dem titelgebenden Bogen Den unbekannten Einwanderern“, so kündigte das Künstlerkollektiv die Aktion auf ihrer Webseite an. Dazu kam es jedoch nicht, weil die Berliner Polizei den Einsatz des Baggers nicht genehmigte und die angekündigten Särge von einem Gerichtsmediziner untersuchen ließ – der Transport von den mutmaßlichen Leichen auf der Demo wurde mit Verweis auf das Bestattungsgesetz nicht zugelassen.

Man kann davon ausgehen, dass das ZPS diese Einschränkungen bei der Planung ihrer Aktion wissend in Kauf genommen hat – genau wie vorher klar war, dass die Aktion gar nicht erst bis zum Bundeskanzleramt vordringen würde, sondern vor einem großen Baustellenschild der Künstlergruppe stoppen musste und rein symbolisch bleiben würde. „Hier baut die Europäische Union“ steht darauf, unten prangt ein Bild von Bundesinnenminister Thomas de Maizière – als einer der politisch verantwortlichen Akteure für das Massensterben im Mittelmeer.

Dass sich die Aktion an dieser Stelle verselbstständigte, hätte das ZPS zwar ahnen, jedoch nicht planen können. Natürlich könnte man nun über die Grenzen von Kunst und Politikaktivismus diskutieren. Man könnte sich aber auch einfach den politischen Realitäten zuwenden, gegen welche die Menschen heute in Berlin zusammenkamen: dass allein in diesem Jahr schon über 103.000 Bootsflüchtlinge nach Europa kamen, dass rund 2.000 von ihnen dabei gestorben sind, dass sie danach in anonymen Gräbern verscharrt werden, ohne dass ihre Angehörigen benachrichtigt werden und dass das Problem nicht kleiner wird, sondern zu einer globalen humanitären Katastrophe.

Fakt ist, dass das ZPS mit ihrer Aktion eine künstlerische Intervention begonnen hat, die zwangsläufig in politischen Protest münden musste – allein schon, weil die Bürgerinnen und Bürger, die an ihr teilnehmen, sich nicht als Künstler, sondern als politische Bürger verstehen, die nicht bereit sind, die tödlichen Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und der EU unwidersprochen mitzutragen. Und so fanden sich unter der Demonstrierenden zwar der schwarze Block und Antifa-Fahnen, aber auch jede Menge Familien, Studierende und Schüler.

Zwei Jungen des John-Lennon-Gymnasiums und der Reformschule Charlottenburg, zwölf und dreizehn Jahre alt, stehen auf der Wiese. „Wir finden das nicht richtig, dass Flüchtlinge ertrinken. Und diejenigen die schon hier sind, sollten hier bleiben dürfen“, finden sie. Kein Mensch ist illegal, steht auf ihren Pullovern. Ihre Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Ob sie selbst Erfahrungen mit dem Thema gemacht hätten? Sein 16-jähriger Bruder kenne illegale Flüchtlinge in Berlin, erzählt einer von ihnen.

Das Thema Flüchtlingspolitik zieht sich sich wie eine offene Wunde durch die Stadt. Mit den Flüchtlingsprotesten seit knapp drei Jahren und der zunehmenden medialen Aufmerksamkeit ist das Thema zu groß geworden, um dazu keine Haltung entwickeln zu können. Das Zentrum für Politische Schönheit bahnt mit seinen Aktionen den Menschen in der Stadt einen Weg, ihre Meinung dazu kanalisieren zu können.

Und wie sie das tun. Innerhalb kürzester Zeit beginnen die Menschen auf der Wiese, mit Spaten, Händen und Füßen kleine Gräber auszuheben, bald scharen sie sich gruppenweise um kleine Erdhügel, auf denen Kreuze stehen mit Aufschriften wie „Grenzen töten“ oder „Stoppt das Morden“. Eine junge Frau legt einen linierten Zettel auf ein Grab auf den sie „In lauter Trauer“ geschrieben hatten, andere legen Blumen auf die symbolischen Grabstätten, andere bewerfen damit Polizisten. #dietotenkommen trendet auf Twitter, Kleinkinder tanzen auf den umgestoßenen Zäunen, eine Sitzblockade positioniert sich vor den enger zusammenrückenden Polizisten, „Solidarité avec les Sans-Papiers“ singen die Menschen, fassen sich an den Händen und bilden einen großen Kreis um das Gräbermeer auf dem Platz der Republik. Dabei kommt es auch immer wieder zu Zusammenstößen. Laut Pressestelle hielt die Polizei von rund 90 Personen die Personalien fest, immer wieder transportiert sie Protestierende von dem Platz ab, auf Twitter berichten Teilnehmer von gewaltsamen Übergriffen.

Die Aktivisten des Zentrums für Politische Schönheit sind nicht mehr zu sehen, längst hat sich die Aktion verselbstständigt. Gegen 18 Uhr wird die Sitzblockade geräumt und die Aktivisten festgenommen. Zurück bleiben die vielen Erdhügel, kleine Mahnmale im politischen Zentrum des Landes, die daran erinnern, dass die Politik beginnen muss, sich mit dem Konsens auseinanderzusetzen, der an diesem Sonntag demonstriert wurde: Die Toten der Festung Europa sind sichtbar und sie werden nicht länger akzeptiert. Darüber sollte nun diskutiert werden.

Kommentare (14)

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Ehemaliger Nutzer 21.06.2015 | 23:37

Mit soviel Resonanz hat wohl niemand gerechnet. Tote Flüchtlinge lassen sich nicht einfach so unter die Grasnarbe pflügen, das Problem sich nicht so einfach unter den Teppich kehren. Eine Aktion verselbständigt sich, Leute werden wach, Leute weigern sich, gefälligst still zu schweigen und sich wie immer unauffällig zu verhalten. Wir sind noch nicht tot!

ch.paffen 22.06.2015 | 11:14

danke für den blauen blick auf den protest * das ZfPS hat mit seinem marsch der entschlossenen die zivilgesellschaft mitten ins "zentrum für häßliche politik" gebracht * eine sehr steile aktion finde ich * fein wär ein "zentrum für zivilgesellschaftliche schönheit", die zivilgesellschat kommt wär doch mal was ..... * feinstn wochenstart cp

Soloto 22.06.2015 | 14:16

Wow, da geht ja richtig was. Klingt nach einer sehr gelungenen Aktion, die auch den Ton genau trifft, anders als noch bei der Mauerkreuz- und der Begräbnisaktion neulich. Aber symbolische Gräber auf der Wiese vorm Reichstag auszuheben, zusammen mit so vielen Leuten, ist schon super.

@ Zelotti: Ja, natürlich ist die Welt ein wenig komplizierter, ist das multiethnische Zusammenleben nicht immer konfliktfrei, aber es ist echt keine Option, die Leute im Meer absaufen zu lassen. Selbst wenn ich Ausländer und Flüchtlinge pauschal nicht ausstehen könnte, würde ich mich mit Händen und Füßen dagegen wehren, einfach weil es hochgradig giftig ist für eine Gesellschaft, so etwas zuzulassen und gegenüber einem solchen Massensterben abzustumpfen. Wenn wir das den Politikern durchgehen lassen würden, wären wir gebrochene Menschen - und sie könnten alles mit uns machen. Wer jetzt schweigt, schweigt erst recht, wenn´s die nächsten trifft.

Rotkehlchen 22.06.2015 | 18:18

Eine sehr gute Aktion - auch wenn ich befürchte, dass damit das verrohte Gewissen von Regierungschefs nicht erreicht wird, die einst das Programm Mare Nostrum nicht mehr bezahlen wollten und die Flüchtlinge lieber als Abschreckung für nachkommende Flüchtlinge ertrinken lassen wollten. Auch damals war Frau Merkel übrigens schon Kanzlerin. Auch für ihr Gewissen läuteten 23.000 mal die Krichenglocken in Köln.

Und was für Ängste da wegen der Flüchtlinge geschürt werden. MIt ihnen wird ein Teil von uns jedes Jahr so viel reicher, dass sich ein statistisches Vermögenswachstum von 5 % jährlich ergibt.

Die wahre Bedrohung für die Länder Europas sind doch die Exportschüsse, die Deutschlad gerade in Europa mit aggressiver Politik erwirtschaftet. Derzeit lernen die Greichen die wahre Bedrohnung kennen. Wenn es uns nicht gelingt, am steigenden Reichtum die Bevölkerung in Europa teilnehmen zu lassen, geht es uns am Ende wie der griechischen Bevölkkerung mit ihrer superreichen und mitleidlosen Oligarchie.

zelotti 23.06.2015 | 11:15

"Ja, natürlich ist die Welt ein wenig komplizierter, ist das multiethnische Zusammenleben nicht immer konfliktfrei, aber es ist echt keine Option, die Leute im Meer absaufen zu lassen. "

Ich meinte etwas anderes. Ich meinte die unsägliche Kommunikation, die all ihre Prämissen nicht offenlegt.

Zum Beispiel: Was hat Deutschlands Regierung überhaupt damit zu tun, dass im Mittelmeer Menschen absaufen?

zelotti 23.06.2015 | 11:15

"Ja, natürlich ist die Welt ein wenig komplizierter, ist das multiethnische Zusammenleben nicht immer konfliktfrei, aber es ist echt keine Option, die Leute im Meer absaufen zu lassen. "

Ich meinte etwas anderes. Ich meinte die unsägliche Kommunikation, die all ihre Prämissen nicht offenlegt.

Zum Beispiel: Was hat Deutschlands Regierung überhaupt damit zu tun, dass im Mittelmeer Menschen absaufen?

Magda 23.06.2015 | 17:33

So pietätlos es sein mag diese Gesten miteinander zu vergleichen, so sehr zeigen sie doch eines: Bilder wecken Emotionen und transportieren Botschaften.

Hauptsache Bilder. Mich beschäftigte die Frage, wie es mit der Totenruhe aussieht und den muslimischen Bestattungsriten. Die konnten schon nicht eingehalten werden als die Flüchtlinge angeschwemmt waren. Und jetzt gräbt man sie erneut aus. Ich habe da echt Zweifel.

Gerhard Kaucic Djay PhilPrax 24.06.2015 | 01:59

Dekonstruktion, Intervention, Wiedererinnerung!

"Festung Europa

Postkolonialismus Terrorismus Flüchtlingsdrama Zivilisation und d_ Andere

Warum Europa Flüchtlinge willkommen heißen m u s s !

Die Einschreibung Europas in Europa. Europa besitzt Einschreibungen, Inskriptionen, Gravuren!"

(Text als Blog-Posting auf Englisch und Deutsch!)

Gerhard Kaucic / Djay PhilPrax, Wien, Philosoph, Schriftsteller, Philosophischer Praktiker;

Deutsche Fassung:

http://disseminationsdjayphilpraxkaucic.blogspot.co.at/2015/06/festung-europa.html

Englische Fassung:

http://disseminationsdjayphilpraxkaucic.blogspot.co.at/2015/06/fortress-europe-postcolonialism.html