„Hier nennen sie mich den Undankbaren“

Porträt Ayham Majid Agha ist einer der wichtigsten Exilkünstler in Deutschland. Und ein politischer Querdenker
„Hier nennen sie mich den Undankbaren“
„Ich wollte kein Asyl. Sie haben mich hier zu einem Flüchtling gemacht“
Nikita Teryoshin für der Freitag

„Es gibt keinen Kartoffelsalat mehr?“ Ayham Majid Agha steht ratlos in der Theaterkantine und ist hungrig. „Ich liebe Kartoffeln.“ Am Maxim-Gorki-Theater läuft derzeit die Show Winterreise, das erste Stück des Exil-Ensembles des Theaters, Agha ist dort Oberspielleiter. In dem Stück geht es um Flucht, um Exil, um das Ankommen in Deutschland und die große Frage, wie das eigentlich funktionieren soll: Integration.

Um das herauszufinden, haben die Künstlerinnen und Künstler aus Afghanistan, Syrien und Palästina eine mehrwöchige Deutschlandreise unternommen, nach Dresden, Weimar, München und an andere Orte. Auf der Suche nach dem, was in Zehn-Punkte-Plänen als Leitkultur deklariert wird. Der deutsche Innenminister schrieb kürzlich von Goethe und Schiller. Oder einem freundlichen Händedruck zur Begrüßung. Gefunden haben sie eine Pegida-Demonstration und ein Konzentrationslager. „Buchenwald zu besuchen fand ich merkwürdig“, sagt Agha. „Man kann sich Blut nicht als Bild aufhängen.“ Er glaubt nicht, dass diese Art musealer Erinnerungskultur automatisch dazu führt, dass sich die Geschichte nicht wiederholt oder fortschreibt. In Buchenwald musste er an die Gefängnisse in Palmyra denken. „Wusstest du, dass syrische Foltergefängnisse von einem deutschen Exil-Nazi mitentworfen wurden? Alois Brunner hat den ganzen syrischen Sicherheitsapparat mitaufgebaut.“ In der Inszenierung Winterreise erzählen die Darsteller von Buchenwald. Von der bedrückenden Stimmung, dem Fluchtimpuls, dem Unwillen, sich schon wieder mit Gewalt und Tod zu beschäftigen. Und ihren Träumen in der Nacht danach. Agha sitzt mit einem dünnen schwarzen Schal auf der Bühne und erzählt: Er habe geträumt, er habe in Klopapier eingewickelt im Wald hinter dem Lager gelegen.

Agha ist das, was man in Deutschland wohl einen politischen Querdenker nennen würde. Er kommt aus einer weitläufigen Oppositionsfamilie aus der Wüstenstadt Deir el-Zor, zog nach Damaskus und arbeitete dort viele Jahre als Juniorprofessor an der Hochschule für darstellende Künste. „Ich war es gewohnt, dass aus unserer Familie ständig jemand verhaftet wurde“, erzählt er. Nebenbei war er Mitglied eines Theaterstudios, das interaktive Theaterprojekte in syrischen Dörfern aufführte. „In Syrien kannst du nichts ohne die Zustimmung von Assad oder seiner Frau machen.“ Das gilt auch für die Kunst. Assads Frau begleitete die Truppe oft auf ihren Spielreisen. „Meine Freunde sagten mir, ich würde nur Propaganda machen. Aber für mich war es eine Chance, Menschen auf dem Land zu erreichen, um über die drei großen Tabus in Syrien zu sprechen: Sexualität, Politik und Religion.“ Als die Revolution begann, wurde Aghas Arbeit aktivistischer. Mit Freunden gründete er das Kartoneh-Projekt, das in ganz Syrien bekannt ist. Und sogar hier in Deutschland.

Eine junge Soziologin, die in der Gorki-Kantine einen Kaffee trinkt, zieht ehrfürchtig die Augenbrauen hoch, als sie Agha erkennt. Das Kartoneh-Projekt besteht aus einer großen anonymen und künstlerischen Widerstandsgruppe, die mit auf Pappschilder geschriebenen Slogans auf Facebook bekannt wurde. Sie recherchieren und dokumentieren die Kriegsgeschehnisse, ihre Posts werden in 17 Sprachen übersetzt. Und sie kritisieren alle Seiten, auch die Opposition. „Wir wissen, dass Assad unser größtes Problem ist. Um ihn zu bekämpfen, brauchen wir eine bessere Opposition“, erklärt Agha.

Fünf Personen aus der Gründungsgruppe sind mittlerweile tot. Wenn Agha von der Gefahr für seine Freunde in Syrien spricht, klingt das so: „Zwei wurden vom Regime getötet, einer von einer Bombe, einer vom IS, einer wurde enthauptet, einer vom IS verhaftet, zwei von Al-Qaida, einem haben sie Sprengstoff in seinen Laptop getan.“

Öffnet eure Konten

Agha selber wurde mehrfach verhaftet, gefoltert. Erzählen davon will er nicht. Erst bei sich zu Hause, als am Abend das Huhn und Gemüse aus dem Ofen schon kalt geworden sind, sprudeln die Geschichten plötzlich aus ihm heraus. Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa, mit der er verheiratet ist, hat auf dem Sofa Platz genommen, hinter ihr quillen Bücher aus dem deckenhohen Regal. Sie nickt bei den Geschichten, die sie schon kennt. Aghas Zehen wippen in blauen Socken mit Zebras darauf, er redet leise, die kleine Tochter schläft schon. Es sind Erlebnisse, so grausam und skurril zugleich, dass Aghas Miene sich abwechselnd versteinert und in Lachen auflöst, immer wieder klopft er mit dem Zeigefinger auf den Holztisch, als könne er damit die schlimmen Erinnerungen vertreiben. Wer wäre da nicht geflohen?

Bei Agha war es anders. Er lebte 2013 bereits im Libanon, kam dann mit einer Gastspielreise nach Deutschland. Während seiner Abwesenheit wurde im Libanon ein neues Visa-Gesetz verabschiedet, das seine Rückkehr verkomplizierte, dann lief sein Visum aus. „In der deutschen Ausländerbehörde nahmen sie meinen Ausweis, um Asyl zu beantragen. Weil ich Syrer bin. Dabei wollte ich kein Asyl. Ich wollte ein Visum. Sie haben mich zu einem Flüchtling gemacht“, erzählt Agha. Seine Lebensgefährtin Grjasnowa überzeugte ihn, nicht nach Syrien zurückzukehren, sie heirateten in Dänemark und blieben in Berlin. Und dann sagt Agha diesen Satz, den Menschen im Exil so oft sagen. „Ich wäre der Erste, der morgen zurück nach Syrien ginge.“

Nun wird er vorerst bleiben, und währenddessen beobachtet er die deutsche Gesellschaft. „Als meine Frau hochschwanger in der U-Bahn fuhr, ist niemand für sie aufgestanden. Niemand. Was ist da los?“, sagt er. Als Agha am Gorki Fuß fasste, schrieb er einen Monolog über die Verantwortung der Weltgemeinschaft gegenüber Syrien:

Wenn du 200 Euro auf dein bescheidenes Konto überweist, werden alle Regierungen dieser Welt fragen, wo es herkommt. Jeder Geheimdienst dieser Welt wird dir folgen, um sicherzustellen, dass du keine Terroristen unterstützt. Aber was ist mit Ben Ali, al-Assad und Husni Mubarak? Weißt du, dass ihr Reichtum auf gestohlenem Geld von uns basiert? Warum habt ihr sie nicht gefragt? Die Hunderte von Millionen auf europäischen Bankkonten gehören uns. Wir wollen unser Geld. Du schaust mich an und denkst, ich bin ein Terrorist. Aber du schaust nicht auf die andere Seite. Unsere Machthaber sind Teil eures Überlebens. Die Schlimmsten von ihnen machen hundertmal mehr Geld für euch, als Bill Gates mit Windows jemals verdient hat. Schließt eure Köpfe und öffnet eure Konten. Wir brauchen euer Mitleid nicht. Wir wollen unser Geld. Jetzt.

„Seit diesem Text nennen sie mich hier den Undankbaren“, sagt Agha, und lacht laut – wohl mehr über sich selbst als über die anderen. Inzwischen ist er fest am Gorki-Theater angekommen. Er spielte bereits in verschiedenen Inszenierungen, unter anderem in The Situation von Yael Ronen, das 2016 von Theater heute zum Stück des Jahres gewählt wurde.

Und er ist glücklich mit dem Exil-Ensemble. Das Wichtigste sei, Künstler an einem sicheren Ort zu haben, an dem sie sich entfalten können. „Das hilft. Das ist Integration. Wir wollen die Deutschen kennenlernen“, sagt er. Umgekehrt aber fühlt er sich immer wieder missverstanden, diskreditiert. Das betrifft auch die Theaterarbeit mit Migranten und Geflüchteten an deutsche Bühnen. „Viele Refugees werden von den Theatern nur benutzt. Sie sollen auf der Bühne ihre Geschichte erzählen, aber sie werden danach nicht als Schauspieler arbeiten oder von den Theatern angestellt.“ Einmal, erzählt Agha, rief ihn die Assistentin eines sehr bekannten deutschen Regisseurs an, wollte ihn zu einem Treffen einladen. Sie fragte ihn am Telefon, ob er mit dem Boot gekommen sei, ob er im Gefängnis war. Agha antwortete, dass er kein Interesse an einem Treffen habe. „Ihr müsst lernen, wie man mit den Neuankömmlingen spricht“, sagt er.

Das Exil-Ensemble verfolgt diesen Ansatz. Geben und nehmen. Sie geben eine sehr kluge und unterhaltsame Show und kämpfen sich durch deutsche, arabische, syrische, muslimische, christliche und palästinensische Klischees. Und sie fordern Anerkennung. Oder wie Agha es ausdrückt: „Wir wollen nicht sechs traurige Menschen auf der Bühne sein.“ Er hat einen hohen künstlerischen Anspruch, erzählt von den vielen Bewerbungen für das Ensemble. Wie wichtig es sei, mit professionellen Künstlern zusammenzuarbeiten, dass das Gorki keine NGO sei, und dass sie natürlich alle Brecht gelesen hätten. „Das Problem ist: Wenn du in einem Kriegsgebiet lebst, geht es oft nicht mehr darum, wie talentiert du bist. Es geht darum, wie müde du bist.“ Und dann erzählt er wieder eine dieser Geschichten, die kaum vorstellbar sind, aber seinen Alltag prägen. Von einem befreundeten Künstler, hochbegabt, der im Libanon nach einer Show aus dem Fenster sprang und starb, weil seine Lebenssituation so unlösbar ausweglos schien. Überhaupt ist Aghas Leben von sonderbaren Zufällen und Anekdoten bestimmt. Im Winter 2016 verbrachte er mit seiner Tochter und Olga Grjasnowa längere Zeit in Istanbul, weil sie dort ihr jüngst erschienenes Buch schrieb eine Erzählung über das Exil einer Syrerin und eines Syrers.

Wieder der Maestro

Sie wohnten direkt gegenüber von Erdoğans Sommerresidenz. Dann kam der Putsch, Agha filmte alles. „Plötzlich kamen die Panzer. Schau mal, wie ich aussehe, natürlich hatte ich Angst, dass sie mich als Spion verhaften. Ich habe mich nur auf den Bildschirm konzentriert, das hat mich beruhigt.“ Dann fällt ihm noch die Geschichte mit dem Flughafen ein. Als der IS im Sommer den Atatürk-Airport in Istanbul angriff, landete er gerade mit seiner Tochter. Agha wirbelt, die Augen blitzen, er zündet sich eine neue Zigarette an. Und dann sagt er, dass er in Grjasnowas neuem Roman nicht auftaucht. „Ich bin nicht der Richtige dafür. Mein Leben passt nicht in ein Buch.“

Wollte man leitkultürlich sprechen, würde man sagen: Es ist ein großes Glück, dass Agha die deutsche Kulturlandschaft bereichert. Mit einem kritischen Blick und einer überraschenden Perspektive. Etwa auf Tauben. In der Winterreise spielt eine Szene in Münster auf einem Baugelände. Die restliche Truppe ist im Schiller-Theater, die Figur aber, die Agha spielt, wollte lieber die verwaisten Stadtteile sehen, in denen angeblich niemand mehr lebt. Die sterbende Gesellschaft. Dort, auf dem unbevölkerten Brachgelände neben Abrissbaggern, beobachtet sie Tauben, spricht zu ihnen, lässt sie fliegen, brüllt schließlich: „Ich bin wieder der Maestro“, und reißt die Hände in die Luft. Tauben, erklärt Agha, seien in Syrien wie eine Währung, ähnlich wie die teuren Araberpferde in Saudi-Arabien, oder Kamele in Ägypten. Der Reichtum eines Mannes bemesse sich an der Anzahl seiner Tauben, teures Handelsgut, besonders die gut dressierten. Natürlich habe er selber welche gehabt, an die hundert Stück. Er zuckt die Achseln auf die Frage, was aus ihnen geworden ist. „Die Tauben in Deutschland sind komisch“, sagt er dann. „Dick und faul, sie können gar keine Tricks. Sie können nicht einmal richtig fliegen.“

Info

Winterreise läuft diese Spielzeit am Maxim Gorki Theater in Berlin

06:00 07.06.2017
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

Kommentare