Die Toten werden sichtbar

Protest Das Zentrum für Politische Schönheit veranstaltet einen „Marsch der Entschlossenen“ gegen die Flüchtlingspolitik und trifft einen Nerv. Die Aktion verselbstständigt sich

Plötzlich waren es zu viele Menschen zwischen Bundeskanzleramt und Reichstag. Sie rannten die Zäune um den Platz der Republik einfach nieder und strömten zu Tausenden auf die Rasenfläche, während die Polizei nur hilflos zusehen konnte. Die Polit-Künstler vom Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) veranstaltete die größte Aktion ihrer jüngsten Kampagne „Die Toten kommen“, mit der sie auf die toten Flüchtlinge aus dem Mittelmeer aufmerksam machen wollen. Nach eigener Aussage ließen sie Leichen nach Berlin transportierten und bestatten. Heute fand dazu der „Marsch der Entschlossenen“ statt, bei der nach vorläufigen Angaben der Polizeipressestelle mehr als 5.000 Menschen teilnahmen.

Ursprünglich sollte der Trauerzug vor das Bundeskanzleramt ziehen und dort mit Hilfe eines Baggers Gräber für drei Särge ausheben. „Eine Gedenkstätte für die Opfer der militärischen Abriegelung Europas unter dem titelgebenden Bogen Den unbekannten Einwanderern“, so kündigte das Künstlerkollektiv die Aktion auf ihrer Webseite an. Dazu kam es jedoch nicht, weil die Berliner Polizei den Einsatz des Baggers nicht genehmigte und die angekündigten Särge von einem Gerichtsmediziner untersuchen ließ – der Transport von den mutmaßlichen Leichen auf der Demo wurde mit Verweis auf das Bestattungsgesetz nicht zugelassen.

Man kann davon ausgehen, dass das ZPS diese Einschränkungen bei der Planung ihrer Aktion wissend in Kauf genommen hat – genau wie vorher klar war, dass die Aktion gar nicht erst bis zum Bundeskanzleramt vordringen würde, sondern vor einem großen Baustellenschild der Künstlergruppe stoppen musste und rein symbolisch bleiben würde. „Hier baut die Europäische Union“ steht darauf, unten prangt ein Bild von Bundesinnenminister Thomas de Maizière – als einer der politisch verantwortlichen Akteure für das Massensterben im Mittelmeer.

Dass sich die Aktion an dieser Stelle verselbstständigte, hätte das ZPS zwar ahnen, jedoch nicht planen können. Natürlich könnte man nun über die Grenzen von Kunst und Politikaktivismus diskutieren. Man könnte sich aber auch einfach den politischen Realitäten zuwenden, gegen welche die Menschen heute in Berlin zusammenkamen: dass allein in diesem Jahr schon über 103.000 Bootsflüchtlinge nach Europa kamen, dass rund 2.000 von ihnen dabei gestorben sind, dass sie danach in anonymen Gräbern verscharrt werden, ohne dass ihre Angehörigen benachrichtigt werden und dass das Problem nicht kleiner wird, sondern zu einer globalen humanitären Katastrophe.

Fakt ist, dass das ZPS mit ihrer Aktion eine künstlerische Intervention begonnen hat, die zwangsläufig in politischen Protest münden musste – allein schon, weil die Bürgerinnen und Bürger, die an ihr teilnehmen, sich nicht als Künstler, sondern als politische Bürger verstehen, die nicht bereit sind, die tödlichen Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und der EU unwidersprochen mitzutragen. Und so fanden sich unter der Demonstrierenden zwar der schwarze Block und Antifa-Fahnen, aber auch jede Menge Familien, Studierende und Schüler.

Zwei Jungen des John-Lennon-Gymnasiums und der Reformschule Charlottenburg, zwölf und dreizehn Jahre alt, stehen auf der Wiese. „Wir finden das nicht richtig, dass Flüchtlinge ertrinken. Und diejenigen die schon hier sind, sollten hier bleiben dürfen“, finden sie. Kein Mensch ist illegal, steht auf ihren Pullovern. Ihre Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Ob sie selbst Erfahrungen mit dem Thema gemacht hätten? Sein 16-jähriger Bruder kenne illegale Flüchtlinge in Berlin, erzählt einer von ihnen.

Das Thema Flüchtlingspolitik zieht sich sich wie eine offene Wunde durch die Stadt. Mit den Flüchtlingsprotesten seit knapp drei Jahren und der zunehmenden medialen Aufmerksamkeit ist das Thema zu groß geworden, um dazu keine Haltung entwickeln zu können. Das Zentrum für Politische Schönheit bahnt mit seinen Aktionen den Menschen in der Stadt einen Weg, ihre Meinung dazu kanalisieren zu können.

Und wie sie das tun. Innerhalb kürzester Zeit beginnen die Menschen auf der Wiese, mit Spaten, Händen und Füßen kleine Gräber auszuheben, bald scharen sie sich gruppenweise um kleine Erdhügel, auf denen Kreuze stehen mit Aufschriften wie „Grenzen töten“ oder „Stoppt das Morden“. Eine junge Frau legt einen linierten Zettel auf ein Grab auf den sie „In lauter Trauer“ geschrieben hatten, andere legen Blumen auf die symbolischen Grabstätten, andere bewerfen damit Polizisten. #dietotenkommen trendet auf Twitter, Kleinkinder tanzen auf den umgestoßenen Zäunen, eine Sitzblockade positioniert sich vor den enger zusammenrückenden Polizisten, „Solidarité avec les Sans-Papiers“ singen die Menschen, fassen sich an den Händen und bilden einen großen Kreis um das Gräbermeer auf dem Platz der Republik. Dabei kommt es auch immer wieder zu Zusammenstößen. Laut Pressestelle hielt die Polizei von rund 90 Personen die Personalien fest, immer wieder transportiert sie Protestierende von dem Platz ab, auf Twitter berichten Teilnehmer von gewaltsamen Übergriffen.

Die Aktivisten des Zentrums für Politische Schönheit sind nicht mehr zu sehen, längst hat sich die Aktion verselbstständigt. Gegen 18 Uhr wird die Sitzblockade geräumt und die Aktivisten festgenommen. Zurück bleiben die vielen Erdhügel, kleine Mahnmale im politischen Zentrum des Landes, die daran erinnern, dass die Politik beginnen muss, sich mit dem Konsens auseinanderzusetzen, der an diesem Sonntag demonstriert wurde: Die Toten der Festung Europa sind sichtbar und sie werden nicht länger akzeptiert. Darüber sollte nun diskutiert werden.

21:46 21.06.2015
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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