"Idomeni war ein Ort der Hoffnung"

Interview Das Symbol der gescheiterten europäischen Flüchtlingspolitik ist endgültig geräumt. Doch im Camp war auch etwas Gutes entstanden. Eine Helferin erzählt
"Idomeni war ein Ort der Hoffnung"
Alltag in Idomeni

Foto: Joe Klamar/AFP/Getty Images

der Freitag: Sie haben die letzten Wochen als ehrenamtliche Helferin in Idomeni verbracht. Wie hat sich die Situation verändert, als klar wurde, dass nun endgültig geräumt wird?

Tabea Z.: Vor einigen Tagen haben wir freiwilligen Helferinnen und Helfer an die Flüchtenden kommuniziert, dass die Räumung diesmal kein Gerücht ist. Noch am Dienstag wurde ich ständig gefragt, ob nun die Grenze aufgeht – obwohl nebenan die Bulldozer schon mit dem Abriss begonnen hatten. Die Hoffnung, die Grenze könne sich öffnen, war ja der Grund, warum die Menschen bis jetzt hier ausgeharrt haben. Erst als die Menschen in die Busse stiegen, haben sie aufgegeben. In diesem Moment haben sie realisiert, dass der Aufruf von Frau Merkel, welcher den Großteil der Leute hier hin geführt hat, nichtig ist. Deutschland ist für diese Menschen nicht mehr zu erreichen.

Tabea Z., 27, ist Aktivistin und Umweltschützerin. Seit 2014 reist sie mit ihrem Fahrrad um die Welt. Vor drei Wochen ist sie mit dem Team Dresden Balkan Konvoi nach Idomeni gekommen und hat im Teezelt und in einem der Spendenhäuser gearbeitet

Wie haben die Geflüchteten darauf reagiert?

Es machte sich vor allem große Trauer breit. Es bedeutet die Trennung von engen Freundschaften, die sich im Laufe der Zeit gebildet haben, auch mit uns Helferinnen und Helfern. Seit Montag habe ich dramatische Szenen und Abschiede gesehen, Menschen besuchten sich gegenseitig in den Zelten, umarmten sich und weinten. Niemand weiß, wo oder ob man sich wiedersehen wird.

Wieso das?

Die Geflüchteten werden in den Bussen und in den Camps, in die sie gebracht werden, nach Nationalitäten eingeteilt. Auch Araber und Kurden werden in unterschiedliche Camps gebracht. Selbst wenn es in Idomeni immer wieder zu persönlichen Auseinandersetzungen zwischen ihnen kam, empfinde ich das als höhnisch, weil Kurdistan nicht mal ein anerkanntes Land ist. Ich habe den Menschen geraten, mit ihren Familien und Freunden zusammenzubleiben. Weil niemand das System kennt, in welche Camps die Busse fahren, besteht die Gefahr, dass Familien getrennt werden. Und wir alle wissen, wie schwer es ist, etwa verlorene Kinder wieder mit ihren Eltern zusammenzuführen.

Diese Abschiede klingen nach einer anderen Situation als den Katastrophenbildern in den Medien ...

Als ich vor drei Wochen in Idomeni ankam, war ich von der Fröhlichkeit überrascht. Es ist nicht nur schrecklich hier. Ständig wurde man von den Geflüchteten in die Zelte eingeladen, sie teilten ihr Essen mit dir, es wurde zusammen getanzt, gelacht, Shisha geraucht, selbst während der Räumung. Die Menschen haben versucht, eine Normalität in diesem absurden Lebenskonstrukt aufzubauen.

Wie sah diese Normalität aus?

Es gab zum Beispiel drei Falafelstände, die von Refugees selbst betrieben wurden und mit denen sie etwas Geld verdienen konnten. Es gab Obst-, Zigaretten- und Handykabelverkäufer unter den Refugees, ein Kulturzelt, in dem Clowns aufgetreten sind und es Unterricht für die Kinder gab. Das waren siedlungsähnliche Strukturen. Zelte haben sich zusammen unter großen Plastikplanen gruppiert, die Menschen haben sich noch letzte Woche Regale gebaut. Die Familie, mit der ich die letzten Tage verbracht habe, hatte Lichter in ihrem Zelt angebracht, Kisten mit ihren Lebensmitteln, Geschirr in einem Regal. Alles sehr sauber und aufgeräumt. Wie man sich eine arabische Familie zu Hause vorstellt.

War das in den Helferzelten ähnlich?

Unser Teezelt, aus dem wir täglich 10.000 Tees verteilt haben, war für viele ein Familienersatz. Da war zum Beispiel Ali, ein mittedreißigjähriger Syrer. Er war eine zentrale Person hier, hat die Schichteinteilung gemacht, wusste über alles Bescheid und hat Streits geschlichtet, wenn sich jemand in der Schlange vorgedrängelt hatte. Er hat die neuen Freiwilligen, die ankamen, angelernt, nachts im Zelt geschlafen. Es war wie ein Zuhause für ihn. Wie alle haben uns gegenseitig versorgt, die Essengruppen haben uns Mahlzeiten gebracht, und wir ihnen Tee. In Idomeni hilft und teilt man, es war sehr solidarisch.

Wie haben die Freiwilligen auf die Räumung reagiert?

Die meisten Volunteers sind freiwillig gegangen, nachdem klar war, das nur noch die großen Organisationen wie MfS bleiben dürfen. Die Hilfsteams wurden seit Anfang der Woche nicht mehr ins Camp gelassen. Wir haben unser Teezelt am Montag abgebaut, als die Helikopter kamen. Ich persönlich habe mich entschieden, hierzubleiben und mich mit einer Burka und einem Kopftuch bei einer Familie zu verstecken. Auch ein paar unabhängige Ärzte haben sich in den Zelten versteckt. Gestern morgen wurde ich dann entdeckt und musste zum Verhör auf die Polizeistation, jetzt ist das Camp entgültig leer.

Außerhalb des Camps auf der Hauptstraße kam es immer wieder zu Protesten, auch gestern Abend. Waren die Menschen im Camp nicht auch wütend?

Innerhalb des Camps lief die Räumung gewaltfrei und sehr friedlich. Das Polizeiaufgebot war sehr klein im Vergleich zu dem, was ich aus Deutschland kenne. Die Leute sind freiwillig in die Busse gestiegen, sie waren ja schon darauf vorbereitet. Sie hatten ihre Koffer gepackt und sich herausgeputzt, die Haare gekämmt. Sie warteten nur noch darauf, dass die Polizei kam und sie aufforderte, in die Busse zu steigen. Es gibt natürlich auch viele, die nicht in die Camps wollen, die wurden einfach gehen gelassen.

Das klingt so, als seien die Flüchtenden glücklich gewesen, dass sich ihre Situation verändert?

Viele haben erzählt, dass sie wieder nach Syrien oder in den Irak zurückmöchten. Mich hat das schockiert, weil es zeigt, dass die Menschen keine Kraft mehr haben. Natürlich wird niemand Idomeni vermissen, dafür waren die Lebensumstände zu schlimm. Aber es war auch ein Ort der Hoffnung und des Zusammenhalts.

Was erwartet die Menschen in den neuen Camps?

Es wird anders sein, weil die Camps vom Militär betrieben werden, allein schon von der Stimmung. Es gibt zwar Vorteile, eine bessere Sicherheitslage, befestigte Sanitäranlagen, einen geregelten Registrierungsprozess und die Möglichkeit, Asylanträge zu stellen. Aber die Leute ziehen in die absolute Ungewissheit.

Und von Seiten der ehrenamtlichen HelferInnen und AktivistInnen gab es keinen Protest?

Außerhalb des Camps auf der Hauptstraße schon. Aber in einem großen Plenum am Wochenende haben wir entschieden, dass es im Camp keinen politischen Protest geben soll. Wenn wir uns auf die Gleise setzen und rumschreien, werden wir überhaupt nicht mehr in die Militärcamps gelassen. Deshalb sind wir gezwungen, zu kooperieren und diplomatisch zu sein.

Ihre Arbeit wird also weitergehen?

Vom Park-Hotel bei Idomeni, der zentralen Anlaufstelle für Ehrenamtliche, geht bereits die Koordination für die Hilfe in den Militärcamps los. Wir haben Dokumente bekommen, mit denen man sich für die Arbeit in bestimmten Camps registrieren lassen kann. Viele Volunteers stürmen jetzt einfach in die Militärcamps. Das macht keinen Sinn. Die Arbeit muss abgestimmt werden, sonst entsteht nur Chaos.

11:54 27.05.2016
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler
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