Schlimmer als Tiere

ZPS Vier Tiger langweilen sich in einem Käfig und sollen uns mit den toten Flüchtlingen im Mittelmeer konfrontieren. Kann das funktionieren?
Schlimmer als Tiere
Joachim Gauck soll es richten, lächelt aber nur stumm
Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Man muss mit den Bildern beginnen. Denn ohne die vier libyschen Tiger, sichtbares Herzstück der neuen Aktion des Zentrums für politische Schönheit vor dem Berliner Gorki-Theater, wäre die Aufmerksamkeit für „Flüchtlinge fressen – Not und Spiele“ kleiner. Die Tiere liefern tolle Bilder für Presse und Zuschauer. Wie sie träge umherstreifen und sich von einem römischen Dompteur durch die Arena lotsen lassen. Vor der Glassscheibe werden die Smartphones gezückt. Es gibt jedoch noch eine andere Ebene, die hier mitschwingt. Es ist ein Satz, den man von Syrern, Irakern, Eritreern, Sudanesen oder Afghanen hört, in der Türkei, in Ungarn, in Griechenland, in Deutschland: „Sie behandeln uns schlimmer als Tiere. Selbst Tiere haben mehr Rechte als wir“.

„Flüchtlinge fressen“ ist eine ambitionierte aber schlecht sortierte Melange von Aktionskunstelementen, die im Kern eines schaffen wollen: Aufmerksamkeit für die unwürdige Behandlung von Flüchtenden. Dass sie nicht legal mit dem Flugzeug flüchten können, und deshalb im Mittelmeer ertrinken müssen. Dass die Bundesregierung mit dem Gesetz § 63 Abs. 3, Richtlinie 2001/51/EG des Aufenthaltsgesetzes dafür mitverantwortlich ist. Dass die Bilder des Leids per Gesetz außerhalb der Landesgrenzen verschoben werden – mit Regelungen wie dem EU-Türkei-Deal und eben jene Richtlinie 2001/51/EG. Dass die Zivilbevölkerung stummer Zuschauer bleibt, oder erst gar nicht zuschaut – und das schlechte Gewissen über Leichenzahlen in den Abendnachrichten viel zu einfach wegzuklicken ist.

So richtig das alles ist: Künstlerisch ist die Aktion allzuleicht auseinanderzunehmen. Die Analogie zu dem römischen Kaiserreich, welche die Aktion herstellt, wirkt merkwürdig konstruiert. Ebenso die Schlingensief-Anleihen der Aktion. Der pathetische Aktivistensprech des Zentrums nervt und kippt selbst oft in einen unterkomplexen Zynismus. Und Fragen (etwa warum sich ausgerechnet Flüchtende fressen lassen sollten, die es ja schon nach Deutschland geschafft haben), wurden auf der Pressekonferenz zum Auftakt der Aktion nicht zugelassen. Wie das wiederum alles mit der gecharterten Flugzeugmaschine Joachim 1 zusammenhängt, die per Crowdfunding 100 Syrer von der Türkei nach Deutschland bringen soll, erfordert eine großzügig durchs Hirn gewundene Assoziationskette. Abgesehen davon, dass völlig unklar bleibt, ob jene Flüchtenden nicht ohnehin wieder abgeschoben werden würden, Flugzeug hin oder her. Die Bundesregierung jedenfalls hat sich dazu inzwischen unmissverständlich geäußert.

Trotz aller Kritik an der Umsetzung kommt man um „Flüchtlinge fressen“, und das ist der große Verdienst der Aktion, nicht herum. Sie hat einen Diskursraum geöffnet, in dem das Innenministerium mitmischt, CDU-Abgeordnete, die deutsche Presselandschaft, Passanten, das Straßen- und Grünflächenamt, welches die Arena abgebaut sehen möchte. Begleitet wird die Aktion von abendlichen Theatershows auf dem Tigerkäfigdach sowie Debattenrunden mit prominenten Gästen und Gästinnen wie Katrin Göring-Eckardt, Matthias Lilienthal oder Can Dündar. Morgen wird die Bundesregierung, ein clever vorzeitig organisierter Coup des ZPS, über die Richtlinie 2001/51/EG abstimmen. Unabhängig davon, wie die Abstimmung ausgehen wird, hat die Kunstaktion also schon jetzt eines erreicht: eine realpolitische Dimension.

Die Journalistin und Theaterkolumnistin Mely Kiyak fasst am Dienstagabend im Zentrums-Salon die Aktion folgendermaßen zusammen: „Wir haben vier Tiger, die sich in einem Käfig langweilen. Der Rest ist Storytelling.“ Dass das ZPS also überhaupt eine Story entwirft, die hier in Berlin, in Deutschland erzählt werden kann, ist die Stärke der Aktion. Und sie funktioniert gerade dann, wenn jene zu Wort kommen, die in der sogenannten Flüchtlingskrise stumm bleiben müssen, weil ihnen die Lobby und das Podium fehlt: die Flüchtenden selbst.

Die syrische Schauspielerin May Scarf präsentiert sich als erste Freiwillige, die sich in der Arena fressen lassen will. In einem berührenden Appell an die Menschen in Europa erzählt sie von ihrem Schicksal und dem flüchtender Mitmenschen. Von einem Sänger, dem der Kehlkopf herausgerissen und einem Schriftsteller, dem die Finger gebrochen wurde. Und wie all sie per deutschem Gesetz dem tödlichen Weg über das Mittelmeer ausgeliefert sind, sie überlebte, andere nicht. „Dies ist nicht länger unser Spiel. Es ist Ihres“, sagt Scarf in ihrer Ansprache.

Eingebetteter Medieninhalt

Der Tod ist die Arena von Flüchtenden wie Scarf und in Deutschland sitzen die Zuschauer. Sie spricht stellvertretend für jene, die die Flucht noch vor sich haben – die zu weit weg sind, um Einfluss nehmen zu können. Das Zentrum für politische Schönheit hat eine wackelige Brücke errichtet. Sollte es ihnen tatsächlich gelingen, in der kommenden Woche 100 Menschen von Izmir nach Deutschland zu fliegen, wäre es ein weiterer Schritt, um sichtbar zu machen, was möglich sein könnte.

17:06 23.06.2016
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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