Juliane Löffler
12.01.2016 | 18:02 23

Ende der Leerstelle

#ausnahmslos Mit großem Aufschlag meldet sich der progressive Feminismus in der Debatte um Köln, Sexismus und sexualisierte Gewalt. Seine Stimme wird dringender gebraucht denn je

Ende der Leerstelle

Foto: Christian Mang/imago

Verstummt sind die Kritikerinnen und Kritiker, die dem Feminismus nach Köln vorwarfen, er würde sich nicht verhalten. Nun hat er sich verhalten und zwar mit einem großen Aufschlag. Gestern veröffentlichten 22 Feministinnen ein zweisprachiges Manifest inklusive einer großen Social Media-Kampagne unter dem Hashtag #ausnahmslos. "Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall.", so der Claim der Kampagne, die damit versucht, die Diskurshoheit gegen das rechte Spektrum und rassistische Vorurteile zu verteidigen.

Nur kurz zuvor hatte der CDU-Bundesvorstand beschlossen, dass für eine Sexualstraftat künftig ein "Nein" des Opfers ausreichen soll, Justizminister Maas spricht schon seit Monaten von einer Änderung des Sexualstrafrechts. Die neue Kampagne dürfte solche Entscheidungen weiter vorantreiben, nach nur einer Stunde trendete #ausnahmslos auf Twitter. Initiiert ist die Kampagne von einer Gruppe (Netz)aktivistinnen, unter ihnen #aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek und die Autorin Kübra Gümüşay. Es ist ein Zusammenschluss der progressiven netzaffinen Feminismus-Szene, die einen Gegenpol bildet zu der Frau, die bis vor kurzem noch immer zuverlässig vor die Mikrofone geladen wurde, wenn es irgendwie um Frauenrechte ging: Alice Schwarzer.

Doch es hat sich etwas verändert, das Schwarzer ungeeigneter denn je macht, als Sprachrohr des Feminismus zu fungieren: Es gibt die sogenannte Flüchtlingsdebatte, ausgelöst durch die größte Migrationsbewegung Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Mit ihr wurde noch sichtbarer, was im jungen feministischen Diskurs längst Konsens war: Race, Class und Gender müssen zusammengedacht werden. Wer über die Rechte von Frauen spricht, muss die Rechte anderer diskriminierter Menschengruppen mitdenken. Und dann kam Köln, eine Nacht, die bedrohlich war, die Angst macht. Nur wovor? Alice Schwarzer schrieb: "Doch der Terror kam (noch) nicht aus der Kalaschnikow oder von Sprengstoffgürteln, er kam aus Feuerwerkspistolen und von Feuerwerkskrachern. Und von den grabschenden Händen der Männer. Die Jungs üben noch."

Da ist es wieder, das rechte Fahrwasser, in das Alice Schwarzer und die Emma sich immer wieder begeben, mit dem Rechtspopulisten und Rechtspopulistinnen von Birgit Kelle bis Frauke Petry in die Karten gespielt wird. Die Angst vor dem Fremden, vor dem Islam und vor dem gewalttätigen Mann vermengen sich im Diskurs zu einer toxischen, undifferenzierten Mischung.

Diese Haltung ist der Grund, warum es im Feminismus eine linke Leerstelle gibt. Besser gesagt gab. Denn vor drei Jahren trat #aufschrei an diese Stelle und löste eine Debatte über Sexismus aus, die vielfach verhöhnt oder abgetan wurde – weil #aufschrei vielstimmig daherkam, und aus dem Alltag erzählte. Genau dieselben Qualitäten hat auch #ausnahmslos, nur stehen diesmal Manuela Schwesig, Claudia Roth und Katja Kipping auf der Erstunterzeichner_innenliste.

Doch in der Debatte um Köln, geht es, anders als bei #aufschrei, um mehr als Sexismus. Es geht auch um eine soziale Dimension, eine kulturelle, eine gesellschaftliche. Darüber zu sprechen, besser gesagt zu urteilen, war bislang das Steckenpferd der Rechtspopulisten in Deutschland. Das ist ein massives Problem, und um zu verhindern, dass sie Debatten kapern, Ängste schüren, die Gesellschaft nach rechts treiben, bleibt einem nichts anderes übrig, als dagegen anzuschreiben und anzuschreien. Zu sagen: Sexismus und sexuelle Gewalt gibt es in #ausnahmslos allen Kulturen, es ist kein importiertes Problem, Schluss mit den rassistischen Vorurteilen. Das gilt natürlich auch für Deutschland. (Kleine Erinnerung: In Deutschland wurde erst 1997 gesetzlich beschlossen, dass Vergewaltigung in der Ehe als Verbrechen betraft werdenMit 138 Gegenstimmen. Wie Pilze aus dem Boden schießende Verteidiger der Frauenrechte haben also wenig Grund, sich derart aus dem Fenster zu lehnen).

Trotzdem kann man nicht leugnen, dass es bei Frauenfeindlichkeit oder Gewalt gegen Frauen Abstufungen gibt, und Unterschiede in den verschiedenen Kulturen. Aber der Raum, über diese Differenzen zu sprechen ist auf eine merkwürdige Weise offen und geschlossen zu gleich, weil linker Feminismus kaum darüber reden kann, ohne rechten Kräften in die Karten zu spielen. Das ist die zweite Leerstelle, die in den letzten Tagen ein diffuses Grummeln hinterließ. Welche Rolle der soziokulturelle Hintergrund bei Sexismus und sexualisierter Gewalt spielt, ist ein Thema von vielen. Es auszuklammern wäre genauso falsch, wie es an erster Stelle zu nennen.

Antonia Baum hat dieses Dilemma in der FAS beschrieben und schilderte Szenen, in denen sich jede (ja, wirklich jede) Frau wiedererkennt. Doch auch sie schaffte es nicht, das ohne Pauschalisierungen gegen „Araber, Türken, Kurden“ zu tun (auch wenn sie sich der Begriffe mit latenter rhetorischer Distanz bedient). Man könnte die Männer, von denen sie sprach, auch Deutsche nennen. Dann wiederum hätten wir eine Debatte über Integration – oder gesellschaftliche Ausgrenzung. Das Thema bleibt ein heißes Eisen, von dem man nicht immer weiß, wie es anzupacken ist.

Insofern ist #ausnahmslos im Moment das Beste, was der Debatte passieren kann. Mit einem umfassenden Forderungskatalog setzt sich #ausnahmslos für eine Reihe politischer, gesellschaftlicher, und medialer Lösungen ein. Sie machen auf die Schutzlücken im Straftatbestand der sexuellen Nötigung/Vergewaltigung aufmerksam. #ausnahmslos fordert, dass die Debatte „offen, kritisch und differenziert geführt” wird. Dazu gehört auch die Analyse, Aufarbeitung und Bekämpfung von soziokulturellen und weltanschaulichen Ursachen von Gewalt“. Gleichzeitig verwehren sie sich, Sexismus und sexualisierte Gewalt als Problem „der Anderen“ abzustempeln. Und sie kämpfen dafür, die Debatte nicht dem rechten Feld zu überlassen. Dafür muss man ihnen dankbar sein. Es möge nutzen.

Kommentare (23)

Richard Zietz 12.01.2016 | 19:31

Die Plattform könnte kein schlechter Anfang sein – um all diejenigen anzusprechen, die sich weder den politikseitig interessierten Relativierer(inne)n und Verharmloser(inne)n anschließen noch sich vor rechte Karren spannen lassen möchten. Immerhin formuliert sie klar, offensiv und ohne Hintertürchen, um was es in jener unseligen Silvesternacht ging: sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Unhinnehmbar – ohne irgendeine Ausflucht oder »aber«.

Der Blick auf diesen Problemkern ist auch insofern nicht verkehrt, als dass Sexismus weitaus mehr ist als »nur« ein Frauenproblem. Sondern vielmehr ein sehr allgemeinpolitisches – neben Rassismus und Klassismus eine jener Hauptspaltungslinien, mittels denen die neoliberalen Machthaber die jeweiligen Bevölkerungen spalten, in Konkurrenz zueinander treiben und verhindern, dass Bewegungen mit guten, sozial sinnvollen Forderungen entstehen.

Dass die aktuelle Gesetzgebung in Sachen sexualisierte Gewalt noch immer so reaktionär ist wie es derzeit wohl den Anschein hat, ist auch mir – Schande über mein Haupt – erst anlässlich der Diskussionen um Köln ins Bewußtsein gerückt. Bin da wohl, was den (dank »68« & Co.) erreichten Zivilisationsstand dieser Gesellschaft anbelangt, einer nicht ganz unverbreiteten Blauäugigkeit aufgesessen. Einen »Nutzen« haben die Ereignisse dann immerhin wohl diesbezüglich, als dass diese Ignoranz mitsamt den damit verbundenen politischen Versäumnissen & konservativen Verschleppungen wieder stärker in das Zentrum der Debatte rücken.

Insofern: Ich bin zwar nicht »lila« – aber auf jeden Fall viel Glück!

Gold Star For Robot Boy 12.01.2016 | 19:43

Danke für den sachlichen und wichtigen Beitrag. Eine Wohltat im Angesicht der zahlreichen Kommentatoren, die nun gebetsmühlenartig den Islam als Grundübel und Ursache von Gewalt ausmachen, die Gewalt gegen Frauen,Terrorismus,Migration,Flüchtende in einen Topf werfen, Ressentiments schüren und den Rassisten und "Islamkritikern" argumantative Schützenhilfe leisten.

Beispiele gefällig?

ZDF-Chat Moderatoren tolerieren hetzerische und rassistische Kommentare bei Maybrit Illner

Sikkimoto 12.01.2016 | 21:16

Wenn man über ein Thema nicht reden kann, ohne dem Gegner in die Hände zu spielen ist das ein ziemlich gutes Indiz dafür, dass die eigene Weltsicht hinkt (Was die des Gegners nicht zwingend richtig macht).

Der Text ist ganz gelungen. Ergänzend würde ich dafür werben die Frage des Asylrechts trotzdem nicht ausser Acht zu lassen. Es ist eben nicht dasselbe, ob eine Straftat von einem Staatsbürger begangen wird, oder von jemandem, der sich erst darauf bewirbt, Mitglied dieses Gemeinwesens zu werden.

Es wäre durchaus angebracht, Straftaten von Asylbewerben negativ in die Chancen einfließen zu lassen, Asyl zu erhalten und positiv in die Chancen einfließen zu lassen, abgeschoben zu werden. Ganz egal ob es sich um sexualisierte Gewalt oder andere Form der Kriminalität handelt.

Und nein, das hat nichts mit rassistischen Vorurteilen zu tun, es soll schließlich überführte Straftäter treffen und keine Asylbewerber, die ein friedliches Mi

Heinz Lambarth 12.01.2016 | 21:20

Sehr gut, dass es mal ein thema in die schlagzeilen geschafft hat, das eltern junger heranwachsender beiderlei geschlechts nur zur genüge kennen - gruppengewalt gegen einzelne. Wer kennt nicht die quasi-sexuellen übergriffe und die erpressten oder geraubten mobiltelefone und geldbörsen, wenn tochter oder sohn von oft gleichaltrigen (jugend)banden/gruppen eingekreist und drangsaliert werden?

Allerdings ist dieser alltägliche tatbestand seit jahrzehnten gang und gäbe, aber wenn es nicht an prominenten orten und durch "ausländisch ausehende" täter geschieht, wird er in der regel von der polizei als alltags(klein)kriminalität heruntergespielt...

janto ban 13.01.2016 | 00:57

Ich weiß, dass auf den Ausdruck "sexualisierte Gewalt" im Zusammenhang großen Wert gelegt wird und finde das auch richtig. Hieße die Kampagne aber nicht "Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall.", sondern "Gegen Sexismus und Rassismus. Immer. Überall.", könnte man auch gleich verkürzen zu "Gegen Rassismus. Immer. Überall.". Denn Sexismus wird ja durchaus auch als spezielle Form des Rassismus (als "erweitertem Begriff") angesehen. Anti-Rassismus-Kampagnen im Fußball wollen, eigenen Angaben zufolge, im Begriff Rassismus z.B. sogar Homophobie inbegriffen sehen, was gut so wäre.

Nach obigem Vorwort verweise ich auf diesen Artikel ("Sie hassen uns", faz), den man als ehrlich, hysterisch, grenzwertig oder grässlich bezeichnen könnte. Je nach... ja, nach was eigentlich..? Sicher bin ich mir nur, dass die nächste Menschenjagd der geistig-moralischen Unterschicht nicht auf mein Konto geht (wegen Verlinkung) und Samuel Schirmbeck keine Kopftuchmädchen verspeist. Denn verantwortlich für ihre Taten sind, falls ich es richtig verstehe, fortdauernd die jeweils Verantwortlichen.

Gute Nacht.

uebung 13.01.2016 | 01:31

Ich möchte dem Beitrag zustimmen, in welchem angemahnt wird, dass ein Statement mit der Motivation, die Deutungshoheit zu bekommen oder zu behalten, wenig zündet.

Auch der Autorin stimme ich zu, dass es in dieser Diskussion eine 'linke Leerstelle' zu geben scheint. Doch sehe ich diese mitnichten durch 'ausnahmslos' geschlossen. Ich sehe lediglich einen Kolonialmoralismus, der vorschreiben will, wie eine Sache einzuordnen ist und selbst Leerstellen produziert. Die produzierte Leerstelle sehe ich hier folgendermaßen, dass Milieus, als Mikrokulturen, spezifische Rituale für spezifische Situationen generieren, was sich auch in Sprachmustern niederschlägt usw. Kommen auf einmal in ein Milieu viele Nichtansässige verändert das die Mikrosoziokultur.

Warum dies partout in dieser Debatte nicht beachtet werden sollte und damit eine eklatante Leerstelle produziert wird, weil man zugleich 'seinen Humanismus' nicht gefährden will, ist mir nicht begreiflich.

Ja, es gibt auch so in Deutschland Gewalt und sexuelle wie sexualisierte Gewalt. Doch gibt es davon spezifische Ausprägungen. Massenhaft von mehreren Gruppen zu gleicher Zeit am gleichen Ort bedroht zu werden, gehörte bisher nicht dazu.

Warum wird das hier versucht zu negieren, als überflüssiges Merkmal dieses Ereignissen zu bewerten? Wäre dem auch so, wenn es Skinheads mit weißen Schnürsenkeln gewesen wären?

Ich kann dem neuen Feminismus nichts abgewinnen. Mit diesen Akteurinnen verbindet mich jedoch nichts mehr. Denn das lauteste, was ich aus deren Statements herausgehört habe, war: 'Habt euch nicht so, Opfer, sowas ist 'normal' hier.'

Die Vermengung mit alles und jedem generiert zur Beliebigkeit. Will ich Feminismus, so scheint es, muss ich in Deutschland alles andere ideologische Konstrukt mit hinnehmen, weil sich Leithämmelinnen darauf geeinigt haben. Für mich stellt sich dies nicht als Diskurs dar, sondern lediglich als Machtkampf.

janto ban 13.01.2016 | 02:24

|| Warum dies partout in dieser Debatte nicht beachtet werden sollte ... ||

Es sollte. Unbedingt sogar, wenn wir "es" wirklich schaffen wollen. Wenn wir nicht wollen, dass das Kind in den Brunnen fällt, müssen wir erkennen, dass es denen Rechtsaußen keineswegs schadet, wenn die Themen Migration, Religion und Integration im veröffentlichten Diskurs allein zweckoptimistisch angegangen werden. Denn tun wir doch nicht so, als fänden Hass und Hetze im Netz erst seit Neujahr 2016 statt. Schon mit Pegida wurde es immer mehr und ab August letzten Jahres sind in den Kommentarspalten und den sozialen Netzwerken dann alle Dämme gebrochen. Dass das aber daran liegen könnte, dass von August bis heute zu viel "Buschkowsky" und zu wenig Willkommenskultur in Presse und (ÖR-)Medien stattgefunden hätte, ist so abwegig wie nur irgendwas. Im Gegenteil: Das "Lieblings"-Talkshow-Thema der Deutschen, die Sozio-Islamkritik (~), war seit Sommer vollends verstummt. Dass es irgendwann umso stärker aus der verängstigten Volksseele herausbrechen würde, je länger dieser Zustand des "Willkommens-Schweigens" andauern würde, war mir früh klar. Denn z.B. "Bunt statt Braun" wäre nunmal zu kurz gesprungen, sollten wir es in Zukunft in nennswertem Umfang mit einem religiös/kulturell/whatever geprägten Menschen-/Gesellschaftsbild beispielsweise dieser Ausprägung/Intensität (resp. dem männlichen Pendant) zu tun haben. Denn wo dann das Bunt bliebe, wäre eine berechtigte Frage, wie ich einfach mal finde. Bis diese schmerzhafte, weil in einen tiefen, intellektuellen Spagat zwingende Erkenntnis aber bei allen angekommen ist, dauert es wohl noch ein Weilchen. Und bis dahin lasse ich mir halt bereitwillig vorwerfen, ich schrieb durch Thematisierung von altbekannten Sachverhalten den Rechten in die Hände. Mein Name sei Atlas..

janto ban 13.01.2016 | 02:57

|| #ausnahmslos fordert, dass die Debatte „offen, kritisch und differenziert geführt” wird. Dazu gehört auch die Analyse, Aufarbeitung und Bekämpfung von soziokulturellen und weltanschaulichen Ursachen von Gewalt“. Gleichzeitig verwehren sie sich, Sexismus und sexualisierte Gewalt als Problem „der Anderen“ abzustempeln. ||

Das ist sehr gut.

Fehlt nur noch die Erkenntnis, dass imgrunde nur der (leider größer werdende) Bodensatz >>sexualisierte Gewalt als Problem „der Anderen“<< abstempelt. Kein normal denkender Mensch (auch kein Mann, und sei er sich seines eigenen Sexismus' noch so wenig bewusst) tut das. Wogegen sich #ausnahmslos in dem Punkt also wehrt, ist - grob gesagt - der pauschalierte Fehlschluss, der nach Neujahr in windeseile von linker Seite herbeikonstruiert wurde und in einer gewissen SPON-Kolumne seinen bisherigen Höhepunkt fand. (Ohne sie beim Namen zu nennen, sonst bekomme ich wieder Mecker von Silvi..)

Jetzt aber wirklich: Gute Nacht.

Moorleiche 13.01.2016 | 09:52

Was ich nie verstehen werde: Das Anliegen ist deutlich geworden. Warum schaffen es Feministinnen der linken oder rechten Seite eigentlich nicht nicht diskriminierende Texte zu schreiben?

Sexualisierte Gewalt darf nicht nur dann thematisiert werden, wenn die Täter die vermeintlich „Anderen" sind: die muslimischen, arabischen, Schwarzen oder nordafrikanischen Männer – kurzum, all jene, die rechte Populist_innen als „nicht deutsch“ verstehen. Sie darf auch nicht nur dann Aufmerksamkeit finden, wenn die Opfer (vermeintlich) weiße Cis2-Frauen sind.“

(Quelle: http://ausnahmslos.org/ )

Wer bislang noch nicht wusste, was Cis-Frauen sind, der wird hier aufgeklärt.

CisGenderung, CisFrau, CisMann/CisTyp, cisgegendert:

‚Ich habe meine eigene Wahrnehmung, Frau zu sein, noch nie infrage gestellt. Ich habe sie noch nie infrage stellen müssen – alle sehen und sprechen mich so an. Und das war mein ganzes Leben lang so und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es anders sein könnte. Ich fühle mich richtig damit – das ist doch einfach so.‘ Eine Person, die so denkt und handelt, nennen wir CisFrau; sie ist cisgegendert. Das ist ein Privileg, da sie in viele soziale Normen hineinpasst und diese nicht infrage stellen muss. In einer sexistischen Gesellschaft macht es einen Unterschied, CisFrau oder CisMann/Typ zu sein. Überhaupt darüber nachdenken zu können, CisFrau oder CisMann/Typ zu sein, kann selbst Ausdruck dafür sein, weiß und ableisiert zu sein – denn dann spielen andere Diskriminierungsformen eine ganz andere Rolle für Selbst- und Außenwahrnehmungen.
Warum wird beispielsweise Kindern von Anfang an beigebracht, dass Mama immer frauisiert ist und bleibt und Papa immer typisiert ist und bleibt?

Aus: hornscheidt, lann: feministische w_orte: ein lern-, denk- und handlungsbuch zu sprache und diskriminierung, gender studies und feministischer linguistik. Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel, 2012, S. 113-130.“

(Quelle: http://feministisch-sprachhandeln.org/glossar/ )

Natürlich. Ich bin nicht so naiv zu glauben, die, dass der diskriminierende und herablassende Aspekt solcher stereotypisierenden Formulierungen, denen, die doch meinen einzig sie wüssten, was Diskriminierungen sind – per Geburt? – auffallen wird.

Genug dazu, hin zu einem sachlichen Einwand, ich zitiere dazu:

„In ihrem grundlegenden Werk „Kreativität und Perversion“ (1984) beschreibt Chasseguet-Smirgel die „perverse“ Lösung von Kindheitserlebnissen, die die traumatischen Implikationen, die Teil der gewöhnlichen menschlichen Entwicklung sind, in hohem Maße potenzieren. Ausgehend von der ödipalen Situation als universalem menschlichen Konflikt beschreibt Chasseguet-Smirgel zunächst das narzisstische Trauma des Kindes, von den intimen Beziehungen der Eltern ausgeschlossen zu sein und nicht in der Lage zu sein, mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil um den andersgeschlechtlichen Elternteil zu rivalisieren. Dieses Trauma wird durch die universale Verführbarkeit verstärkt, deren Ursprung in den unbewussten erotischen Strömungen liegt, die das Kind mit dem andersgeschlechtlichen Elternteil verbinden, sowie der Kastrationsangst als archaischer Ausdrucksform der unbewusst gefürchteten Bestrafung für die ödipalen Wünsche, zu denen Inzest und Mord gehören. Die außergewöhnlich starke Wirkung dieser Traumata im Falle schwerer Entwicklungspathologien mündet, so Chasseguet-Smirgel, in die „perverse Lösung“:

- Verleugnung des Geschlechtsunterschiedes, um die Kastrationsangst abzuwehren;

- Verleugnung des Altersunterschieds, um Inzest zu legitimieren; und

- Verleugnung der privilegierten Funktionen der Genitalien.

Diese abwehrbedingte Verzerrungen führen dazu, dass nunmehr alle körperlichen Aspekte gleich sind: Es gibt keine Alters-, Geschlechts- und Organunterschiede. Diese universale Gleichwertigkeit zerstört jedes Gesetz und jede Ordnung, sie leistet einer mit Sexualität verdichteten Aggression sowie einer „analen“ Verwandlung der Objektbeziehungen Vorschub, in dem Sinne, dass die Beziehung zu einem Objekt eine völlig undifferenzierte, entwertende und ausstoßende Qualität enthält.“

(Otto F. Kernberg, „Liebe und Aggression – Ein unzertrennliche Beziehung“, Schattauer 2014, S. 325f)

Vince82 13.01.2016 | 11:47

Liebe Frau Löffler, das ist mein erster Kommentar beim Freitag. Ich schreibe ihn, weil ich wirklich fassungslos über diese Reaktion des angeblich "progressiven" Feminismus bin. Sie schreiben, dass man - ja dem "rechten Gegner" in die Hände spielen würde, wenn man die kulturaffine Neigung zur sexuellen Gewalt von Arabern, Nordafrikanern oder Muslimen generell thematisieren würde. Wirklich? DARUM geht es Ihnen? Unter keinen Umständen spezifische Diskussionsansätze zuzulassen, bloss weil diese dem Feind auf der anderen Seite des politischen Spektrum in die Hände spielen würden? Das ist die exakte Definition von "political correctness", die Sie damit betreiben. Und es offenbart, dass Sie gewisse unangenehme Warheiten und Problematiken bzgl des Islams ( einer Kultur übrigens, keiner Rasse!) unter den Tisch fallen lassen wollen, nur damit Sie von ihrer reinen, ausnahmslosen Lehre der fremdenfreundlichen Weltsicht unter keinen Umständen auch nur einen Milimeter abrücken müssen. Ist das argumentativ nicht wirklich der absolute Offenbarungseid? Treiben Sie nicht mit solchen Positionen auch Menschen, die in der Mitte stehen, einem Rechten Spektrum zu? Wieso fällt Ihnen Ehrlichkeit hinsichtlich problematischen Haltungen einer anderen Kultur so schwer, auch wenn diese so offensichtlich für fast jedermann sind - auch für jene, die sonst keierlei Vorurteile gegenüber Migranten haben? Fakt ist doch zum Beispiel: In islamischen Kulturen gilt jede Frau als unwert und beschmutzt, die vor der Ehe keine Jungfrau mehr ist. Was meinen Sie, wie allein diese Haltung auf die Perspektive abfärbt, die viele junge, muslimische Männer auf westliche Frauen haben, die selbstverständlich ein eigenbestimmtes Sexualleben vor der Ehe führen wollen? Wie kann man - nur um den " Rechten" nicht recht geben zu müssen - sein eigenes kritisches Denken derart verleugnen? Damit tun Sie der Diskussion keinen Gefallen. Was in Köln passiert ist, ist nicht mit irgendeinem Ereignis zu vergleichen, das es jemals in Deutschland gab. Mir ist jedenfalls keines bekannt. Wenn es derart enthemmte Gruppengewalt auf dem Münchner -oktoberfest gegen Frauen geben würde - hätten diese Täter nach fünf Minuten blutige Nasen, denn die anderen tausenden Männer, Gäste, Jungs, Begleiter hätten eingegriffen. Das erschreckende Phänomen hier war ja - neben dem Polizeiversagen - das Anfeuern, Johlen, Mitmachen von einer riesigen Menge von Männern. Dieses Phänomen gab es in Deutschland - hinsichtlich sexueller Gewalt - bisher noch nie. Wollen Sie darüber nicht auch ein wenig sprechen? Glauben Sie wirklich, es wird besser, wenn Sie diese Wahrheiten verschweigen? Sie helfen mit Ihrer gewollten Realitätsverweigerung leider mit, die gesamte Debatte zu radikalisieren.

janto ban 13.01.2016 | 12:43

|| ... das als völlig normal empfundene Frauenbild, das einem an jedem Zeitungskiosk "Fick Mich!" entgegenkreischt ||

Ergänzung: Mit Betonung auf 'empfunden'. Die Gedanken sind frei, Worte und Werke sind es nicht. Bei sexuellen Handlungen ist Einvernehmen herzustellen, von jedermann (m/w), zu jeder Zeit, überall. Wir reden hier über Verhalten. Welches, und an dem Punkt kracht es in der Diskussion gewaltig, ohne Ansehen des jeweiligen Kontext' nicht vollumfänglich erklärt werden kann. Es stimmt, dass wir in einer 'durchsexualisierten' Gesellschaft leben, einerseits. Auf der anderen Seite war das öffentliche Bewusstsein vielleicht nie zuvor so sensibilisiert für (in)correct behaviour, falls ich das mal so sagen darf. Aus der Schere zwischen dem, was man(n) im Netz so findet/finden kann und dem, was es braucht, um in einer Gesellschaft, die nach Augenhöhe zwischen den Geschlechtern strebt, einen gelingenden Alltag zu organisieren, ergeben sich altbekannte Probleme neu. Zumindest stellen sich Fragen, die vom "IratschTV"-Team, das zuweilen so unverschämt vor versteckter Kamera agiert, dass oft sehr schöne Sozialexperimente dabei heraus kommen, in diesem Video mal plakatiert wurden..

uebung 13.01.2016 | 12:59

Zu der Argumentationslinie: (sexuelle, sexualisierte) Gewalt ist auch ohne 'Fremde' in der Gesellschaft vorhanden.

Demnach gibt es keinen bösen, 'weißen' Kolonialismus. Denn Gewalt und Sklaverei gab es zuvor schon in vielen Gesellschaften. Der 'weiße' Kolonialismus ist also nur noch eine Spielart jedweder existierenden Gewalt. Weshalb der Ansatz, race, class und gender müssten zusammengedacht werden, mit der eigenen Argumentationsposition im Köln-Fall ad absurdum geführt wird.

Der Oktoberfest-Vergleich von Frau Wizorek wurde bereits auseinandergenommen und ihre Zahlen wiederlegt.

Die Netz'feministinnen' zeigen hier, dass sie ihre feministischen Positionen, ihr Wissen, ihr Engagement umlenken hin zum reinen Feld politischer Akteurinnen, statt gesellschaftlicher Aufklärung und Positionierung. Wirklich schade, die Leerstelle, die damit, vorallem für jüngere Frauen und Mädchen, geschaffen wurde.

freedom of speech? 13.01.2016 | 19:14

"...viel Kredit verspielt...."

Brüderle/Köln

Jetzt kommt endlich Kerzenlicht ins Dunkel.

Die tatsächlichen Akteure handeln „unter falschen Flagge“, was typischerweise vom gezielten Einsatz von Desinformation begleitet wird und zum Schutz vor der Entdeckung des wahren Urhebers strengster Geheimhaltung unterliegt. (frei nach Wiki)

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http://bilder2.n-tv.de/img/incoming/crop10580521/9581327247-cImg_16_9-w1200/3bfu0816.jpg

:)

Viele Grüße

fos?

anne mohnen 13.01.2016 | 19:29

Sehr geehrte Frau Löffler,

Sie nehmen sich also # ausnahmslos Kultur zu Herzen ohne Differenzen benennen zu wollen, resp. diese dann in eine rechte Ecke zu befördern. Auch garniert mit Name-dropping nenne ich das nicht nur PC-mäßig, sondern ahnungslos (!).Ganz PC-mäßig meinen Sie zu sein, wenn Sie Schwarzer und “Emma“ in die rechte Ecke drücken. Nur zu. Luzider und hipper wäre es allerdings, Frau Löffler, wenn Sie schrieben: „Schluss damit, denn ich lese die gar nicht!. ;)

Postmodere Genderdebatten/Philosophien wissen den Begriff der Differenz kritisch-konstruktiv zu nutzen. Sorry, Sie reden da einfach nur nach, ohne nachzudenken.

# ausnahmslos sind Sie, Frau Löffler, der Auffassung, bei den Opfern handele es sich um weiße „Cis-Frauen“. Mal abgesehen davon, ob Sie und andere # ausnahmslos tatsächlich Einblick in die Polizeiakten hatten, und dass ich dies Flucht ins Abstrakt-Akademisch geschmacklos finde, stimmen Sie #ausnahmslos damit überein, dass die Täter nicht identifiziert werden sollen. Mal abgesehen, dass dies genau freiheitlich und auf Menschenwürde basierenden demokratischen Strafprozessordnungen zuwiderläuft, die ja eben nicht auf Rudelzuweisung basieren, schießen Sie sich #ausnahmslos ins eigene Knie mit dieser Argumentation, indem Sie es mit #ausnahmslos als logische Folge dieser gedanklichen Fehlzündung bei „die Männer“, „die weißen Frauen“ belassen wollen: ein Schlag ins Gesicht nicht nur für die weißen Männer und Frauen –hetero, homo oder transgender , die nicht nur sexuelle Gewalt, sondern jegliche Form struktureller Gewalt ablehnen, sondern sich für mehr Gleichberechtigung einsetzen; ein Schlag ins Gesicht der Frauen und Männer, die sich gegen jedwede Form von Gewalt gegen Frauen in ihren Ländern einsetzen und dafür schlimmste Repressalien –Knast, Schreib- und Berufsverbot, Folter, körperliche (z.B. Verätzungen des Gesichts- und Körpers) und seelische auf sich nehmen.

#ausnahmslos stimmen Sie mit dem rechten Lager überein, dass die Strafprozessordnung geändert werden soll. „Warum; wieso, weshalb?“ Köln, das scheint allgemeiner Konsens zu sein, ist u.a. ein Versagen der Polizeikräfte.

Nein „weiße Männer und Frauen“, die von vorneherein wissen, das Menschen anderer Kulturen erst mal Opfer sind, nein, mit diesem Herrschaftswissen wird sich nichts ändern!

#ausnahmslos offen wollen die Verfasserinnen sein und retten sich ins Allgemeine Abstrakte. Mit Empathie und Leidenschaft für KulturEN und die Sache der Gleichberechtigung hat das nichts zu tun. Und „Links“ muss nun wirklich nicht noch mehr ausgebeutelt erden als „LINKS“ schon ist.

Nein, nein ich finde Kelle, Tichy, Petry et al. schlimm und lasse mich da nicht einordnen . Nachdenken findet jenseits von "Stimmungskanonen" statt. Zuviel zu Köln- #ausnahmslos.

Soloto 18.01.2016 | 23:30

Werte Frau Löffler,

starker, couragierter Text, den Sie da geschrieben haben. Hat mich, ehrlich gesagt, mehr mitgerissen als das eigentliche Manifest, das auf mich einen eher verkrampft-gezwungenen Eindruck gemacht hatte. Bei Ihnen dagegen merkt man - und man weiß ja, dass Sie sich nicht nur für die Belange von Frauen, sondern auch für die von Geflüchteten einsetzen - dass Sie die Spannungen, die sich aus dieser spezifischen Konfliktsituation ergeben, aushalten, ohne irgendetwas unter den Tisch zu kehren oder zu beschönigen. Auch fand ich´s gut, dass Sie schreiben, dass das Thema [mit dem Migrationshintergrund] "ein heißes Eisen ist, von dem man nicht immer weiß, wie es anzupacken ist". Find´s auch gut, dass Sie trotz dieser eingestandenen Unsicherheit klare Kante gegen Rechts zeigen, was angesichts des allgemeinen Stimmungswandels wohl bald wieder nötiger sein dürfte.

Aber was soll man machen? Sexuelle Gewalt hat einfach die verheerendsten Folgen. Selbst jemand wie Madonna hat dreißig Jahre gebraucht, um andeutungshaft darüber zu sprechen, was ihr passiert ist. Spurlos wird das gewiss nicht an ihr vorbeigegangen sein. Wer weiß, vielleicht sind ihre heutigen, mitunter inadäquaten Auftritte (übersexualisiert und übergriffig gegen Crew-Mitarbeiter) sogar eine Spätfolge der emotionalen Dynamik, die damals in Gang gesetzt wurde. Dagegen helfen dann auch weder Geld noch Ruhm noch Genie. Und was für Lieder sie gemacht hat! Dies hier, in der Silvesternacht gehört, als das Jahr noch fast unberührt war.

Aber, ich schweife ab, werde womöglich selber noch inadäquat :)

Beste Grüße,

Soloto