"Ein Tag ohne Konflikte bedeutet nichts"

Asylprotest Hatef, ein junger Iraner, erzählt von seinem Lebensalltag im Berliner Protestcamp am Oranienplatz. Und davon, warum er freiwillig und gerne dort lebt
"Ein Tag ohne Konflikte bedeutet nichts"
"Shift+delete Deportation", steht auf einer selbstgebastelten Kette, die Hatef immer um den Hals trägt

Foto: Der Freitag

Aus dem beheizten Bus trete ich in der Abenddämmerung in die frühwinterliche Kälte am Oranienplatz. Über dem Protestcamp ziehen kleine Rauchwolken aus den beheizten Zelten, es riecht nach Lagerfeuer, alles ist feuchtkalt. Ich suche Hatef, mit dem ich mich ab jetzt einmal wöchentlich treffen werde. Er wohnt hier im Camp und gehört zu den Aktivisten, welche für bessere Asylbedingungen kämpfen – teils auch vor dem Brandenburger Tor, wo sie mit einem Hungerstreik auf die gemeinsamen Forderungen aufmerksam machen.

Ich laufe etwas verloren durch das Camp, strecke den Kopf in das Küchenzelt, frage mich durch. Es ist wie eine eingeschworene Gemeinde, in der ich mich irgendwie fehl am Platz fühle. Ich habe keine Lebensmittel mitgebracht, keinen Schlafsack gespendet. Ich will nur reden. Schließlich sehe ich Hatef mitten auf dem Platz, mit seinem Handy am Ohr. Er trägt nur einen dünnen Pulli mit einem T-shirt darüber. Kein Mensch ist illegal, steht in großen orangenen Buchstaben darauf. Wie geht´s, frage ich ihn. Super, sagt er und lächelt. Er spricht mit starkem Akzent, aber fomuliert lange, präzise Sätze. Manchmal sucht er lange nach einem Wort.

Hatef ist im Iran geboren und aufgewachsen, hat dort Theaterregie studiert und ist vor drei Jahren geflüchtet. In Berlin ist er seit Mai und kämpft seitdem für die Rechte der Flüchtlinge. Zunächst vom Heinrichplatz aus, wo alles mit einem einzelnen Zelt begann und Hatef mit anderen Aktivisten schlief und arbeitete. Dort wurde der Marsch der Flüchtlinge mitorganisiert und die Ankunft der Asylbewerber vorbereitet – für ihre Unterbringung wurde das Camp am Oranienplatz aufgestellt, die Infrastruktur eines kleinen Dorfes organisiert. Seitdem lebt Hatef hier, in den Zelten. Es gibt Strommasten und Stromrechnungen, die bezahlt werden wollen, ein Plenumszelt, ein Küchenzelt, Schlafzelte und ein Kinderzelt. Draußen stehen Bänke, Sofas, eine Feuerstelle, ein Toilettenwagen, angeschlossene Fahrräder. Im Infozelt brummen Laptops. Und alle tragen Handschuhe und Mützen. Es ist kalt.

"Das ist der beste Platz"

„Gehen wir ins Zelt“, sagt Hatef, „da ist Ruhe reden und es ist wärmer. Ich schlafe ganz vorne, direkt neben der Heizung. Das ist der beste Platz.“ Ich lasse meine Mütze an, meine Nasenspitze wird kalt. Drinnen liegen dicht an dicht ein Dutzend Matratzen, es riecht nach Zeltplane. Einige Menschen schlafen bis zur Stirn in Decken eingepackt, andere liegen in ihren Winterjacken auf den unbezogenen Matratzen, ruhen sich aus, unterhalten sich leise. Dazwischen hängen Wäscheleinen mit Kleidern und Handtüchern, in der Ecke ist ein improvisiertes Regal aufgestellt. Es ist kaum Platz zum Treten. Wüsste ich nicht, um was es hier ginge, ich würde es als romantische Zeltlagerstimmung beschreiben. Ist es aber nicht. Eine junge Frau und ein Mann liegen bäuchlings neben uns und tippen in einen Laptop. Und Hatefs Handy klingelt, immer wieder.

„Ich hab jetzt keine Zeit“, sagt er ins Telefon und „ja, am Samstag kommen zwanzig neue Streiker“. Er lächelt entschuldigend und runzelt dann die Stirn. „Das war eine Frau von der Zeitung. Ich vertraue keinen Journalisten.“ Streng genommen sei ich auch eine, gebe ich zaghaft zu bedenken. „Naja“, wiegelt er ab, „du redest nicht soviel.“ Hatef ist für die Pressearbeit zuständig, kümmert sich zusammen mit Anderen um die Betreuung der Webseiten und Emailverteiler. Am liebsten die von Facebook. Heute habe er gelernt, wie man eine Webseite baut. Sein Sachbearbeiter wollte, dass er ein Praktikum mache, aber Hatef will lernen, erzählt er mir. Und frei sein. Jetzt geht er jeden Tag in eine Sprachschule, für dessen Bezahlung er sich ein Stipendium der Otto-Benedikt-Stiftung organisiert hat. Vom Jobcenter bekommt er deshalb kein Geld mehr.

Ich frage ihn, ob er nicht bei Freunden oder Bekannten wohnen könne. Klar könne er, sagt Hatef, das habe er auch lange gemacht, zum Beispiel früher in München. Aber er wolle nicht mehr woanders pennen. Sondern sein eigenes Zimmer. Oder eben hier sein. Das Camp gibt ihm offensichtlich ein Stück Unabhängigkeit zurück. Nur seine wichtigsten Dokumente hat er bei Freuden untergebracht. Zum Beispiel seine Uni-Unterlagen, die ihm sein Vater aus dem Iran geschickt hat. Falls er irgendwann wieder studieren will. Und kann. Er selbst ist lieber hier im Camp. „Ich könnte jetzt nicht in einer Wohnung wohnen. Ich brauche diesen Stress, das Adrenalin." Und er habe sich an die Stimmen der schreienden Obdachlosen gewöhnt, die ihn nachts aufwecken.

Kuriose Allianzen

„Ein Penner saß zwei Tage auf einer Bank neben uns und hat sich nicht bewegt. Zwei Tage. Jetzt lebt er bei uns und läuft umher, er hat sich sogar rasiert. Er schläft bei uns in der Küche“, erzählt Hatef mit einem leisen Lächeln. Er mag diese Begegnungen. Viele Obdachlose kommen hier vorbei, holen sich Essen. Manche pöbeln lauthals rum und Hatef hat gelernt zurückzuschreien, damit sie abhauen. Andere sind friedlicher, kommen immer wieder und haben sich mit den Flüchtlingen angefreundet.

Es sind kuriose Allianzen, die sich im Camp nach mir undurchdringlich erscheinenden Regeln entwickeln. Wer hier wo welche Rechte und Pflichten hat, und wie die ganze Logistik im Camp - nur durch unregelmäßige Spenden finanziert – funktioniert, ist selbstverständlicher Teil der Alltagsorganisation. Als vergangene Woche einige Aktivisten ans Brandburger Tor zogen, gab es an diesem einen Morgen kein Frühstück. Der Koch gehörte zu denjenigen, die in den Hungerstreik getreten waren.

Dadurch gibt und gab es natürlich auch Streit, besonders in der Anfangszeit. Hatef fehlt im Camp die Ruhe zum Deutschhausaufgaben machen oder Gedichte schreiben, wie früher. Aber er zieht daraus seine Energie. „Ein Tag ohne Konflikte bedeutet nichts. Sonst gibt es auch keine Aktion“, sagt er. „Wie bei Macbeth. Erst wenn der König tot ist, beginnt sich etwas zu verändern. Erst dann beginnt das Theater.“ Plötzlich schiebt sich die Zeltplane am Eingang zur Seite, ein kalter Luftzug, die Stimmen werden lauter. Herzliche Begrüßung, Umarmungen. Drei Hungerstreikende sind zurückgekommen, eine der Frauen hatte sich stark erkältet. Auf Farsi werden die Neuigkeiten ausgetauscht.

Lieber Fahrradfahren als Behördenfolter

Hatef mag keine Routine. Das gefällt ihm auch nicht an Deutschland. „Alles Wiederholungen und keine Kreativität“, schimpft er. Auch im Theater sei das hier so, und er erzählt mir von seinen Lieblingsinszenierungen und Bertolt Brecht, den er sehr schätzt. Im Camp hat er eine Theatergruppe. Seit der Ankunft der Leute vom Marsch der Flüchtlinge im Camp sei dazu aber kaum Zeit zum Proben gewesen. Und Geld für Theaterkarten bleibt ihm nicht übrig. Oder für Fahrtickets, um dorthin zu fahren. Hatef könnte sich einen Berlinpass holen und damit die öffentlichen Verkehrmittel benutzen. Aber er macht es nicht. „Alle Behörden haben mich gefoltert“, sagt er. Ich denke an meinen letzten Besuch im Bürgeramt. Meine zu verstehen. Früher hatte er eine sogenannte Fiktionsbescheinigung und musste sie alle zwei Wochen neu gültig machen lassen. Dann hatte die Ausländerbehörde seinen Asylpass „verloren“. Jetzt fährt Hatef Fahrrad. Im Oktober.

Eine Frage habe ich noch. „Wie kommt es, dass du in Deutschland bist, obwohl es dir nicht gefällt?“ Hatef nimmt sie mir nicht übel. Er mag zum Beispiel die deutschsprachige Literatur, erzählt er. Stefan Zweigs Schachnovelle zum Beispiel. "Aber weißt du, Deutsch zu lernen oder Deutschland waren früher nicht in meinem Kopf. Nie." Nach dem ersten Tag als er den Iran verlassen hatte, in den Bergen der Türkei hinter der Grenze, wusste er: Ab jetzt würde er immer dort leben, wo es ihn zufällig hin verschlägt. Athen, Rom, Mailand, München. Aber das ist eine andere Geschichte, die er mir beim nächsten Mal erzählen wird.

Dieser Beitrag ist Teil einer regelmäßigen Reportage über Hatefs Leben in und vor dem Flüchtlingscamp, die immer dienstags online erscheint.

>> Mehr Informationen über die aktuelle Lage des Protestes und Camps gibt es auf:

Facebook

refugeetentaction.net

asylstrikeberlin.wordpress.com

12:41 31.10.2012
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler
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